Köppel, Schawinski und Ackeret oder: Ist Blocher der schlauere Berlusconi?

Am 8. März publizierte Roger Schawinski auf Persoenlich.com einen Kommentar, in dem er nicht nur ein paar Fragen stellte, sondern auch einige Behauptungen formulierte, z.B.:

Beginnen wir in Basel. Auf die Frage, ob er an der Basler Zeitung beteiligt sei, antwortete Blocher bisher immer mit einem klaren Nein. Dies war die richtige Antwort – auf die falsche Frage. Die könnte lauten: «Sind Sie zusammen mit Ihrem langjährigen Geschäftspartner Tettamanti über eine in einem Offshoreterritorium domizilierten Firma kapitalmässig oder in Form von Darlehen direkt oder indirekt an der Basler-Zeitungs-Gruppe engagiert?» Doch solchen Fragen weicht Blocher gezielt aus.
Denn anders als Berlusconi spielt Blocher über Bande und über Stroh- und Frontmänner. Tettamanti ist so einer. Diese Funktion übte er jahrelang glaubwürdig aus. Doch als der Protest nach dem Kauf der Basler Zeitung anschwoll, knickte er blitzschnell ein. Aus Angst vor Tomatenwürfen verweigerte der 80-Jährige die Anreise zu einer Veranstaltung am Rheinknie. Und so musste übers Wochenende sofort ein anderer Strohmann her. Doch der eilig aus dem Hut gezauberte Moritz Suter erfüllt diese Rolle nur mangelhaft. Seine permanente Verweigerung, die wahren Besitzer zu nennen, wirkt immer hilfloser – vor allem, weil alles so evident ist.Blocher geht es bei seinen Medienengagements erst in zweiter Linie ums Geld, denn davon hat er genug. Er will vor allem die inhaltliche Kontrolle und die politische Macht. Deshalb hat er Peter Wanner vorgeschlagen, dass dieser die wirtschaftliche Führung einer gemeinsamen Zeitungsachse Basel-Mittelland erhalten würde, Blocher hingegen würde die publizistischen Fäden in der Hand halten, wie die NZZ am Sonntag aufdeckte. Ähnlich lief es bereits bei der Weltwoche. Nach dem lukrativen Verkauf des Grossteils des Jean-Frey-Verlags an Springer, wurde Roger Köppel das publizistische Herzstück für ein Butterbrot zugehalten. Der firmiert seither als Besitzer, wie er immer wieder erklärt. Zwar hält er alle Aktien, aber in einem geheim gehaltenen Vertrag ist festlegt, dass er die Firma nicht frei verkaufen kann, sondern dazu die Zustimmung der alten Eigner benötigt. Das Recht auf freien Verkauf ist aber der zentrale Aspekt des Besitzes. Daher ist Köppel eher ein wirtschaftlich interessierter Statthalter, einer, der den rechten politischen Kurs garantieren muss, was ihm aufgrund der Idolisierung seines Sponsors nicht schwerfällt.
Dies alles ist wohl erst der Anfang. Als Nächstes kommt das Fernsehen an die Reihe, wie Blocher angekündigt hat. Die SRG kann er zwar nicht kaufen, die kann er nur diskreditieren und verunsichern. Aber es gibt andere Opportunitäten. Zum Beispiel TeleZüri, das die Tamedia offenbar loswerden will. Auch dazu braucht es einen Strohmann, einen glaubwürdigen und unverbrauchten zumal. Ich bin sicher, dass die entsprechenden Abklärungen bereits auf Hochtouren laufen.

Das Fazit war: Blocher agiert wie Berlusconi; eine Aussage, die Schawinski unter einem Pseudonym auf Persoenlich.com im Oktober 2010 schon einmal publiziert hatte.

Dieses Fazit basiert auf einigen Behauptungen, die sich schlecht überprüfen lassen, z.B. dass Köppel zwar formell die Weltwoche-Aktien besitzt, sie aber nicht frei verkaufen kann.

Der Chefredaktor von Persoenlich.com ist Matthias Ackeret. Er ist sowohl Blocher wie Köppel freundschaftlich verbunden, ob auch finanziell sei einmal dahingestellt. Auf jeden Fall hat er auf den Kommentar Schawinskis reagiert, wie das professionelle Medienleute machen: Zunächst hat er den Kommentar gelöscht (nur dank Martin Steigers Hinweis auf eine Sicherheitskopie kann ich ihn zitieren). Dann hat er Roger Köppel interviewt, damit dieser seine Version der Geschichte als die richtige verkaufen kann. Das tut er so:

Ich bin alleiniger Eigentümer der Weltwoche, und ich bin seit meiner Übernahme frei, die „Weltwoche“ zu verkaufen. Aber ich habe nicht die Absicht, die „Weltwoche“ zu verkaufen. Ich möchte Sie noch lange weiter als Unternehmer und Chefredaktor führen.
[Also, Sie können die "Weltwoche" jederzeit verkaufen, wenn immer Sie wollen...]
Jederzeit.
[Schawinski bezieht sich auf eine Äusserung von Ihnen.]
Es gab nie eine offizielle Interviewanfrage von Roger Schawinski an mich zu diesem Thema. Wenn er private Äusserungen von mir meint, dann hat er sie falsch verstanden oder böswillig verzerrt.

Wir haben eine wachsende Festaboauflage und erfreuliche Tendenzen auf dem Lesermarkt.

[Der Kauf der "Weltwoche" gehört in unserer Branche immer noch zu den meistdiskutiertesten Themen. Inwieweit ist Herr Blocher daran beteiligt, wie immer wieder behauptet wird?]
[…] Christoph Blocher ist und war nicht an der „Weltwoche“ beteiligt.

[Warum behalten Sie die Kaufmodalitäten geheim?]
Ich habe die Karten immer auf den Tisch gelegt: Ich habe die „Weltwoche“ […] zu einem fairen Marktpreis gekauft. […] Ich habe mein gesamtes Vermögen investiert plus Bankschulden, für die ich persönlich hafte.

[Stehen Sie gegenüber jemanden in der Pflicht?]
Gegenüber meinen Lesern, meinen Kunden und gegenüber meinen hervorragenden Kollegen. Wir sind gemeinsam zum unternehmerischen Erfolg verdammt.

Zunächst nur etwas Statistik. Mach-Basic von WEMF weist folgende Zahlen für die Leserschaft der Weltwoche aus:
2007: 418’000
2007: 378’000
2008: 345’000
2009: 345’000
2010: 328’000

Das sind für Köppel »erfreuliche Tendenzen«. So ist m.E. auch der Rest des Interviews zu lesen. Einige Bemerkungen:

  • Köppel betont (auch an einer hier nicht zitierten Stelle), dass er die Weltwoche keinesfalls verkaufen wolle (warum nicht, sagt er allerdings nicht) - für jemand, der belegen will, dass er das Recht hat, die Aktien zu verkaufen, wirkt das etwas verdächtig.
  • Köppel bestreitet nicht, das nicht zu Schawinski gesagt zu haben, er verweist vielmehr darauf, dass es keine offizielle Interviewanfrage gegeben habe.
  • Köppel sagt nichts zu den Kaufmodalitäten. Die Aussage, Christoph Blocher sei nicht beteiligt gewesen, heißt nicht, dass nicht ein Konstrukt, bei dem Blocher möglicherweise über weitere Konstrukte beteiligt gewesen war, alle Fäden in der Hand hielt.
  • Köppel sagt auch nicht, er stehe niemandem gegenüber in der Pflicht - der Verweis auf die Leser und Kollegen ist eine rhetorische Ablenkungsstrategie der auffälligeren Sorte.

Fazit: Als ahnungsloser Leser nehme ich aufgrund des Verhaltens von Ackeret (Löschung des Schawinski-Beitrags, Ton der Interviews) an, dass an den Behauptungen Schawinskis mehr dran ist, als man der Leserschaft mitteilen möchte. Wenn im Persoenlich-Blog scheinheilig gefragt wird: »Warum lässt Köppel im eigenen Blatt derart massive Kritik an seiner eigenen Person zu?« ist die Antwort klar: Weil Schawinski bei der Weltwoche Leserschaft als »Linker« so stark diskreditiert ist, dass seine Aussagen wenig Gewicht haben.

Die Tendenzen auf dem Schweizer Medienmarkt sind wenig erfreulich, wenn Transparenz mit allen Mitteln verhindert werden soll (von denen, die dann lauthals »Transparenz« rufen, wenn sie sich davon etwas versprechen).

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3 Gedanken zu “Köppel, Schawinski und Ackeret oder: Ist Blocher der schlauere Berlusconi?

  1. blocher als berlusconi? immerhin hat letzterer bei frauen wohl die grössere anziehungskraft (auch wenn die wohl vom geldsack her rührt)… aber interessanter gedanke…
    ich frage mich ja ohnehin, was sich die svp und ihr chef-ideologe für diesen wahlkampf vorgenommen haben… denn, ich bezweifle (und hoffe stark), dass der slogan „schweizer wählen svp“ nicht wirken wird…
    aber wenn die natürlich medien kontrollieren… wäre wahlwerbung natürlich einfacher… gibts denn da für private auch einschränkungen?

  2. ist nicht das erste mal, dass auf dem persönlich blog artikel verschwinden.
    nicht selten kommte es auch vor, dass im rss-feed artikel auftauchen, die auf der website nie erscheinen. letztmals am 11.3.11. mit anderen worten: autoren klicken auf publish, die blogsoftware schickt den text als feed raus, aber auf der website wartet er auf moderation und wird entweder nicht oder später oder redigiert publiziert.
    offenbar hat bei persönlich niemand eine ahnung, was in der blogsoftware passiert und warum… ;-)
    finde ich für ein sog. portal der kommunikationswirtschaft oberpeinlich.

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