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Beiträge vom November 2009

Wenn Demokratie scheitert - die Minarettinitiative

November 29, 2009 · 38 Kommentare

Ronnie Grob mag dem heutigen Abstimmungsergebnis nichts Negatives abgewinnen, er bloggt »augewogen« wie folgt:

So geht nun mal direkte Demokratie, und das ist auch gut so. Jetzt werden halt keine Minaretttürme mehr gebaut in der Schweiz, nun denn. Die Ausübung der Religion wird damit nach meiner Meinung nicht behindert.

Gerade hier sieht man wohl, wo das Problem bei der heutigen Abstimmung liegt. Nicht direkt darin, dass keine Minarette mehr gebaut werden dürfen. Auch nicht darin, dass ca. 30 Prozent aller StimmbürgerInnen die Minarettinitiative angenommen haben. Sondern bei den knapp 50%, die nicht einmal abgestimmt haben; weil sie vielleicht zu faul sind, weil es ihnen egal ist, ob Minarette gebaut werden oder nicht, oder weil sie nicht verstanden haben, worum es geht.

Das Problem sind auch Leute wie Ronnie Grob, die eine Meinung darüber haben, wie eine Religion, die sie selber nicht ausüben, ausgeübt werden soll. Diese Leute sind gewillt, es hinzunehmen, dass Rechte von Minderheiten in der Schweiz laufend eingeschränkt werden.

Etwas Düsteres zu prognostizieren liegt nicht fern: Raucher dürfen bald gerade mal noch zuhause und auf offenem Feld rauchen. Macht nichts - rauchen schadet sowieso der Gesundheit. Sexualstraftäter kann man verwahren, ihre Taten verjähren nicht. Macht nichts - warum sollen Sexualstraftäter Rechte haben? Muslime dürfen keine Minarette bauen. Macht nichts - wozu brauchen Muslime Minarette?

Gehen wir doch gleich einen Schritt weiter: Ausländer dürfen nur noch in zugewiesenen Zonen bauen und sollen ein bisschen mehr Steuern zahlen als Schweizer. Schwarze machen uns nachts in der S-Bahn Angst - verbieten wir ihnen doch das Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel ab 22 Uhr. Wo müssen die denn um diese Zeit noch hin? Behinderte sterilisieren wir - die wissen ja sowieso nicht, wie Sex geht, und Kinder können sie auch nicht großziehen. Schwule und Lesben dürfen keine Kinder adoptieren - ah, stimmt, das dürfen sie ja wirklich nicht…

Es braucht wohl etwas viel abstrakte Moral, um zu sehen, dass Minderheitenrechte die Basis einer Demokratie sind. Und vielleicht sogar etwas mathematisches Vorstellungsvermögen, um einzusehen, dass jede Minderheit eine Abstimmung verlieren wird, wenn die Mehrheit gewillt ist, immer mehr die Rechte Minderheiten einzuschränken. Das ist das Problem, Ronnie Grob.

Und dann noch ein Wort zu den Medien: Dass die gegen die Initiative gewesen seien, ist eine SVP-Mär. Schon allein die unselige Rolle der Tamedia liefert genug Material, um die These zu belegen, dass die Medien im Umgang mit dem Plakat und dem Thema Islam in der Schweiz Ängste geschürt und genährt haben, die letztlich zur Annahme der Initiative geführt haben: Hier nur ein Beispiel, und noch eines.

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Zur Krise der Medien - Ein Beispiel: Das Magazin

November 28, 2009 · 1 Kommentar

Die WoZ dieser Woche ist als »WoZ Spezial« erschienen - und behandelt die Krise der Medien: Eine Krise, die nicht nur durch den Einbruch am Werbemarkt entstanden ist, sondern aus mehreren Gründen zu einer Erosion journalistischer Standards und zu einer Preisgabe der Wertschätzung und des traditionellen Selbstverständnisses von Journalisten, wie Kurt Imhof im Interview mit der NZZ festgehalten hat. In einer Umfrage hat er ermittelt, dass gerade den News-JournalistInnen von Gratiszeitungen und Lokalradios klassische journalistische Werte fehlten, sie sich andererseits aber mit ihrem Beruf identifizierten, und so, wenn sie zu »seriöseren« Medien wechseln, dieser Kultur mitnehmen. Imhof bilanziert:

Das braucht es: Zunächst die Erinnerung an die uralte Einsicht der liberalen Aufklärungsbewegung, dass die Qualität der öffentlichen Kommunikation die Qualität der Demokratie bedingtes braucht auch die ebenso alte Einsicht, dass diese Aufgabe weder ein blosses Geschäft noch eine Aufgabe des Staats sein kann. Daraus folgt auf der strukturellen Seite die Reduktion der Abhängigkeit des Qualitätsjournalismus von Werbeeinnahmen, und zwar durch öffentliche Mittel und Stiftungsmittel sowie durch eine Steigerung der Verkaufspreise, durch den Abbau der Selbstkannibalisierung des Journalismus durch Gratismedien und durch die Lösung der indirekten Bindung der Einnahmen des öffentlichen Rundfunks an Einschaltquoten. Auf der kulturellen Seite ist ein gesteigertes Qualitätsbewusstsein für Journalismus aufseiten der Macher wie des Publikums Voraussetzung wie Produkt der genannten strukturellen Massnahmen.
Zurück zur WoZ. In der Analyse der sich immer mehr verschiebenden Schnittstelle PR - Journalismus bemerkt Susan Boos einleitend:
Der König hält sich Hofberichterstatter, der Diktator verfügt Zensur, und die Demokratie braucht kritischen, unabhängigen Journalismus, würde man meinen. Inzwischen ist aber vieles durcheinandergeraten wie zum Beispiel beim «Magazin» des «Tages-Anzeigers» vom 7. November. Auf dem Titelblatt sind lange Beine in Stilettos abgebildet, nur Beine, kein Kopf. Auf der nächsten Seite zwei dünne Frauen, viel Bein und Stilettos. Auf Seite drei kommt das eigentliche Titelblatt mit einem älteren Herrn in Trenchcoat, darunter das Zitat: «Auschwitz war für mich ein Gewinn.»

Das sitzt: «H&M»-Werbung verschränkt mit Auschwitz. Der ungarische Schriftsteller und Nobelpreisträger Imre Kértesz, der Auschwitz überlebt hat, muss gegen die mageren Models des Modehauses antreten – das lässt sich kaum toppen.

Doch wem fällt es noch auf?
Antwort: Mir ist das heute aufgefallen, und zwar erstens wieder auf der verdammten Titelseite (ich würde gerne eine andere Wortwahl vornehmen, aber es gelingt mir nicht: Wie kann Das Magazin die Titelseite verkaufen?):
Und zweitens beim Text von Daniel Binswanger. Zwar setzt er sich gewohnt kritisch-fundiert mit der Rolle der Schweizer Großbanken auseinander, nennt aber sowohl UBS als auch CS im Titel und siehe da - beim Stichwort »Lobbying-Offensive« platziert die CS doch auch gleich ein Inserat neben diesem Artikel. Die Frage, ob das Huhn (der Text) oder das Ei (die Inserentin) zuerst gewesen seien, drängt sich beängstigenderweise auf.
Es bleibt: Das werbefreie Internet (Kurzanleitung: Firefox installieren, AdBlockPlus installieren, Filterliste abonnieren, fertig) - bei dem zwar Artikel von Inserierenden eingekauft sein mögen - und die WoZ.
Noch ein P.S.:

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»Hot Dogs essen und Budweiser trinken« - Die Intervies von Tom Kummer

November 27, 2009 · Hinterlasse einen Kommentar

Da Miklos Gimes einen Film über Tom Kummer gedreht hat und der wohl bald zu sehen sein wird (»Kummer« wird er heißen) - darf man vielleicht noch einmal kurz auf Tom Kummers Interviews zurückkommen. Der Mann war Tennisprofi, dann in Berlin, als Berlin noch total krass war, also vor 1989, und Borderline-Journalist, hat auf Reportagen Drogen gekauft, war im Irak und so weiter - und dann in Hollywood. Als er, so beschreibt er es in seinem Buch Blow-Up, bei einem Pressjunket mit Pamela Anderson sass, konnte er mit seinen Fragen ein eine Reihe idiotischer Fragen anderer Journlisten anschließen, und das Masseninterview endete wie folgt:

Du musst doch zugeben, Pamela, die Grenzen zwischen Körper und Technologie, Realität und Fiktion sind ziemlich durchlässig geworden, oder? Eine tolle Frage, ich klopfe mir fast selbst auf die Schulter. Und Pamela sagt dann: »Die Frage verstehe ich nicht.« Und damit ist das Gespräch vorbei.

Als er dann an seinem Schreibtisch sass, wurde ihm klar: »So muss Pamela dann - die Welt erwartet das von mir - etwas so antworten:

Ich kapiere zwar nicht ganu, wovon du sprichst, aber eines weiß ich: Ich muss nicht unbedingt nach einem Sinn im Leben suchen, um glücklich zu sein. Sexsymbole zu hassen ist schick geworden, weil ja fast alle Mädchen neidisch snd und weil mich außer Tommy kein Mann bekommen kann.

Die Frage ist nun einfach: Ist das einfach ein Journalist, der auf die schiefe Bahn geraten ist, was namhafte Redaktionsleiter, unter anderem Roger Köppel, nicht bemerkt oder vielleicht doch bemerkt haben (aber nichts dagegen unternommen haben), und aus Bequemlichkeit Interviews zusammengeschrieben hat und zufällig den Effekt erzeugt, die Artifizialität von Stars und den medialen Inszenierungen von Stars überdeutlich zu machen - oder liegt da mehr vor? Sowas wie eine grundsätzliche Frage zum Verhältnis von Fiktion und Authentizität, zum Schreiben etc. (Ich tendiere eher zum ersten Ansatz: Da passiert nichts, was Baudrillard und Konsorten mit den Begrifflichkeiten Hyperrealität und Simulacrum nicht schon durchdacht hätten…)

Zurück aber zu den Interviews. Wie man sehen kann, besitze ich eine Kopie des Buches. Ich hatte es schon einmal in der ZB ausgeliehen, aber offenbar ist der Band dort verschwunden. Über AbeBooks, den besten Suchdienst für antiquarische Bücher, habe ich mir dieses Exemplar aus Los Angeles (wie treffend, ich bestelle einen dtv Band aus dem Ort, an dem Tom Kummer ihn geschrieben hat) kommen lassen:

Eigentlich sollte man es scannen und online verfügbar machen, aber eigentlich habe ich weder einen Scanner, der Bücher automatisch einscannen kann, noch die Musse, das zu tun, auch wenn ich es für richtig halten würde. Wer aber unbedingt eines der Interviews braucht, kann mich per Mail erreichen und ich kann ein pdf anfertigen.

Nun zu den besten Fragen Tom Kummers, also den Fragen, die man leider den Stars nicht stellen kann, aber gerne würde. Ein Auszug aus einem der Interviews hab ich auf dem Netz gefunden:

Stone: In archaischen und antiken Kulturen gab es nur die Verführung, keine Liebe, keine Gefühlsströmungen und auch keinen Bedarf an Psychoanalyse, die ja diesen stumpfsinnigen Mythos der Liebe lebendig hält. SZ-Magazin: Hat Verführung nicht auch immer etwas Kaltes, Berechnendes?
Stone: Ja, möglicherweise. Ich stelle den anderen Fallen, und dahinter verbirgt sich sicher ein böser Geist. Der ist aber im Kern aller leidenschaftlicher Regungen zu finden. SZ-Magazin: ? Stone: Vielleicht die Illusion. Das Kino. Das ist die Steigerung der Verführung. Ich spreche jetzt von der List, Sehnsucht nach Idealen zu provozieren und gleichzeitig zu vereiteln. Das gilt auch für eine Partnerschaft. Gibt es etwas Besseres, als immer wieder von neuem anzufangen? Wir wissen doch alle, daß das ideale Objekt sowieso nur zum Ideal werden kann, wenn es tot ist.
SZ-Magazin: Können Siegerinnen wie Sie überhaupt lieben? Stone: Diese Frage unterstellt, daß ich als Verführerin ein oberflächliches Spiel betreibe. Die Liebe wird dabei immer so furchtbar romantisch gesehen, als besonders leidenschaftlich und wahrhaftig. Ich aber halte das Ritual der Verführung für viel wahrhaftiger und viel leidenschaftlicher. SZ-Magazin: Sex als Waffe setzen Sie also nur auf der Leinwand ein, nicht in den Machtkämpfen des wirklichen Lebens? Stone: Nie! Ich ziehe die duellartige Form der Verführung vor. SZ-Magazin: Warum bloß? Stone: Weil Liebe und Sexualität auch Metaphern für Niederlagen sind. Wer siegen will, darf nicht lieben. Miß Stone sagt: „Verführet einander!“ [Quelle: Google Cache von http://www.hdbg.de/t96kauf.htm]

Weitere Fragen und Antworten, die ich mag:

[Sean Penn] Ich habe wegen Dingen rebelliert, die den meisten Menschen ziemlich egal sind. Zum Beispiel, wie man eine Zigarette absolut cool in der Hand hält.

[Sean Penn] Die politische Realität der Gegenwart interessiert mich nicht. Nur soviel: Die Waffe ist Teil der amerikanischen Kultur. Keine andere Gesellschaft ist grausamer als die amerikanische. Schauen Sie doch mal CNN. Die verzweifeln fast daran, dass in der Welt kein anständiger Krieg ausbricht.

[Pamela Anderson] Du sagst doch selber, deine Hobbys sind Tanzen und Sex? - Das stimmt nicht ganz. Ich schneide auch ab und zu die Sträucher in unserem Garten.

[Snoop Doggy Dogg] Mich interessiert nicht die Wahrheit, ich inszeniere meine Wahrheit.

[Snoop Doggy Dogg] KFC und Snoop sind das Beste, was Afro-Amerika seit der Erfindung des Kamms passiert ist. - Warum der Kamm? - Seit es den Kamm gibt, können wir unsere Haare glätten. - Und warum KFC? - Grute Kruste, sehr billig […] - Hat aber einen äußerst geringen Nährwert… - Daran denken wir nicht, wenn wir die Knöchlein sauberlecken.

[Courtney Love] Tut mir Leid, ich fühle mich deprimiert, leer, blöd. Alle meine Gedichte brennen. Minotauren fressen die Genitalien des Mondes.

[Courtney Love] Ich war acht Jahre als, als mir mein Vater LSD gegeben hat. Das war seine größte erzieherische Leistung.

[Phil Collins] Aber die Wahrheit ist doch, dass es kein solches Ding namens Liebe gibt. oder sehen Sie das anders? - Mein Herz spürt die Liebe sofot, das ist bei mir kein langwieriger Prozess. Ich kann sofort erkennen, wer mich liebt. Und ich weiss, wie ich lieben muss. Da habe ich die totale Kontrolle.

[Nicolas Cage] Tarantino hat vom wahren Leben doch keine Ahnung. Seine besten Jahre verbrachte er in einer Videothek. - Das wahre Leben findet heute im Kopf statt.

[Quentin Tarantino] Sie gelten als Realist, weil Sie so unwirkliche Filme machen. Erklären Sie doch bitte mal diesen Widerspruch. - Wir leben in einer Welt, die uns verunsichert. Weil die Wirklichkeit abgeschafft ist.

 

 

 

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Payback - Frank Schirrmacher und die brave new digital world

November 20, 2009 · 6 Kommentare

Es gibt einen Grad von Unterdrückung, der als Freiheit empfunden wird. - Heiner Müller, Quelle

In seinem an die Payback-Karte angelehnten Titel - in der Schweiz müsste das Buch »Cumulus« heißen und darf nicht mit dem brillanten Essay von Atwood über den Umgang mit Schuld und Schulden verwechselt werden - beklagt der konservative deutsche Denker Frank Schirrmacher, der (post)-moderne Mensch sei nicht mehr Herr, sondern Knecht der digitalen Arbeitsmethoden. Während er glaube, den Computer zu benutzen - benutzt der Computer eigentlich den Menschen, um es pointiert auszudrücken.

Schirrmacher führt mehrere Argumente ins Feld:

  1. Die Benutzung von Computern verändert uns physisch. Neurologische Prozesse führen zu einer Anpassung unserer Kognition an die Vorgehensweise von Rechnern, insbesondere erwerben wir die Fähigkeit zum Multitasken. Schirrmacher beschreibt im Abschnitt »Mein Kopf kommt nicht mehr mit«, dass er sich unkonzentriert fühle und vergesslich geworden sei - und wertet diese Veränderung somit negativ.
  2. Die ständige Nutzung von digitalen Medien führt zu einer Unterdrückung der Menschen, welche sie glücklich als Freiheit erleben. Wer im Internet etwas sucht, findet auch - und meint, gefunden zu haben, was gesucht worden ist. Freier Wille wird suggeriert - tatsächlich wird aber durch mächtige Instanzen gesteuert, was man findet. Auch die totale Individualität digitaler Welten (iTunes sucht das Musikprogramm, das mir als Individuum entspricht) ist nichts als die Kontrollübernahme durch diese digitalen Welten (iTunes bestimmt, was mir als Individuum zu entsprechen hat).
  3. Die mangelnden Filter im Internet führen zu einem ständig ablaufenden Entscheidungsprozess, was wichtig/unwichtig oder relevant/irrelevant sei. Diese Entscheidungen überfordern den Menschen, Sie führen zu einer »Ich-Erschöpfung« (Roy Baumeister; Entscheidungen zu fällen ist für Menschen ein Kraftakt, siehe hier). Es sei zu fordern, dass Informationen dem Hirn unterzurodnen seien - und nicht die Hirnaktivität den Informationen.
  4. Es gibt einen »digitalen Darwinismus«: »fittest« heißt heute, am besten an die Informationen angepasst, als bestinformiert, und zwar nicht im Sinne von »wichtigen«/»relevanten« Informationen, sondern den Informationen, welche nach dem »Mätthäus-Effekt« als wichtig erscheinen.

Nun wird Schirrmacher zwar als konservativer Vordenker sofort breit und grundsätzlich positiv rezensiert vom Feuilleton, erfährt aber sofort auch Kritik der »digital natives«, der Menschen, welche mit dem Internet groß geworden sind. Diese Kritik ist sehr aufschlussreich, zeigt sie doch, wie Recht Schirrmacher eigentlich hat: Tim Cole moniert, Schirrmacher sei ein »digitaler Xenophobe«, der deswegen nicht mehr mitkomme, weil er keine Ahnung von der digitalen Welt hat. Damit nimmt er ein Argument auf, das in Technologiedebatten, wie die Zeit-Rezension erhellend anmerkt, seit einigen Jahren zu einer »self-evident truth« geworden ist: Wer technische Innovationen kritisiert, versteht sie nicht, sonst würde er sie nicht kritisieren (sehr verbreitet in der Gamer-Community: Wer Killerspiele verbieten will, hat noch nie welche gespielt oder nicht richtig, denn sonst würde er Spiele nicht verbieten wollen). Weiter schreibt Cole, Schirrmacher habe ein falsches Menschenbild, weil sich Menschen nicht beeinflussen liessen und sehr gut zwischen relevanten und irrelevanten Informationen unterscheiden können; um dann ein interessanten Evolutionsargument anzufügen:

Und Schirrmacher hat zweitens keine Ahnung von Evolution. Er kann – oder will – nicht erkennen, dass Homo Sapiens sich in den vergangenen Jahrtausenden stets und immer wieder einer veränderten Kommunikations- und Informationsumgebung anpassen musste, und dass er es ganz gut gemacht hat.

Die Informationsumgebung wird also eine natürliche Umgebung gesehen, an die sich der Mensch anzupassen hat - und nicht mehr als eine kulturell erschaffene Umwelt, welche auch verändert werden könnte (im Rahmen einer Anpassung, vielleicht). Die digitale Welt ersetzt also eine selektive Natur: Was nichts anderes als eines von Schirrmachers Argumenten ist, dass sich der Mensch der Technik untergeordnet hat und weiter unterordnen wird.

Soviel zur Kritik der Kritik, die mir im Moment noch sehr dünn erscheint. Nun aber zur Kritik an Schirrmacher noch meine Begegnung mit seinem neuen Buch:

  1. Ich lese meine Tweets (nicht Tweeds, ein offenbar peinlicher Schreibfehler in Schirrmachers Buch) und stosse auf diesen von @Zeitonline_all:
  2. Ich lese auf meinem iPhone unterwegs die Zeit-Rezension.
  3. Ich lese auf meinem Laptop auf dem Weg zur Arbeit (nächster Tag) die Renzension in der Süddeutschen Zeitung sowie Blogeinträge zu Payback.
  4. Ich drucke wichtige Texte aus und bearbeite sie mit dem Bleistift, ich lese sie also linear, wie Schirrmacher eine seiner Meinung nach gefähredete Tätigkeit bezeichnet:
  5. Ich schreibe den Blogpost, ohne auch nur in dem Buch gelesen zu haben.

Das mag nun problematisch erscheinen, hat aber auch Vorteile, es ist ein modernes Vorgehen. Es scheint mir ausgewogen, mehrperspektivisch zu sein, es ist eine effiziente Art zu Arbeiten, welche nicht obeflächlich ist, aber oberflächlich sein könnte. Und nebenbei habe ich Tweets gelesen, welche völlig sinnlos und irrelevant waren und auch solche Blogeinträge; ich verfüge aber über eine relativ gute Filterkompetenz.

Fazit: Das Diktat der Technik ist eine realistische Gefahr. Die Technik kann aber auch gegen sich selbst gewendet werden oder dazu benutzt werden, die drohende Gefahr zu mildern oder abzuwenden, weniger, aber wichtigere Entscheidungen von uns zu verlangen. Und die Technik hat uns nicht zur Konsumenten und Rezipienten gemacht, sondern auch zu Produzenten (wie ich hier). Steven Pinker, der amerikanische Populärpsychologe, hat gesagt, man solle, wenn man das Internet (Facebook etc.) kritisiere, mal darüber nachdenken, worüber man denn bei einem Abendessen am Familientisch so rede:

I mention this because so many discussions of the effects of new information technologies take the status quo as self-evidently good and bemoan how intellectual standards are being corroded (the ‘google-makes-us-stoopid’ mindset). They fall into the tradition of other technologically driven moral panics of the past two centuries, like the fears that the telephone, the telegraph, the typewriter, the postcard, radio, and so on, would spell the end of civilized society.

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Yvette Estermann - nur kurz durchgeklickt

November 19, 2009 · 3 Kommentare

Auf der Suche nach Ablenkung sucht man »alte Bekannte auf« - im geheimen Wissen, dass man sich zwar amüsieren wird, aber viel wahrscheinlicher auch in eine Rage geraten wird, welche dann zu einem Blogeintrag führt. So geschehn beim Besuch bei Yvette Estermann, oder »Yvette«, wie man sie in Kriens nennen darf (die Frage ist, wie man diese Anführungszeichen ausspricht).

»Yvette« kennen wir, weil sie als Impfgegnerin und Ärztin ein paar Dinge durcheinandergebracht hat. Im Herbst dieses Jahres beschäftigt sie sich nun mit folgenden Themen:

  • vor jeder Session soll durch die ParlamentarierInnen die Nationalhymne abgesungen werden, wohl wegen diesem Vers: »Lasst uns kindlich ihm vertrauen!« oder denen: »In des Himmels lichten Räumen /
    Kann ich froh und selig träumen!«
    Auf jeden Fall wurde ich kürzlich in einer Diskussion über die U17-Nationalmannschaft (offenbar sind wir Weltmeister) und meine Verstörung darüber, dass die auch die Nationalhymne singen, aufgefordert, doch a) etwas tolerant und b) mit mal mit dem Inhalt auseinanderzusetzen. Da ich a) bin, aber nicht gegenüber Poppatriotismus und b) schon getan habe, habe ich mich andererseits gefragt, wer denn dieses Gebet heute wirklich noch ernthaft aufsagen oder singen will. Und die Antwort lautet: Yvette Estermann.
  • Minarette sollen verboten werden (auf Frau Estermanns »Gründe« mag ich nicht eingehen, wahrscheinlich, weil sie eine fundamentalistische Christin ist)
  • Frau Estermann hat den Eid des Hippokrates abgelegt:

    Als Ärztin habe ich seinerzeit den Hippokrates-Eid abgelegt, welcher auch meine politischen Entscheidungen für immer beeinflusst hat: „ …Ich werde niemandem, auch auf eine Bitte hin, ein tödlich wirkendes Gift geben und auch keinen Rat dazu erteilen. Gleicherweise werde ich keiner Frau ein frucht-abtreibendes Mittel verabreichen … “

    So kann man natürlich durchaus argumentieren: Abtreiubung und Sterbehilfe sind des Teufels - weil Hippokrates das schon gesagt hat. Oder die Bibel. Oder beide. Oder irgend ein anderer Text, Hauptsache, wir müssen uns das nicht mehr überlegen. Der Eid des Hippokrates sagt u.a. auch, Frau Estermann:

    Ich werde nicht schneiden, sogar Steinleidende nicht, sondern werde das den Männern überlassen, die dieses Handwerk ausüben.

     

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Was wir in zwei Wochen hören werden… - Abstimmungen und Rhetorik

November 14, 2009 · 40 Kommentare

Abstimmungssonntag - Gelegenheit für rhetorische Spezialtricks. Was wir hören werden - und was damit eigentlich gemeint sein wird.

  1. »Das Schweizer Stimmvolk…« - Dazu nur Brecht (1935):

    Wer in unserer Zeit statt Volk Bevölkerung sagt [...], unterstützt schon viele Lügen nicht. Quelle

  2. »Die x %, die für die Minarettinitiative gestimmt haben, geben uns den Auftrag, die wachsende Islamisierung…« - Gemeint ist: Die x% sind auf unsere Propaganda reingefallen.
  3. »Die Ablehnung der Minarettinitiative zeigt, dass die Schweiz ein tolerantes Land ist, welches die Religionsfreiheit hochhält.« - Gemeint ist: Zum Glück ist noch keine Mehrheit der Abstimmenden latent fremdenfeindlich und islamophob eingestellt, sondern nur eine Minderheit.
  4. »Die Ablehnung der GSoA-Initiative drückt das Vertrauen des Volkes in die Schweizer Industrie aus.« - Gemeint ist: Irgendwie haben wir es geschafft, eine Abstimmung zu gewinnen, ohne »Waffenexport« sagen zu müssen.
  5. »Wir werden weiterhin Vorschriften strikt durchsetzen in Bezug auf Exporte.« - Gemeint ist: Wir werden weiterhin verdrängen, dass Leute andere Leute mit unseren Waffen totschießen werden, ohne dass wir den geringsten Einfluss darauf hätten, wie, wo und weshalb.

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#Twitter - Eine Anleitung und eine Bilanz

November 10, 2009 · 4 Kommentare

Es ist der 12. März 2009. Schon lange habe ich von diesem Twitter-Ding gehört, nie genau verstanden, wozu man es brauchen könnte, und nun beginne ich also damit. Wie ich schon mit

  • Hattrick
  • MSN (heute Windows Live)
  • Bloggen
  • RSS-Reader
  • Facebook

begonnen habe: Mal sehen, ob das was taugt. Was also taugt Twitter?

Eine Anleitung

Man braucht:

  1. Einen Account auf Twitter.com, meiner heißt http://twitter.com/kohlenklau, weil ich mich früher schon einmal mit phwampfler angemeldet habe und und und.
  2. Ein mobiles Gerät, auf dem man entweder per Browser oder (besser) per Applikation auf Twitter zugreifen kann, in meinem Fall Tweetie. (Nach Versuchen mit anderen Apps.)
  3. (fakultativ) Auf dem Laptop oder Desktop ein Tool, mit dem man auf Twitter zugreifen kann (damit man im Browser nicht immer ein Fenster offen halten muss); ich benutze nun auch Tweetie, habe aber auch Twitter für Growl installiert, so dass ich alle Tweets angezeigt bekomme (mühsam, mit der Zeit, da der ganze Bildschirm gefüllt wird, wenn man den Computer aufweckt.)

Man macht damit:

  1. Man schreibt Tweets, d.h. Meldungen mit einer Länge von 140 Zeichen. Man kann sie sich als eine Art öffentliche SMS vorstellen, obwohl man auch private Nachrichten verschicken kann. Optional kann man vom mobilen Gerät aus Geotags anhängen, d.h. Koordinaten des momentanen Aufenthaltsortes, Bilder und sogar Videos. Der ganze Dienst wird auch Microblogging genannt, die Tweets werden verstanden als Blogposts im kleinen Umfang. Zusätzlich kann man eine Art Indexsystem benutzen, indem man Begriffe mit einem Hashtag kennzeichnet, wie #twitter im Titel dieses Posts. Üblich sind Links auf größere Texte, z.B. Blogposts, welche mit Mikrolinks verlinkt werden (z.B. TinyURL oder bit.ly) - um Zeichen zu sparen. Zum Inhalt der Tweets weiter unten.
  2. Die Tweets werden von Followers gelesen, also von Leuten, welche meine Tweets abonniert haben und sie angezeigt bekommen. Man kann sich direkt an einen Follower richten, indem man ihn mit @dougthehead in den Tweet aufnimmt.
  3. Man selber ist natürlich auch Follower und abonniert so die Tweets anderer Twitternden. (Falls man sich fragt, was twittern eigentlich heißen soll: Zwitschern. Deshalb tauchen auch Comicvögel häufig auf.) Diese Tweets liest man dann; verbreitet sie weiter, indem man sie re-tweetet (Syntax: »RT @kohlenklau …« wobei … für den Inhalt des Originaltweets steht) oder antwortet mit @kohlenklau darauf.

Und was bringt das?

Welche Funktionen hat Twittern bzw. das Lesen von Tweets?

  1. Unterhaltung und Öffentlichkeit. Man twittert Witze, Kuriositäten und Beobachtungen aus dem Alltag, demonstriert seine Medienkompetenz, bleibt im Gespräch. Gleichzeitig veröffentlicht man viele (harmlose) Aspekte seines Privatlebens, genau so, wie man das mit einer Facebook-Statusmeldung tut (man kann natürlich Tweets auch automatisch als FB-Statusmeldung anzeigen lassen, m.E. am besten mit Selective Twitter Status).
  2. Publizieren von Informationen. Als Blogger twittert man jeden neuen Blogeintrag (auch hier gibt es Tools, WordPress kann das automatisch, zuvor habe ich Twitterfeed benutzt). Zeitungen twittern ihre Meldungen mit Links zu den Artikeln (z.B. twitter.com/nzz), aber auch Homepages, Firmen etc. benutzen Twitter als Social-Media-Anbindung, über die Kunden und Interessierte informiert werden. Als Leser kann man also so den RSS-Reader eigentlich ersetzen.
  3. (Zielgerichtete Kommunikation). Die Klammern deuten an, dass diese Funktion eingeschränkt genutzt wird und funktioniert. Beispielsweise hat twitter.com/phogenkamp schon per Twitter jemanden gesucht, der zu einer bestimmten Zeit vom Stauffacher zum Bahnhof fährt - und auch gefunden. Man könnte so eine Art ortsgebundene Kommunikation ermöglichen, man kann auch nach Tweets aus einer bestimmten Region suchen und sich die auf einer Karte anzeigen lassen. Andererseits könnte man eine Art SMS an mehrere Menschen versenden, z.B. eine Einladung.

Offene Fragen

Ob sich der Aufwand lohnt, wage ich im Moment zu bezweifeln. Wenn man Vergnügen an derlei Dingen hat, sich ab und zu von Tweets ablenken lassen will - dann schon. Sonst kaum. Folgende Fragen sind für mich noch offen:

  1. Wie schafft man es, den richtigen Twittern zu followen - und wie tut man das? Twitter hat Listen eingeführt, mit denen man mehr Leute finden sollte, die interessante Tweets posten. Aber schon nur das Followen von 50 Twittern wird enorm zeitraubend und unübersichtlich - wenn man denn alle Tweets liest. Andererseits: Was bringt das Lesen, wenn man es selektiv tut? Wie oft aber soll man es tun? Etc.
  2. Filterfunktionen. Twitter müsste Informationen filtern lassen, so dass man nur liest, was man lesen will (ähnlich wie Facebook das tut). Unklar ist, ob das technisch möglich ist?
  3. Wie twittert man richtig? Was interessiert die Follower? Soll man - wie twitter.com/thomashutter - redundant twittern und Tweets wiederholen, oder nicht? Soll man sich eine Linie zulegen und seriös twittern, oder indiskret (wie twitter.com/promiskuitaet) oder nur privat, oder alles mischen?

Und ein Tipp

http://twitter.com/SibylleBerg - Sibylle Berg mag ich ohnehin, aber sie twittert auch sensationell. Und hier noch ein toller Text von ihr:

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Herbstserie: Worüber man in der Schweiz sprechen sollte. Teil 5 (Schluss): Milizsystem

November 3, 2009 · Hinterlasse einen Kommentar

Die Haltung, dass politische Ämter von Berufstätigen ausgeübt werden können, entspricht der Haltung, dass das Entsorgen von Altpapier von Jungwacht und Blauring erledigt werden könne: Nämlich, dass es sich um Arbeiten handelt, für die es keine spezifische Ausbildung brauche (oder gar Eignung), sondern dass prinzipiell jede(r) diese Aufgaben übernehmen könne. Diese Haltung drückt ein urdemokratisches Vertrauen in die Bürgerin und den Bürger aus - würde die Weltwoche sagen. Sie drückt aber auch die Ignoranz gegenüber den heutigen Verhältnissen aus: Längst sind viele PolitikerInnen dafür ausgebildet, weil sie Juristen sind oder eine ähnliche Laufbahn hinter sich haben. Und sie drückt auch eine Art mangelnde Wertschätzung für diese Berufe aus.

Viel darüber zu sagen habe ich nicht - nur: Man sollte sich Gedanken machen, ob und weshalb das Milizsystem ideal ist. Natürlich sollen nicht Entscheidungen von einer Art dafür ausgebildeten Elite gefällt werden: Andererseits können Aufgabenbereiche professionalisiert und durch eine sinnvolle Personalpolitik langfristig besetzt und kontinuierlich bearbeitet werden.

Die Serie bricht hier ab, um von einer neuen ersetzt zu werden: Auch, weil meine Vorschläge offenbar immer ein paar Tage zu spät kommen und ich es versäumt habe, die Themen schon vorgängig anzukündigen. So, genug des Selbstmitleids.

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