Die Freiheit, die wer meint? – über links und rechts oder über rasierte Beine und Burkas

Es gibt zwei gängige Vorurteile gegenüber »Linken« (die generell in einer Art Ideologiehaft genommen werden: »Weil du x findest, bist du konsequenterweise ein Linker, und es gibt einen anderen Linken, der findet y, also findest du auch y, und y geht ja wohl gar nicht…«):

  • sie wollen deshalb einen starken resp. großen Staat, weil sie damit dessen BürgerInnen bevormunden wollen
  • dies ist Teil ihrer generellen Strategie, alles besser als andere zu wissen, und ihnen, also den anderen – ergo – vorschreiben zu wollen, was für sie das beste ist

Dadurch, so die Konsequenz dieser Kritik an »Linken«, sind sie bereit, die Freiheit der BürgerInnen beliebig einzuschränken (je nach Niveau der Diskussion folgt dann der Hinweis auf den Gulag o.Ä.).

Beliebte Beispiele sind dabei das Rauchverbot in Restaurant (mit dem Argument, das Restaurant gehöre schließlich dem Wirt und er dürfe also bestimmen, was er mit seinem Eigentum tun darf, also es beispielsweise berauchen zu lassen) sowie das Verbot von herkömmlichen Glühbirnen (das Argument kann leicht abgewandelt übernommen werden, hier eine gar poetische Eloge auf die Glühbirne aus der NZZ). Dabei, so dann der letzte Vorwurf an die Linke, werden wissenschaftliche Studien herangezogen, die per se zweifelhaft sind, weil

  • Intellektuelle, insbesondere linke Intellektuelle, sagen, was sie sagen, nur deshalb, weil ihnen, das, was sie sagen, etwas nützt – kurz: Intellektuelle, die nicht rechte Haltungen vertreten, sind generell unglaubwürdig und korrupt.

Die sich so gegen eine Linke abgrenzende Rechte hingegen kann leicht zu einem Blick in den Spiegel aufgefordert werden: Zwar möchten sie gerne weiterhin energieineffiziente Glühbirnen brennen lassen und in Restaurants rauchen und sehen in entsprechenden Verboten eine Bedrohung ihrer Freiheit, haben aber ihrerseits kein Problem, Ausländern die Einreise, den Aufenthalt, die Arbeitsgenehmigung oder das Stimm- und Wahlrecht zu verweigern (ohne allerdings ihrerseits entsprechende Verbote in anderen Ländern zu akzeptieren), stimmen gerne mal gegen Parallelimporte und sind auch nicht bereit, den Bauern die Freiheit zu gewähren, den Milchpreis unabhängig vom Staat festzulegen – oder den Konsumenten.

Darüber hinaus haben dann sich selber freiheitlich nennende Kreise kein Problem, Bekleidungs- und Turmverbote zu unterstützen, Leute präventiv oder unwiderruflich einzusperren, den Konsum von Alkohol, den Aufenthalt im Freien und vieles mehr zu verbieten – mit Argumenten, die denen von Bundesrätin Widmer-Schlumpf gleichen:

Die Freiheit einer Burka-Trägerin hört dort auf, wo sich andere dadurch bedrängt oder verunsichert fühlen. [Quelle: Tagi]

Wer auch immer sich durch »andere« bedrängt, verunsichert, bedroht, irritiert fühlt, scheint so einen guten Grund zu haben, die Freiheit dieser Leute radikal einzuschränken.

Es bleiben deshalb im Grunde zwei Gruppierungen übrig, welche einen unbedingten Begriff von Freiheit vertreten: Eine tendenziell anarchistische, welche insbesondere auch die Freiheit fordert, ein Risiko eingehen zu dürfen und können, Lebensräume zu haben, in denen Leben ab- und jenseits von Regeln möglich ist – und eine libertäre, für die Freiheit bedeutet, unbeschränkt über sein Eigentum verfügen und wirtschaftlich aktiv sein zu dürfen. Beide dieser Gruppierungen sind extreme.

Zu wünschen wäre, das Thema gäbe auch für die Mainstream-Politik zu reden – und zwar im Sinne einer positiven Freiheit, bei der nur deshalb über ihre Begrenzungen gesprochen wird, um diese Begrenzungen einzureissen; nicht aber, um diese Begrenzungen zum Anlass zu nehmen, alles Störende und Provozierende an der Freiheit der Menschen – und damit diese Freiheit selbst – eliminieren zu wollen.

Wer auch immer nach Verboten verlangt und gewillt ist, die Freiheit einer bestimmten Gruppe zu beschneiden, sollte sich sehr gut überlegen, ob er bzw. sie auch bereit wäre, sich die eigene Freiheit in ähnlicher Art und Weise beschneiden zu lassen. Wer also die Burka verbieten möchte, könnte sich fragen: Würde ich auch rasierte Beine verbieten wollen? Make-Up? Schuhe mit Absatz?

Und um die Klammer zu schließen, welche am Anfang geöffnet worden ist: Der Vorwurf an die Linke, eine Diktatur ihrer Meinung anzustreben, ist gerade deshalb lächerlich, weil a) jede Diskussion aus dem Austausch von Argumenten besteht, bei denen ein Gesprächspartner jeweils der Ansicht ist, seine seien die besseren, ob links oder recht und weil b) egal welche Meinung die Linke vertreten mag, diese nur dann zu einer verbindlichen Regelung führt, wenn die entsprechenden, demokratisch legitimierten politischen Organe diese Meinung mittragen. Ein weiteres Beispiel, wie manipulativ die populistische Rechte mit dem Konzept der »Demokratie« umgeht.

2 Gedanken zu “Die Freiheit, die wer meint? – über links und rechts oder über rasierte Beine und Burkas

  1. Anzumerken ist dazu, dass “link” im Sprachgebrauch fast als Beleidigung durchgeht, was durch rechtsgerichtete Parteien verstärkt wird (“Linke Diebe stoppen” etc.”.
    Rechts hingegen ist in den meisten Sprachen mit positiven Eigenschaften verbunden, eg. right – rechtschaffenheit, richtig, recht / Recht usw.
    Und zum Schluss – Krawatten- oder Make-Up-Verbote lassen sich nicht unbedingt mit religiösen Zeichen wie Minaretten oder Burkas vergleichen – die Motivation sich so anzuziehen ist meiner Meinung nach eine andere.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ photo

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s