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Beiträge vom Januar 2010

Die Angst vor der kommenden Diktatur

Januar 15, 2010 · 2 Kommentare

»Hast du keine Angst, dass wir in 10 Jahren in einer Diktatur leben und den Herrschenden dann deine politischen Ansichten bekannt sind, weil du sie auf dem Internet publizierst?«, wurde ich diese Woche beim Bier gefragt. Die Frage war eine Secondhand-Frage und der Erfinder der Frage muss, so wollen wir annehmen, Züge von Paranoia aufweisen. Dennoch hat mich die Frage nicht losgelassen.

Sie enthält, so denke ich, zwei Komponenten:

  • Ist es denkbar, dass wir (=WesteuropäerInnen) dereinst in einer Diktatur leben?
  • Muss ich mich mit dem Äußern von Ansichten und Einstellungen zurückhalten, weil mir das in der Zukunft schaden könnte?

Die erste Frage ist kaum zu verneinen. Es war in Wien 1910 wohl auch nicht denkbar, dass man einst in einer Diktatur leben würde, und in Budapest wohl noch weniger, dass sich die Diktaturen gleich die Hand reichen werden. Die Massnahmen, die verhindern, dass Demokratien zu Diktaturen werden, verblassen wohl vor den Massnahmen, mit denen Diktatoren bereit sind, Demokratien zu beseitigen. Zudem scheinen wirtschaftliche Interessen für Menschen immer vor politische Freiheit zu kommen - und die Aussicht auf wirtschaftliche Prosperität wird wohl so lange es Menschen gibt einen Anreiz schaffen, Unfreiheit zu ertragen und zu ermöglichen.

Damit wären wir bei der zweiten Frage. Hier ist die Antwort wohl eher nein. Natürlich würden wir denken, eine 15-jährige, die eine eugenische Phase durchlebt, sollte sich zurückhalten, die Abtreibung aller in ihren Augen minderwertigen Lebensformen in einem Blog zu propagieren, wenn sie dereinst eine spannende Stelle finden will. Aber ein erwachsener Mensch, dessen Ansichten sich in einem nicht-extremistischen Spektrum bewegen, der mit sich diskutieren lässt, eine gewisse geistige Flexibilität aufweist - der sollte von seinem Recht, seine Meinung äußern zu dürfen, wohl Gebrauch machen können. Sollte mir das dereinst schaden - dann werde ich dafür die Verantwortung übernehmen müssen.

Die Vorstellung, dass mir aber alles, was ich jetzt tue, schaden könnte (vielleicht verlangt die Diktatur von uns auch, dass wir alle einen Blog betreiben, und setzt drakonische Strafen für all die aus, die sich im Internet zurückhalten), ist dermassen lähmend, dass ich mich ihr momentan noch verweigern muss.

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Weg damit - Bilanz eines »Jahrzehnts«

Januar 14, 2010 · Hinterlasse einen Kommentar

Der Titel der Zeit zum neuen Jahr - ohne Kommentar, aber mit Kopfnicken. Ja, ja - weg damit.

(klicken, dann wirds größer)

P.S.: Das Jahrzehnt ist noch nicht vorbei - eigentlich…

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Die Gemeinde Vorderthal hat ein Problem: Bernhard Diethelm

Januar 11, 2010 · 8 Kommentare

Die Gemeinde Vorderthal zählt gut 1000 Einwohner und liegt im Kanton Schwyz. Ihr Problem: Gemeinderat Bernhard Diethelm ist zuständig für AHV und Fürsorge in dieser Gemeinde. Warum ist das ein Problem? Bernhard Diethelm ist passionierter Leserbriefschreiber und bemüht schon mal den Presserat, wenn seine Leserbriefe so verstanden werden, wie sie gemeint waren. (Der Presserat schmettert seine Beschwerden dann ab.) [Bildquelle: http://www.jsvp-sz.ch/]

Am Montag hat der Tagi einen Leserbrief [pdf] von Herrn Diethelm veröffentlicht. Darin schreibt er u.a.:

Da sind sie wieder, die sozialromantischen Gutmenschen – Funktionäre und Politiker, die nichts Weniger wollen, als die milliardenschwere „Sozialindustrie“ am Leben zu erhalten. Aus purem Eigennutz und unter falschen Vorsätzen schröpfen sie damit all jene, welche noch zur Arbeit erscheinen, ihre Steuern, Gebühren und Abgaben ordentlich bezahlen und dadurch diesen auswuchernden Sozialstaat erst noch finanzieren dürfen oder besser gesagt, finanzieren müssen! Absolut perfid die Vorstellung, dass auf dem Buckel der Armen derartige Forderungen gestellt werden. Letztlich geht es nicht an, dass wir diese Art von Industrie mit weiteren Steuermilliarden füttern, nur damit sich einige Wenige daran bereichern und auf lange Zeit ihren Arbeitsplatz sichern können.

Wenn jemand, der so verworren denkt, der für die Fürsorge zuständige Gemeinderat ist, dann sollte man sich zwei Mal überlegen, ob man in Vorderthal wohnen möchte. Herr Diethelm: Von Sozialleistungen profitieren alle Menschen. Es gibt nicht weniger, die sich daran bereichern, sondern viele, die darauf angewiesen sind - weil nicht alle Menschen arbeiten können. »Auf dem Buckel der Armen« werden die Forderungen von Ihnen und Ihrer Partei gestellt - denn die Armen sind die, welche Sozialhilfe empfangen, nicht die, welche mit ihren Beiträgen dazu beitragen. Erinnern Sie sich an das von Ihnen wohl geschätzte Zitat »in tiefster Not versprechen wir, einander zu helfen«. Bitte halten Sie sich an dieses Versprechen, »Eidgenosse« Diethelm.

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7 Gründe, warum ich Deutsche mag, die in der Schweiz leben

Januar 11, 2010 · 1 Kommentar

Vor einigen Tagen hat mir ein Deutscher, der mit mir zusammenarbeitet, eröffnet, wenn er Schweizer wäre, hätte er auch etwas gegen Deutsche. Auf meine Nachfrage, weshalb, meinte er, es seien zu viele und die nähmen uns, also den Schweizern, die Arbeitsplätze weg.

Anlass (neben anderen), um mal klarzustellen, warum ich Deutsche in der Schweiz eine Bereicherung finde. Ganz gründsätzlich habe ich den Verdacht, dass Deutsche, bevor sie Deutsche sind, Menschen sind. Und diese Menschen unterscheiden sich - nur weil sie die deutsche Staatsbürgerschaft haben - durch nichts von den Menschen, die einen Schweizer Pass haben. Sie mögen vielleicht einen etwas seltsamen Dialekt sprechen - aber vergessen wir nicht: Es gibt auch SchweizerInnen, die Franzözisch sprechen. Oder Italienisch. Oder Russisch.

  1. DiS (Deutsche in der Schweiz) sind mehrheitlich offener, freundlicher und hilfsbereiter als SiS.
  2. DiS verstehen mehr von Fussball als SiS - sie sind nicht einfach Fan von Werder Bremen, sondern sie kennen nebenher sämtliche Spieler der Bundesligaclubs, verstehen etwas von Taktik und können ein niveauvolles Gespräch über Fussball führen - was nicht ganz einfach ist.
  3. DiS erweitern unsere Diskussionskultur: Mal direkt sagen, was Sache ist, aber nicht persönlich, nicht empfindlich, einfach nur direkt - ist das nicht eine Kompetenz, die SiS oft guttun würde?
  4. DiS sind mobil. Sie sind bereit, mal 500 km zu einer Arbeitsstelle zu reisen, sich ein neues Umfeld zu schaffen, neue Leute kennen zu lernen. SiS oft weniger.
  5. DiS erledigen die arbeiten, für die es zu wenig SiS gibt.
  6. DiS haben oft einen tollen Humor. Sie können nicht nur lachen - sondern auch über sich selbst.
  7. DiS bringen eine neue Dimension in die Schweiz. An guten Tagen kann der Eindruck entstehen, die Schweiz sei großzügig, weit - ein Teil von Deutschland, also ein Land, in dem man am Morgen in einen Zug steigen kann und spät am Abend ankommt.

Und dann noch dies: Wirtschaftlich gesehen sind DiS ein großes Problem - für Deutschland. Es sind die am besten qualifizierten Leute, welche hier arbeiten und forschen - und für den Lebensstandard in der Schweiz enorm wichtig sind. Diese Leute fehlen in Deutschland - einem Land, auf das finanziell schwere Zeit zukommen, in denen gerade die DiS fehlen.

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Wenn Soziologen modisch und populistisch werden - Walter Hollstein

Januar 7, 2010 · 3 Kommentare

Wenn Walter Hollstein gut genug für die NZZ von gestern ist, dann ist er sicher auch gut genug für den Tagi von heute. Er ist nämlich »Männerforscher« und sagt uns, was man heute endlich sagen darf: Der Feminismus hat das traditionelle Bild von Männlichkeit zerstört - und das ist schlecht. Genau so wie man heute sagen darf, dass Europäer Muslimen kulturell und moralisch überlegen sind, ohne dass man das irgendwie begründen muss und auch nicht als rassistisch gilt, darf man offenbar wieder platt in die Geschlechterfalle tappen.

Der Soziologe Hollstein lässt sich in der NZZ zu folgender Aussagen hinreißen:

Wenn man verfolgt, wie männliche Eigenschaften in den vergangenen vier Jahrzehnten dargestellt worden sind, wird ein drastischer Perspektivenwechsel deutlich. Wurden an Männern einst Mut, Leistungswille und Autonomie gepriesen, werden diese Qualitäten heute stigmatisiert. Mut wird als Aggressivität denunziert, Leistungswille als Karrierismus und krankhafter Ehrgeiz, und aus der männlichen Autonomie ist die Unfähigkeit zur menschlichen Nähe geworden.

Mit der Formulierung von »männlichen Eigenschaften« formuliert Hollstein die naive Annahme, Männer und Frauen hätten gewisse Eigenschaften (aus biologischen Gründen?). Gerade Eigenschaften wie Mut, Leistungswille und Autonomie zeichnen sich dadurch aus, dass sie erworben werden, dass es sich um Bündel von konkreten Kompetenzen und Verhaltensweisen handelt, die man nicht entweder hat oder nicht.

Die Forderung Hollsteins (der übrigens im Tagi-Interview viel differenzierter argumentiert, ebenfalls in seinen früheren Texten in der NZZ und im Folio; z.B. so; »Das zeigt, dass soziale Botschaften manchmal stärker wirken als biologische Fakten. Und die traditionellen Rollenbilder haben wir alle stark verinnerlicht.«) ist die,

dass man sich ein Stück weit verändern müsste, weil sich die gesellschaftlichen Bedingungen verändert haben.

Mit man meint Hollenstein Männer - und wenn man hier grundsätzlich Menschen einsetzen würde, dann käme man dem Problem näher: Die Schule (und darüber lässt sich Hollstein besonders aus) sollte Kinder als Kinder behandeln, und nicht als Mädchen oder Knaben; gerade so wie man auch Erwachsene behandeln sollte. Der Staat (auch das eine Forderung Hollsteins) sollte Männer und Frauen gleich behandeln; weil Männer sich von Frauen in ihren sozial relevanten Eigenschaften nicht unterscheiden. Es gibt Männer, die aggressiv sind und solche, die sanft sind. Und es gibt Frauen, die gerne Fussball schauen und Bier trinken, und solche, welche gerne Make-Up auftragen und sich die Bikini-Zone reagieren. Und es gibt Kinder, die gerne Nintendo spielen, und solche, die lieber ein Theater mit ihren Plüschtieren aufführen. Ob es Mädchen oder Knaben sind, hat damit nichts zu tun.

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