Aufgaben - und mal wieder Facebook und Feminismus

Immer wieder werde ich von LeserInnen meines Blogs gefragt, warum ich denn in Foren und in den Kommentarfunktionen mit Leuten diskutiere, die erstens kaum zu einer Diskussion bereit scheinen, weil sie sich eine Meinung gebildet haben, die auch kaum einer Diskussion würdig sei. Ein viel bessere Antwort, als ich sie geben könnte, habe ich heute in einer längeren Rede von Jürgen Habermas gefunden, an deren Ende er schreibt:

Der Intellektuelle soll ungefragt, also ohne Auftrag von irgendeiner Seite, von dem professionellen Wissen, über das er beispielsweise als Philosoph oder Schriftsteller […] verfügt, einen öffentlichen Gebrauch machen. Ohne unparteiisch zu sein, soll er sich im Bewusstsein seiner Fallibilität äussern. Er soll sich auf relevante Themen beschränken, sachliche Informationen und möglichst gute Argumente beisteuern, er soll sich also bemühen, das beklagenswerte diskursive Niveau öffentlicher Auseinandersetzungen zu verbessern. […] Und er darf den Einfluss, den er mit Worten erlangt, nicht als Mittel zum Machterwerb benutzen, also «Einfluss» nicht mit «Macht» verwechseln. In öffentlichen Ämtern hören Intellektuelle auf, Intellektuelle zu sein.
Dass wir an diesen Massstäben meistens scheitern, ist nicht erstaunlich; aber das kann die Massstäbe selbst nicht entwerten. Denn die Intellektuellen, die ihresgleichen so oft bekämpft und totgesagt haben, dürfen sich eines nicht erlauben - zynisch zu sein.

In diesem Sinne drei kurze Bemerkungen:

  1. Facebook und Social Media als Garanten für Meinungsäußerungsfreiheit?
    Durch diesen Artikel in der FAZ am Sonntag bin ich auf die Gedanken von Evgeny Morozov gestossen, der in diesem längeren Gespräch mit Clay Shirky in der FAZ einen kritischen Blick auf den Umgang mit sozialen Medien wie Twitter in autoritären Staaten wirft. Das Gespräch ist sehr differenziert und eine lohnende Lektüre, welche die verbreitete These, die Protestaktionen im Iran hätten von Twitter profitiert oder seien gar darauf zurückzuführen, zumindest hinterfragt, wenn nicht gar widerlegt (und die meisten Leute, welche ich kenne, wissen von Twitter wenig mehr als eben diese These). Hier einige Zitate aus dem Gespräch:
    .»Sollten wir uns nicht auch fragen, ob das Netz die Menschen empfänglicher für nationalistische Botschaften macht? Oder ob es eine gewisse - hedonistisch gefärbte - Ideologie befördern könnte, die die Menschen faktisch mehr denn je von einem sinnvollen politischen Engagement abhält? Verhilft es in autoritären Staaten sogar bestimmten nichtstaatlichen Kräften zur Macht, die nicht unbedingt auf Demokratie und Freiheit hinarbeiten? Dies alles sind schwierige Fragen, die wir nicht beantworten können, wenn wir uns nur darauf konzentrieren, wer während einer Protestwelle einen Machtzuwachs verzeichnet - der Staat oder die Demonstranten.«
    .»Wie Robert Putnam gezeigt hat, schafft Sozialkapital Werte für Menschen innerhalb eines Netzwerks, während es den Menschen außerhalb des Netzwerks Nachteile bringt. Ich glaube nicht, dass Kommunikationsfreiheit automatisch zu prowestlichen Regierungen führt.«
    .»Ich bin ebenfalls nicht sicher, ob Blogger so großartige Symbole für regierungskritische Kampagnen sind. Die gewöhnlichen unpolitischen Menschen, über die wir sprechen, die, die am Ende den Mut aufbringen, auf die Straße zu gehen und die Staatsgewalt herauszufordern: Diese Menschen müssen von Leuten angeführt werden, die bereit sind, mutig für ihre Sache einzutreten, sich zu opfern, ins Gefängnis zu gehen und die nächsten Havels, Sacharows oder Solschenizyns zu werden.«
  2. Facebook und Privatheit.
    Die NZZ bzw. Joachim Güntner greifen in einem längeren Artikel mal wieder das Klischee auf, wonach Facebook einen Bereich der Privatsphäre verletze, der absoluten Schutz genießen müsse, und Menschen mit einem Profil einer diffusen Bedrohung ausgeliefert seien, welche sie einmal (z.B. bei einem Jobwechsel) einholen werde. Güntner fragt dann aber bezeichnenderweise: »wird der Leser Goffmans nicht auch bei Facebook manches interpersonelle Ritual wiederfinden, das der Soziologe beschrieb, als er von der Knüpfung und Belebung sozialer Kontakte handelte? Das Ritual der Bestätigung etwa, mit dem wir eine Äusserung einer Person oder auch eine Änderung in ihrer Lebenssituation quittieren – Glückwünsche, Lob, Neckereien, Beileid, Herstellung von Eintracht im Gespräch über Nichtigkeiten.« Und die Antwort ist natürlich: Ja, er wird. Facebook dient zur Pflege von Kontakten, und genau so wie wir im richtigen Leben Kontakte pflegen, indem wir interagieren und anderen Leute Dinge über uns mitteilen, genau so tut man das auf Facebook. Wer darauf einwenden will, dass die Daten bei Facebook aber für die Ewigkeit gespeichert und sich meiner Kontrolle (Daten entziehen sich eigentlich immer meiner Kontrolle) entziehen, soll einmal 5 Personen seiner Wahl googlen - und sich mal überlegen, wie brisant denn das im Extremfall sein könnte, was man über diese Personen herausfindet.
  3. Feminismus.
    Heute bin ich mal wieder - Sibylle Berg sei Dank - über den dämlichsten Schweizer gestolpert: René Kuhn. Der hat als neuestes Projekt ein Konzept entwickelt, das er »Antifeminismus« nennt. Der Mann denkt dermassen verworren, dass zu seinen Ergüssen nicht viel gesagt werden muss. Beängstigend ist aber sein Verständnis von Feminismus, gegen den er sich wendet: Er versteht Feminismus als eine Bewegung, welche erstens Frauen mit Privilegien ausstatten (und Männer in der Folge diskriminieren) wolle und zweitens Geschlechterrollen einführen wolle, welche unnatürlich seien (weil Frauen nichts wollen als eine Familie und Männer dafür bestimmt sind, zu arbeiten und Politik zu betreiben).
    Diese verquere Definition, die natürlich nicht auf Quellen beruht (Kuhn zitiert einmal de Beauvoir und einmal Schwarzer, aber völlig aus dem Kontext gerissen), ist verbreiteter als man denken könnte. Kaum jemand kann sich heute als Feministin bezeichnen, ohne mitleidig belächelt (weil Frauen dürfen ja schon alles) oder angefeindet zu werden (»die ist einfach verbittert, weil sie keinen Mann gefunden hat«).
    Dazu vielleicht nur zwei Gedanken:
    a) Feminismus heißt, zu erkennen, dass Geschlecht aus einer biologischen und einer sozialen Komponente besteht und Rollen veränderbar sind und aufgelöst werden sollen - dass es generell keine Rolle spielen darf, ob jemand eine Frau oder ein Mann ist.
    b) Die Schweiz ist - beispielsweise hinsichtlich der Möglichkeit für eine Frau, Karriere und Familie miteinander zu verbinden - in Sachen Gleichberechtigung und Frauenrechte im Vergleich mit den meisten europäischen Staaten extrem rückständig.

Die Gelatinisierung der Öffentlichkeit

Meinem letzten Post möchte ich, um ihn vielleicht noch etwas politisch zu wenden, ein Zitat aus einem Interview mit Claudio Magris anhängen, in dem der beschreibt, was er mit Gelatinisierung der Öffentlichkeit in Italien (als Problem für die Berlusconi-Opposition) meint. Und natürlich denke ich, dass er ein Phänomen beschreibt, das nicht nur in Italien zu Problemen führt:

Das ist ein unterschwelliger Prozess, der die Bürger, ohne dass sie es bemerken, dazu bringt, sich für gewisse Dinge zu entscheiden — Fernsehprogramme, Konsumprodukte, einen Lifestyle —, die mit ihren eigentlichen Bedürfnissen und ihrer Wesensart nichts zu tun haben. Er beraubt die Massen auf diskrete, friktionslose Weise ihres individuellen Urteilsvermögens. Ich glaube, die Entwicklung ist gefährlich, weil sie einen fundamental autoritären Charakter hat. Es entsteht ein gelatinöser sozialer Klebstoff, in dem sich alle Opposition verfängt und der jede Alternative zum Verschwinden bringt. Die Sozialgelatine hat die traditionelle Klassengesellschaft nicht nur ihrer Werte beraubt, sondern selbst den oft nur geheuchelten Respekt vor diesen Werten überflüssig gemacht. Sie brauchen nur einmal das entsetzliche Niveau der politischen und kulturellen Debatten in unseren Medien anzusehen.

Zwei Ideale

Ein Leben, in dem alles Belanglose geordnet und konstant wäre, in dem man immun wäre gegenüber Moden und sich einem Rhythmus unterwerfen würde, seine Entscheidungskraft nicht mit Konsum verbrauchen würde, Genuss nicht aus der Variabilität von Oberflächlichem ableiten müsste, erschiene mir ideal. Ein eigentlich klösterliches Leben wäre es, ohne aber asketisch oder pflichtgeleitet sein zu müssen. Man entscheidet sich einfach einmal für eine zweckmässige Kleidung, ausgewogene Ernährung, praktisches Werkzeug und einen dem eigenen Wesen angepassten Tages-, Wochen- und Jahresablauf. Und begnügt sich dann damit, um intensiver in dem zu leben, was bleibt.

Und das gegenteilige Ideal, bei dem nichts fixiert ist, man ständig alles ändern kann, keine Gewohnheiten hat, sondern stets immer wieder von neuem wählt, entscheidet - nicht mit Folgen verbunden, sondern leicht, weil man die gefällte Entscheidung mit der kommenden wieder ändern könnte; man kennt keinen Stil, keine Vorlieben, zumindest keine festen; bevorzugt keinen Ablauf, keine Einteilung, sondern ist offen.

Wenn man sich schon nur an einem dieser Ideale orientieren könnte.

Edit am Abend
Und dann bin ich hier heute noch auf dieses Zitat gestossen:

Er beschloss, sein Leben zu ändern, die Morgenstunden auzunutzen. Er stand um sechs Uhr auf, nahm eine Dusche, rasierte sich, kleidete sich an, genoss das Frühstück, rauchte ein paar Zigaretten, setzte sich an den Arbeitstisch und erwachte am Mittag. — Ennio Flaiano

Danke, Claudia.

…ob ich ein iPad kaufen werde

Die Frage, ob ich ein iPad kaufen werde, dürfte von Leuten, die mich kennen, kaum ernst genommen werden: Die Frage dürfte nur sein, wann ich denn eines kaufen werde.

Dennoch möchte ich diese Frage kurz erörtern, da sie fast symbolischen Gehalt hat - und einfach mal kurz auflisten, was denn dagegen spricht.

1. Infantilisierung der User.
Cory Doctorow, eine Art Internetlegende, hat energisch Gründe präsentiert, warum man kein iPad kaufen soll. Bottom Line: Apple behandle die Konsumenten, als entsprächen sie der sprichwörtlichen eigenen Mutter, also einer Person, welche in Bezug auf Technik unwissender und lernunwilliger nicht sein könnte. Man verstehe bzw. besitze, so Doctorow, ein Gerät erst dann, wenn man es öffnen könne; und lernen würde man ohnehin nur, wenn man selber Software für ein Gerät schreiben könne.
Natürlich musste ich an die Zeiten zurückdenken, als ich auf einem Intel-268er-Gerät jeweils die autoconfig.bat und andere Dateien im Texteditor mit kryptischen Befehlen modifizieren musste, um die Ram-Struktur dahingehend zu gestalten, dass ein Stück Software auch funktionierte - und kann gerne zugeben, dass ich dabei etwas gelernt habe.
Aber wenn Doctorow gerade den Tech-Bloggern vorwirft, Geräte deshalb euphorisch zu besprechen, weil es Geräte seien, die nur Tech-Blogger bräuchten: Dann kann man wohl auch sagen, dass die wenigsten Leute beim Gebrauch eines Gerätes etwas über Informatik oder sonstwas lernen wollen, sondern einfach das Gerät zu einem bestimmten Zweck einsetzen wollen.
Fazit: Ein iPad kaufte ich um Medien zu konsumieren - und nicht, um es aufzuschrauben. (Doctorow wirft dem iPad insbesondere vor, es mache die Benutzer zu Konsumenten…)

2. Widerstand gegen die Allmacht Apples.
Apple (und natürlich auch Google) sind so starke Player, dass befürchtet wird, sie könnten das Internet in eine Art restaurative Phase zwängen: Da man Inhalte nur noch via Apple und Google verbreiten und bewerben und und und kann, bestimmen diese Firmen, wie das Internet auszusehen hat. Darum geht es tatsächlich teilweise: Während Google die Werbung teilweise monopolisiert hat, schuf Apple einen attraktiven Weg, Content zu bezahlen und zu verkaufen; was vor iTunes und dem AppStore nicht geklappt hat. Wenn nun mit dem iPad noch die Printmedien dazukommen, dann müssen Inhalte nach den Richtlinien von Apple gestaltet und verkauft werden.
Doch auch diese Befürchtung ist etwas kurzsichtig. Mit jeder Innovation, welche Kunden dazu gezwungen hat, sich beispielsweise Software nur kostenpflichtig anzueignen (Disketten, CD-Roms, Kopierschutz), entstand sofort auch eine Umgehung dieser Pflicht. Heute sind digitale Inhalte aller Art auf verschiedenen Wegen kostenlos erhältlich - auch Printmedien (ich kann beispielsweise jede Ausgabe des Spiegels am Tag seines Erscheinens runterladen, ohne einen Cent zu zahlen). Diese Tendenz können weder Google noch Apple aufhalten, zumal Browser noch immer die zentrale Technologie sind und es ermöglichen, Inhalte ohne jede Form von Zensur anzubieten und aufzufinden.

3. Zensur.
Apple schliesst gewisse Apps aus, aus Gründen, die nicht immer nachvollziehbar sind. Also - so sagen viele Leute - hat Apple die Zensur beim iPhone und iPad eingeführt.
Falsch, sage ich: Zensur ist, wenn die Verbreitung von Programmen und oder anderen Inhalten nicht möglich ist. Apple sagt lediglich, innerhalb des AppStores dürften die nicht angeboten werden. Niemand hat je einen Grossverteiler der »Zensur« bezichtigt, weil er kein Kokain im Angebot hat und es auch nicht aufnehmen will - und genau so agiert Apple. Der AppStore garantiert den Benutzern, dass ein gekauftes Stück Software sich problemlos installieren lässt und dass man sein Geld zurück erhält, wenn es das nicht tut. Zudem ermöglich es, Software mit minimalen Vertriebskosten an die Kunden zu bringen.
(Wie absurd der Vorwurf der Zensur ist, wird dann deutlich, wenn die Bedeutung von Internetpornographie und Apples strikter Ausschluss pornographischer Produkte bedacht wird.)

4. Preis/Leistung I.
Apple-Laien begegnen mir immer wieder mit dem Argument: »Mein krasses Windows Y-Tablet-irgendwas hat imfall 300 Speicher und 700 Geschwindigkeit und erst noch eine 15 Megairgendwas-Kamera, während dein Apple - wie viel hat das überhaupt ? Und gekostet hat es auch viel weniger.« Antwort: I couldn’t care less. Mein Apple-Dings kostet vielleicht viel, aber es poppen nicht alle zehn Sekunden Fehlermeldungen auf, ich muss keine Software installieren, wenn ich einen Memory-Stick anschliesse und es tut generell das, was ich von ihm erwarte. Daher ist es so viel wert, wie es kostet.

5. Preist/Leistung II.
Vielleicht haben mir die geduldigen LeserInnen, die bis hier ausgeharrt haben, nicht zugetraut: Aber es gibt tatsächlich ein Argument gegen den Kauf eines iPads, und es geht um den Preis und um die Leistung.
Mit dem iPad kann ich nichts, was ich mit meinen Geräten jetzt nicht auch schon könnte - vielleicht nicht so praktisch, aber ich kann. Und ein iPad kostet so viel wie eine Tonne Reis kostet. Natürlich will ich keine Tonne Reis, aber vielleicht gibt es auf der Welt 1000 Leute, die gerne je ein Kilo hätten. Und zwar lieber, als ich ein neues iPad. Und das ist, wie ich finde, ein ziemlich gutes Argument.

Sollte ich - und diese Bemerkung ist eine Art Versicherung - nun doch bald ein iPad haben, so zeigt dies ein weiteres Mal, wie schwach Menschen sind, wie wenig ihnen grundlegende Einsichten bedeuten und wie wenig Moral es gäbe, wenn man das Verhalten von Menschen als Maßstab für ihre Überzeugungen nehmen dürfte.

Wie eine neue Partei aussehen müsste

Die Diskussion um die neuen Parteien (gemeint ist nicht die Piratenpartei, sondern die BDP und die Grün-Liberalen) und ihren Erfolg ist immer auch verbunden mit einer Diskussion um die alten Parteien und ihre Ausrichtung, wie sie beispielsweise von Michael Hermann [Interview im Tagi, pdf] und auch von seinem Zürcher Politologen-Kollegen Fabio Wasserfallen im Magazin geführt wird.

Betrachtet man die WählerInnenprofile, so dürfte man schnell einsehen, dass diejenigen von SVP und Grünen am klarsten sind, gefolgt von der FDP, welche die Schärfung dieses Profils mit einem WählerInnenverlust bezahlt hat und bezahlen wird.

Bei den restlichen Parteien ergibt sich die Situation, dass es neben der traditionellen Klientel (WalliserInnen, Bauern, Gewerkschaften etc.) eine grosse Zahl WählerInnen und Wähler gibt, welche jede der Parteien SP, CVP und GLP (evtl. auch BDP, aber die Partei ist ja eher als lokales Phänomen zu betrachten) wählen könnte - oder keine. In keinem Dossier nehmen sie stark unterschiedliche Positionen ein.

Wünschenswert wäre - beispielsweise für mich, aber ich werde mich bemühen, nicht nur mich als Maßstab zu nehmen - eine neue Kraft in diesem Bereich, welche ein klares Profil hat.

Folgende Positionen würde ich vorschlagen:

1. Transparenz als Vision, d.h.

  • klare und transparente Regelung für die Finanzierung von Parteien
  • u.U. Abschaffung des Milizsystems auf nationaler Ebene im Sinne einer Professionalisierung und der Förderung von Unabhängigkeit
  • einen einheitlichen Mechanismus für alle Formen von Umverteilung (Einkommen, Vermögen, Stadt-Land, jung-alt etc.); z.B. per Steuererklärung. Konkret hieße das: Nach Abschluss der Besteuerung sind alle Ansprüche auf Umverteilung erledigt. (Wünschenswert wäre für mich hier ein sehr soziales System, welches von der Maxime ausgeht, dass alle Menschen die gleichen Möglichkeiten haben sollen, aber schon nur darüber zu diskutieren wäre wohltuend.)
  • einen klaren staatlichen Leistungsauftrag und ein (von der Umverteilung getrenntes) transparentes Verfahren zur Finanzierung dieser Leistungen
  • Verwaltungsakte wie Heirat, Einbürgerung etc. auch als solche deklarieren und dafür klare Kriterien bereitstellen.

2. Politischen Wandel vorantreiben

  • Abbau von traditionellen Vorgaben in der Schweiz, z.B. in Bezug auf Armee, Föderalismus, politisches System. Die Abschaffung der Wehrpflicht ist, wie Andreas Kyriacou immer wieder betont, ein laufender Prozess, den man beschleunigen könnte; föderalistische Strukturen mögen in gewissen Aspekten hilfreich sein, sind aber grösstenteils mit riesigem administrativem Aufwand verbunden, welcher keinen Mehrwert schafft; die politische Arbeit muss dringend professioneller werden, man darf hier gerne auf Philippe Sarasins Diktum verweisen: »Wir sollten endlich aufhören so zu tun, als lebten wir auf dem Dorf.«
  • Massnahmen ergreifen, um das allgemeine Interesse an der Politik zu erhöhen, und dem Eindruck eines Gaps zwischen Bevölkerung und Politik entgegenzuwirken

3. Aussenpolitisch klares Bekenntnis zur EU; generell ein aussenpolitisches Netzwerk mit verlässlichen Partnern aufbauen, wofür der EU-Beitritt unerlässlich ist.

4. sich als echte gesellschaftlich-liberale Kraft positionieren

  • als Vision haben, das alle Menschen ihr Leben so führen können, wie sie es führen möchten; unabhängig von eventuell bestehenden Ungleichheiten
  • dem Trend, bei jedem unerwünschten Ereignis Verbote erstellen zu wollen und mit Überwachung eingreifen zu wollen, umkehren
  • generell: so wenige Gesetze und Verbote erlassen, wie für ein angenehmes Zusammenleben nötig sind
  • neben Gesetzen die Möglichkeit nutzen, für alle Leuten die gleichen Möglichkeiten in Bezug auf Bildung und Lebensgestaltung bereitzustellen (siehe oben) - womit viele Scheinprobleme echt gelöst werden können

Vieles fehlt - das alles scheint mir mehr eine Art Entwurf zu sein, oder vielmehr der unfertige Ausdruck eines Bedürfnisses, eine neue Option zu erhalten, die nicht sachbezogen mit positionslos verwechselt wie die GLP oder ein einziges Thema besetzt wie die Piratenpartei, und dann das nicht mal besonders geschickt. Ob allerdings überhaupt jemand die Energie und die Ressourcen hat, ernsthaft ins etablierte Parteiengefüge einzugreifen, scheint mir zweifelhaft.

Die Rollenverteilung in der Gender-Debatte

Grundsätzlich kann man in der Gender-Backlash-Debatte zwei Typen von Agierenden ausmachen, denen ich zur Illustration noch je eine Journalistin bzw. einen Journalisten zuordne:

Typ 1: Michèle Binswanger - die verunsicherte Frau.
Diesen Typ habe ich in meinem letzten Blogpost schon ausgiebig verhandelt: Eigentlich mit den Grundprinzipien des Feminismus vertraut, gebildet - und dann in einer Phase des Lebens angelangt, wo man sich fragt, wie man sich eigentlich von der eigenen Mutter unterscheidet. Oder wie man sich gegenüber denjenigen Kolleginnen verhält, welche dem Mutterdasein eine berufliche Karriere vorziehen. Oder warum einige Dinge früher anders waren, als man noch so richtig jung war.
Und die einfachste Erklärung: Alles ist halt so, weil es so natürlich ist. Frauen sind so, Männer so; und wenn sies nicht sind, dann stimmt etwas nicht oder es würde ihnen besser gehen, sie wären doch so. Und dann kann es einen schampar verwirren, wenn schwule Männer plötzlich behaarte Brust tragen, wo man doch gemeint hat, »der Mann« müsse sich Haare auf der Brust nun auch entfernen.

Typ 2: Alex Baur - der verletzte Mann.
Das Leben dieses Mannes verläuft nicht so, wie es sollte. Entweder lässt der Erfolg bei den Frauen zu wünschen übrig, und dafür werden Gründe gesucht. Oder aber eine Beziehung ging in die Brüche. Oder eine Scheidung resultierte in einem Sorgerecht für die Frau. Und Unterhaltzahlungen. Und dann sucht man nach Gründen für dieses Unrecht, wittert systematisches Unrecht und findet auch eine Ursache: Den Feminismus.
Nun kann ich grundsätzlich nachvollziehen, dass der juristische Umgang mit Männern (v.a. auch in Bezug auf Kinder und Verantwortung) ungerecht sein kann oder sogar ungerecht ist. Die Gründe dafür liegen aber genau bei den Männern, welche sich vor ihrer Verantwortung drücken, sich nicht um Kinder kümmern und so das Bild eines Mannes hinterlassen haben, der am besten zum Zahlen gezwungen wird. Was ich von solchen Bildern halte, dürfte bekannt sein: Aber wenn man nach einer Ursache sucht, dürfte sie hier zu finden sein.
Zynische Artikel wie diese »Anleitung« von Baur sind dann aber letztlich nur idiotisch (als Kontrast hier die differenzierte Behandlung des Themas durch die NZZ). Das Thema »sexueller Missbrauch« ist nicht eines, welches von politischer Korrektheit verformt worden wäre (wie politische Korrektheit an sich nicht eine Verformung der Realität fordert, sondern ein Erkennen dieser Realität; was aber oft unerwünscht sein kann). Zu sagen (ohne einen Beleg), Frauen würden diesbezüglich oft Sachverhalte erfinden, führt zu einem Generalverdacht gegenüber jedem Opfer - und ist von einer Kurzsichtigkeit und einem intellektuellen Versagen geprägt, das seinesgleichen sucht.
Es ist eine triviale Einsicht, dass Gesagtes und Gedachtes nicht zurückgenommen werden kann und falsche Beschuldigungen perfide sind. Diese aber als eine Art Strategie Frauen und Ausländern zuzuschreiben, ist a) falsch und b) rassistisch und sexistisch.

Aber dafür ist der Backlash ja auch da - dass der Typ 2) wieder unverhohlen rassistisch und sexistisch sein darf und sagen kann, er sage nur die Wahrheit, die einfach tabuisiert werde.

Die Genderdebatte - und Das Magazin

Das Magazin des Tagesanzeigers scheint sich dem Thema Gender annehmen zu wollen - wie das der Tagi mit dem unsäglichen Mamablog schon länger tut. Warum unsäglich? Nehmen wir als Beispiel den neuesten Post:

Ja, wir funktionieren anders. Während Frauen sich geliebt fühlen, wenn Männer ihnen zuhören und auf sie eingehen, fühlt sich der Mann geliebt, wenn die Frau Sex mit ihm will und es geniesst. Über Gefühle redet er aber nicht gern. Ja, er legt es in Konfliktsituationen sogar darauf an, sie zu verbergen. Während wir Frauen über Dinge reden und unsere Gefühle zeigen wollen, schaltet der Mann bei auftauchenden Problemen sofort in den Analysemodus.

Solche Aussagen machen die Schreibenden (hier Michèle Binswanger) immer unter dem Vorbehalt, über Klischee bestens Bescheid zu wissen und diese keinesfalls wiederholen zu wollen, und unter der Annahme, sich auf so etwas wie die Realität zu beziehen. Darüber hinaus haben solche Texte den Anspruch, eine Art Vereinfachung für die Geschlechter zu schaffen: Indem der Mann endlich einsieht, dass er zu keiner anderen Liebe fähig ist als zur sexuellen, hört er auf, immer so verkrampft über Gefühle sprechen zu wollen, ohne es zu können - und indem die Frau merkt, dass Gefühle eine Welt ist, in der nur sie sich auskennt, verschont sie den Mann mit den Themen, für welche eine beste Freundin herhalten muss, und ergo: Ihre Beziehung verbessert sich. Solche Texte (und das schwingt immer mit) befreien uns von einem Hardcorefeminismus, der nicht nur realitätsfremd war (weil eben Männer und Frauen doch unterschiedlich sind, unterschiedlich sein müssen), sondern in seinen Forderungen auch letztlich nicht wünschenswert, denn Frauen wollen ja eigentlich nichts anderes als Mütter sein und Männer nichts anderes als Ernährer.

Ganz ähnlich arbeitet Birgit Schmid in ihrem Artikel über den »Mann als Amateur« im Magazin (und dann, eine Woche später, Roten in ihrer Kolumne). Sie konstruiert (wie auch Binswanger) ein Bild von »der Mann«, der, wenn er denn je wieder zu seinem wahren Kern, seinem inneren Mann zurückfindet, so viel besser wäre als Männer, die meinen, sich in die Domäne von Frauen begeben zu müssen und Gespräche führen oder - Gipfel der Peinlichkeit - Kinderwagen stossen. Mit diesen Männern, den richtigen, wahren, echten, mit denen macht auch Sex endlich wieder Spass, für »die Frau«.

Warum ist das eine unreflektierte, ja eigentlich gar dumme Position? Erstens, weil den so Schreibenden klar ist, welche - für alle Betroffenen äußerst negativen - Ausschlussverfahren Normierungen zur Folge haben - und dennoch gerade wieder so eine Norm schaffen. Was ist denn, wenn ich ein Mann bin, der halt nicht so gern in Lagerfeuer uriniert? Bin ich dann weniger wert? Will »die Frau« sich dann weniger auf mich einlassen? Und was ist, wenn ich gar nicht will, dass sich Frauen auf mich einlassen, sondern auf Männer stehe? Bin ich dann auch kein richtiger Mann. Und was ist mit der Frau, die irgendwie auf Männer steht, welche Bücher lesen?

Zweitens werden hier Bilder kreiert, welche mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. In Texten, welche die Differenz zwischen den Geschlechtern betonen, werden immer gewisse Studien zitiert. Dabei wird nicht beachtet, dass diese Studien gerade solche Ergebnisse erzielen, weil sie von Anfang an annehmen, es gäbe eine Geschlechterdifferenz. Zweitens können diese Studien auch nichts darüber aussagen, inwiefern diese Geschlechterdifferenz das Resultat eines sozialen Normierungsprozesses ist (ich merke als Mann irgendwann, dass der normierte Mann halt gern in Lagerfeuer pisst und fange ergo auch damit an, unabhängig von meinen diesbezüglichen Präferenzen).

Und drittens wäre zu fragen, welche Effekte denn solche Texte erzielen. Implizit versuchen sie wohl einen Schaden gutzumachen, welche »uns« der Feminismus zugefügt hat - und »uns« dazu zu verhelfen, ein zufriedeneres Leben zu führen. Dabei wird ein Bild vom Feminismus entworfen, wie es vielleicht in der CDU der 50er-Jahre wahrgenommen worden ist. Die Grundthese des Feminismus lautet: Sowohl soziale wie auch biologische Geschlechterdifferenzen sind das Resultat eines Konstruktionsvorgangs. Graduelle Unterschiede (bezüglich biologischer Ausstattung, Hormone, Eigenschaften) existieren zwischen den Individuen, nicht aber zwischen zwei mit Geschlechter zu bezeichnenden Gruppen von Menschen.

Und das wäre doch die letztlich befreiende Einsicht. Ich pisse gern in Lagerfeuer, weil ich gerne in Lagerfeuer pisse und nicht weil »der Mann« das gerne tut. Und eine Frau rasiert sich dann die Beine, wenn sie das Gefühl von glatten Beinen schätzt oder sonst einen guten Grund dafür findet - nicht aber, weil sie mit unrasierten Beinen nicht einem Bild von einer unbehaarten Frau entspricht (so viel zur »Natürlichkeit« von Geschlechtermerkmalen).

Und dann, wenn man Das Magazin schon seufzend zur Seite legen will, schreibt Daniel Binswanger doch noch etwas Kluges. Über französischen Feminismus. Und über die Frage, ob sich eine Frau über ihre Rolle als Mutter definieren muss oder soll. Und zeigt uns auf, wie so etwas scheinbar »Natürliches« wie Mutterschaft und Stillen enormen historischen Schwankungen unterliegt (immer mit so genannt wissenschaftlichen Erkenntnissen verbunden, notabene) - und so deutlich macht, wie willkürlich so viel von dem ist, was wir gar nicht mehr überdenken. Wie viel möglich wäre. Danke, Daniel Binswanger.

Opferschutz - und einige Missverständnisse

Folgende Ausgangslage:

a) Kommentare zu »Die Gehilfin« im Magazin: Das Portrait einer Frau, welchem ihrem Mann dabei behilflich war, sich an seinen Kindern zu vergehen. Reaktion (arg gekürzt): Zu milde Bestrafung, Todesstrafe; beides dezidiert aus einer Frauenperspektive.

b) Profilierung von PolitikerInnen wie Natalie Rickli (hier ihre Vorstösse im Nationalrat) über die Forderung nach generell härteren Strafen für Täter, insbesondere Sexualstraftäter, im Sinne von »Opferschutz«.

c) eine neue Studie über den Hintergrund jugendlicher Straftäter, Artikel in der NZZ vom 12. März dieses Jahres: jugendliche Straftäter wachsen in einem belasteten Umfeld auf, sind psychisch angeschlagen und perspektivenlos - und es gibt für sie keine geeigneten Angebote in der Schweiz.

An diese Ausgangslage möchte ich mit einigen prägnanten Aussagen, welche m.E. als Richtigstellung von Missverständnissen dienen können, anschließen (ich werde Strafrecht als Thema nehmen, nicht spezifisch sexuellen Missbrauch und oder Jugendkriminalität):

  1. Die Wirksamkeit von Strafen wird massiv überschätzt.
    Ich würde sogar bezweifeln, ob Strafen überhaupt eine therapeutische Funktion beanspruchen dürfen. Und darüber hinaus behaupten, dass härtere Strafen gegenüber milderen Strafen keinerlei Vorteil bieten im Rahmen einer Therapie. (Dann gibt es selbstverständlich noch einen gesellschaftlichen Aspekt (krude gesagt: auch wenn es dem Täter nichts nützt, wollen wir ihn halt trotzdem bestrafen, die Strafe nützt den Nicht-Tätern), einen Abschreckungseffekt (der äußerst zweifelhaft ist) und einen Time-Out-Effekt (wir wollen den Täter gar nicht therapieren, sondern ihn so lange wie möglich aus der Gesellschaft ausschließen).
  2. Strafen sind kein Opferschutz.
    Kein Opfer profitiert davon, dass ein Täter in irgendeiner Form bestraft wird. Die Überlegung funktioniert nur unter der Annahme, der Täter sei als Mensch ein Täter und werde ohnehin wieder rückfällig. Diese Art von Menschenbild scheint verbreiteter zu sein, als man denkt - und heißt in der Konsequenz: Menschen können sich nicht ändern.
    Grundsätzlich aber könnte man durchaus Massnahmen für den Opferschutz einführen, z.B. die Hemmschwelle senken, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen (Psychiater, Fachstellen); oder aber die Gleichstellung der Frau vorantreiben. Insbesondere die SVP und Frau Rickli spielen da ein hässliches Spiel: Zwar will man an einem traditionellen Familienmodell festhalten und den Staat aus der Familie ausschließen, gleichzeitig aber scheint Gewalt in der Familie und gegen Frauen ein wichtiges Thema zu sein. Die beiden Aspekte sind verbunden: Nur Frauen, welche selbständig sind, einem Erwerb nachgehen und vernetzt sind, sind in der Lage, sich gegen Missbrauch zu wehren und Hilfe in Anspruch zu nehmen.
  3. Das milde Strafrechtssystem der Schweiz bewährt sich.
    Ich verweise dafür auf diesen Artikel - und merke an: Die Beurteilung eines Systems kann nicht über Eindrücke, Einzelfälle und die Berichterstattung in Medien erfolgen, sondern bedarf einer Gesamtschau und eines Vergleichs mit anderen Systemen.
  4. Der Fokus ist falsch: Belastete und Perspektivenlose werden straffällig, nicht Ausländer.
    Die Rede von AusländerInnen verstellt den Blick auf das wirkliche Problem: Straffällig werden Menschen, welche in unserem System nicht aufgehoben sind, denen kein Platz angeboten wird oder für die es keinen Platz gibt, welche auch über Gebühr belastet werden. Diese Positionen werden nun überproportional häufig AusländerInnen zugewiesen; es handelt sich aber nicht um eine spezifische Ausländerproblematik, sondern um eine soziale.
  5. Strafrecht ist eine Aufgabe für Profis.
    Weil jede(r) potentiell Opfer (oder TäterIn) werden könnte, denkt man, eine Meinung genüge, um etwas Substantielles zu dieser Diskussion beitragen zu können. Dabei vergisst man, wie ausgeklügelt ein Strafrechtssystem ist, wie viele Vergehen gegeneinander abgewogen werden müssen, wie wichtig Hintergründe sind, welche Ergebnisse die Geschichte des Strafrechts gebracht hat und und und. Man kann nicht einfach aus einem Eindruck oder einem Gefühl eine theoretische Position entwickeln, aus welcher Gesetze entstehen.

Daten stehlen, Daten sammeln, Daten schützen

Dabei stellt der Schutz der Privatheit – beim Arzt, Anwalt, Beichtvater und eben auch Bankier – ein wesentliches Element des Persönlichkeitsschutzes dar. - NZZ, 6. Februar 2010

Das stellt ein nicht gezeichneter Kommentar der NNZ fest, in dem weiter festgehalten wird, die »finanzielle Privatsphäre« sei ein so hohes Gut, dass es nicht ohne Widerstand preisgegeben werden dürfe.

Dem gegenüber steht die Feststellung der WoZ, bzw. ihrer Autoren Andreas Fagetti und Daniel Ryser:

«Bankgeheimnis» zuerst einmal in Anführungszeichen. Weil das, was jetzt fällt, das ist ja kein Bankgeheimnis im Sinne von Datenschutz, kein Steuergeheimnis. Die aktuellen Ereignisse sind kein Schritt in Richtung George Orwells düsterer Überwachungsutopie «1984», auch wenn der «gläserne Bürger» derzeit gerne warnend bemüht wird. Eine Vernebelung: Hier geht es um Rechtsgleichheit, nicht um die Allmacht des Staates. In der Steuererklärung werden die finanziellen Verhältnisse ohnehin offengelegt. Was aber dieser Tage unter Beschuss steht, ist ein Gesetz, das es zum Beispiel sehr reichen Ausländer Innen erlaubt, Geld am eigenen Fiskus vorbeizuschleusen und in der Schweiz zu deponieren. Zum Schaden des eigenen Staates, zur Freude der Schweiz.

»Finanzielle Privatsphäre« kann ja nur so viel heißen: Niemand darf, ohne mein Einverständnis, wissen, wie viel Geld ich besitze. Ist das - und wenn ja, warum - wirklich ein so zentraler Wert wie meine Privatsphäre hinsichtlich meines Körpers, meiner Gesundheit, meiner Sünden?

Zudem: Ist das wirklich ein Prinzip, das existiert? Für jede Wohnung, die ich bis jetzt mieten wollte, muss ich einen Betreibungsauszug einholen. Ich selber kann ihn erhalten, wenn ich persönlich auf dem Amt vorbeigehe: Alle anderen können aber auch ohne mein Wissen einen Betreibungsauszug von mir einholen, ohne persönlich auftauchen zu müssen. Heißt das, wenn ich betrieben worden bin, verliere ich meine »finanzielle Privatsphäre«?

Dazu kommt diese Rede über Daten. Als ob meine Daten mir »gehörten«. Nehmen wir den einfachen Fall, dass ich ein Gästebuch in einem Hotel unterzeichne. Dann gehört dieser Eintrag sicher nicht mir, ich habe ihn ja hinterlassen, sogar bewusst hinterlassen. Diese Daten müssen auch nicht geschützt werden, schließlich wusste ich ja, was damit passieren kann.

In diese Richtung argumentiert auch ein Feuilletonartikel aus der gestrigen NZZ, in der das Verbot der Vorratsdatensicherung in Deutschland kommentiert wird. Dabei geht es darum, dass der Staat großflächlich und mit Privilegien begonnen hat, Daten zu sammeln, welche dann bei allfälligen Straftaten hätten ausgewertet werden können - was nun vom Verfassungsgericht in Karlsruhe verboten worden ist (Warum gibt es in der Schweiz schon wieder kein Verfassungsgericht? - Ah ja, weil wir gegen Verfassung und Menschenrechte gerne auf »demokratischem« Wege verstossen, ah, stimmt.):

Irritierend bleibt dabei der Gleichmut vieler potenziell Betroffener: Ihnen macht die Preisgabe ihrer Daten entweder nichts aus, oder sie halten sich für souverän genug, die Datensammler mit fingierten Identitäten, mit Maskeraden ihres Egos in den diversen Foren des Internets zum Narren halten zu können. Wir stossen hier auf jene Komplementarität, die Akzeptanz-Verhältnissen sehr oft zugrunde liegt: Zum Datensammeln gehören zwei – der, der sammelt, und der, der es dem Sammler leichtmacht, sei es durch Naivität oder bewusste Schutzlosigkeit. Schwer zu denken gab uns kürzlich auch der Leserbrief eines ehemaligen Datenschutzbeauftragten, der in seiner Zuschrift an die «FAZ» erklärte: «Wir müssen lernen, dass Daten eine wichtige Handelsware sind, dass sie keineswegs dem Betroffenen <gehören> (. . .).»

Zentral ist also dies: Es muss klar zwischen dem Staat und der Wirtschaft unterschieden werden. Der Staat muss Regeln vorgeben und seine Zugriffe auf seine Bürger müssen klar definiert und motiviert sein (z.B. ist die Verletzung der finanziellen Privatheit dann absolut problemlos, wenn es darum geht, demokratisch legitimierte Steuern einzutreiben, deren Basis die finanziellen Verhältnisse jedes einzelnen sind). Die Wirtschaft (und jeder einzelne) darf aber alles tun, was rechtlich möglich ist - und warum nicht: Gerade das »Akzeptanz-Verhältnis« zeigt ja, dass es vielen gar nichts ausmacht. Google sammelt meine Suchanfragen? Ja, das weiss ich. Das haben sie mir auch gesagt, als ich mich registriert habe. Und sie verwerten meine Daten? Auch das haben sie mir gesagt. Ich gebe sie ihnen freiwillig. Wo liegt eigentlich das Problem? Und sie fotographieren meine Strasse? Könnte nicht jeder einfach zu meiner Strasse kommen und sie fotographieren?

Bitte etwas mehr Gelassenheit: Zwar dürfen wir keinen Staat aufkommen lassen, welche zum Datenhamster wird - abgesehen davon ist Datensammlung aber einfach ein sinnvolles, alltägliches Verfahren, dem wir uns willentlich unterziehen. Kein Grund zur Aufregung.

Multimedial: Stieg Larssons »Millennium-Trilogie«

Die Ferien sind vorbei - und damit auch die Zeit des sündigen Lesens von - man könnte es wohl auch anders sagen - »Schund«. Auf eine ganz spezielle Art und Weise habe ich mir Larssons Trilogie reingezogen: Den ersten Teil als Film (schwedisch mit Untertiteln), den zweiten Teil halb als Hörbuch (Deutsch), halb als Kindle-Buch (Englisch) auf dem iPhone und den dritten Teil ganz als E-Book (Englisch). Und mein Eindruck: Es spielt gar keine Rolle, in welcher Medienform man sich diesen Thrillern nähert; weder von der Sprache her (nun gut, Skandinavisch klingt in allen Varianten immer recht attraktiv, aber so anders nun auch nicht) noch vom Inhalt (Film und Hörbuch sind doch stark gekürzt).

Woran liegt das? Erstens wohl daran, dass die Bücher nicht besonders gut geschrieben sind. Zumindest in der englischen Übersetzung. Formulierungen werden repetitiv eingesetzt (Lisbeth Salander ist immer »resourceful«, Frauen werden despektierlich immer als »whore« bezeichnet, aber auch ganze Sätze werden wiederholt), die Texte sind bis ins Detail redundant und lassen keine Fragen offen, alles hat einen Preis, jede Quelle wird genannt, alle Beteiligten haben eine Biographie etc. Zweitens liegt es wohl auch daran, dass vor allem der zweite und dritte Teil eigentlich ein Buch sein sollten - die Hälfte des dritten Teils ist eine Wiederholung der Geschehnisse des zweiten Bandes.

Dann aber noch drei Bemerkungen zu den Büchern:

  1. Die Titel.
    Schwedisch: Män som hatar kvinnor (Männer, die Frauen hassen) - Flickan som lekte med elden (Das Mädchen, das mit dem Feuer spielte) - Luftslottet som sprängdes (Das Luftschloss, das gesprengt wurde)
    Deutsch: Verblendung - Verdammnis - Vergebung
    Englisch: The Girl with the Dragon Tatoo - The Girl Who Played with Fire - The Girl Who Kicked the Hornets’ Nest.
    Was macht man sich darauf für einen Reim? Verlage finden offenbar gewisse Titel besser als andere. Insbesondere die deutschen Titel könnte kaum hirnrissiger sein (z.B. Vergebung) - und eigentlich, wenn man die Bücher und den Autor ernst nähme, spräche nichts dagegen, die Titel zu übersetzen.
  2. Lisbeth Salander.
    Sie musste sich - ich spoile etwas - mitansehen, wie ihre Mutter von ihrem Vater missbraucht wurde, worauf sie den Vater umbringen wollte, danach von sadistischen Psychiatern in Heimen gefoltert wurde - um schließlich eine fast-autistische, sexuell experimentierfreudige und mit einem fotographischen Gedächtnis ausgestattete Hackerin zu werden. Larsson hat offenbar daran gedacht, Astrid Lindgren eine Reverenz und eine Referenz zu erweisen und Lisbeth als eine Art postmoderne Pippi Langstrumpf (englisch Longstocking, schwedisch Långstrump) zu gestalten (sie kleidet sich speziell, wohnt in einer Art Villa, ist reich etc.) - was nun natürlich noch nicht besonders bemerkenswert ist.
    Bemerkenswert finde ich
    1.) Lisbeth Salander ist keine Lesbe (Männer mit kranken Phantasien bezeichnen sie in Band 2 und 3 als »lesbische Satanistin«, was immer leicht komisch wirkt), sondern sie ist in ihrer Sexualität einfach offen (z.B. gegenüber älteren Männern, Frauen). Kommt nun aber der Held der Trilogie, Blomkvist, ihr etwas näher, so erliegt sie der Versuchung der heterosexuellen Schließung - mit ihm, so könnte man nach ihrer Enttäuschung, dass Blomkvist nämlich untreu ist, schließen, hätte sie auch ein bürgerliches Leben mit grossen Brüsten geführt (die kauft sie sich nämlich am Anfang des zweiten Bandes). Fazit: Eine Figur, die in Bezug auf sexuelle Identität und Orientierung offen sein könnte, ist es eigentlich doch nicht.
    2.) Salander ist Hackerin (alle Bücher drehen sich um Frauen, denen Unrecht getan wird - insofern erstaunt es nicht, dass Salander in eine Männerdomäne eindringt oder eingedrungen ist). Tobias Moorstedt hebt in einem Blogpost hervor, dass »Hacken eine Lebenseinstellung und eine Kulturtechnik von enormer Potenz« sei, eine »Überblendung von Mensch und Maschine, von Ich und Information«. Generell kann man sagen, dass das Hacker-Dasein Salanders ihr anarchistisches und widerständiges Potential akzentuiert - im Netz hält sie sich an keine Gesetze und Regeln, sie rebelliert gegen das System, indem sie es hackt. Diese »Lebenseinstellung« nun als Kulturtechnik zu sehen, ist durchaus eine erfrischende Perspektive. Salander sabotiert zwar nichts, aber sie braucht ihre Skills immer genau dann, wenn sie selber daraus einen Nutzen ziehen kann. Ihre Hackerfreunde bezahlt sie für ihre Dienste, kulturell oder konstruktiv scheint in diesem Gebiet niemand zu wirken (was keine Rückschlüsse auf die Hacker-Szene zulässt, das sei zugegeben). Man dürfte sich aber - und nun abseits der Romane gesprochen - durchaus mehr HackerInnen wünschen heutzutage. Es ist ja nicht so, dass wir einen Mangel an Leuten haben, die sich im System bewegen, die Mensch und Maschine, Ich und Information trennen. Wir bräuchten mehr, welche hier Verschmelzungen einzugehen bereit sind.

  3. Bottom Line: Schweden hat politische Probleme, z.B. kein Verfassungsgericht. Die Schweiz hat das z.B. auch nicht und die Probleme Schwedens sind wohl auch die Probleme der Schweiz, diesbezüglich. Nun schlägt Larsson Folgendes vor: Mit unlauteren Methoden wehrt sich eine Hackerin gegen ihr zugefügtes Unrecht und nimmt Rache, und ein Journalist hilft ihr dabei, weil er der Regierung grundsätzlich misstraut und das als zentrale Aufgabe der Presse ansieht. Das mag für einen Thriller funktionieren - ganz allgemein wünsche ich mir aber weiterhin, das Thema Rache wäre weniger präsent. Mir zugefügtes Unrecht wird nicht weniger, sondern mehr Unrecht, wenn ich mich dafür räche…

(Note to self: Es ist spät. Morgen nochmal durchlesen und überarbeiten… Übrigens ist das der erste mit Chrome erstellte Post.)