Wie man in der Schweiz eine hochwertige Fernsehserie drehen könnte

Ich muss vorausschicken: Was folgt, ist reine Gedankenspielerei. Obwohl die Billag in der Schweiz rund 1.3 Milliarden Franken an Gebühren eintreibt, gibt es weder die Mittel noch den Willen, hochwertiges Fernsehen zu produzieren, wenn man von wenigen Studiosendungen und oft eingekauften Sportübertragungen absieht. Dementsprechend ist es für alle in diesem Bereich tätigen (nehmen wir einmal Regiseurinnen und Schauspieler) nicht interessant, sich für hochwertige Fernsehproduktionen zu qualifizieren.

Dennoch sei die Frage erlaubt: Wie müsste den eine anspruchsvolle Serie aussehen, die in der Schweiz gedreht werden könnte?

Sie müsste, so finde ich, vom Konzept von The Wire ausgehen. The Wire ist eine Serie über die Auswirkungen des War on Drugs in Baltimore, Maryland. Im Mittelpunkt jeder Staffel steht eine Institution: Das Drogengeschäft in den Projects, der Hafen, die Politik, das Schulsystem, die Zeitung. Gezeigt werden nicht primär Interaktion von Figuren untereinander, sondern Interaktionen von Personen mit diesen Institutionen. David Simon, einer der Erfinder der Serie, sagte vor kurzem auf seinem Blog dazu:

To be clear:  I don’t think the Wire has all the right answers.  It may not even ask the right questions.  It is certainly not some flawless piece of narrative, and as many good arguments about real stuff can be made criticizing the drama as praising it.  But yes, the people who made the Wire did so to stir actual shit.  We thought some prolonged arguments about what kind of country we’ve built might be a good thing, and if such arguments and discussions ever happen, we will feel more vindicated in purpose than if someone makes an argument for why The Wire is the best show in years.  (“Buffy,” by the way, was the correct answer to that particular bracketfest.)

»to stir actual shit« – also wirklich etwas bewegen: Das müsste das Ziel einer hochwertigen Serie sein. (Zugegeben: Es gibt eine Reihe von Möglichkeiten – Buffy und Twin Peaks haben sicher andere Stärken.) Meine Vorstellung wäre, dass die Serie Orte fixiert, an denen sich etwas bewegt. Plätze, an denen sich Entwicklungen ablesen lassen, wo Interaktionen passieren, die realistisch dargestellt werden können und doch überraschend sein können. Wo Fragen gestellt und Antworten erprobt werden können – politische, gesellschaftliche, menschliche Fragen: Ohne Politik zu machen, ZuschauerInnen zu beeinflussen.

Ich denke das einfach mal an: Gewählt werden müssten meiner Meinung nach Plätze in und um Zürich. Diese Agglomeration kann Fragen des Bevölkerungswachstums, der Mobilität, der Integration; von Formen des Zusammenlebens, der Familie, von Alten und Jungen, Zugezogenen und Eingesessenen; von Kriminalität, Verbrechen, Vergnügen und Geschäften, Luxus und Tourismus verdichtet zur Darstellung bringen. Nehmen wir als ein Beispiel den Schwamendingerplatz, genauer: Das kleine Migros-Restaurant. Die Interaktion der Angestellten mit den Kunden ist so vielfältig und kann symbolisch so stark aufgeladen werden, dass selbst eine realistische Form des Erzählens alle Möglichkeiten enthält, emotionale und intellektuelle Botschaften zu verpacken. Als zweites Beispiel können wir das Langstrassenquartier nehmen, das heutige Miteinander von Junkies, Prostituierten, ArbeiterInnen, »Secondos«, Touristen, hipper Ausgangsszene und neu zugezogenem Mittelstand bietet ebenfalls verdichtet die Möglichkeit, über die Zukunft der Schweiz, die Idee der Schweiz nachzudenken, ohne Langweiliges, Bekanntes und Offensichtliches erzählen zu müssen.

Wie man das erzählt, müsste man Profis überlassen – aber The Wire (oder besser sogar Treme) bietet auch hier klare Ansätze: Nehmen wir doch zum Beispiel Limmat 6, ein Streifenfahrzeug der Stadtpolizei Zürich, und an drei, vier Plätzen jeweils eine Gruppe von Menschen, die lose verbunden sind, aber auch andere Stadtzeile aufsuchen (Idee: verschiedene Generationen, verschiedene soziale Schichten). Seien wir zurückhaltend mit den klassischen Elementen des Melodrams (Beziehungsprobleme) und konzentrieren uns auf realistische Probleme, die Menschen in der Schweiz haben können: Z.B. eine Lehrstelle annehmen zu müssen, die man sich nicht gewünscht hat; eine Wohnung verlassen zu müssen, in der man ein Leben verbracht hat; die Familie aus einem anderen Land nicht in die Schweiz bringen zu können; viel arbeiten, ohne genau zu wissen, wofür; sich zwar vieles leisten können und sich trotz Befolgen aller Regeln im Kreis einer nicht enden wollenden Leere zu drehen… Und schauen wir, was passiert.

Hier stoppe ich mal. Vielleicht würde das einfach öde, oder man müsste das als Dokserie machen… Über weitere Ideen in den Kommentaren freue ich mich aber sehr!

Zur »freien Schulwahl«

Im Kanton Zürich wird am 17. Juni über eine Initiative der Elternlobby Schweiz abgestimmt, in der folgender Verfassungszusatz vorgeschlagen wird:

Der gleichberechtigte Zugang beinhaltet ab dem 4. Schuljahr die freie Wahl innerhalb der öffentlichen Schulen und eine öffentliche Finanzierung des Unterrichts an bewilligten Freien Schulen gemäss den Durchschnittskosten der öffentlichen Schulen, wenn sie wie diese allgemein zugänglich sind.

Die Initiative wird wie folgt begründet:

Interessant scheinen mir dabei zwei Fragen: Ist das Schweizer Bildungssystem mit der Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vereinbar? Schafft freie Schulwahl mehr Chancengleichheit und mithin mehr Gerechtigkeit im Bildungssystem?

Der entscheidende Art. 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte lautet:

1. Jeder hat das Recht auf Bildung. Die Bildung ist unentgeltlich, zum mindesten der Grundschulunterricht und die grundlegende Bildung. Der Grundschulunterricht ist obligatorisch. […]

2. Die Bildung muß auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und auf die Stärkung der Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten gerichtet sein. Sie muß zu Verständnis, Toleranz und Freundschaft zwischen allen Nationen und allen rassischen oder religiösen Gruppen beitragen […].

3. Die Eltern haben ein vorrangiges Recht, die Art der Bildung zu wählen, die ihren Kindern zuteil werden soll.

In der Schweiz geben die Kantone die Lehrpläne vor – und bestimmten somit demokratisch über die »Art der Bildung«, welche Kindern zuteil wird. Es ist aber möglich, unter Berücksichtigung der Absätze 1. und 2., dass Kinder ausserhalb der staatlichen Schulen gebildet werden. Die Frage wäre, ob der Staat die Kosten für diese nicht-staatlichen Schulen übernehmen soll. Diese Frage hängt auch damit zusammen, dass Absatz 1. ein Recht formuliert, das die Kinder haben, Absatz 2. ein Recht der Eltern.

Damit wären wir eigentlich bei der zweiten Frage. Wäre die Lesart des Initiativkomitees korrekt, so müsste jede von den Eltern gewählte Art der Bildung staatlich finanziert werden. Das ist offensichtlich nicht möglich: Eltern könnten z.B. eine Einzelbetreuung ihrer Kinder für optimal halten, nur männliche Lehrer für geeignet befinden oder sich für Methoden der Schwarzen Pädagogik entscheiden.

Die Freien Schulen würden im Falle einer Annahme der Initiative denn auch nur dann staatlich finanziert, wenn die Schule:

  1. allgemein zugänglich ist
  2. staatlich bewilligt ist.

Daran sind zwei Aspekte stossend: Die staatliche Bewilligung einer Freien Schule bedeutet erstens nichts anderes, als dass der Staat wie bei staatlichen Schulen die Rahmenbedingungen festlegt, nach denen Unterricht stattfindet. Auch eine solche Lösung verletzt allenfalls Art. 26, Absatz 3 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Zudem ist völlig unklar, wie eine solche Massnahme zu weniger Bürokratie führen könnte – vielmehr wird enorm viel Aufwand zu leisten sein, um Schulen zertifizieren zu können.

Zweitens fordert die Initiative nicht, dass die Bildungsgutschrift durch den Staat (in der Höhe der durchschnittlichen staatlichen Kosten) für die Kosten einer Schule ausreichen müssen. Die Elternlobby Schweiz legt in ihrem Erläuterungen den Inititativtext so aus:

Schulen, die für den Unterricht mehr finanzielle Mittel einsetzen, als die staatlichen Schulen und deshalb zusätzlich Schulgelder verlangen wollen, sind in finanzieller Hinsicht nicht „allgemein zugänglich“ und werden deshalb nicht öffentlich finanziert.

Das hieße, dass eine teure Privatschule keine staatlichen Zuschüsse erhielte, eine günstige Privatschule jedoch gleich viel wie die staatlichen Schulen.

Das Stossende daran ist, dass Privatschulen gegründet werden, um Geld zu verdienen. Konkret würde es darum gehen, tiefere Löhne zu zahlen und schlechtere Infrastruktur zu bieten, als staatliche Schulen das tun.

Die Vorstellung, private Schulen würden gegründet, um ein bestimmtes pädagogisches Modell anzubieten, das bestimmten Kindern besser, anderen schlechter entspricht, ist sicher idealistisch. Es geht um zwei Wünsche vieler Eltern:

  • Eine optimale Förderung ihres Kindes; was immer auch mit Schulerfolg, Wohlbefinden, Konfliktvermeidung, Aufmerksamkeit etc. zu tun hat. Häufig können Eltern nicht akzeptieren, dass ihr Kind auch Niederlagen einstecken muss, nicht im Mittelpunkt steht, keinen Erfolg hat. Selbstverständlich soll es in der Schule nicht darum gehen, dass einige gewinnen und andere verlieren – aber so ist das auch an staatlichen Schulen nicht. Eine staatliche Schule bietet für alle Kinder die gleiche Förderung durch gleich gut ausgebildete Lehrpersonen – das scheint mir ihre große Stärke zu sein.
  • Der Wunsch nach einem optimalen Umfeld; d.h. eine Klasse bestehend aus anständigen, kompetenten, wohlerzogenen Kindern aus gutem Hause.  Eine staatliche Schule bietet allen Kindern das Umfeld ihres Wohnquartiers. Das kann zu problematischen Konsequenzen führen: Menschen, die aussuchen können, in welchem Quartier sie wohnen möchten, können damit das schulische Umfeld ihrer Kinder bestimmen. Die Lösung ist hier die soziale Durchmischung aller Quartiere.

Die Vorstellung der Initiative, dass zusätzliche Mobilität dazu führt, dass alle Kinder in die für sie perfekte Schule fahren, alle Schulen sozial durchmischt und pädagogisch auf bestimmte Lerntypen eingestellt sind, ist meiner Meinung nach komplett naiv. Sie ignoriert das Gewinnstreben der Menschen, auch im Bildungsbereich – und sie ignoriert das Bedürfnis privilegierter Eltern, Mittel und Wege zu finden, um ihre Kinder von weniger privilegierten zu trennen. Staatliche Schulen bieten in der Schweiz gute Qualität (haben aber sicher Verbesserungspotential), für alle gleiche Rahmenbedingungen und  garantieren, dass mit Grundausbildung kein Geld verdient wird.

Man kann Privilegierte nicht daran hindern, mit ihrem Geld private Schulen zu finanzieren. Aber staatliche Zuschüsse brauchen solche Projekte nicht.

Freiräume – Berlin und Zürich

Den Oktoberanfang habe ich in Berlin verbracht. Mehr als 20 Jahre nach dem Mauerfall ist an vielen Orten nur noch die Verwaltung eines mythischen Berlin spürbar, wie es ein Freund ausgedrückt hat. Z.B. gibt es im Tacheles immer noch KünstlerInnen, da steht immer noch ein riesiger Gebäudeblock als kreativer Freiraum im kommerziellsten Teil Berlin Mittes – und doch sind die innovativen kreativen Menschen längst an anderen Orten, das Tacheles lebt nicht mehr so, wie es das einmal getan hat.

Kommt hinzu, dass man als Tourist in Berlin ja ohnehin nicht da ist, wo wirklich Neues entsteht.

Unabhängig davon erlebt man aber in Berlin noch Freiräume. Um ein Beispiel zu nennen: Am Sonntag gibt es im Mauerpark einen Flohmarkt, ein so genanntes Bearpit Karaoke, pickup Basketball-Spiele, Strassenmusik. Es versammeln sich Tausende von Menschen, Familien treffen sich, FreundInnen verabreden sich. Der Initiator des Karsoke-Anlasses schreibt über sich selbst:

Joe Hatchiban has been using portable, battery-powered boxes to help people unleash their inner Rampensau, and barking good natured criticism in the break between the last singer and the next since early 2009.

Und so sieht das aus, wenn die innere Rampensau losgelassen wird:

Was fehlt im Mauerpark, wenn man das mit einem ähnlichen Anlass in Zürich vergleicht:

  • Es gibt keine Securitas, welche die Sicherheit der Anwesenden beschützen – weil diese Sicherheit irgendwie gar nicht gefährdet ist und man ja bei Problemen die Polizei holen könnte.
  • Es gibt keine Sponsoren, welche Plakate aufhängen.
  • Es gibt keinen Getränkestand, sondern einige Leute bringen gekühlte Getränke mit und verkaufen Bier und Club-Mate für 2 Euro pro Flasche.
  • Andere sammeln die Flaschen dann wieder ein, weil sie am Pfand etwas verdienen.

Diese Freiräume, wie der Mauerpark, ziehen interessante Menschen an. Menschen kommen nach Berlin, weil sie dort ein Risiko eingehen können mit ihrem Leben. Sie müssen nicht wissen, wie sie das nächste Jahr finanzieren – sie kriegen das irgendwie hin und können ihre Ideen umsetzen oder einfach nur ausprobieren.

Solche Orte bräuchte es auch in Zürich, Orte, wo Menschen tun können, worauf sie Lust haben, ohne dafür Geld ausgeben zu müssen; leise und zurückhaltend sein zu müssen und irgendwelche Kontrollen über sich ergehen lassen zu müssen.

In einem bemerkenswerten Essay in der WoZ schrieb Carlos Hanimann:

In Wirtschaft und Politik liessen sich in jüngster Vergangenheit zwei grosse Linien ausmachen: eine Deregulierung der Märkte und in den letzten zehn Jahren als Folge eine Überregulierung des öffentlichen Raums. Die­se Politik bedroht nicht nur einst gewonnene Freiräume, sondern vor allem auch die Freiheit, sich im öffentlichen Raum frei zu bewegen und aufzuhalten.

Diese Überregulierung – die auch in Berlin Einzug hält – muss stellenweise unterbrochen werden, sie muss immer wieder als eine Möglichkeit, aber nicht eine Notwendigkeit erscheinen, so dass letztlich (vor allem junge) Menschen noch wissen, wie sich ein Leben anfühlt, in dem man nicht für alle Formen von Genuss und Freiheitserleben bezahlen muss; in dem man den idealen freien Tag nicht im Europapark verbringt sondern eine eigene Idee umsetzt.

Und dafür braucht es – wie so oft – den Staat. Wenige Menschen überlassen ihre kostbaren Häuser und Grundstücke anderen, damit die dort ihr kreatives Potential ausleben können. Aber gemeinsam (und das ist ja der Staat) könnten sie einsehen, dass es solche Freiräume braucht – und dass das kreative Potential sich im besten Fall nicht in der Südkurve kanalisieren muss, weil dort einer der letzten Freiräume ist, die es noch gibt.

Das Problem der Stimmbeteiligung – und das Beispiel Opfikon

Das ist Opfikon (»ein neuer Stadtteil für die ganze Welt«, schreibt Ümit Yoker in der NZZ). Und das auch:

Opfikon hat rund 15’000 EinwohnerInnen. Davon sind 6’500 AusländerInnen, stimmberechtigt sind 7’500. Davon haben an der heutigen Abstimmung nicht mal 1’500 teilgenommen:

Ergibt, wie man sehen kann, eine Stimmbeteiligung von unter 20%. Unter 20% der Stimmberechtigten – unter 10% der EinwohnerInnen.

Im Kanton Zürich gab es heute eine Gemeinde, bei der mehr als die Hälfte der Stimmberechtigten eine Stimme abgegeben hat – und das war Zumikon, wo eine kontroverse Schulhausabstimmung auf lokaler Ebene stattfand.

Es ist nichts Neues, dass in der Schweiz die Stimmbeteiligung tief ist. Und es soll auch nicht darüber lamentiert werden. Halten wir einmal fest, welche Reaktionsmöglichkeiten es auf dieses Problem gibt:

  1. Nichts tun.
    Sich an politischen Prozessen nicht beteiligen, ist eine Freiheit, welche Demokratien ihren BürgerInnen gewähren sollten. Deshalb haben sie auch das Anrecht davon Gebrauch zu machen – ohne das begründen zu müssen. Wenig Stimmbeteiligung kann ja auch bedeuten, dass viele zufrieden sind mit dem, wie die Gemeinschaft sich organisiert.
  2. Positive oder negative Anreize schaffen.
    Man könnte – z.B. via Steuern – diejenigen belohnen, die sich beteiligen oder aber diejenigen bestrafen, die sich nicht beteiligen. Das könnte insbesondere für junge Stimmberechtigte ein Anlass sein, sich für politische Prozesse zu interessieren.
  3. Die Hürden senken.
    Was hindert Menschen daran, ihre Stimme abzugeben?
    a) Die Komplexität der Vorlagen. Im Kanton Zürich kommt es regelmäßig zu Vorlagen mit einem oder mehreren Gegenvorschlägen. Das bedeutet eine intensive Lektüre welche pro Vorlage für geübte LeserInnen zwischen 30 und 60 Minuten in Anspruch nehmen kann, wenn man sich nicht schon per Tageszeitung eine Meinung gebildet hat. Wer nicht beruflich regelmäßig komplexere Texte liest, ist mit Abstimmungsunterlagen überfordert.
    b) Logistische Probleme: Man muss brieflich gewisse Termine einhalten, einen Briefkasten finden, das Couvert richtig füllen, die Karte unterschreiben etc. Oder aber ein Wahllokal aufsuchen zu bestimmten Zeiten. E-Voting könnte da (z.B. auch mit SMS-Remindern etc.) mehr Leute dazu bringen, ihre Meinung kundzutun.
  4. Stimmzwang einführen.
    Man könnte BürgerInnen (wiederum durch Strafandrohung) dazu zwingen, sich an Abstimmungen und Wahlen zu beteiligen.

Mir liegt besonders der Punkt 3. am Herzen. Eine Volksbefragung ergibt nur dann einen Sinn, wenn die Bevölkerung versteht, wozu sie befragt wird. Wer das Couvert öffnet, sich einlesen will und kapituliert, weil alles so schwierig erscheint, hat meine Sympathie. Wer das Couvert nicht öffnet sondern sogleich ins Altpapier befördert, könnte wohl durch einen finanziellen Anreiz dazu gebracht werden, sich mindestens pro forma für ein »ja«, ein »nein« oder ein Kreuz zu entscheiden.

Noch einmal: Ich will nicht in Klagen ausbrechen und keine revolutionären Änderungen propagieren. Aber man sollte sich zumindest häufiger fragen, warum immer wieder von den sagenumwobenen Möglichkeiten der direkten Demokratie in der Schweiz geredet wird, gleichzeitig aber vergessen geht, dass im Kanton Zürich rund 15% aller EinwohnerInnen bestimmen, wer wie viel Steuern bezahlen muss. Und diese Steuern betreffen letztlich alle Menschen, die im Kanton wohnen – sie bestimmen, ob es für Neugeborene genug Hebammen gibt und ob SeniorInnen Biogemüse essen dürfen oder nicht.   

Die Stadtpolizei – Zwischen Gewerkschaftsarbeit und Rechtspopulismus

Die Polizei der Stadt Zürich ist verärgert. Verständlich: Sie erfüllte eine komplexe, belastungsreiche Aufgabe – die immer schwieriger wird. Gleichzeitig wird ihr – von der Sparallianz unter SVP-Diktat – der finanzielle Goodwill der politischen Führung entzogen.
Dagegen wehrte sich die Stapo nicht, indem sie sich mit den anderen städtischen Angestellten solidarisierte und demonstrierte (mit der fadenscheinigen Begründung, der Schwarze Block könnte anwesend sein – als ob z.B. die SP den Schwarzen Block kontrollierte).
Sie setzt erst jetzt ein Zeichen: Und zwar verteilt sie 90 Tage keine Bussen mehr. Das scheint zunächst sehr clever zu sein: Wenn die Stadt uns kein Geld gibt, verdienen wir keins für sie.
Aber eigentlich ist es politisch ein falsches Signal: Wenn die SVP uns kein Geld gibt (obwohl sie das immer verspricht), belohnen wir ihre Wähler mit dem, was sie schon immer wollten: Keine Bussen. Für die SVP win-win.
Mein Tipp an die StaPo: Im Kampf für Arbeitnehmer muss man etwas linker denken, als es stramme PolizistInnen wohl gerne tun. Auch wenn die Linke vieles falsch zu machen scheint: Für Arbeitende setzt nur sie sich ein.

Die Liveticker-Berichterstattung. Eine kritische Würdigung

Zu immer mehr Ereignissen erhalten wir über Live-Ticker oder News-Ticker Zugang – als Beispiele seien der Krieg in Libyen und der Budgetstreit im Zürcher Gemeinderat von gestern Abend genannt. Die Verwendung eines Formats, das aus der Sportberichterstattung stammt und eigentlich eine protokollartige Verschriftlichung von Ereignissen ist, soll im Folgenden kurz kritisch geprüft werden.

  1. Aktualität als wichtigstes Qualitätskriterium.
    Von medialer Berichterstattung könnte man erwarten, dass sie Ereignisse besonders wahr darstellt, sie einordnet, Meinung ausgewogen präsentiert oder Komplexität vereinfachen kann – wie man auch erwarten kann, dass sie besonders aktuell ist. Die Liveticker-Kultur setzt nun die Aktualität über alle anderen Qualitätskriterien.
  2. Die Bedeutung von Titeln.
    Wie der fehler.li-Blog schön aufzeigt, verzerren gesetzte Titel Sachverhalte und dominieren die Interpretation des Geschehens. Meiner Meinung nach ist diese Funktion bei Live-Tickern viel stärker als bei strukturierten Berichten mit einem gewichteten Aufbau.
  3. Die Auswirkungen der Schnelligkeit.
    Wer möglichst schnell schreiben muss, hat nicht die Möglichkeit, über ein Geschehen nachzudenken, es einzuordnen, seine sprachliche Präsentation zu gestalten, ergänzende Recherchen vorzunehmen. Wichtige Möglichkeiten journalistischer Berichterstattung entfallen.
  4. Wiedergabe anderer Medien.
    Live-Ticker entstehen oft unter Einbezug von Fernsehbildern und Webseiten. Sie verdichten also andere Medieninhalte, ohne das darstellen zu können. Ein Zugang zu der Person, die wirklich zugegen war, als etwas passiert ist, die etwas gesehen, erlebt hat, wird systematisch verunmöglicht (diese Kritik trifft natürlich auch viele klassische Berichte).
  5. Chronologie statt Gewichtung.
    Ereignisse werden seriell präsentiert und erscheinen gleich wichtig. In einem Ski-Liveticker wird die Fahrt jeder Fahrerin mit einem Satz kommentiert – in einem Bericht würden nur 5 Fahrerinnen erwähnt. Dasselbe passiert so beim Krieg in Libyen – Wichtiges und Unwichtiges werden als eine Serie gleichbedeutender Ereignisse dargestellt.
  6. Die Rückwirkung von Live-Tickern auf die Ereignisse selbst.
    Dieser  Aspekt ist wohl einer der spannendsten: Die TeilnehmerInnen an der Gemeinderatsdebatte lesen während der Debatte die Berichterstattung darüber, zitieren sie und kommentieren sie online, wie Simon Eppenberger hier dokumentiert. Die mediale Berichterstattung wirkt also auf politische Prozesse direkt ein. Das Bewusstsein, dass jeder Satz nicht nur im Rat gesagt wird, sondern auch für den Live-Ticker prägt die politische Kommunikation. [Update: Michael Latzer findet eine Beurteilung der Auswirkungen von Live-Tickern auf Newsnetz »zu früh« und fordert, dass man mit solchen Formen »experimentieren« müsse.]

Liveticker auf Newsnetz zur Budgetdebatte, inklusive Facebook-Kommentare

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gerne verweise ich noch auf Konrad Webers genaue und vergleichende Auseinandersetzung mit dem Liveticker-Phänomen.

Kerngeschäft – Eindrücke auf »Die Post« 

Heute musste ich eine Einzahlung vornehmen. Und zwar sofort. Das macht man – so erinnerte ich mich – auf der Post. Nur: Nicht jede Poststelle kann das. In Zürich gibt es ungefähr noch zwei Poststellen. Dafür kann man dort noch viel mehr als nur Einzahlungen machen, und da man zuerst wie früher nur in Italien beim Metzger, eine Nummer ziehen muss, hat man auch genügend Zeit, um sich:

  1. DVDs zu kaufen
  2. Müllsäcke zu besorgen
  3. sich zu verpflegen
  4. Acessoires für eine Reise zu erstehen
  5. ein Trottinett proberzufahren
  6. Papeterieartikel zu kaufen
  7. seinen Kindern ein ferngesteuertes Auto zu schenken (oder nicht)
  8. in Kochbüchern zu schmökern
  9. ein wunderschönes Portemonnaie zu kaufen
  10. sich gleich einen neuen Drucker zu besorgen
  11. oder ein Handy
  12. was für den süssen Zahn zu tun
  13. und sich mal wieder ein Konzert zu gönnen.

Nun gut – die Schuld an dieser Entwicklung tragen wir, die keine Briefe mehr verschicken, keine Einzahlungen mehr am Schalter vornehmen und uns die neuen Macs per UPS schicken lassen.