Lohn und Motivation – über einen Mythos

Zu den Grundannahmen in Bezug auf Löhne gehört der vermutete Zusammenhang zwischen Leistung und Lohn: Je stärker der Lohn von der erbrachten »Leistung« abhängig sei, desto größer werde eben diese Leistung. Oder aber die Motivation dafür, diese Leistung zu erbringen.

Dieser Zusammenhang lässt sich reduziert so richtig formulieren: Eindeutig definierte und rein quantitativ messbare Arbeitsvorgängen können durch finanzielle Anreize beeinflusst werden.

Da klingt ein Aber mit: Die Qualität von Arbeit lässt sich durch Leistungslöhne nicht steigern. Vielmehr: Leistungslöhne können sogar zu einer Sekung der Arbeitsqualität führen.

Hier zehn wissenschaftlich untersuchte Zusammenhänge, die diesen Mythos untergraben:

  1. Lohnsenkungen bewirken einen Abfall von Motivation. Lohnerhöhungen bzw. die Aussicht auf Lohnerhöhungen beeinflussen Motivation nicht notwendig.
  2. Belohnungen funktionieren psychologisch genau gleich wie Strafen: »Mach das, dann passiert das.« Wie Strafen bewirken sie nicht den gewünschten Effekt, sondern schüchtern Menschen ein und verunsichern sie.
  3. Bonuszahlungen und Qualifikationsgespräche beeinträchtigen die persönlichen Verhältnisse zwischen Mitarbeitenden und zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitenden.
  4. Bonussysteme sind bling gegenüber Arbeitsvorgängen und Begründungen. Zahlungen erfolgen in Zahlen und orientieren sich an Zahlen. Die Gründe, wie diese Zahlen entstanden sind, sind relevant. Die Zahlen an sich nicht. Das ignorieren aber Bonussysteme, indem sie von Begründungen etc. nicht beeinflusst werden können.
  5. Arbeitsvorgängen können nicht so definiert werden, dass jeder wichtige Faktor gemessen werden kann. D.h. jede Art von Belohnung, die abhängig von gewissen Faktoren ist, führt zu einer Verzerrung der Vorgänge hin zu den für die Belohnung relevanten Faktoren und führt so zu schlechterer Arbeit.
  6. Gute Leistungen erbringen Menschen, die sich für etwas interessieren. Geld zerstört das Interesse an einem Vorgang.
  7. Belohnungen machen abhängig. Wer einmal eine Belohnung bekommen hat, leistet ohne diese Belohnung weniger als vorher.
  8. Belohnungen führen dazu, dass bei kreativen Aufgaben Lösungen weniger schnell gefunden werden als dies ohne Belohnung der Fall wäre.
  9. Belohnungssysteme führen dazu, dass Arbeitende viel Energie dafür aufwenden, die Kriterien oder ihre Anwendung zu manipulieren, anstatt produktiv zu sein.
  10. Leistungslöhne führen dazu, dass man nur die Arbeitsvorgänge erledigt, die belohnt werden.

Erstaunlich finde ich, dass die Quellen für diese Fakten (Alfie Kohn, Harvard Business Review 1993, Margrit Osterloh und Bruno S. Frey, NZZ 2011, Daniel Pink, TED 2009) sich auf Erkenntnisse stützen, die sich seit den 1970er-Jahren nicht wesentlich verändert haben. Man weiß also seit 40 Jahren, dass Bonuszahlungen und Leistungslöhne keine Wirkung haben – und doch glaubt man heute noch daran, dass sich Menschen über Saläre motivieren lassen.

Optimale Motivation der Mitarbeitenden erreich ein Betrieb durch drei Faktoren (vgl. Frey/Osterloh):

  1. Auswahl der Mitarbeitenden.
  2. Gute Fixlöhne.
  3. Belohnungen für Erfolg des gesamten Betriebes, die an alle ausgezahlt wird.

Zum Schluss eines der genialen Videos von RSA zu den Erkenntnissen von Daniel Pink:

Vermögens- und Einkommensverteilung in der Schweiz

In einer Diskussion mit der Grünen Partei der Schweiz sowie der SP hat der Kommunikationsberater Dominik Feusi auf Twitter die Behauptung bestritten, wonach die Verteilung der Kaufkraft in der Schweiz immer ungleicher werde:

Die Frage, ob es tatsächlich stimmt, dass die Reichen sich immer mehr leisten können, während die Armen immer weniger Kaufkraft haben, interessiert mich. Die Frage, welche Daten denn wirklich aktuell und akkurat sind, lasse ich zunächst beiseite. Ich lasse mich gerne korrigieren, sollten die Daten nicht stimmen.

Die Frage ist natürlich, wie man Kaufkraft bestimmt. Betrachten wir zuerst die Einkommen (Quelle: verteilungsbericht.ch):

Man kann also bilanzieren: In den 10 Jahren vor 2008 sind die Löhne aller Einkommensgruppen gewachsen – und das teuerungsbereinigt. Die mittleren und tiefen Löhne sind aber weniger stark gewachsen als die Produktivität in dieser Zeit zugenommen hat. Das heißt: Die Angestellten mit mittleren und tieferen Löhne arbeiten mehr (bzw. produktiver), verdienen aber nicht mehr.

Betrachten wir zudem das Vermögen, so stellen sich erste Zweifel an der These ein, wonach alle mehr Kaufkraft besäßen:

Die Frage wäre dann zu stellen, wie man eine Steigerung der Kaufkraft misst. Selbstverständlich gibt es dafür volkswirtschaftliche Messmethoden – psychologisch beurteilen Menschen aber ihre Kaufkraft in Relation zur Kaufkraft von anderen (nicht in Relation zur Kaufkraft gesellschaftlich gleich gestellter vor 10 Jahren). Dann dürfte klar sein, dass Menschen mit mittleren und kleineren Einkommen und Vermögen weniger vom ganzen Kuchen haben als früher.

Die Ungleichheit der Einkommens- und Vermögensverteilung wird mit dem Gini-Koeffizienten gemessen. Die Daten für die ganze Schweiz sind in den letzten Jahren sehr selektiv vorhanden – eine Studie (pdf) sagt beispielsweise in den Jahren vor 2003 sei er leicht gesunken, Wikipedia verwendet einen Wert von 1992. (Vielleicht kann das ja mal jemand korrigieren – ich bin mir nicht sicher, welches der aktuellste korrekt gemessene Wert ist.)

Fazit: In der Schweiz werden die Reichen reicher. Ob die Armen ärmer werden, kommt auf die Betrachtungsweise an. Die entscheidende Frage ist wohl, ob die Reichen reicher werden, weil sie mehr leisten (wie wohl so genannt wirtschaftsliberale Menschen behaupten würden und deshalb »Freiheit« fordern) – oder ob sie reicher werden, weil – vielleicht auch anderswo als in der Schweiz – die Armen arm bleiben oder ärmer werden.

Die Situation in der Schweiz wurde wohl 2006 von Markus Schneider bereits treffend beschrieben:

Die gründlichste Analyse über die «Verteilung des Wohlstands in der Schweiz» stammt vom Büro Ecoplan. Sie bestätigt: Das verfügbare Einkommen von Otto Normalverdiener stieg nur leicht, es stieg bei den «Reichen» stärker, aber es stieg bei den «Armen» ebenfalls stärker. Insgesamt sei die Verteilung von 1990 bis 1998 etwas «ungleicher» geworden, was sich bis 2001 wieder angeglichen habe. Neuere Studien gibt es nicht.

Nun liesse sich behaupten: Die Verhältnisse in der Schweiz seien schon längst «unzumutbar ungleich». Internationales Mass dafür ist der Gini-Koeffizient, den der italienische Statistiker Corrado Gini entwickelt hat. Dieser Wert kann zwischen 0 und 1 liegen; je höher er liegt, umso grösser die Ungleichheit.

Die neuesten Zahlen, sie finden sich im «Human Development Report 2004» der Weltbank, bestätigen alle Vorurteile. Am «gleichsten» präsentiert sich die Einkommensverteilung in Skandinavien und in Japan mit einem Gini-Koeffizienten von 0,25. Deutschland folgt mit 0,28, dann Österreich, Holland, Frankreich und schliesslich die Schweiz mit 0,33. Noch «ungleicher» hingegen ist die angelsächsische Welt: Grossbritannien weist einen Gini von 0,36 auf, die USA 0,40. Ganz zu schweigen ist von den Entwicklungsländern. In China, offiziell immer noch kommunistisch, liegt der Gini bei 0,45, in Argentinien bei 0,52, in Botswana und Sierra Leone bei 0,66.

Nun darf man sich im Guten streiten, welches Mass an Ungleichheit optimal sei.

Die »Gratiskultur« – erste Resultate von Kurt Imhofs Forschergruppe

Kurt Imhof hat Mittel gesucht, um mit einer Forschergruppe die Schweizer Medienlandschaft unter die Lupe zu nehmen. Er kommt zu folgenden Befunden:
  • In allen Mediengattungen wächst das Angebot an Klatsch bzw. an Softnews, welche die klassischen publizistischen Kernthemen Politik, Wirtschaft und Kultur zurückdrängen.
  • Die Nachhaltigkeit der Berichterstattung lässt nach. Episodische, auf Personen, Konflikte und Katastrophen zugespitzte Informationen nehmen zu.
  • Obwohl die Welt zusammenwächst, schotten sich die Medien ab, indem sie die Auslandberichterstattung stark abbauten.
  • Die Wirtschaftsinformation bleibt mangelhaft.
  • Der Erfolg der Gratiszeitungen und die Gratisangebote im Internet senkten unter den Konsumenten das Bewusstsein dafür, dass Informationsqualität etwas kostet.
  • Die Einbruch bei den Werbeeinnahmen erschwert die Finanzierung der redaktionellen Leistungen.
  • Die Bedeutung derjenigen Medientitel, die wenig zur Informationsqualität beitragen, wird weiter wachsen.
  • Der recherchierende, einordnende Journalismus gerät weiter unter Druck.
  • Auch die Presse orientiert sich vermehrt an den Unterhaltungsbedürfnissen der Medienkonsumenten.

Bezeichnenderweise wurde diese wissenschaftliche Untersuchung von rechter Seite schon torpediert, bevor sie Resultate vorgelegt hat. Dafür gibt es gute Gründe: Rechtspopulistische Politik profitiert davon, dass Medien episodisch, isoliert und billig arbeiten – da ihr langfristiges Ziel gerade die Gefährdung des »Funktionieren der Demokratie« (Imhof) ist.

Die Ursachen liegen für die Forschergruppe in der »Gratiskultur« – sprich in der Tatsache, dass in einem traditionellen Modell die Werbung die Redaktionen finanziert hat und die AbonnentInnen oder KäuferInnen einer Zeitung lediglich für die Druck- und Vertriebskosten aufkommen mussten. Da nun der Werbemarkt eingebrochen ist, reicht das Geld nicht mehr für die Finanzierung von qualitativ hoch stehend arbeitenden Redaktionen.

Eine Konsequenz wäre die der NZZ:

«Wir müssen für hochwertige Inhalte Geld verlangen», sagt Peter Hogenkamp; er ist neuer Leiter Digitale Medien beim Verlagshaus. «Sonst können wir künftig die Redaktionen nicht finanzieren.»

Hogenkamp will also die LeserInnen an den redaktionellen Kosten beteiligen – sprich: Man müsste als LeserIn für das gleiche wie früher neu mehr bezahlen, weil eine andere Einnahmequelle versiegte.

Ich überlege schon seit längerem, ob es einen vergleichbaren Fall gibt, in dem KonsumentInnen bereit waren, für ein Produkt mehr zu bezahlen, weil jemand anderes es nicht mehr im gleichen Ausmass finanziert hat.

Andererseits kann man auch einen anderen Blickwinkel wählen: Die digitale KonsumentIn finanziert zwar »Druck« und Vertrieb (indem sie ein Endgerät kauft und den Datentransfer zumindest teilweise bezahlt), könnte aber gerade gleich viel wie bisher bezahlen – weil er/sie ja auch gleich viel erhält auf dem Netz.

Die Kritik am Vorgehen der NZZ wurde von Marcel Weiss auf Netzwertig.com schon detailliert formuliert. Sie lässt offen, welche Alternativen bestehen. M.E. sind es nur zwei:

  1. Der Staat ermöglicht eine funktionierende (und die Demokratie ermöglichende) Medienlandschaft, indem er beispielsweise mit Billag-Gebühren (die als umfassende »Medien-Steuer« erhoben würden«) eine nachhaltig operierende, politisch neutrale Nachrichtenagentur aufbaut, die starke Wirtschafts- und Auslandredaktionen hat. Diese Agentur würde Tageszeitungen, Onlineportale und audiovisuelle Medien gleichermassen und gratis bedienen. (Die Unterstützung für das Schweizer Fernsehen viele weg – diese Unterstützung mutet in Zeiten von Medienkonvergenz ohnehin anachronistisch an.)
  2. Der Online-Werbemarkt legt zu und ermöglicht dank neuer Modelle eine ähnliche Finanzierung wie sie bisher möglich war. Wenn Werbung bisher meine Zeitung finanziert hat – warum sollte sie es in Zukunft nicht mehr tun?
    (Hier gibt es dann wohl das Problem, dass Internetwerbung ihre Wirksamkeit zu gut messen kann – und so günstiger verkauft werden muss als Printwerbung.)

Die Angst vor der kommenden Diktatur

»Hast du keine Angst, dass wir in 10 Jahren in einer Diktatur leben und den Herrschenden dann deine politischen Ansichten bekannt sind, weil du sie auf dem Internet publizierst?«, wurde ich diese Woche beim Bier gefragt. Die Frage war eine Secondhand-Frage und der Erfinder der Frage muss, so wollen wir annehmen, Züge von Paranoia aufweisen. Dennoch hat mich die Frage nicht losgelassen.

Sie enthält, so denke ich, zwei Komponenten:

  • Ist es denkbar, dass wir (=WesteuropäerInnen) dereinst in einer Diktatur leben?
  • Muss ich mich mit dem Äußern von Ansichten und Einstellungen zurückhalten, weil mir das in der Zukunft schaden könnte?

Die erste Frage ist kaum zu verneinen. Es war in Wien 1910 wohl auch nicht denkbar, dass man einst in einer Diktatur leben würde, und in Budapest wohl noch weniger, dass sich die Diktaturen gleich die Hand reichen werden. Die Massnahmen, die verhindern, dass Demokratien zu Diktaturen werden, verblassen wohl vor den Massnahmen, mit denen Diktatoren bereit sind, Demokratien zu beseitigen. Zudem scheinen wirtschaftliche Interessen für Menschen immer vor politische Freiheit zu kommen – und die Aussicht auf wirtschaftliche Prosperität wird wohl so lange es Menschen gibt einen Anreiz schaffen, Unfreiheit zu ertragen und zu ermöglichen.

Damit wären wir bei der zweiten Frage. Hier ist die Antwort wohl eher nein. Natürlich würden wir denken, eine 15-jährige, die eine eugenische Phase durchlebt, sollte sich zurückhalten, die Abtreibung aller in ihren Augen minderwertigen Lebensformen in einem Blog zu propagieren, wenn sie dereinst eine spannende Stelle finden will. Aber ein erwachsener Mensch, dessen Ansichten sich in einem nicht-extremistischen Spektrum bewegen, der mit sich diskutieren lässt, eine gewisse geistige Flexibilität aufweist – der sollte von seinem Recht, seine Meinung äußern zu dürfen, wohl Gebrauch machen können. Sollte mir das dereinst schaden – dann werde ich dafür die Verantwortung übernehmen müssen.

Die Vorstellung, dass mir aber alles, was ich jetzt tue, schaden könnte (vielleicht verlangt die Diktatur von uns auch, dass wir alle einen Blog betreiben, und setzt drakonische Strafen für all die aus, die sich im Internet zurückhalten), ist dermassen lähmend, dass ich mich ihr momentan noch verweigern muss.

Entscheidungen – hanswasheiri

Nun blogge ich also auf dem iPhone – und es gibt nichts mehr, wofür ich eigentlich einen Laptop brauchte (abgesehen vom Komfort einer Tastatur etc.). Wie sinnvoll das ist, alles überall tun zu können und darüber der Welt noch Rechenschaft abzulegen, mag ich mir vorerst nicht überlegen – ich tus einfach mal und schiebe die Tippfehler auf die iPhone-Autokorrektur ab.
Die bequeme Mobilbloggerei verdanke ich dem Umstieg von Blogger auf WordPress, der sich nach einem impulsiven Entscheid gestern zugetragen hat. Nun könnte ich Blogger und WordPress detailliert miteinander vergleichen, wäre dann aber ungefähr so locker drauf, wie der missionierende Mac-User, der eine verlorene Windows-Seele konvertieren will (der bin ich zuweilen auch). Daher einfach Schweizerdeutsch: Blogger und WordPress sind hanswasheiri. Mac und Windows, Mercedes und BMW, Burger King und McDonalds etc. auch. Der User (was für ein Wort), der Konsument, der Mensch gar – sie fällen täglich Entscheidungen ohne Bedeutung, geben sinnlose Präferenzen an (Blistex oder Carmex) und schätzen eine Konkurrenz, die längst keine mehr ist. Konkurrenz hat letztlich nicht dazu geführt, dass der Mensch bekommt, was er sich wünscht – sondern dass ihm suggeriert wird, was er bekomme, sei, was er sich wünsche und er bestimme auch selbst darüber…