Pokern - von Glück und Geschlicklichkeit

Die Pokerszene ist empört: Nun befindet doch das Bundesgericht tatsächlich, Poker sei kein »Geschicklichkeitsspiel« - sondern vielmehr ein »Glücksspiel«.

Basis ist das Unterscheidungskriterium der ESBK, der Spielbankenkommission, das wie folgt formuliert ist:

Ausserhalb konzessionierter Spielbanken ist das Glücksspiel um Geld oder geldwerte Vorteile in der Schweiz verboten, nicht aber das Geschicklichkeitsspiel. Deshalb kommt der Frage, ob ein Spielgewinn überwiegend vom Geschick oder vom Glück abhängt, eine zentrale Bedeutung zu.

Die Eidgenössische Spielbankenkommission (ESBK) prüft auf Gesuch hin oder von Amtes wegen, ob bei einem konkreten Spiel der Gewinn überwiegend durch den Zufall oder das Geschick des Spielers bestimmt wird. In der Praxis werden vor allem automatisierte Spiele beurteilt.

Diese Unterscheidung ist in Bezug auf kommerzielles Glück- bzw. Geschicklichkeitsspiel grundsätzlich sinnwidrig: Wenn es nämlich von meinem Geschick abhängt, ob ich ein Spiel gewinne oder verliere, dann spiele ich nur dann, wenn ich häufiger gewinne als verliere. Was wiederum bedeutet, dass niemand ein für mich attraktives Spiel anbieten wird (man sehe sich mal die in Bars aufgestellten Spielautomaten an).

Das Problem des Glücksspiels hingegen ist, dass viele Menschen sie spielen, auch wenn sie wissen, dass ihre Chance zu gewinnen kleiner ist als die Chance zu verlieren.

Der Gesetzgeber hat nun zwei Absichten:

  • Spielsüchtige und ihr Umfeld schützen
  • mit Glücksspiel Geld verdienen.

Dass sich diese beiden Absichten widersprechen, wird evident, wenn man sich mal in einem Automatenkasino in der Schweiz umsieht. Da gibt es nichts von einer glänzenden Glücksspielwelt, in der High Roller ihr Vermögen ein wenig vermindern - vielmehr sind es sozial schwache Menschen, welche das Geld verspielen, das sie nicht verspielen dürften. (Über die Argumente der Branche selbst habe ich mich hier schon einmal geäußert.)

Konsequent wäre entweder eine völlige Liberalisierung von Glücksspiel (gewisse Standards könnte man durchaus noch staatlich vorgeben, z.B. dass Kunden über die Gewinnchancen orientiert sein müssen) oder aber ein komplettes Verbot. Dazwischen - so finde ich - gibt es keine sauberen Lösungen.

Zurück zum Poker: Glück oder Geschick? Nur in vom Bund konzessionierten Betrieben - oder der kantonalen Gesetzgebung unterstellt?

Leute vom Schlage eines Rainer Kuhns sind da sehr schnell mit einer Antwort: Wäre Poker ein Glücksspiel, gäbe es keine Pokerprofis. Fertig. Wer auch immer eine andere Meinung vertritt, hat keine Ahnung von Pokern.

Ich habe sehr viel Poker gespielt und fast alles gelesen, was es an mathematischer Literatur über Poker gibt. Wie die meisten nicht-professionellen Pokerspieler würde ich aber sagen, dass sich meine Verluste und meine Gewinne die Waage halten: Und wie die meisten nicht-professionellen Pokerspieler würde ich dabei lügen. Wenn es nämlich Pokerprofis gibt, die sehr viel Geld verdienen - muss es Menschen geben, die sehr viel Geld verlieren mit Pokern.

Deshalb muss das Bundesgericht bzw. die ESBK sich nicht fragen, ob es für einen erfahrenen Profi ein Glücksspiel ist, das Pokern - sondern für die Frau von der Strasse. Und dann dürfte es nicht schwer sein, anzuerkennen, dass Glück ein zentraler Faktor ist.

Und zum Schluss möchte ich noch zwei Argumenten begegnen:

  • Pokerturniere sind unproblematisch, weil die Teilnahmegebühr begrenzt ist und sie nicht süchtig machen (so argumentiert bspw. Constatin Seibt): Wer Turniere spielt, spielt auch Cash-Games. Und Cash-Games unterliegen genau den gleichen Mechanismen wie jedes andere Glücksspiel: Sie machen süchtig.
  • Die alte Leier von den Arbeitsplätzen: Rührselige Storys wie diese zeigen uns, wie unmenschlich das Bundesgericht vorgeht, weil Menschen sogar Arbeitsplätze verlieren wegen dem Verbot. Rechtssprechung (so plötzlich dieses Urteil für gewisse Unternehmer erfolgen muss, so absehbar war, dass das Bundesgericht diese Entscheidung wird fällen müssen) orientiert sich nicht an Arbeitsplätzen. Legal ist nicht, was am meisten Arbeitsplätze schafft, sondern was dem Gesetz entspricht. Und das kann sich ändern - so schade das für die Angestellten und die Unternehmenden sein mag.

Kinderpornographie - eine Bilanz

Mein gestriger Post wurde erfreulicherweise eifrig diskutiert - teilweise auch eher aggressiv:

Wenn Sie Kinderpornos schönreden, sind Sie in meinem Augen mitverantwortlich dafür, dass Kindern Gewalt angetan wird. - Bobby California

Um das noch einmal zu betonen: Ich will Kinderpornographie nicht schönreden, sondern eine Diskussion führen, ober der gesellschaftliche Umgang damit vernünftig ist oder nicht. Ich habe explizit eine Position zur Debatte gestellt und bin offen für Korrekturen und andere Meinungen: Nicht aber für den Vorwurf, ich hege Sympathien für Produzenten oder Konsumenten von Kinderpornographie. Aber auch wenn man etwas falsch findet, darf man sich dazu ein paar Fragen stellen - ohne sich gleich einem Vorwurf aussetzen zu müssen.

In diesem Sinne möchte ich einige (subjektiv wahrgenommene) Ergebnisse noch einmal aufnehmen:

  1. Kinderpornographie (im Folgenden KP) ist, wenn sie Abbild realer Kinder ist, immer zu verbieten: Weil ein Kind nicht einwilligen kann, so abgebildet zu werden resp. niemand für das Kind diese Entscheidung fällen kann (anders als Bsp. bei medizinischen Behandlungen).
  2. KP kann aber heute auch virtuell hergestellt werden, d.h. gezeichnet und animiert. Für virtuelle KP gelten andere Überlegungen.
  3. Grundsätzlich kann man heute (und v.a. in Zukunft) nicht mehr unterscheiden, ob 1. oder 2. vorliegt.
  4. Auch wenn der Konsum und der Besitz von KP im Falle von 1. zu verbieten ist, so findet im Bezug auf KP eine Stigmatisierung Pädophiler statt, wie sie in diesem Ausmass problematisch ist: Sehr wenige Konsumenten von KP neigen zu Übergriffen, wie Markus Graf in seinem differenzierten Post belegt.
  5. Der Umgang mit KP zeugt in verschiedenen Bereichen von einem double standard: Mit anderen Formen von Pornographie sind in einem vergleichbaren Ausmass negative Effekte für Darsteller und Darstellerinnen verbunden (und sie müsste gleichermassen als Problem in Hinsicht auf sexuelle Gewalt stigmatisiert werden, wäre man konsequent) - dennoch gilt ein Verbot von Pornographie als rückständig und als eine Beschneidung der Meinungsäußerungsfreiheit.
  6. Zu 4.: Viele pornographische Produkte werben damit, Frauen zu verwenden, die »barely 18« etc. sind. Nun kann man sich sagen: Da sich in der Schweiz auch 16-jährige prostituieren dürfen, dürfen sie wohl auch in Pornos mitmachen, also könnte man die Altersgrenze auf 16 Jahre ansetzen. Nun könnte aber auch eine 15-Jährige aussehen wie eine 16-Jährige, oder gar eine 14-Jährige: Wo und wie gibt es für den Konsumenten von harter Pornographie da eine feste Grenze?
  7. Ein weiterer Fall von double standard, den Anna in die Diskussion eingebracht hat: Der »Konsum« von Prostitution müsste gleichermassen verboten werden, wollte man ehrlicherweise verhindern, dass Menschen Opfer sexueller Gewalt werden. Ähnlich habe ich mich schon in diesem Post damit auseinandergesetzt.
  8. KP zeigt auf, inwiefern im Feld der Sexualität Grenzen zwischen Legitimität und Illegitimität gezogen werden. Sexualität ist immer mit Unsicherheit verbunden: Mein Begehren ist etwas dermassen Subjektives (und Unkontrollierbares), dass ich mich nur sehr schwer seiner sozialen Akzeptanz versichern kann. Also hilft es mir, wenn ich mich deutlich abgrenzen kann. Sexualität ist auch in Westeuropa eine normierte: Die Norm ist, dass ein Mann eine oder mehrere gleichaltrige oder jüngere Frauen begehrt, eine Frau hingegen einen gleichaltrigen oder älteren Mann. Nun gibt es Bereiche, die aus dieser Norm ausscheren, aber einmal zur Norm werden könnten: Und es gibt vollkommen illegitime. Und zu denen gehört Pädophilie.
  9. Der Umgang mit dem Illegitimen ist eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen. Die Toleranz wird immer dann zu einer Herausforderung, wenn man sich nicht vorstellen kann, das zu tun was andere tun. Es liegt mir fern, hier ein Rezept anzugeben, wie man mit Pädophilen umgehen soll - dazu habe ich auch keine Berechtigung: Aber die Vorstellung, Pädophile müssten registriert, markiert und für immer weggeschlossen werden irritiert mit zutiefst. (Noch einmal: Ich will nicht, dass sich ein Pädophiler an einem Kind vergreift. Und verbitte mir, dass meine Worte so interpretiert werden.)
  10. Ich wünsche mir weiterhin so viele konstruktive Feedbacks.

In eigener Sache

Ich habe meine Blogroll geupdatet und möchte hier auch noch auf die neu aufgenommenen Blogs hinweisen:

  • Nation of Swine
    Der Blog der beiden Journalisten Carlos Hanimann und Daniel Ryser - viel Musik, viele Interessen, Fussball und Fussballfans. Jeder Post eine Überraschung, jeder Post hat Qualität.
  • Journalistenschredder
    Ein lebendiger Blog, der eine breite Palette von Medien kritisch liest und immer wieder Diskussionen eröffnet.
  • Substanzielles aus Politik und Medien
    Der Titel sagt schon, um was es geht - ein offener Blog, der sich für Meinung anderer interessiert und sorgfältig Standpunkte darlegt.
  • wahrscheinlich
    Ich versteh den Titel etwas ironisch, als Kommentar, was da teils mit einem Augenzwinkern, teils mit bitterem Ernst gezeigt wird - oft was Kleines, oft was Überraschendes (z.B. dieses Video über die »Evolution der Empathie«).
  • Gesellschaft, Behinderung und die Invalidenversicherung
    Über ein medial sehr eingeengt behandeltes Thema, die IV und den gesellschaftlichen Umgang mit Behinderung, wird tiefgründig und intelligent berichtet. Immer lesenswert.
  • Antje Schrupps Blog
    Feministische Themen mit Tiefgang, Weitblick und absolut zeitgemäss dargelegt.
  • Zum Schluss noch ein Blog, das schon immer in meiner Blogroll war: Zeitgenossinnen
    Es geht immer mal wieder um Gender, um sozialen Zusammenhalt, um Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit - und dann wieder um Poetisches; manchmal aus der Sicht einer Migros-Kassiererin.

Und dann möchte ich noch auf zwei Kommentare hinweisen, die ich heute zu interessanten Artikeln hinterlassen habe: Hier und hier (Video sehr sehenswert…).

Legalize it? - Kinderpornographie

In der Auseinandersetzung der Ruhrbarone mit Jörg Tauss (bzw. umgekehrt) ist mir mal wieder bewusst geworden, dass Kinderpornographie so ziemlich das letzte Tabu ist, das es noch gibt. Man kann auf seinem Computer allerhand tun - sobald man aber Kinderpronos visioniert, hat man ein größeres Problem.

Warum eigentlich? Jede der Argumentationen wird darauf rauslaufen, dass Kinderpornographie deshalb verboten werden muss (und auch tabuisiert), weil letztlich Kinder gegen ihren Willen zu Schaden kommen - und man das verhindern muss. Dagegen ist nichts einzuwenden - auch wenn dieses Argument offenbar bei anderen pornographischen Produkten niemanden zu interessieren scheint.

Nun kann man sich fragen: Bewirkt das Verbot des Konsums (und seine Tabuisierung), was es soll?

Meiner Meinung nach - und ich höre mir gerne Gegenargumente an - nicht. Tauglich wäre ein ähnliche Praxis, wie sie bei Betäubungsmitteln zur Anwendung gelangt: Verkauf, Handel, Distribution und Produktion sind streng verboten - der Konsum hingegen nicht.

Nun könnte man einwenden, dass eben gerade über die Kinderpornographie Pädophile identifiziert und aus dem Verkehr gezogen werden können. Dieses Argument impliziert, dass wer einen Straftatbestand auf einem Medium konsumiert, mutmasslich diesen Straftatbestand auch begeht. Diese Implikation scheint mir grundsätzlich verkehrt zu sein, noch vielmehr in Bezug auf Kinderpornographie: Wäre sie nicht vielmehr ein Mittel für Menschen mit pädophilen Neigungen, gerade nicht zum Opfer (bzw. Täter) dieser Neigungen zu werden? (Den Einwand, dass gerade die mediale Auseinandersetzung mit pädophilen Handlungen auch Phantasie anregen kann, nenne ich schon einmal - ich gestehe: Dazu kenne ich keine Studien und keine harten Fakten).

Vor der Diskussion noch ein Disclaimer: Ich bin für alle Massnahmen, mit denen verhindert werden kann, dass Kinder Opfer von sexueller Gewalt werden (außer für höhere Strafen und mehr Stigmatisierung für Täter, wie ich bereits mehrmals dargelegt habe): D.h. wer Kinder betreut, soll professionell arbeiten müssen, grundsätzlich dem Vier-Augen-Prinzip unterstellt sein etc.

iPad (mal ein kurzer Titel)

Was Originelles übers (über den?) iPad zu schreiben, ist nicht mehr möglich. Wir wissen: Totaler Hype, Apple irgendwie schon post-cool und nur noch mit bösen Absichten (die wollen Geld verdienen und Produkte verkaufen, die ihnen dabei nützen), iPad selber vollkommen nutzlos, weil kein Flash, keine Kamera, kein irgendwas was jedes Windows-Notebook halt so hat.
Deshalb nur kurz, wie es denn so ist, das iPad:

1.
Vom Feeling her ein gutes Gefühl. Schnell, übersichtlich, intuitiv bedienbar.

2.
Eine geniale Game-Konsole. Ob Klavier spielen, Autorennen, MMORPG, Strategiespiel: Sieht gut aus, fühlt sich richtig an.

3.
Internet und Filme sind auf dem großen Screen immer mit dabei.

4.
Wenn man mit dem iPhone vertraut ist, kann man mit dem iPad sofort alles machen. Keine Anleitung, kein Nachdenken. Unbox und los.

5.
Die Tastatur: Das Tippen ist angenehm, unterwegs für mich aber nur mit zwei Daumen möglich. Für Texte (außer diesem) würde ich immer den Laptop benutzen wollen.

6.
Wofür hat man es? Im Moment fahre ich zur Arbeit: iPhone und MacBook fahren auch mit. Ich könnte es für das Entertainment auf den Sofa auch zuhause lassen.

7.
Was einem beim Benutzen fehlt: Add-Ons für Safari - ich kann mich in einem Internet nicht bewegen, wenn ich mir die Werbung darin ansehen muss. Zudem: Wenn man wirklich arbeiten will, muss man die Programme nebeneinander öffnen können. (Das ist keine Kritik am Gerät, weil es dafür offenbar nicht gemacht ist - sondern ein Grund, warum ich den Laptop vorziehe.) Ein Beispiel: Ich will einen Twitter-Post schreiben mit einem Copy-Paste-Zitat und einem Link - dafür muss ich auf dem iPad zwei Mal Safari öffnen und wieder schließen und zwei Mal den Twitter-Client öffnen (und wieder schließen).

8.
Bleibt der Hinguck-Effekt: „Ah, das ist also ein iPad?“ - „Ja“, sagt dann eine bescheidene Seele, wie ich eine bin.

Tipp: iPad 3G mit Sunrise pre-paid: 250MB für <7.50 Fr. pro Monat. SIM kann problemlos zugeschnitten werden.

Heuchler und Zensur

Einer der größten Ignoranten und Faktenverzerrer im Blogbusiness ist Alexander Müller. In seiner Selbstbeschreibung meint er zwar:

Freie Meinungsäusserung und Dialog sind die Grundlage einer funktionierenden Demokratie.

In seinem Blog veröffentlicht er dann aber Kommentare nach Belieben nicht: Ein erstes Beispiel habe ich hier erwähnt, heute habe ich ihn in diesem wirren Post zum Thema Freidenker darauf hingewiesen, dass die These, wonach Freidenker sich alleine gegen das Christentum wendeten, nicht aber gegen andere Religionen, insbesondere gegen den Islam, völlig haltlos sei, wie man an Andreas’ Kyriacous Post über den »Everybody Draw Muhammad Day« leicht ablesen kann. Was passiert: Der gute Herr Müller zieht vor, den Kommentar nicht zu veröffentlichen. (Ja, der Begriff »Heuchler« im Titel spielt darauf an.)

Während er in den Kommentaren regelmäßig als Lehrer, Historiker und Religionswissenschaftler auftritt, um seine Sicht auf die Welt mit Pseudoargumenten zu belegen, spielt sich bei Ugugu ein ganz anderes Drama ab: In diesem Post zur Migros und ihrem »Reputation Defender«, Herr Naef, rollt er eine auf dem Kult-Blog präsentierte Geschichte auf, wonach das Migros-Magazin einen Text über Marianne Weissberg auf Anweisung des Chefredaktors nicht gedruckt habe. Darauf entwickelt sich in den Kommentaren eine gleichermassen unterhaltsame wie dynamische Diskussion mit dem Blog-Kritiker Bobby California (nicht ganz klar, ob es sich dabei um ein Pseudonym handelt), die nichts für schwache Gemüter ist. Resultat: Auch Bobby darf keine Kommentare mehr bei Ugugu posten: Allerdings wird das nicht allzu schlecht begründet…

(Hier werden selbstverständlich alle Kommentare veröffentlicht, außer solchen, die immer mal wieder anzutreffen sind:

kAmUf1 ekeyiegqdegy, [url=http://uriuxswryxwm.com/]uriuxswryxwm[/url], [link=http://wlpaukcjevgv.com/]wlpaukcjevgv[/link],http://wjgkpwdkjhjn.com/

) Klammer geschlossen.

Rhetorik für Fortgeschrittene: Die SVP als Fahne im Wind

Für die SVP kommt es nicht in Frage, dass das widerrechtliche Amtshilfeabkommen mit den USA vom August 2009 nun vom Parlament rückwirkend gerade gebogen wird. Unrecht darf nicht mit einem Parlamentsentscheid zu Recht gemacht werden. Ein solcher Vorgang käme einem willkürlichen Akt gleich und widerspräche jeglicher Rechtsstaatlichkeit. - SVP Pressecommuniqué, Februar 2010

Der Bundesrat will den rechtswidrigen Vertrag vom 19. August 2009 über die Auslieferung von 4450 Kundendossiers an die USA durch einen Parlamentsbeschluss rückwirkend legalisieren. Zudem will er bereits vor einem Parlamentsbeschluss die vorläufige Anwendung des Abkommens. Die SVP lehnt sowohl die vorläufige Anwendung wie auch den Legalisierungsbeschluss im Parlament entschieden ab. - SVP Pressecommuniqué, 31. März 2010

Die SVP lehnt das vom Bundesrat heute verabschiedete Amtshilfeabkommen mit den USA in Sachen UBS-Kundendossiers ab. Es kann nicht sein, dass das Parlament rückwirkend Unrecht zu Recht macht - SVP Pressecommuniqué, 14. März 2010

So weit die Ausgangslage. Der so genannte Staatsvertrag mit den USA wird als »Unrecht« und »rechtswidrig« bezeichnet, eine »Legalisierung« »entschieden« abgelehnt.

Dann passiert Folgendes: Die UBS (insbesondere Kaspar Villiger) lobbyiert heftig bei der SVP. »Lobbyiert« ist dabei wohl ein Euphemismus für »zahlt Geld und verspricht noch mehr Geld«. Einige Insider, insbesondere wohl Blocher und »Ich habe vergessen, wer mich alles angerufen hat«-Wandfluh, machen einige strategische Überlegungen und kommen zum Schluss, eine gegenteilige Haltung einzunehmen.

Warum dieser Entschluss gefallen ist, dürfte einfach zu erklären sein: Es ging um ein Abwägen der Vorteile (Geld der Banken) gegenüber der Nachteile (Wählerwille der SVP-Basis ignorieren) - woraus wiederum zu schließen ist, dass es um recht viel Geld ging.

Interessant wird nun, wie man eine Kehrtwende begründet, v.a. wenn man sich bereits so pointiert geäußert hat. Einige Perlen der SVP-Rhetorik sollen dazu herausgegriffen werden. Watch and learn, wie man dem Wähler erklärt, warum man nicht so abstimmt, wie sich der Wähler das wünscht, und aber so tut, als täte man das.

  1. Köppels bemerkenswerter Umgang mit dem Begriff »richtig«:

    Würde die SVP dazu von ihrer prinzipiell richtigen, aber realpolitisch nicht durchsetzbaren Fundamentalopposition abrücken, wäre dies nicht nur verschmerzbar, sondern richtig.

  2. Wandfluh und die Logik:

    Die SVP habe eine Güterabwägung vorgenommen, sagte Wandfluh. Seine Partei sei zum Schluss gekommen, dass das «an sich schlechte Abkommen» im Parlament «so oder so angenommen» werde.

    (Und deshalb stimmt die SVP dafür: Weil es »so oder so angenommen« wird und es »an sich schlecht« ist.)

  3. Mörgeli, warum die Bonussteuer uns alle trifft:

    Was einem Unternehmen nach Abzug der Ausgaben von den Einnahmen bleibt, ist der Gewinn. Dieser muss versteuert werden. Nun sollen jährliche Bezahlungen von über zwei Millionen Franken nicht mehr am Aufwand, sondern am Gewinn abgezogen werden. Damit bezahlen die Eigentümer diese neue Steuer, die Aktionäre, also auch die Pensionskassen, die AHV, die Sparer mit 3. Säule, kurz: wir alle.

  4. Wiederum Mörgeli zu den Bedingungen, die an eine Zustimmung geknüpft werden:

    Das ist auch Erpressung.
    Nein. Wir sind der Meinung, dass die bürgerlichen Parteien aus Überzeugung hinter diesen Forderungen stehen können.

  5. Und zum dritten, ohne Erklärung:

    Was hat Griechenland mit dem UBS-Staatsvertrag zu tun?
    Alles, was die Linke und die Gewerkschaften fordern, heisst Gang Richtung Griechenland: Frühpensionierungen, kürzere Arbeitszeiten, mehr Staat, Kinderbetreuung, Ausbau der Sozialwerke bis zum Bankrott: Das alles führt zu griechischen Verhältnissen. Das gilt es zu verhindern. Ich habe noch nie von einem Linken gehört, wo für ihn die obere Grenze der Staats- oder Steuerquote liegt. Alles ist gegen oben offen – und heisst Griechenland und letztlich DDR und UdSSR.

Man kann sich nun fragen: Kommt diese Partei damit durch? So unwahrscheinlich ist es nicht, wurde ja schon jetzt von der Basis ein finanz- und steuerpolitischer Kurs getragen, der den Interessen dieser Basis völlig widerspricht. Und letztlich dürften Entscheidungen in der Schweizer Politik auch langfristig eine Frage des Geldes sein: Wer sich Propaganda kaufen kann, kauft Propaganda (z.B. die Weltwoche), wer sich Parteien kaufen kann, kauft sich Parteien (z.B. die UBS).

Alles gratis: Google, Facebook und Co. - und »the dark side«

Das Internet ist ein eigenes Wirtschaftssystem, das es mit der Volkswirtschaft ganzer Länder aufnehmen kann. Mit Gütern und Dienstleistungen werden online bald mehrere hundert Milliarden Dollar umgesetzt – das ist historisch unerhört. Wir bauen gerade ein Wirtschaftssystem auf, in dem alles, was sich in Bits umwandeln lässt, früher oder später kostenlos sein wird. — Chris Anderson, zitiert im NZZ Folio »Gratis«

Täglich nutzen wir Gratisangebote: Google stellt ein Softwarepaket bereit, mit dem vom Browser über das Mailprogramm, das Office-Paket, die Datenspeicherung, das Videoportal bis zum Kollaborationstool (Google-Wave braucht ab sofort keine Einladung mehr und ist für alle offen) alles kostenlos genutzt werden kann; Facebook betreibt ein komfortables soziales Netzwerk, für das wohl 100 Millonen Menschen bereit wären, einen Obolus zu entrichten - und doch ist es komplett gratis.

Nun wird wohl der aufmerksame Leser einwenden: Gratis, pha! Werbung, Werbung - damit verdienen die doch ihr Geld, und dann verkaufen die unsere Daten. Und so.

Und diesen aufmerksamen Leser frage ich zurück: Wie viel würdest du für deine Daten zahlen? Wie viel sind die Dinge, die ich auf meinem FB-Account poste, wert? Auf wie viele Werbebanner klickst du so pro Tag? Und wie viel ist das wert? Ich persönlich verstehe die Werschöpfungskette von Google und Facbebook nicht ganz: Ich habe m.E. kaum einen Franken in meinem ganzen Leben in diese beiden Firmen investiert und nutze die dafür angebotene Software intensiv.

Damit soll aber nicht gesagt sein, die Technologien seien gefahrenlos oder die Unternehmen wüssten nicht, was sie tun. Zwei Beispiele seien erwähnt:

1. Apple vs. Adobe/Google: Flash, Apps
Diese Parodie auf die gegenseitigen Liebesbekundungen von Adobe und Apple scheint der Realität näher zu sein: In diesem exzellenten Artikel wird auf Mobile Opportunities dargestellt, welche Ziele die Unternehmen Apple und Adobe verfolgen - und wie sie diese Ziele verkaufen. Wenn Apple von »Innovationen« spricht, dann ist damit generell Kundenbindung gemeint: Apples zwei wichtigste Ziele sind:

  1. Möglichst viel Software soll nur auf einem Apple OS und einer Apple Hardware laufen (damit Apple mitverdient).
  2. Möglichst viele Inhalte sollen durch die Kanäle von Apple vertrieben werden (iTunes) (damit Apple mitverdient).

Die ganze Strategie ist darauf ausgerichtet. Aber dasselbe gilt für Adobe (und für Google): Ihre Plattformen sollen universell werden, d.h. hard- und softwareunabhängig, damit sie damit möglichst viel machen können (und mitverdienen). Flash ist gedacht als eine Plattform, die auf mobilen Geräten wie Computern sämtliche Inhalte darstellen kann, nur ist sie dafür einerseits zu schlecht und andererseits haben andere Player gemerkt, was Adobe will (z.B. eben Apple).

Google widersetzt sich ja erfolgreich dem AppStore und lässt alles über den Browser und WebApps laufen: Mit dem Ziel, dass letztlich alle Software im Browser laufen könnte und wir nichts anderes mehr bräuchten, als Google-Produkte (und dann rundumversorgt werden mit personalisierter Werbung).

2. Der Facebook-Like Button

Überall taucht er auf: Der nach oben gestreckte Daumen. Ein Klick - und »man« weiß, dass »ich« mag, was ich gelesen, gesehen, konsumiert habe. Harmlos, könnte man denken - und ja, ist es eigentlich auch. Aber was steckt dahinter?

Wie man bei Literaturcafé nachlesen kann (wo der Button wieder entfernt worden ist), erhält Facebook (quasi im Tausch für das Anbieten des Buttons) eine Menge Informationen über die Seite und ihre Benutzer, auf der der Button ist (die IP-Adresse aller User, woher sie gekommen sind etc.). Das kann u.U. auch mit dem bei FB angemeldeten User verknüpft werden, so dass (ich übernehme das Beispiel) FB plötzlich weiß, dass jemand nach »wie kommuniziere ich meinem Partner einen Seitensprung« gegooglet hat und so auf diese Seite gekommen ist.

Was heißt das nun?

Mein Fazit wäre das folgende:

  • Wir sind nicht so interessant, wie wir denken. Menschen mögen Seitensprünge machen und abartige Phantasien haben: Aber die meiste Zeit denken wir darüber nach, welche Joghurtsorte am besten schmeckt und was wann im Fernsehen läuft. Wenn wir das online jemandem mitteilen, interessiert sich dafür kein Schwein. Und wenn jemand diese Informationen oder Daten hat - dann interessiert sich dafür noch immer kein Schwein. Auch nicht für unsere Urlaubphotos, unsere »Freunde« und unseren Farmville-Account.
  • Die Dienstleister, die wir nutzen, sind Unternehmen. Sie machen nichts aus Menschenfreundlichkeit. Sie wollen mit allem Geld verdienen. Man kann davon ausgehen, dass viele der Unternehmen noch nicht genau wissen, wie sie das, was sie machen, zu Geld machen können - aber sie werden nicht davor zurückschrecken.
  • Ein übergeordnetes Problem ist die Wirkungsweise von Werbung und insbesondere Online-Werbung. Ohne jetzt sehr viel darüber zu wissen und einfach aus dem Bauch raus: Da wird mehr investiert, als man rausholen kann.
  • Privatheit steht in einem dialektischen Verhältnis zu Öffentlichkeit, oder einfach: Privat ist das, was nicht öffentlich ist. Wenn man also seine Privatsphäre schützen möchte, gäbe es einen einfachen Weg (wie von @plomlompom vorgeschlagen): Man macht alles öffentlich, was vorher privat war - und die Privatsphäre braucht man nicht mehr. Oder aber: Man man nichts öffentlich und der umgekehrte Effekt entsteht.

Hier ein sehr schöner Artikel zum Weiterlesen aus dem Textarchiv der Berliner Zeitung, geschrieben von Marin Majica.

»Doppelter Kommentar« - die SRG und das kollektive Aufheulen

In einem Blogpost, den mal wohl als Schnellschuss entschuldigen muss, fordert Ronnie Grob »Alternativen« zur SRG in Form von privaten, rechts stehenden Medien, deren Finanzierung er auch gleich thematisiert. Man darf sich gerne fragen, welches private Medium der Deutschschweiz, von der WoZ einmal abgesehen, denn genuin linke Positionen auf ihrer politischen Agenda hat und wird merken: Da wird die Luft dünn. Die SVP bestimmt die Agenda, und wenn man über Burkas sprechen soll, wird über Burkas gesprochen (weitere Beispiele kann man sich gut vorstellen). Auf jeden Fall wollte ich bei Ronnie Grob einen Kommentar hinterlassen, aber siehe da:
Dann halt hier:
1.
Gerade aus einer rechten Perspektive erstaunt das Argument der »Intransparenz« dieser Wahl, wie es in diesem Post unreflektiert von Schawinski übernommen wird (»Papst«). Worum geht es denn hier eigentlich? Soll »das Volk« wählen? Oder ein Gremium Punkte vergeben, die man dann publizieren kann? Wie spielen sich solche Vorgänge z.B. bei der Weltwoche ab, wenn ein neuer Verleger oder Chefredaktor oder Besitzer gesucht wird?
2.
Nur weil viele Leute behaupten, die SRG stünde links, wird es nicht wahrer. Ich nehme nur mal das Beispiel SF: Die NZZ nannte beispielsweise im Dezember 2009 nach einer differenzierten Untersuchung die Arena den »Parteistammtisch der SVP«; generell wird in den politischen Sendungen die Agenda von der SVP bestimmt, kultur-ideologisch vertreten Unterhalter wie Kilchsperger, Turnheer, Fasnacht, Jordi und wie sie alle heißen einen gesunden Pop-Patriotismus kombiniert mit einer Portion sozial-konservativer Familienfreundlichkeit, die einem Bauernzmorge gut anstünden.

»Der Presserat tritt nicht auf die Beschwerde ein«

Als ich 18 Jahre alt war, war ich zum ersten Mal auf einer Gemeindeversammlung in Birmenstorf. Auf meinen Vorschlag hin, das Geld für Busabonnements den Eltern von ortsansässigen SchülerInnen nicht mehr auszuzahlen, sondern ihnen einen Gutschein für ein Abo zuzuschicken (weil Schwarzfahren ein ärgerliches Problem war, das für mich oft zu Busverspätungen führte), erhielt ich von einem Gemeinderat den wohl wohlgemeinten Ratschlag, es doch an einer anderen Gemeindesversammlung noch einmal mit einem Vorstoss zu versuchen: Beim ersten Mal könne man gar keinen Erfolg haben, niemand wolle einem 18-Jährigen zustimmen.

Mit dieser Anekdote leite ich über zu meiner ersten Presseratsbeschwerde wegen den im Magazin veröffentlichten Briefen von Müttern an ihre Kinder, die sie an einer Babyklappe in Lübeck abgegeben haben. Ich habe dahingehend argumentiert, dass

a) persönliche Briefe nur mit dem Einverständnis ihrer Verfasser abgedruckt werden dürfen und

b) die Briefe verstießen gegen die Menschenwürde der in ihnen erwähnten Babys.

Am Samstag habe ich die Erwägung des Presserats erhalten, ich drucke sie unten ab, da sie noch nicht auf der Homepage veröffentlicht sind. [Update: Hier ist die Erwägung online.] Der Presserat hält meine Beschwerde für »offensichtlich unbegründet«.

Aus seiner Argumentation lässt sich schließen, dass es in der Schweiz okay ist

  1. Briefe abzudrucken, auch wenn die Verfasser und Empfänger nicht einverstanden sind; nämlich dann, wenn man Verfasser und Empfänger nicht um Erlaubnis bitten kann.
  2. persönlichste Stellungnahmen ohne Einwilligung abzudrucken, sofern der Eindruck entsteht, das »Ansehen« der davon betroffenen Personen werde dadurch nicht »beeinträchtigt«.

Man erkennt an meiner etwas säuerlichen Reaktion: Ich halte es immer noch nicht für vertretbar, diese Briefe abzudrucken.

* * *

Als Rückmeldung auf meine Beschwerde habe ich eine Email von einer Familie erhalten, welche ein Kind adoptiert hat, das an einer Babyklappe abgegeben worden ist. Die Email dokumentiert sehr schön, welche Probleme durch eine solche Publikation auch für das Kind (oder v.a. für das Kind) entstehen - und ihre Verfasser geben an, die Mütter hätten diese Briefe »in größtem Vertrauen unter Zusicherung von Anonymität (z.T. persönlich!)« der Leiterin der Babyklappe Lübeck, Friederike Garbe, abgegeben. Diese scheint allerdings das Rampenlicht eher zu suchen als zu meiden - und Anonymität für einen eher weniger wichtigen Wert zu halten.