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Beiträge vom Oktober 2009

Herbstserie: Worüber man in der Schweiz sprechen sollte. Teil 4: Entwicklung und Ideale

Oktober 30, 2009 · 1 Kommentar

Das Verhältnis politisierender, diskutierender, nachdenkender Menschen (ich habe das Wort Intellektuelle mal vermieden) zur Schweiz misst die Schweiz häufig an einem Ideal, das in der Vergangenheit verortet wird, an einer Idee der Schweiz, die vielleicht einmal existiert hat, der die Schweiz entsprechen sollte, und von der aus man die heutigen Zustände kritisieren kann. Trotz aller Kritik leben ja Schweizer Künstler nur so lange in Berlin und New York, wie diese Städte eine Funktion in ihrer künstlerischen Biographie haben; und auch Intellektuelle kaufen sich dann mal schnell eine Wochenzeitung, wenn es Ihnen in der weiten Welt nicht mehr gefällt. (Das mit der Welt war ein Wortspiel, schon wieder). Es ist nicht ein Exodus, wie er in Berggemeinden stattfindet, wo man sich nicht entfalten kann, sondern eine halbherzige Kritik, im Wissen darum, dass man immer schnell mal zwei Monate an einem a) hippen, b) exklusiven, c) rückständigen, d) exotischen etc. Ort verbingen kann, um dann zurückzukommen und alles irgendwie ungut zu finden, aber doch gut genug, um dazu eine Meinung zu haben.

Diese allgemeine Einleitung soll eigentlich nur sagen: Man könnte auch in die Zukunft denken. Sich überlegen, wie denn der Ort aussehen wollen, für den wir uns einsetzen wollen. Was möglich sein könnte, ohne dass es das schon einmal gegeben hat. Welche Vorstellungen wir umsetzen möchten. Was mit der Schweiz passieren könnte (es muss nicht die Schweiz sein, einfach der Ort, an dem wir leben, oder an dem wir leben möchten).

Nun würde ich am liebsten einfach damit schließen, dass man das doch mal beim Raclette diskutieren solle, oder in der Zigarettenpause. Aber dann wäre ich dem Vorwurf ausgesetzt, mit das noch nie überlegt zu haben, und natürlich stimmt das nicht; und so folgen hier noch zwei Gedanken:

  • Grundeinkommen. Die hier verfügbaren Informationen (insbesondere der Film) zeigen, dass diese Idee nicht eine staatliche Lösung ist, welche mehr Belastungen für Leistungsfähige schafft - sondern dass damit eine Reihe zentraler Entwicklungsideen verbunden sind, welche z.B. die Rolle der Arbeit beleuchten (es gibt zu wenig Arbeit für alle - und das wäre eigentlich gut), die Situation der Versorgung (wir meinen nur, wir versorgten und selbst), die Möglichkeiten eines einfachen, gerechten Steuersystems; eines Gesellschaftsentwurfs, der familienfreundlich ist, der die individuellen Lebensentwürfe von Künstlern fördert, das Nachdenken über Leistung ermöglicht etc. Über Grundeinkommen müsste mehr gesprochen werden.
  • Ein Ort, der für alte/ältere Menschen geeignet ist. Immer mehr Menschen werden alt oder älter sein - und vieles entspricht nicht den Bedürfnissen alter Menschen. Grundsätzlich weiß ich ziemlich wenig über diese Bedürfnisse: Aber man könnte sicher einiges darüber erfahren, wahrnehmen und umsetzen. Wenn Menschen mehr als 20 Jahren als Pensionierte leben, dann muss es Lebensformen geben, welche diesen Menschen das Gefühl geben, sie gehören als wichtige Bestandteile zur Gesellschaft. Darüber - so finde ich - lohnte es sich zu sprechen.

 

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Addenda am Montagabend - das Intellektuellendebättchen und Bastien Girod

Oktober 26, 2009 · 1 Kommentar

Natürlich geht so ein Montag nicht vorbei, ohne dass es mehr Stoff gäbe, über den man einfach bloggen muss, wenn man ein »total verzagter Denker« ist, der in seinem Blog »kindliche Größenfantasien« hegt. Und damit wären wir schon bei:

  1. Peter Schneider, Simone Meier: Intellektuelle revisited.
    Seit der Intellektuellenrangliste (siehe hier und hier) scheint das Thema Intellektuelle bzw. das Bashing Intellektueller ein Thema zu sein. So befragt Simone Meier dazu Peter Schneider, der die Schweizer Intellektuellen pauschal als » autoritätssüchtig und anbiedernd« betitelt, die ihren »Status« »als staatspolitisches Amt« betrachteten und in »ewiges identitätspolitisches Hyperventillieren« verfielen, weil sie pausenlos die Schweiz kritisierten und sich um ihr Bild im Ausland kümmerten. Dazu gibt es nur zwei Dinge zu sagen:
    a) Wenn man die Schweizer Intellektuellen deswegen kritisiert, weil sie ständig die Schweiz kritisieren - ist man dann ein Barbier, der sich selber rasiert oder nicht? (Und wer das nicht versteht, ist natürlich kein Intellektueller und schon gar keine Intellektuelle. Aber Google hilft.)
    b) Simone Meier sollte einen Preis für die beste Frage der ersten Herbstwochen erhalten und zwar für diese Einleitung (anzumerken ist, dass der Tages-Anzeiger nicht nur das in der Passivformulierung weggelassene Subjekt ist, sondern auch das Online-Ranking veranlasst hat, bei dem »ausgerechnet« R.K. gewonnen hat):

    Das Fazit dieser ersten Herbstwochen scheint aus der Kulturwarte einigermassen trüb: Intellektuelle werden mal wieder geprügelt und bewertet, und laut einem Online-Ranking soll ausgerechnet Roger Köppel der wichtigste Schweizer Intellektuelle sein. In was für einem Land leben wir eigentlich?

  2. Bastien Girod meldet sich zu Wort.
    Populist Girod steht im Rampenlicht - und was läge ihm ferner, als sich auszuschweigen oder für sein unprofessionelles Vorgehen zu entschuldigen? Er sagt im Newsnetz-Interview:

    Vielleicht wäre das [Fachtagung zum Thema Migration, phw] ein guter Ort gewesen, das kann schon sein. Es müsste ja das Ziel sein, dass man darüber [Beschränkung der Migration] redet. Aber wenn wir unsere Ideen dort vorgestellt hätten, hätte das hohe Wellen geworfen. Man hätte über nichts anderes mehr geredet. Das wollten wir nicht. […] Es ist nicht unbedingt angenehm, ein solches Anliegen zu thematisieren. Im Gegenteil, es ist ziemlich anstrengend. Aber ich hoffe, dass wir die parteiinterne Diskussion mit unserer Aktion beschleunigen.

    Und ich habe schon gemeint, das Zuspielen eines Positionspapiers an die Sonntagspresse werfe hohe Wellen. Wie gut dass Herr Girod diese anstrengende Arbeit auf sich nimmt, einer klar positionierten Partei eine Diskussion über ein Thema aufzubürden (okay, beschleunigt aufzubürden), über das eine Partei nicht diskutieren sollte, wenn ihre Mitglieder das Programm verstanden haben und dahinter stehen. Ich wiederhole meine Forderung: Nicht nur mit diesem Kommunikationsstil, auch mit diesen Inhalten sollte sich Herr Girod einen Parteiwechsel gut überlegen.

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Kuriositäten am Montagmorgen - Von Grünen, Autos und Hasspredigern

Oktober 26, 2009 · 1 Kommentar

Es ist zwar heller am Morgen - aber offenbar ist das nur ein Wetterphänomen und hatte noch keinen Effekt denkende Menschen:

  1. Bastien Girod.
    Natürlich ist der Zürcher Beau der Grünen auch ein Intellektueller. Und ein begnadeter Kommunikator. Und ein Populist. Anders kann man es sich nicht erklären, dass er
    a) zusammen mit Yvonne Gilli ein Positionspapier entwickelt, in dem eine Beschränkung der Migration als eine Massnahme für die Erhaltung der Lebensqualität in Erwägung gezogen wird
    b) dieses Papier dem Sobli zuspielt
    c) mit dem Titel »Einwanderung bremsen!«dort auch erscheint.
    Damit darf er gerne den Wechsel zu den Grünliberalen in Erwägung ziehen - von der grünen Basis sollte er wohl keine Stimmen mehr erhalten.
  2. Die Freiheitspartei Autopartei
    Was ich in Blogeinträgen schon oft gesehen habe, sind durchgestrichene Wörter. Den Effekt wollte ich auch mal einbauen: Voilà.
    Die Partei hat schnell den Namen gewechselt, weil man als Freiheitspartei kaum Minarette verbieten lassen kann. Die offizielle Argumentation hat irgendwas damit zu tun, dass Autofahrer als »potenziell Kriminelle« behandelt würden. Das Problem bei dieser Argumentation: Autofahrer sind potenziell Kriminelle. Auch Jean Ziegler ist ein potenziell Krimineller. Auch ich bin ein potenziell Krimineller. Und so werde ich auch behandelt, also kann das nicht wirklich der Grund sein.
  3. Der Tages-Anzeiger
    Die Anbiederungspolitik bei der Zielgruppe des Boulevards geht konsequent weiter: Mit einem Artikel, der aus der Feder einer der Weltwoche-Edelfedern (auch Wortspiele wollte ich mehr machen) stammen könnte, wird in bester Verschwörungstheoriemanier die drohende Radikalisierung von Muslimen beschworen: Hassprediger in Schweizer Moscheen. Die Argumentation läuft so: Gerade weil Muslime (außer »Ali Tunali, ein 42-jähriger Slawist, Taxifahrer und Dolmetscher«) leugnen, dass eine Radikalisierung stattfindet, findet sie wohl statt. »Wahhabitischen Glaubenssätze« wie ein Verbot des Musikhörens und ein Wachsenlassen des Bartes mit rasiertem Schnauz sind denn auch (natürlich versteckt) immer mehr zu beobachten. Gerade weil es scheint, viele Moslems hörten Musik und hätten sich rasiert, muss man annehmen, dass sie insgeheim doch keine Musik hören und sich einen Bart wachsen lassen, ergo Fundamentalisten sind.
  4. Cédric Wermuth vs. Doris Leuthard
    Während Wermuth eine mediale Kampagne scheinbar unbeschadet überstanden hat und in den Einwohnerrat in Baden gewählt worden ist, reagiert Doris Leuthard im Sonntag auf der Metaebene auf das Bluthändeplakat; und meint wohl, »guter Geschmack«und eine »integrierende Politkultur« beinhalteten, Waffenexporte aus wirtschaftlichen Gründen nicht als Blutvergießen darzustellen:

Seit mehreren Jahren werden politische Themen personalisiert, emotionalisiert und visualisiert. Das ist legitim, führt aber leider immer wieder zu Aktionen, die die Grenzen des guten Geschmacks überschreiten. Das untergräbt letztlich eine lebendige, integrierende Politkultur. [Quelle]

    Wermuth hingegen hat gesagt, das Plakat meine »wortwörtlich« das, was es darstelle (während beispielsweise bei dem Minarett-Plakat immer gesagt wird, es zeige eben nicht das, was es darstelle) - und dagegen einen Einwand außer den »guten Geschmack« zu finden, ist wohl schwierig. Schwierig ist es auch, mit »gutem Geschmack« über Waffenexporte zu sprechen.

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Lehrer als Diebe - wenn Verlage jammern

Oktober 23, 2009 · Hinterlasse einen Kommentar

20Minuten betitelt diese Woche Lehrer als Diebe:

Die dahinterliegende Story (wenn es denn eine wäre) ist diese: Der Verband der Schweizer Buchhändler und Verleger, SBVV, hat in einer Kampagne darüber informiert, dass in Schulen »fair kopiert« werden soll und fair-kopieren.ch ins Netz gestellt. Dort präsentieren Sie vier Regeln, von denen hier zwei abgebildet sind:

Problematisch sind dabei drei Punkte:

  1. Legen die Verlage die bestehenden Rechtsnormen einseitig aus. Die Erlaubnis für Lehrpersonen, »Ausschnitte« zu kopieren, ist rechtlich nicht definiert und bezieht sich nicht auf Ausschnitte, die weniger als ein Kapitel umfassen. Ausschnitt, so könnte man denken, heißt alles, was weniger als ein ganzes Buch ist. So lange es dazu kein Gerichtsurteil gibt, kann auch davon ausgegangen werden. Ebenso darf eine Zusammenstellung einer anderen Lehrperson übergeben werden, wenn die diese auch für den Unterricht braucht - diese Grenze ist ebenso willkürlich wie die erste.
  2. Der Gemeinsame Tarif (insbesondere GT 7 und GT 8) regelt die Nutzung urheberrechtsgeschützter Materialien durch Lehrpersonen und Kopiergerätebenützer. Für jede gemachte Kopie in der Schweiz und für jeden Schüler werden pro Kopie resp. pro Kopiergerät resp. pro Schuljahr Gebühren über die Pro Litteris eingezogen und an die Besitzer der jeweiligen Rechte verteilt. Es ist also nicht so, dass eine Kopie Diebstahl wäre, vielmehr werden auch für Kopien Urheberrechtspauschalen bezahlt (und zwar teilweise mehr, als der Anteil des Urheberrechts bei einer Publikation ausmacht).
  3. Die Verlage bemänteln in diesem Bereich ihr unethisches Vorgehen: Sie verdienen in einem Bereich, wo es sinnvoll wäre, Materialien nicht als Bücher zu publizieren, sondern sie zum Download anzubieten, so dass sie unterrichtsspezifisch genau eingesetzt werden könnten. Da die Verfasser dieser Lehrmittel ohnehin kaum dafür entschädigt werden oder aber diese Entschädigung teilweise direkt von den Kantonen beziehen, könnte man in diesem Bereich die Verlage als Player einfach ausschalten, Lehrmittel herstellen lassen nach Bedarf und sie danach - da sie ohnehin quasi-staatlich bezahlt werden - der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen.

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Minarette, revisited: Diesmal Scheinargumente

Oktober 21, 2009 · 2 Kommentare

In der Diskussion um die Anti-Minarett-Initiative gibt es eine Reihe von Scheinargumenten, über die man nicht mehr diskutieren sollte. Hier sind sie – und warum…

1. Nein: »Das Ansehen der Schweiz…«
Dieses Argument sagt einerseits, man könnte schon Ja stimmen, wenn dies das Ansehen der Schweiz im Ausland nicht gefährden würde, andererseits ist es völlig irrelevant: Das Ansehen der Schweiz wurde jahrzehntelang geschädigt, als man die kriminell erwirtschafteten Vermögen der meisten Diktatoren dieser Welt in der Schweiz freudig entgegennahm, was niemanden gestört hat, warum sollte das jetzt plötzlich ein Argument sein? Zudem führt dieses Argument implizit zu einer Bejahung des Zusammenhangs von Minaretten und (terroristischen) Islamisten, welcher ungefähr gleich groß ist wie der zwischen Kirchtürmen und pädophilen Priestern.

2. Ja: »In Deutschland…«
In Deutschland ist die Steuerbelastung doppelt so hoch wie in der Schweiz. In Deutschland wird passables Pils gebraut. In Deutschland kann man auf dem Bahnsteig Müll trennen. Und was hat das mit der Schweiz zu tun?

3. Ja: »Es geht gar nicht um Minarette, sondern…«
Warum stimmen wir denn über Minarette ab? Es geht um Minarette. Dass die vielleicht Symbole für etwas ganz anderes sind (z.B. männliche Geschlechtsorgane) mag stimmen – ist aber völlig irrelevant. Wenn man den Islam in der Schweiz verbieten will, dann soll man darüber abstimmen, und nicht über Minarette.[Bildquelle: ncbi.ch]

4. Ja: »In X würden sie uns auch keine Kirchen bauen lassen.«
Dann sollte man vielleicht nach X ziehen, PolitikerIn werden und etwas an den Zuständen ändern, wenn es einem wichtig ist, dass es in X Kirchen gibt. Implizit heißt dieses Argument, dass die Zustände in X ein Ideal für die Zustände in der Schweiz sind.

5. Noch einmal ja, oder jein: »Eigentlich sollte man alle sakralen Gebäude/Türme verbieten, das Geläute von Kirchtürmen nervt mich schon lange…«
Kein wirklich guter Grund, um mit Minaretten zu beginnen, von denen es ca. 5 gibt. Und ganz ehrlich: Warum soll man Gebäude aufgrund ihrer Funktion verbieten?

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Herbstserie: Worüber man in der Schweiz sprechen sollte. Teil 3: Sport- und Kulturförderung.

Oktober 20, 2009 · 2 Kommentare

Wenn man Künstlern oder Kulturschaffenden, Sportlern oder Trainern zuhört, dann hat man damit zu rechnen, dass sich die betreffenden bald über zu wenig staatliche Förderung für ihr spezifisches Betätigungsfeld beklagen, oder die Verteilung als ungerecht charakterisieren (natürlich zu ihren Ungunsten).

Daraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen:

  1. Es stehen zu wenig Mittel für Sport- und Kulturförderung bereit.
  2. Die Verteilprozesse der Mittel sind problematisch.

Bevor auf diese beiden Schlüsse eingegangen werden soll, kann man sich zunächst grundsätzlich die Frage stellen, warum es Aufgabe des Staates sein soll, mittels Steuergeldern Sport und Kultur zu fördern. Diese Frage wird in meiner Wahrnehmung meist in kulturellen Kontexten diskutiert, und zwar ungefähr so: »Kulturinstitution X erhält jährlich Betrag Y, obwohl nur Z Zuschauer sie besucht haben.«

Das führt zum Paradox der Kulturförderung: Sollen Angebote unterstützt werden, welche einen gewissen kommerziellen Erfolg haben (und deshalb nicht so auf die Unterstützung angewiesen sind), oder eben gerade solche, die keinen kommerziellen Erfolg haben (dann aber gefördert werden und ein kleines Publikum ansprechen)? Damit wären wir beim Punkt 2.: Bei den Verteilprozessen.

Warum ein demokratischer Staat Kultur fördern soll, kann man leicht beantworten: Sie ermöglicht eine differenzierte Meinungsbildung.

Bei der Sportförderung ist ein anderes Paradox zu beobachten: Sportförderung, würde man denken, sollte der Gesundheit der Sporttreibenden dienen; also dem Breitensport. Tatsächlich werden aber große Teile der Mittel für Förderung von Spitzensportprogrammen eingesetzt. Abgesehen von einer Vorbildwirkung für die Breite, welche aber nur Trends von der einen Sportart hin zu einer anderen begründet, ist nicht einsichtig, was an Spitzensport gut sein soll. Nur ein Beispiel: Ariella Kaeslin ist mit 22 Jahren eine täglich leidende Frau - aber Vizeweltmeisterin.

Ein weiteres Problem scheint die Unübersichtlichkeit der verschiedenen Förderstellen sein: Sowohl die Vielzahl der fördernden Institutionen als auch die unterschiedlichen geographischen Zuständigkeitsbereiche (Kantone, Gemeinden etc.) lassen bei der Förderung keine Linie erkennen. Der Vorteil ist andererseits, dass auch auf lokaler Ebene Projekte mit wenig Mitteln gefördert werden können.

Eine Lösung bzw. einen Vorschlag zu finden, in welche Richtung am die Förderung durchdenken könnte, ist nicht ganz einfach. Dennoch präsentiere ich einen, der auch gewisse Schwächen haben mag: Es orientiert sich an der Tatsache, dass ich zwar bei einem Theaterbesuch 40 Franken zahle, der Besuch tatsächlich aber vielleicht 100 Franken oder mehr kostet, mir aber die Beiträge der Kulturförderung nicht deutlich werden (genau so wenig bei einem Fussballmatch oder einem Schweizer Film, der im Kino läuft).

Würde man nun einen großen Teil der Sport- und Kulturförderung direkt den Bewohnern der Schweiz überlassen, könnte man in diesem Bereich mehr Transparenz schaffen - und es vermeiden, dass Gremien solche Entscheide fällen müsste. Wie könnte das gehen? Jede gemeldete Bewohnerin und jeder Bewohner der Schweiz erhält eine Kreditkarte für Kultur und Sport mit zwei separaten Guthaben (entweder in Franken oder in Punkten); unter Umständen mit unterschiedlichen Guthaben je nach Wohnort (-kanton) und Altersgruppe (Kinder, Erwachsene, Senioren). Jeder kulturelle Betrieb und jeder im sportlichen Bereich tätigen Betrieb kann - sofern er gewisse Auflagen erfüllt - solche Guthaben einfordern; zusätzlich zu einem Eintrittspreis, also etwa: Ich zahle im Hallenbad 5 Franken Eintrittspreis und müsste zusätzlich 5 Franken Sportguthaben springen lassen (die könnte ich aber eventuell auch aus eigenem Sack bezahlen, wenn ich das wollte), könnte aber die 5 Franken auch dem FcZ für seine Juniorenausbildung spenden, oder Ariella Kaeslin. Meine 10 Franken Kulturguthaben kann ich entweder beim nächsten Schweizer Film an den Eintritt dranbezahlen, oder im Schauspielhaus verwenden oder auch beim Konzert der Blasmusik meiner Gemeinde, wenn ich das wollte. Das Problem, dass gewisse Institutionen verhältnismäßig viel mehr Geld brauchen als andere, müsste dann halt durch einsichtige Personen gelöst werden, welche diesen Institutionen viel mehr Geld überlassen als anderen (die z.B. ihr ganzes Kulturguthaben einer Institution spenden); bzw. könnten unter Umständen gewisse Betriebe auf Eintritte ganz verzichten und dafür eine Art Spezialförderung erhalten. Ebenso müssten große Projekte von überregionaler Bedeutung wohl dennoch mit Steuergeldern finanziert werden.

Das nur ein Vorschlag - der unter Umständen mehr Probleme auflöst, als dass er löst. Und die Diskussion ist natürlich eröffnet…

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Intermezzo: Jakob Hlasek, »a Nazi male model«

Oktober 18, 2009 · 1 Kommentar

Immer wieder merkt man, was für Texte man schon länger hätte lesen sollen. Dazu gehören die Reportagen von David Foster Wallace. Eben: Darauf aufmerksam werden, wenn der gute Mann sich erhängt hat, ist recht uncool, weil es dann alle werden. Aber immerhin findet man dann, was man schon immer mal über die beiden Vorgänger von Roger Federer lesen wollte (und der geheime Wunsch, dass mehr Leute grundlos als Nazis bezeichnet würden, erfüllt sich auch gleich):

Still, even most main-draw players are obscure and unknown. An example is Jakob Hlasek 11 a Czech who is working out with Marc Rosset on one of the practice courts this morning when I first arrive at Stade Jarry. I notice them and go over to watch only because Hlasek and Rosset are so beautiful to see — at this point, I have no idea who they are. They are practicing ground strokes down the line — Rosset’s forehand and Hlasek’s backhand — each ball plumb-line straight and within centimeters of the corner, the players moving with compact nonchalance I’ve since come to recognize in pros when they’re working out: The suggestion is of a very powerful engine in low gear. Jakob Hlasek is six foot two and built like a halfback, his blond hair in a short square Eastern European cut, with icy eyes and cheekbones out to here: He looks like either a Nazi male model or a lifeguard in hell and seems in general just way too scary ever to try to talk to. His backhand is a one-hander, rather like Ivan Lendl’s, and watching him practice it is like watching a great artist casually sketch something. I keep having to remember to blink. There are a million little ways you can tell that somebody’s a great player — details in his posture, in the way he bounces the ball with his racket head to pick it up, in the way he twirls the racket casually while waiting for the ball. Hlasek wears a plain gray T-shirt and some kind of very white European shoes. It’s midmorning and already at least 90 degrees, and he isn’t sweating. Hlasek turned pro in 1983, six years later had one year in the top ten, and for the last few years has been ranked in the sixties and seventies, getting straight into the main draw of all the tournaments and usually losing in the first couple of rounds. Watching Hlasek practice is probably the first time it really strikes me how good these professionals are, because even just fucking around Hlasek is the most impressive tennis player I’ve ever seen 12. I’d be surprised if anybody reading this article has ever heard of Jakob Hlasek. By the distorted standards of TV’s obsession with Grand Slam finals and the world’s top five, Hlasek is merely an also-ran. But last year, he made $300,000 on the tour (that’s just in prize money, not counting exhibitions and endorsement contracts), and his career winnings are more than $4 million, and it turns out his home base was for a time Monte Carlo, where lots of European players with tax issues end up living.
[Den ganzen Text findet man hier: http://www.esquire.com/features/sports/the-string-theory-0796#ixzz0UIH3HyN8]

So sieht Hlasek im Übrigen aus und ungefähr das macht er heute (wenn heute 2007 wäre):

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Herbstserie: Worüber man in der Schweiz sprechen sollte. Teil 2: Europa.

Oktober 18, 2009 · Hinterlasse einen Kommentar

Sobald man über »Heimat« spricht, wähnt man sich entweder in einem mittelmäßigen Schüleraufsatz oder in einem Tagebucheintrag Max Frischs. Oder aber in rechter Propaganda. Es braucht den Begriff »Heimat« auch nicht, genau so wenig wie es eigentlich der Begriff einer »Nation« braucht. Aber es muss darüber nachgedacht werden, welche Entwicklungen angestrebt werden sollen, welche Wahrnehmungen der Schweiz wünschenswert sind und welches Verständnis von unserem Land wir haben. Und darüber nachdenken heißt klar zu sagen: Die Schweiz gehört zu Europa. Bei uns leben Menschen aus ganz Europa, wir beziehen unsere Kulturgüter, unsere Rezepte, unsere Sehnsüchte, unsere Vorstellungen von einem guten Leben, einer gerechten Ordnung, unser Wissen, unsere Identität etc. aus ganz Europa, wenn nicht sogar aus einem größeren Kontext.

Aber:

  1. Die Schweiz gehört nicht zur EU.
  2. In der Schweiz wird nicht einmal über einen EU-Beitritt gesprochen.

Das Problem ist 2.
Leuten zu erklären, wie es politisch gekommen ist, dass 1., ist einigermassen erträglich. EWR, Blocher, überstürztes Beitrittsgesuch des Bundesrats (Delamuraz, Felber etc.), Bilaterale etc. Leuten in Europa aber klar zu machen, dass 2., wird schwierig: Weil man es selber nicht versteht. Warum wird die Idee von einem kooperierenden Europa in der Schweiz nicht einmal diskutiert? Warum steht sie nicht auf der politischen Agenda? Warum muss eine Partei wie die SP es fast verheimlichen, dass ihr Bundesrat Leuenberger für einen EU-Beitritt ist? Warum können nur ehemalige Botschafter (von Däniken) und emeritierte Professoren (von Matt) solche Fragen in den Medien diskutieren?

Die Rhetorik darf dabei in gewisse Fallen nicht tappen: Spricht man über die konkrete EU, so spricht man sofort über eine große Bürokratie, über Reglementierungen, Ausgleichszahlungen, ein System ohne direkte Demokratie etc. - und scheint es mit einem politischen Gebilde zu tun haben, das mehr Schwächen als Stärken zu haben scheint. Während die Alternative der Status Quo zu sein scheint. So kann man über diese Frage nicht sprechen - oder man sollte nicht. Vielmehr ist zu fragen, ob wir bei der Gestaltung unseres Lebenraumes und von Europa aktiv beteiligt sein wollen oder nicht. Ob wir die Idee »Europa« mitentwickeln wollen oder nicht.

Und diese Fragen sind nicht nur auf dem politischen Parkett zu stellen und zu diskutieren - sondern im Bus, beim Nachtessen, in der Schule. Es dürfen nicht Fragen sein, über die Intellektuelle leicht beschämt lächeln, die meisten Leute nicht nachdenken und ein paar selbsternannte Patrioten mit Verschwörungs- und Bedrohungsszenarien verbinden.

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Herbstserie: Worüber man in der Schweiz sprechen sollte. Teil 1: Weniger arbeiten.

Oktober 16, 2009 · 4 Kommentare

Wenn man am Morgen aufsteht, und nicht sicher ist, ob man mitten in der Nacht aufgewacht ist oder sich wirklich unter die Dusche stellen sollte - und dann beim Ausziehen friert: Ist schon wohl schon fast November. Und dann kommen Ideen. Wie das Leben auch noch sein könnte. Worüber man nachdenken sollte, wenn man nicht damit beschäftigt ist, über Islamophobie zu reden. Und so der Entschluss, denn Herbst konzentriert bloggend zu verbringen.

Dazu gleich eine Einladung: Gastbeiträge, Ideen zu Themen und Anregungen sind jederzeit willkommen in dieser Serie.

Also, Teil 1:

Weniger arbeiten

Es scheint selbstverständlich zu sein, an mehr als 40 Stunden pro Woche und rund 2000 Stunden pro Jahr zu arbeiten, wenn man 100% erwerbstätig ist. Manche Menschen können es sich leisten, nur 80% zu arbeiten, wobei sich sofort die Frage stellt, was man dann am ferien Tag überhaupt mache. Arbeit füllt so gesehen unser Leben aus, und das scheint uns nicht nur nicht zu stören, sondern darauf scheinen wir fast stolz zu sein. Wir bringen Leistung.

Wir sollten aber weniger arbeiten. Die Frage sollte sein: Warum arbeitest du 100%, wo du doch auch mit einem 60%-Lohn auskommen könntest? Die 35-Stunden-Woche sollte ein Thema werden. Anstatt 8 bis 6-Tage sollte man 10 bis 5-Tage arbeiten können. Oder acht Wochen Ferien haben. Raum, damit eigene Bedürfnisse entstehen können, und das Bedürfnis nicht einfach Erholung von der Arbeit ist. Mittagspausen, in denen man ins Kino geht. Oder sich einen Viergänger mit Wein gönnt, weil man danach auch noch eine Stunde schlafen kann.

Zum Trainieren könnten wir vielleicht mal eine Weile in Frankreich, Spanien oder Norwegen leben; und sehen, wie sich das so anfühlt. Und dass mit weniger Arbeit unser Lebensstandard sinkt - das ist zunächst mal nicht so klar, denn wie effizient kann man in sechs Stunden sein, wenn man ausgeschlafen ist und sich auf einen Abendausflug freuen kann; und selbst wenn: Wie schlimm wäre das denn, wenn unser Lebensstandard ein bisschen sinken würde, wir dafür mehr Zeit zur Verfügung hätten?

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Zwei Nachträge zu Roger Köppel

Oktober 12, 2009 · 1 Kommentar

Bevor der Blog in Richtung Roger-Köppel-Watchblog mutiert, zwei letzte Nachträge auf den »neugierigsten Menschen«, den Roger Köppel kennt, auf ihn selber, also.

Nachtrag 1: Roger Köppel trägt eine Kufiya

Modisch-locker wie selten formuliert Köppel in einem Video Behauptungen, mit denen wohl eine Art intellektuelle Auseinandersetzung mit einem Thema angedeutet werden, das nur auf der emotionalen Ebene überhaupt eine gewisse Relevanz hat. Um sie kurz aufzulisten:

  1. Das Verbot des Plakates sei begründet in der Bestrebung, eine Diskussion zu unterbinden.
  2. Das Plakat zeige nur eine Tatsache: Dass der Islam intimste Angelegenheiten kontrollieren wolle (Kopftuch) und dass Minarette (wie Kirchen) einem Machtanspruch Ausdruck verleihen.
  3. Die Diskussion müsse geführt werden, wie viel Islam in der Schweiz zu tolerieren sei.
  4. Diese Diskussion müsse sich am europäischen Umland und der Rolle des Islams dort orientieren.
  5. Dabei müsse das PR-Problem des Islam in Erwägung gezogen werden, Entrüstung wegen Karikaturen aber keine Entrüstung wegen al-kaida.
  6. Forderung: Der Islam oder die islamischen Länder oder die Gläubigen müssen uns zuerst beweisen, dass sie aufgeklärt sind, bevor wir mehr von ihnen tolieren.

Wie schon einmal bemerkt, handelt es sich um Bullshit-Rhethorik, also um eine Redeweise, welche die Realität völlig ignoriert. Es gibt in der Schweiz keine missionierende Muslime, es wird nicht einmal ansatzweise darüber diskutiert, schweizerische Rechtsnormen aus Glaubensgründen außer Kraft zu setzen. Kopftuchtragende Lehrerinnen und nicht-schwimmende Schülerinnen vermögen von Zeit zu Zeit die Gemüter zu erhitzen, aber letztlich gibt es in der Schweiz kein Problem mit Muslimen. Zudem ist der perfide Vergleich mit der Kaida (Köppel verwahrt sich noch gegen den Vorwurf, Islam und Kaida gleichzusetzen, was ihn aber mehr entlarvt als entschuldigt) ein Schachzug, der weder intellektuell noch intelligent ist, sondern schlicht plump, dumm und moralisch verwerflich.

Nachtrag 2: Roger Köppel über »Indiskretionen ehemaliger Mitarbeiter«

Der profilierte Musikjournalist Albert Kuhn wirft der Weltwoche einiges vor; nachdem er teils entlassen wurde, teils gekündigt hat:

Sein Vorwurf: Die «Weltwoche» rühre in ihrer aktuellen Ausgabe «als High-End-IQ-Blatt wider besseres Wissen in der dumpfen Religionssuppe», «stylt SVP-Haltungen zu intellektuellen Positionen hoch» und «verbreitet absichtlich xenophobe Dummheiten». Das Schreiben des erbosten «Weltwoche»-Autors […] gipfelt in der Aussage: «Ihr sät Zwietracht, und ihr wisst es». [Quelle]

Köppel meint dazu, er äußere sich nicht zu »Indiskretionen ehemaliger Mitarbeiter«. Eine durchaus verständliche Haltung - in diesem Fall. Im Falle des Zürcher Sozialamtes, wo die Weltwoche Amtsgeheimnisverletzungen nicht nur abgedruckt, sondern wohl auch gefördert hat, lasen sich die Editoriale von Herrn Köppel etwas anders. Aber ich vergesse, da gibt es Kriterien, wie Roger Köppel schreibt:

Wer Geschäfts- oder Amtsgeheimnisse publik macht, muss über höhere Motive verfügen als die ­blosse Gier nach «News». Die Weltwoche ist ­bekannt für pointierte Recherchen, aber sie ­betreibt die Recherche nicht als Selbstzweck. Man muss Missstände aufdecken oder relevante Fragen klären, um Enthüllungen zu rechtfertigen.

Albert Kuhn hat wohl in den Augen Roger Köppels keinen Missstand aufgedeckt und keine relevante Frage geklärt. Und ja - wer braucht schon guten Musikjournalismus, wenn der Islam auf dem Vormarsch ist und bald von jedem Minarett in der Schweiz der Muezzin musikalisch zum Gebet aufruft?

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