Von Unterhosen, Papierhaufen - und der Buchpreisbindung

Eben wollte ich bei Markus Felber einen längeren Kommentar hinterlassen, der dann der Blogger-Software zum Opfer gefallen ist (ich mag Google ja, aber Blogger ist wirklich unglaublich anstrengend als Plattform).

Es geht um die Frage, die derzeit wieder etwas hitziger diskutiert wird: Ob eine Buchpreisbindung sinnvoll ist. Felber findet nein, Lewinsky beispielsweise ja.

Ich mag die Buchpreisbindung nicht. Es handelt sich um ein unschönes Instrument. Und doch verstehe ich, warum man sie einsetzen möchte. (Ganz ähnlich geht es mir btw mit AKWs und wohl vielen anderen auch.) Die beiden zentralen Argumente hat Felber m.E. ausgelassen:

  1. Es geht primär um Buchläden. Ohne Buchpreisbindung wird der neue Harry Potter im Interdiscount verkauft - von ungeschultem Personal zu einem nicht zu unterbietenden Preis, weil der Interdiscount viele Bücher einkauft und die einfach noch hinstellen kann. Die Buchhandlung unser aller Wahl kann den Harry Potter nicht mehr verkaufen - und wird dadurch beträchtliche Einnahmen verlieren, die sie mit Nischentiteln nicht reinholen kann. Ergo: Wir verlieren die Möglichkeit, bei Fachleuten, die viele Bücher gelesen haben, Bücher einzukaufen.
  2. Die Haltung, dass der Markt den Handel mit Konsumgütern regelt, basiert auf einer Illusion. Produkte der Landwirtschaft und Medikamente sind nur ein Beispiel, wo der Staat Preise stützt und das Spielen von Marktmechanismen verhindert. Die aufschreienden liberalen Kräfte haben aber offenbar kein Problem, Landwirtschaftssubventionen zu sprechen und Parallelimporte zu verhindern.

Darüber hinaus kann man sich einige grundsätzlichere Fragen stellen.

  • Regelt der Markt wirklich alles optimal? Und woher wissen wir das?
  • Sollte bei politischen Entscheidungen - wie auch in diesem Fall - wirklich die stärkere Lobby darüber entscheiden, wie wir unser Zusammenleben organisieren?
  • Handelt es sich nicht um das letzte Gefecht einer ohnehin sterbenden Branche? Eine Branche, welche die Idee zu verkaufen versucht, dass Informationen notwendigerweise auf Papier gedruckt werden müssen. Als Literaturwissenschaftler kenne ich bibliophile Gefühle - und die seien allen Menschen gelassen, welche sie haben. Aber Informationen sollten fließen (das halte ich für eine ethische Frage). Ihre Anbindung an physische Erscheinungsformen verhindert diesen Fluss.
  • Die Illusion, wonach »kleine« AutorInnen mit Büchern Geld verdienen können, wenn sie durch Besteller subventioniert werden, kann man leicht loswerden, wenn man mal mit jemandem spricht, der oder die versucht, einen Erstling zu publizieren. Die Antwort der Verlage lautet nicht wie früher meist »nein«, sondern: »Ja, wir können Ihren Titel in unserem Nebenverlag x unterbringen, wenn Sie sich mit 10’000 Euro an den Druckkosten beteiligen. Geld erhalten Sie dann ab einer Auflage von 10’000 Exemplaren, aber wenig.«

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Zusatz 20.45: Eben habe ich bei Denis Simonet noch einen längeren Kommentar hinterlassen, den ich hier noch kurz zitiere:

Warum [finde ich das Vorgehen der Piratenpartei] populistisch? Zunächst einmal gibt es in der Schweiz Gesetze, welche in einem demokratisch legitimierten Prozess erlassen werden. Diese Gesetze sollen respektiert werden – gerade von Parteien, die ja die Möglichkeiten kennen, diese Gesetze zu verändern. In diesem Sinne begrüsse ich die Initiative. Es gibt aber auch Gründe, die für eine Buchpreisbindung sprechen. Diese Gründe nur lächerlich zu machen, halte ich wenig produktiv und auch wenig reif. Vielmehr müsste man (statistisch, nicht einfach durch Behauptungen) zeigen können, dass man die besseren Argumente hat.
Ein Gesetz deswegen zu kritisieren, weil es nicht durchsetzbar ist, ist ebenfalls populistisch und weltfremd: Die wenigsten Gesetze werden eingehalten und bei den wenigsten Gesetzen kann überprüft werden, ob sie lückenlos eingehalten werden. Das war noch nie ein Grund, ein Gesetz zu kritiseren.