Herbstserie: Worüber man in der Schweiz sprechen sollte. Teil 5 (Schluss): Milizsystem

Die Haltung, dass politische Ämter von Berufstätigen ausgeübt werden können, entspricht der Haltung, dass das Entsorgen von Altpapier von Jungwacht und Blauring erledigt werden könne: Nämlich, dass es sich um Arbeiten handelt, für die es keine spezifische Ausbildung brauche (oder gar Eignung), sondern dass prinzipiell jede(r) diese Aufgaben übernehmen könne. Diese Haltung drückt ein urdemokratisches Vertrauen in die Bürgerin und den Bürger aus – würde die Weltwoche sagen. Sie drückt aber auch die Ignoranz gegenüber den heutigen Verhältnissen aus: Längst sind viele PolitikerInnen dafür ausgebildet, weil sie Juristen sind oder eine ähnliche Laufbahn hinter sich haben. Und sie drückt auch eine Art mangelnde Wertschätzung für diese Berufe aus.

Viel darüber zu sagen habe ich nicht – nur: Man sollte sich Gedanken machen, ob und weshalb das Milizsystem ideal ist. Natürlich sollen nicht Entscheidungen von einer Art dafür ausgebildeten Elite gefällt werden: Andererseits können Aufgabenbereiche professionalisiert und durch eine sinnvolle Personalpolitik langfristig besetzt und kontinuierlich bearbeitet werden.

Die Serie bricht hier ab, um von einer neuen ersetzt zu werden: Auch, weil meine Vorschläge offenbar immer ein paar Tage zu spät kommen und ich es versäumt habe, die Themen schon vorgängig anzukündigen. So, genug des Selbstmitleids.

Herbstserie: Worüber man in der Schweiz sprechen sollte. Teil 4: Entwicklung und Ideale

Das Verhältnis politisierender, diskutierender, nachdenkender Menschen (ich habe das Wort Intellektuelle mal vermieden) zur Schweiz misst die Schweiz häufig an einem Ideal, das in der Vergangenheit verortet wird, an einer Idee der Schweiz, die vielleicht einmal existiert hat, der die Schweiz entsprechen sollte, und von der aus man die heutigen Zustände kritisieren kann. Trotz aller Kritik leben ja Schweizer Künstler nur so lange in Berlin und New York, wie diese Städte eine Funktion in ihrer künstlerischen Biographie haben; und auch Intellektuelle kaufen sich dann mal schnell eine Wochenzeitung, wenn es Ihnen in der weiten Welt nicht mehr gefällt. (Das mit der Welt war ein Wortspiel, schon wieder). Es ist nicht ein Exodus, wie er in Berggemeinden stattfindet, wo man sich nicht entfalten kann, sondern eine halbherzige Kritik, im Wissen darum, dass man immer schnell mal zwei Monate an einem a) hippen, b) exklusiven, c) rückständigen, d) exotischen etc. Ort verbingen kann, um dann zurückzukommen und alles irgendwie ungut zu finden, aber doch gut genug, um dazu eine Meinung zu haben.

Diese allgemeine Einleitung soll eigentlich nur sagen: Man könnte auch in die Zukunft denken. Sich überlegen, wie denn der Ort aussehen wollen, für den wir uns einsetzen wollen. Was möglich sein könnte, ohne dass es das schon einmal gegeben hat. Welche Vorstellungen wir umsetzen möchten. Was mit der Schweiz passieren könnte (es muss nicht die Schweiz sein, einfach der Ort, an dem wir leben, oder an dem wir leben möchten).

Nun würde ich am liebsten einfach damit schließen, dass man das doch mal beim Raclette diskutieren solle, oder in der Zigarettenpause. Aber dann wäre ich dem Vorwurf ausgesetzt, mit das noch nie überlegt zu haben, und natürlich stimmt das nicht; und so folgen hier noch zwei Gedanken:

  • Grundeinkommen. Die hier verfügbaren Informationen (insbesondere der Film) zeigen, dass diese Idee nicht eine staatliche Lösung ist, welche mehr Belastungen für Leistungsfähige schafft – sondern dass damit eine Reihe zentraler Entwicklungsideen verbunden sind, welche z.B. die Rolle der Arbeit beleuchten (es gibt zu wenig Arbeit für alle – und das wäre eigentlich gut), die Situation der Versorgung (wir meinen nur, wir versorgten und selbst), die Möglichkeiten eines einfachen, gerechten Steuersystems; eines Gesellschaftsentwurfs, der familienfreundlich ist, der die individuellen Lebensentwürfe von Künstlern fördert, das Nachdenken über Leistung ermöglicht etc. Über Grundeinkommen müsste mehr gesprochen werden.IMG_0620
  • Ein Ort, der für alte/ältere Menschen geeignet ist. Immer mehr Menschen werden alt oder älter sein – und vieles entspricht nicht den Bedürfnissen alter Menschen. Grundsätzlich weiß ich ziemlich wenig über diese Bedürfnisse: Aber man könnte sicher einiges darüber erfahren, wahrnehmen und umsetzen. Wenn Menschen mehr als 20 Jahren als Pensionierte leben, dann muss es Lebensformen geben, welche diesen Menschen das Gefühl geben, sie gehören als wichtige Bestandteile zur Gesellschaft. Darüber – so finde ich – lohnte es sich zu sprechen.

 

Herbstserie: Worüber man in der Schweiz sprechen sollte. Teil 3: Sport- und Kulturförderung.

Wenn man Künstlern oder Kulturschaffenden, Sportlern oder Trainern zuhört, dann hat man damit zu rechnen, dass sich die betreffenden bald über zu wenig staatliche Förderung für ihr spezifisches Betätigungsfeld beklagen, oder die Verteilung als ungerecht charakterisieren (natürlich zu ihren Ungunsten).

Daraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen:

  1. Es stehen zu wenig Mittel für Sport- und Kulturförderung bereit.
  2. Die Verteilprozesse der Mittel sind problematisch.

Bevor auf diese beiden Schlüsse eingegangen werden soll, kann man sich zunächst grundsätzlich die Frage stellen, warum es Aufgabe des Staates sein soll, mittels Steuergeldern Sport und Kultur zu fördern. Diese Frage wird in meiner Wahrnehmung meist in kulturellen Kontexten diskutiert, und zwar ungefähr so: »Kulturinstitution X erhält jährlich Betrag Y, obwohl nur Z Zuschauer sie besucht haben.«

Das führt zum Paradox der Kulturförderung: Sollen Angebote unterstützt werden, welche einen gewissen kommerziellen Erfolg haben (und deshalb nicht so auf die Unterstützung angewiesen sind), oder eben gerade solche, die keinen kommerziellen Erfolg haben (dann aber gefördert werden und ein kleines Publikum ansprechen)? Damit wären wir beim Punkt 2.: Bei den Verteilprozessen.

Warum ein demokratischer Staat Kultur fördern soll, kann man leicht beantworten: Sie ermöglicht eine differenzierte Meinungsbildung.

Bei der Sportförderung ist ein anderes Paradox zu beobachten: Sportförderung, würde man denken, sollte der Gesundheit der Sporttreibenden dienen; also dem Breitensport. Tatsächlich werden aber große Teile der Mittel für Förderung von Spitzensportprogrammen eingesetzt. Abgesehen von einer Vorbildwirkung für die Breite, welche aber nur Trends von der einen Sportart hin zu einer anderen begründet, ist nicht einsichtig, was an Spitzensport gut sein soll. Nur ein Beispiel: Ariella Kaeslin ist mit 22 Jahren eine täglich leidende Frau – aber Vizeweltmeisterin.

Ein weiteres Problem scheint die Unübersichtlichkeit der verschiedenen Förderstellen sein: Sowohl die Vielzahl der fördernden Institutionen als auch die unterschiedlichen geographischen Zuständigkeitsbereiche (Kantone, Gemeinden etc.) lassen bei der Förderung keine Linie erkennen. Der Vorteil ist andererseits, dass auch auf lokaler Ebene Projekte mit wenig Mitteln gefördert werden können.

Eine Lösung bzw. einen Vorschlag zu finden, in welche Richtung am die Förderung durchdenken könnte, ist nicht ganz einfach. Dennoch präsentiere ich einen, der auch gewisse Schwächen haben mag: Es orientiert sich an der Tatsache, dass ich zwar bei einem Theaterbesuch 40 Franken zahle, der Besuch tatsächlich aber vielleicht 100 Franken oder mehr kostet, mir aber die Beiträge der Kulturförderung nicht deutlich werden (genau so wenig bei einem Fussballmatch oder einem Schweizer Film, der im Kino läuft).

Würde man nun einen großen Teil der Sport- und Kulturförderung direkt den Bewohnern der Schweiz überlassen, könnte man in diesem Bereich mehr Transparenz schaffen – und es vermeiden, dass Gremien solche Entscheide fällen müsste. Wie könnte das gehen? Jede gemeldete Bewohnerin und jeder Bewohner der Schweiz erhält eine Kreditkarte für Kultur und Sport mit zwei separaten Guthaben (entweder in Franken oder in Punkten); unter Umständen mit unterschiedlichen Guthaben je nach Wohnort (-kanton) und Altersgruppe (Kinder, Erwachsene, Senioren). Jeder kulturelle Betrieb und jeder im sportlichen Bereich tätigen Betrieb kann – sofern er gewisse Auflagen erfüllt – solche Guthaben einfordern; zusätzlich zu einem Eintrittspreis, also etwa: Ich zahle im Hallenbad 5 Franken Eintrittspreis und müsste zusätzlich 5 Franken Sportguthaben springen lassen (die könnte ich aber eventuell auch aus eigenem Sack bezahlen, wenn ich das wollte), könnte aber die 5 Franken auch dem FcZ für seine Juniorenausbildung spenden, oder Ariella Kaeslin. Meine 10 Franken Kulturguthaben kann ich entweder beim nächsten Schweizer Film an den Eintritt dranbezahlen, oder im Schauspielhaus verwenden oder auch beim Konzert der Blasmusik meiner Gemeinde, wenn ich das wollte. Das Problem, dass gewisse Institutionen verhältnismäßig viel mehr Geld brauchen als andere, müsste dann halt durch einsichtige Personen gelöst werden, welche diesen Institutionen viel mehr Geld überlassen als anderen (die z.B. ihr ganzes Kulturguthaben einer Institution spenden); bzw. könnten unter Umständen gewisse Betriebe auf Eintritte ganz verzichten und dafür eine Art Spezialförderung erhalten. Ebenso müssten große Projekte von überregionaler Bedeutung wohl dennoch mit Steuergeldern finanziert werden.

Das nur ein Vorschlag – der unter Umständen mehr Probleme auflöst, als dass er löst. Und die Diskussion ist natürlich eröffnet…

Herbstserie: Worüber man in der Schweiz sprechen sollte. Teil 2: Europa.

Sobald man über »Heimat« spricht, wähnt man sich entweder in einem mittelmäßigen Schüleraufsatz oder in einem Tagebucheintrag Max Frischs. Oder aber in rechter Propaganda. Es braucht den Begriff »Heimat« auch nicht, genau so wenig wie es eigentlich der Begriff einer »Nation« braucht. Aber es muss darüber nachgedacht werden, welche Entwicklungen angestrebt werden sollen, welche Wahrnehmungen der Schweiz wünschenswert sind und welches Verständnis von unserem Land wir haben. Und darüber nachdenken heißt klar zu sagen: Die Schweiz gehört zu Europa. Bei uns leben Menschen aus ganz Europa, wir beziehen unsere Kulturgüter, unsere Rezepte, unsere Sehnsüchte, unsere Vorstellungen von einem guten Leben, einer gerechten Ordnung, unser Wissen, unsere Identität etc. aus ganz Europa, wenn nicht sogar aus einem größeren Kontext.

Aber:

  1. Die Schweiz gehört nicht zur EU.
  2. In der Schweiz wird nicht einmal über einen EU-Beitritt gesprochen.

Das Problem ist 2.
Leuten zu erklären, wie es politisch gekommen ist, dass 1., ist einigermassen erträglich. EWR, Blocher, überstürztes Beitrittsgesuch des Bundesrats (Delamuraz, Felber etc.), Bilaterale etc. Leuten in Europa aber klar zu machen, dass 2., wird schwierig: Weil man es selber nicht versteht. Warum wird die Idee von einem kooperierenden Europa in der Schweiz nicht einmal diskutiert? Warum steht sie nicht auf der politischen Agenda? Warum muss eine Partei wie die SP es fast verheimlichen, dass ihr Bundesrat Leuenberger für einen EU-Beitritt ist? Warum können nur ehemalige Botschafter (von Däniken) und emeritierte Professoren (von Matt) solche Fragen in den Medien diskutieren?

Die Rhetorik darf dabei in gewisse Fallen nicht tappen: Spricht man über die konkrete EU, so spricht man sofort über eine große Bürokratie, über Reglementierungen, Ausgleichszahlungen, ein System ohne direkte Demokratie etc. – und scheint es mit einem politischen Gebilde zu tun haben, das mehr Schwächen als Stärken zu haben scheint. Während die Alternative der Status Quo zu sein scheint. So kann man über diese Frage nicht sprechen – oder man sollte nicht. Vielmehr ist zu fragen, ob wir bei der Gestaltung unseres Lebenraumes und von Europa aktiv beteiligt sein wollen oder nicht. Ob wir die Idee »Europa« mitentwickeln wollen oder nicht.

Und diese Fragen sind nicht nur auf dem politischen Parkett zu stellen und zu diskutieren – sondern im Bus, beim Nachtessen, in der Schule. Es dürfen nicht Fragen sein, über die Intellektuelle leicht beschämt lächeln, die meisten Leute nicht nachdenken und ein paar selbsternannte Patrioten mit Verschwörungs- und Bedrohungsszenarien verbinden.

Herbstserie: Worüber man in der Schweiz sprechen sollte. Teil 1: Weniger arbeiten.

Wenn man am Morgen aufsteht, und nicht sicher ist, ob man mitten in der Nacht aufgewacht ist oder sich wirklich unter die Dusche stellen sollte – und dann beim Ausziehen friert: Ist schon wohl schon fast November. Und dann kommen Ideen. Wie das Leben auch noch sein könnte. Worüber man nachdenken sollte, wenn man nicht damit beschäftigt ist, über Islamophobie zu reden. Und so der Entschluss, denn Herbst konzentriert bloggend zu verbringen.

Dazu gleich eine Einladung: Gastbeiträge, Ideen zu Themen und Anregungen sind jederzeit willkommen in dieser Serie.

Also, Teil 1:

Weniger arbeiten

Es scheint selbstverständlich zu sein, an mehr als 40 Stunden pro Woche und rund 2000 Stunden pro Jahr zu arbeiten, wenn man 100% erwerbstätig ist. Manche Menschen können es sich leisten, nur 80% zu arbeiten, wobei sich sofort die Frage stellt, was man dann am ferien Tag überhaupt mache. Arbeit füllt so gesehen unser Leben aus, und das scheint uns nicht nur nicht zu stören, sondern darauf scheinen wir fast stolz zu sein. Wir bringen Leistung.

Wir sollten aber weniger arbeiten. Die Frage sollte sein: Warum arbeitest du 100%, wo du doch auch mit einem 60%-Lohn auskommen könntest? Die 35-Stunden-Woche sollte ein Thema werden. Anstatt 8 bis 6-Tage sollte man 10 bis 5-Tage arbeiten können. Oder acht Wochen Ferien haben. Raum, damit eigene Bedürfnisse entstehen können, und das Bedürfnis nicht einfach Erholung von der Arbeit ist. Mittagspausen, in denen man ins Kino geht. Oder sich einen Viergänger mit Wein gönnt, weil man danach auch noch eine Stunde schlafen kann.

Zum Trainieren könnten wir vielleicht mal eine Weile in Frankreich, Spanien oder Norwegen leben; und sehen, wie sich das so anfühlt. Und dass mit weniger Arbeit unser Lebensstandard sinkt – das ist zunächst mal nicht so klar, denn wie effizient kann man in sechs Stunden sein, wenn man ausgeschlafen ist und sich auf einen Abendausflug freuen kann; und selbst wenn: Wie schlimm wäre das denn, wenn unser Lebensstandard ein bisschen sinken würde, wir dafür mehr Zeit zur Verfügung hätten?