Wir schreiben einen Rant

Als ich in den USA im Austauschjahr war, fuhr ich viel Auto. Genauer: Ich fuhr in vielen Autos mit. Nicht selten wünschte ich mir, an den Autos wären Lautsprecher befestigt, damit alle Passanten hören könnten, wie schön meine Fahrerin oder mein Fahrer schimpften. Sie produzierten das, was man heute ohne viel Aufhebens ins Internet stellt: Einen Rant.

Einen Rant hat heute Michael Seemann geschrieben. Er bezweifelt, dass GeisteswissenschaftlerInnen was Sinnvolles täten, weil sich ihre Forschung nicht hinreichend auf digitale Medien konzentriere.

Im Folgenden will ich die Logik und Funktionsweise des Rants kurz darstellen.

  1. Man zeige, dass man viel von etwas versteht, ohne von der Kritik daran selbst betroffen zu sein. „Ich war mal einer wie ihr, Geisteswissenschaftler“, so Seemann, „deshalb verstehe ich genau, was ihr so macht. Aber nun bin ich fortgeschritten zum Medientheoretiker, während ihr zurückgeblieben seid.“
  2. Man formuliert eine möglichst radikale Kritik, die nicht auf Fakten beruhen muss. Man rantet ja schließlich.
  3. Man wartet auf Reaktionen, die eintreffen, wenn man provokativ genug war.
  4. Man reagiert darauf auf zwei Arten:
    a) Alles war nicht so gemeint, war nur ein Rant.
    b) Toll, diese Reaktionen, da zeigt sich mal wieder, was so ein Rant auslösen kann.
  5. Man ignoriert den Gedanken, man könnte einfach haltlose Halbwahrheiten formuliert haben.
  6. Man nimmt den eigenen Rant als Beleg dafür, dass man Recht gehabt hat – schließlich haben noch keine GeisteswissenschaftlerInnen die Textsorte Rant untersucht.

Mein Fazit: Rants gehören in die mündliche Sphäre. Da darf man was sagen, was man nicht recherchiert hat, was man spontant formuliert und womit man provoziert. Digital schaffen sie Strukturen, die wenig Gehalt haben und viel Energie konsumieren. Lesen sollte man zu Seemanns Rant auch diesen Blogpost – und diese Twitterkonversation:

 

Ein Herz für Blogs – meine Blogempfehlungen

Heute ist der große Ein-Herz-für-Blogs-Tag (den gabs schon drei Mal, ohne dass ich dabei war, heute aber – mit mir):

 

 

 

Es ist ganz einfach: Man erwähnt, welche Blogs man mag und warum man sie mag. Und plötzlich finden ganz viele Leute ganz viele neue interessante Blogs. Und das sollen sie ja.

Ich wähle deshalb auch bewusst eher unbekannte Blogs aus – mit einer Ausnahme, die kommt ganz zum Schluss.

Entsorgungskalender: entsorgungskalender.wordpress.com

Mariana und Konrad trennen sich jeden Tag von einem Gegenstand – und sagen uns auch, warum sie das tun. Die Idee ist zwar nicht neu, aber es gibt heute ja keine Ideen mehr, die ganz neu wären. Und so einen Blog könnten wir alle ganz gut gebrauchen, weil auch wir Lockenstäbe haben, obwohl unsere Haare für Locken nicht gemacht sind.

Nichts ist klar: nichtsistklar.wordpress.com

Es gibt generell zu viele Menschen, für die alles ziemlich klar ist. Kim betrachtet die Fugen des Zeitgeschehens und eröffnet so einen Raum für Diskussionen, zu denen man immer wieder gern zurückkehrt: Weil interessante Menschen interessante Dinge geschrieben haben (mich nehme ich da gerne aus…)

Claudio Sprenger: claudiosprenger.com

In Regeln, wie Twitter zu gebrauchen ist, steht immer wieder, man solle auch Menschen folgen, die andere Standpunkte verträten als man selbst (oder gar das Medium anders benutzen als man es selbst tut). Claudio Sprenger hat in den meisten Sachfragen eine zu meiner Meinung diametral verschiedene Haltung – und doch lese ich seine Posts regelmäßig, weil er argumentiert, auf Einwände entgegnet und ein sehr sorgfältiger politischer Blogger ist.

Deus Ex Machina [FAZ]: faz-community.faz.net/blogs/deus

Das ist die besagte Ausnahme: Die FAZ-Blogs werden natürlich von allen gelesen und bedürfen der geringen Aufmerksamkeit, die ich für sie generieren kann, nicht. Aber je stärker in der Schweiz eine Online-Boulevardisierung stattfindet, desto öfters sollte man sich im digital nicht ganz so weit entfernten nördlichen Nachbarland umsehen. Bei der FAZ schreiben hervorragende AutorInnen das Deus Ex Machina-Blog: Lange Texte, die ich immer ausdrucke und mit Genuss beim Pendeln lese.

Und nun erwarte ich andere Blogempfehlungen…

Jeden Tag kommentieren – »a comment a day«

Die Medienwissenschaftlerin Jana Herwig hat die Aktion »a comment a day« ins Leben gerufen:

Sowie einmal am Tag in den saueren Apfel beißen gut ist für die Gesundheit, so werde ich jetzt einmal am Tag reintauchen in das Schlachtfeld der rechtskonservativen Schwadronage und meine Meinung hinterlassen.

Ich glaube es ist meine Pflicht als Webbürgerin, mich online zu Wort zu melden. Deshalb äußern wir, das heißt ich und wer immer sich anA comment a day beteiligen will, uns seit zwei Wochen in den Onlineforen von Tageszeitungen und hinterlassen täglich einen Kommentar gegen rechtslastige Meinungen, die da verbreitet werden. Das heißt wir widersprechen dem ausländerfeindlichen Konsens, der sich in einigen Foren ausgebreitet hat. [Quelle]

Ich beteilige mich an dieser Aktion und werde hier meine Kommentare dokumentieren. Falls ich einmal einen Tag keinen Kommentar hinterlassen kann, werde ich das nachholen. Kommentare sind hier möglich – wenn möglich bitte mit Datumsangabe.

10. September 2010: [Tages-Anzeiger/Newsnetz.ch]
Intellektuelle fühlen sich in der Schweiz zunehmend angefeindet

Es geht hier nicht um einen Kampf – sondern darum, dass Intellektuelle und KünstlerInnen für das respektiert werden, was sie können: Zusammenhänge überdenken, Visionen gestalten, nachdenken. Es gibt nicht nur linke Intellektuelle – aber es gibt nur von der rechten Seite die Bemühung, Intellektuelle lächerlich zu machen. Blocher, Mörgeli, Köppel: Intellektuelle, die tun, als wären sies nicht.

11. September 2010: [Tages-Anzeiger/Newsnetz.ch]
Deutschsprachige Kinder sind in Zürich erstmals in der Minderheit

Der Artikel zeigt sehr schön auf, weshalb die Perspektive auf die Differenz »AusländerInnen – SchweizerInnen« falsch ist – weil die Probleme aus der Differenz »soziale Schicht« entstehen. AusländerInnen arbeiten in schlecht bezahlten Jobs ohne Perspektive. »Integration« bedingt vor allem, dass alle Menschen in der Schweiz eine hohe Lebensqualität genießen können – auch die sozial Schwachen.

12. September: [Blick.ch]
Muslime bremsen Schweizer Schüler aus

Pichard konstruiert ein Problem aufgrund der Religionszugehörigkeit. Sinnvoller wäre es, den sozialen Hintergrund der schwachen Lernenden zu betrachten: Biel ist eine Industriestadt mit vielen Arbeitsplätzen für schlecht qualifizierte Arbeitskräfte – welche oft MigrantInnen sind. Das Problem ist der tiefe soziale Stand, nicht die Religion und oder die Kultur.

13. September 2010: [Tages-Anzeiger/Newsnetz.ch]
In der Schweiz wird es eng

Man muss sich vor Augen halten, dass diese Form der wirtschaftlichen Entwicklung nicht zwingend nötig ist. Es wäre auch möglich, den wirtschaftlichen Aufschwung anderen zu überlassen – und sich einzuschränken: Weniger Wohnraum, weniger Mobilität, weniger Güter konsumieren – und dafür an Lebensqualität gewinnen. (Dabei spielt der AusländerInnenanteil keine Rolle – Austausch erhöht Lebensqualität!)

14. September: [Blick.ch]
Warum musste der Koch sterben?

Die ganze Geschichte – so tragisch sie ist – hat mit Ausländerkriminalität nichts zu tun. So lange es Menschen gibt, wird es solche geben, welche »schwierig« sind und ihren Weg nicht finden. So hart es ist, sich damit abzufinden: Man kann dagegen nichts machen.

15. September: [Nzz.ch]
Wulff fordert mehr Substanz in der Integrations-Debatte

übertragen auf die Schweiz…
Die Ausgrenzung von Minderheiten (Muslimen, IV-BezügerInnen, SozailhilfeempfängerInnen, Arbeitslosen) lässt sich in der Schweiz analog zu Deutschland beobachten. Was mit »Integration« oft als einseitiger Prozess beschrieben wird, ist in Wahrheit eben wie gefordert ein Aufeinander-Zugehen von verschiedensten Menschen. Dafür sollte mehr Energie aufgewendet werden als für das Besprechen von Bekleidungsvorschriften und Bauverboten.

16. September: [Tages-Anzeiger/Newsnetz.ch]
»Erst wenn sie zusammenbrechen, merken Männer, dass sie noch leben«

Wer den Text liest, merkt, dass hier niemand irgendwem was vorschreiben will. Warum der Feminismus auch für »anti-feministische« Anliegen ist? Weil er gezeigt hat, dass Geschlechterrollen nicht fest sind. Es gibt nicht »den Mann«, der etwas Bestimmtes will – genau so wenig wie es »die Frau« gibt. Es gibt Menschen mit Bedürfnissen – und die sollen sie artikulieren und leben können.

20. September: [20Min.ch]
Wirtschaft kämpft nicht gegen SVP-Initiative

Kommentar folgt.

20. September
Aeppli plädiert für mehr Gerechtigkeit

Treffende Gedanken von Aeppli – aber schwierig in der Umsetzung. Bildung als ein Vehikel, mit dem sich soziale Differenzen überbrücken lassen, ist mehr und mehr in Gefahr. Es braucht jetzt Anstrengungen und Investitionen, um die Möglichkeiten der sozialen Mobilität nicht zu verlieren. Dafür braucht es durchmischte Schulklassen und eine Absage an die Tendenz, Kinder in Privatschulen zu schicken.

»Anders als wer?« – worüber bloggen, again

Antje Schrupp stellt in einem interessanten Blogpost folgende Thesen zur Diskussion:

  1. Es ist nicht ergiebig, nach dem Unterschied zwischen dem Denken/Handeln »der Männer« und »der Frauen« zu fragen – weil dadurch das Verhältnis von »normal« (Männer) und »anders« (Frauen) reproduziert wird.
  2. Ergiebiger ist es, Differenzen zwischen den Denk- und Handlungsweisen der verschiedenen Frauen zu untersuchen – weil damit Frauen »als politisch handelnde Individuen« gesehen werden.
  3. Die Leugnung einer Differenz zwischen Männern und Frauen (»darauf kommt es heute nicht mehr an«) führt aus männlicher Sicht dazu »das Normal-sein für normal zu halten«, umgekehrt aus weiblicher Sicht damit zu leben, »dass das Anders-sein das Normale ist«.

Diese Thesen gefallen mir. Sie lassen sich leicht auch auf andere soziale Ausschlussmechanismen übertragen (beispielsweise den Umgang mit der LGBT-Minderheit, wo es auch fruchtbarer ist, die verschiedenen Haltungen bspw. von Lesben und Schwulen zu diskutieren, als eine gemeinsame schwullesbische Perspektive zu konstruieren).

* * *

In den Kommentaren zu diesem Post formuliert Frau Stricktier dann eine radikale Kritik am männlichen Bloggen:

Blogs die mir gefallen sind selten monothematisch, aber sehr häufig von Menschen geschrieben, die durch ihre spezielle Sicht auf die Dinge etwas in mir auslösen, das ich nur mit familiar beschreiben kann.

Warum? Weil mich die Art und Weise anspricht, wie über Dinge geschrieben wird, weil ich gerne bei Anke lese, was wie wieder gekocht hat und bei Frau Elise, wie ihre Spülmaschine abgebrannt ist. Oder bei der vorspeisenplatte mitstaune, wie viele tausend Kilometer am Tag sie schon wieder geschwommen ist und bei HappySchnitzel, wie sie in Berlin ankommt.

Weil ich nicht andauernd KrawallTexte/Kommentare lesen will über das böse/liebe Google, das böse/tolle Streetview, die bösen/altmodischen/hinterwäldlerischen Holzmedien und das liebe liebe liebe Internet.
Oder über die böse böse böse Politik, die unwissenden/ungebildeten Politiker. Dieses Betroffenheitsgeschrei „seht her, ICH habe eine Ungerechtigkeit entdeckt, jetzt habt mich bitte alle lieb dafür, dass ICH sie benenne und seht her wie ICH mich einsetze (für euch) und das sogar ins INTERNET reinschreibe.“

Und siehe da: mein Reader hat sich im Laufe der Zeit enorm verweiblicht.

Der zweitletzte hier zitierte Abschnitt gefällt mir sehr – man darf sich fragen, weshalb man bloggt, wenn es immer nur darum geht, die eigene Zugehörigkeit zu den digital natives zu betonen und darzulegen, wie modern/kritisch/nicht-spießig man selbst denkt. Aber das ist einerseits geschenkt, andererseits möchte man wohl manchmal auch etwas aussprechen, was andere aussprechen: Weil es einen beschäftigt.

Aber worüber ich gestaunt habe, ist dass die Konsequenz der Verweiblichung von Frau Stricktiers Feedreader: Sie liest Posts übers »Kochen«, über eine »Spülmaschine«, körperliche Ertüchtigung und einen Umzug. Da kann man sich dann aber schon fragen: Ist das jetzt nicht etwas gar nahe am Klischee – und nicht etwas fern von einer politischen Funktion des Bloggens? Dabei muss Politik nicht heißen, dass man sich auf das bezieht, worüber »PolitikerInnen« sprechen und nachdenken…

Aufgaben – und mal wieder Facebook und Feminismus

Immer wieder werde ich von LeserInnen meines Blogs gefragt, warum ich denn in Foren und in den Kommentarfunktionen mit Leuten diskutiere, die erstens kaum zu einer Diskussion bereit scheinen, weil sie sich eine Meinung gebildet haben, die auch kaum einer Diskussion würdig sei. Ein viel bessere Antwort, als ich sie geben könnte, habe ich heute in einer längeren Rede von Jürgen Habermas gefunden, an deren Ende er schreibt:

Der Intellektuelle soll ungefragt, also ohne Auftrag von irgendeiner Seite, von dem professionellen Wissen, über das er beispielsweise als Philosoph oder Schriftsteller […] verfügt, einen öffentlichen Gebrauch machen. Ohne unparteiisch zu sein, soll er sich im Bewusstsein seiner Fallibilität äussern. Er soll sich auf relevante Themen beschränken, sachliche Informationen und möglichst gute Argumente beisteuern, er soll sich also bemühen, das beklagenswerte diskursive Niveau öffentlicher Auseinandersetzungen zu verbessern. […] Und er darf den Einfluss, den er mit Worten erlangt, nicht als Mittel zum Machterwerb benutzen, also «Einfluss» nicht mit «Macht» verwechseln. In öffentlichen Ämtern hören Intellektuelle auf, Intellektuelle zu sein.
Dass wir an diesen Massstäben meistens scheitern, ist nicht erstaunlich; aber das kann die Massstäbe selbst nicht entwerten. Denn die Intellektuellen, die ihresgleichen so oft bekämpft und totgesagt haben, dürfen sich eines nicht erlauben – zynisch zu sein.

In diesem Sinne drei kurze Bemerkungen:

  1. Facebook und Social Media als Garanten für Meinungsäußerungsfreiheit?
    Durch diesen Artikel in der FAZ am Sonntag bin ich auf die Gedanken von Evgeny Morozov gestossen, der in diesem längeren Gespräch mit Clay Shirky in der FAZ einen kritischen Blick auf den Umgang mit sozialen Medien wie Twitter in autoritären Staaten wirft. Das Gespräch ist sehr differenziert und eine lohnende Lektüre, welche die verbreitete These, die Protestaktionen im Iran hätten von Twitter profitiert oder seien gar darauf zurückzuführen, zumindest hinterfragt, wenn nicht gar widerlegt (und die meisten Leute, welche ich kenne, wissen von Twitter wenig mehr als eben diese These). Hier einige Zitate aus dem Gespräch:
    .»Sollten wir uns nicht auch fragen, ob das Netz die Menschen empfänglicher für nationalistische Botschaften macht? Oder ob es eine gewisse – hedonistisch gefärbte – Ideologie befördern könnte, die die Menschen faktisch mehr denn je von einem sinnvollen politischen Engagement abhält? Verhilft es in autoritären Staaten sogar bestimmten nichtstaatlichen Kräften zur Macht, die nicht unbedingt auf Demokratie und Freiheit hinarbeiten? Dies alles sind schwierige Fragen, die wir nicht beantworten können, wenn wir uns nur darauf konzentrieren, wer während einer Protestwelle einen Machtzuwachs verzeichnet – der Staat oder die Demonstranten.«
    .»Wie Robert Putnam gezeigt hat, schafft Sozialkapital Werte für Menschen innerhalb eines Netzwerks, während es den Menschen außerhalb des Netzwerks Nachteile bringt. Ich glaube nicht, dass Kommunikationsfreiheit automatisch zu prowestlichen Regierungen führt.«
    .»Ich bin ebenfalls nicht sicher, ob Blogger so großartige Symbole für regierungskritische Kampagnen sind. Die gewöhnlichen unpolitischen Menschen, über die wir sprechen, die, die am Ende den Mut aufbringen, auf die Straße zu gehen und die Staatsgewalt herauszufordern: Diese Menschen müssen von Leuten angeführt werden, die bereit sind, mutig für ihre Sache einzutreten, sich zu opfern, ins Gefängnis zu gehen und die nächsten Havels, Sacharows oder Solschenizyns zu werden.«
  2. Facebook und Privatheit.
    Die NZZ bzw. Joachim Güntner greifen in einem längeren Artikel mal wieder das Klischee auf, wonach Facebook einen Bereich der Privatsphäre verletze, der absoluten Schutz genießen müsse, und Menschen mit einem Profil einer diffusen Bedrohung ausgeliefert seien, welche sie einmal (z.B. bei einem Jobwechsel) einholen werde. Güntner fragt dann aber bezeichnenderweise: »wird der Leser Goffmans nicht auch bei Facebook manches interpersonelle Ritual wiederfinden, das der Soziologe beschrieb, als er von der Knüpfung und Belebung sozialer Kontakte handelte? Das Ritual der Bestätigung etwa, mit dem wir eine Äusserung einer Person oder auch eine Änderung in ihrer Lebenssituation quittieren – Glückwünsche, Lob, Neckereien, Beileid, Herstellung von Eintracht im Gespräch über Nichtigkeiten.« Und die Antwort ist natürlich: Ja, er wird. Facebook dient zur Pflege von Kontakten, und genau so wie wir im richtigen Leben Kontakte pflegen, indem wir interagieren und anderen Leute Dinge über uns mitteilen, genau so tut man das auf Facebook. Wer darauf einwenden will, dass die Daten bei Facebook aber für die Ewigkeit gespeichert und sich meiner Kontrolle (Daten entziehen sich eigentlich immer meiner Kontrolle) entziehen, soll einmal 5 Personen seiner Wahl googlen – und sich mal überlegen, wie brisant denn das im Extremfall sein könnte, was man über diese Personen herausfindet.
  3. Feminismus.
    Heute bin ich mal wieder – Sibylle Berg sei Dank – über den dämlichsten Schweizer gestolpert: René Kuhn. Der hat als neuestes Projekt ein Konzept entwickelt, das er »Antifeminismus« nennt. Der Mann denkt dermassen verworren, dass zu seinen Ergüssen nicht viel gesagt werden muss. Beängstigend ist aber sein Verständnis von Feminismus, gegen den er sich wendet: Er versteht Feminismus als eine Bewegung, welche erstens Frauen mit Privilegien ausstatten (und Männer in der Folge diskriminieren) wolle und zweitens Geschlechterrollen einführen wolle, welche unnatürlich seien (weil Frauen nichts wollen als eine Familie und Männer dafür bestimmt sind, zu arbeiten und Politik zu betreiben).
    Diese verquere Definition, die natürlich nicht auf Quellen beruht (Kuhn zitiert einmal de Beauvoir und einmal Schwarzer, aber völlig aus dem Kontext gerissen), ist verbreiteter als man denken könnte. Kaum jemand kann sich heute als Feministin bezeichnen, ohne mitleidig belächelt (weil Frauen dürfen ja schon alles) oder angefeindet zu werden (»die ist einfach verbittert, weil sie keinen Mann gefunden hat«).
    Dazu vielleicht nur zwei Gedanken:
    a) Feminismus heißt, zu erkennen, dass Geschlecht aus einer biologischen und einer sozialen Komponente besteht und Rollen veränderbar sind und aufgelöst werden sollen – dass es generell keine Rolle spielen darf, ob jemand eine Frau oder ein Mann ist.
    b) Die Schweiz ist – beispielsweise hinsichtlich der Möglichkeit für eine Frau, Karriere und Familie miteinander zu verbinden – in Sachen Gleichberechtigung und Frauenrechte im Vergleich mit den meisten europäischen Staaten extrem rückständig.

Spielen mit Wikipedia (danke, @turkanaboy)

Das Originalität generell etwas überbewertet ist, klaue ich heute ein Spiel, das @turkanaboy wohl auch irgendwo geklaut hat; es aber hier getwittert hat.

Das Spiel wollen wir mal Wikipedia-Rennen nennen (eben, Originalität ist überbewertet). Hier die Regeln:

  • Man wähle einen Zieleintrag, für heute den Stefanitag aka Stephanstag.
  • Man klicke auf der Hauptseite von Wikipedia auf »zufälliger Artikel« , in meinem Fall: Jama Michalika.
  • Gewonnen hat, wer mit möglichst wenig Zwischenstationen vom zufälligen Artikel auf den Zieleintrag kommt: Und zwar nur mit klicken, d.h. ohne die Tastatur zu benutzen.

Ich hatte wohl etwas Glück und fand diesen Weg:

Jama Michalika – KrakauKrakauer WeihnachtskrippeWeihnachten – Stefanitag; würde mir also den Score 4 geben (musste vier Mal klicken). Kann das jemand schlagen?

Oder um es interessant zu machen (bitte Lösungsvorschläge in die Kommentare: Zielbegriff (auch aus aktuellen Gründen): Schwedeneinfall von 1674/75, zufälliger Ausgangspunkt: Makra. Enjoy (mein Zwischenstand: 8). (Zeit totschlagen, hat das @turkanaboy genannt. Wie treffend.)

Nachtrag: Da in den Kommentaren schon viele Lösungen eingetroffen sind, hier ein paar neue (alle so gemacht: Start hat Aktualitätsbezug, Ziel: Zufall):

  1. Liu Xiaobo -> Anglaise
  2. Glasmenagerie -> hl. Claudius
  3. Verena Becker -> Good Riddance
  4. Wiederholungswahl vom 26. Dezember -> Double Loop
  5. Wer findet ein Paar, das nur zweistellige Lösungen zulässt?
  6. Regelverschärfung: Kategorien und Listen sind tabu.

Payback – Frank Schirrmacher und die brave new digital world

Es gibt einen Grad von Unterdrückung, der als Freiheit empfunden wird. – Heiner Müller, Quelle

In seinem an die Payback-Karte angelehnten Titel – in der Schweiz müsste das Buch »Cumulus« heißen und darf nicht mit dem brillanten Essay von Atwood über den Umgang mit Schuld und Schulden verwechselt werden – beklagt der konservative deutsche Denker Frank Schirrmacher, der (post)-moderne Mensch sei nicht mehr Herr, sondern Knecht der digitalen Arbeitsmethoden. Während er glaube, den Computer zu benutzen – benutzt der Computer eigentlich den Menschen, um es pointiert auszudrücken.

Schirrmacher führt mehrere Argumente ins Feld:

  1. Die Benutzung von Computern verändert uns physisch. Neurologische Prozesse führen zu einer Anpassung unserer Kognition an die Vorgehensweise von Rechnern, insbesondere erwerben wir die Fähigkeit zum Multitasken. Schirrmacher beschreibt im Abschnitt »Mein Kopf kommt nicht mehr mit«, dass er sich unkonzentriert fühle und vergesslich geworden sei – und wertet diese Veränderung somit negativ.
  2. Die ständige Nutzung von digitalen Medien führt zu einer Unterdrückung der Menschen, welche sie glücklich als Freiheit erleben. Wer im Internet etwas sucht, findet auch – und meint, gefunden zu haben, was gesucht worden ist. Freier Wille wird suggeriert – tatsächlich wird aber durch mächtige Instanzen gesteuert, was man findet. Auch die totale Individualität digitaler Welten (iTunes sucht das Musikprogramm, das mir als Individuum entspricht) ist nichts als die Kontrollübernahme durch diese digitalen Welten (iTunes bestimmt, was mir als Individuum zu entsprechen hat).
  3. Die mangelnden Filter im Internet führen zu einem ständig ablaufenden Entscheidungsprozess, was wichtig/unwichtig oder relevant/irrelevant sei. Diese Entscheidungen überfordern den Menschen, Sie führen zu einer »Ich-Erschöpfung« (Roy Baumeister; Entscheidungen zu fällen ist für Menschen ein Kraftakt, siehe hier). Es sei zu fordern, dass Informationen dem Hirn unterzurodnen seien – und nicht die Hirnaktivität den Informationen.
  4. Es gibt einen »digitalen Darwinismus«: »fittest« heißt heute, am besten an die Informationen angepasst, als bestinformiert, und zwar nicht im Sinne von »wichtigen«/»relevanten« Informationen, sondern den Informationen, welche nach dem »Mätthäus-Effekt« als wichtig erscheinen.

Nun wird Schirrmacher zwar als konservativer Vordenker sofort breit und grundsätzlich positiv rezensiert vom Feuilleton, erfährt aber sofort auch Kritik der »digital natives«, der Menschen, welche mit dem Internet groß geworden sind. Diese Kritik ist sehr aufschlussreich, zeigt sie doch, wie Recht Schirrmacher eigentlich hat: Tim Cole moniert, Schirrmacher sei ein »digitaler Xenophobe«, der deswegen nicht mehr mitkomme, weil er keine Ahnung von der digitalen Welt hat. Damit nimmt er ein Argument auf, das in Technologiedebatten, wie die Zeit-Rezension erhellend anmerkt, seit einigen Jahren zu einer »self-evident truth« geworden ist: Wer technische Innovationen kritisiert, versteht sie nicht, sonst würde er sie nicht kritisieren (sehr verbreitet in der Gamer-Community: Wer Killerspiele verbieten will, hat noch nie welche gespielt oder nicht richtig, denn sonst würde er Spiele nicht verbieten wollen). Weiter schreibt Cole, Schirrmacher habe ein falsches Menschenbild, weil sich Menschen nicht beeinflussen liessen und sehr gut zwischen relevanten und irrelevanten Informationen unterscheiden können; um dann ein interessanten Evolutionsargument anzufügen:

Und Schirrmacher hat zweitens keine Ahnung von Evolution. Er kann – oder will – nicht erkennen, dass Homo Sapiens sich in den vergangenen Jahrtausenden stets und immer wieder einer veränderten Kommunikations- und Informationsumgebung anpassen musste, und dass er es ganz gut gemacht hat.

Die Informationsumgebung wird also eine natürliche Umgebung gesehen, an die sich der Mensch anzupassen hat – und nicht mehr als eine kulturell erschaffene Umwelt, welche auch verändert werden könnte (im Rahmen einer Anpassung, vielleicht). Die digitale Welt ersetzt also eine selektive Natur: Was nichts anderes als eines von Schirrmachers Argumenten ist, dass sich der Mensch der Technik untergeordnet hat und weiter unterordnen wird.

Soviel zur Kritik der Kritik, die mir im Moment noch sehr dünn erscheint. Nun aber zur Kritik an Schirrmacher noch meine Begegnung mit seinem neuen Buch:

  1. Ich lese meine Tweets (nicht Tweeds, ein offenbar peinlicher Schreibfehler in Schirrmachers Buch) und stosse auf diesen von @Zeitonline_all:
  2. Ich lese auf meinem iPhone unterwegs die Zeit-Rezension.
  3. Ich lese auf meinem Laptop auf dem Weg zur Arbeit (nächster Tag) die Renzension in der Süddeutschen Zeitung sowie Blogeinträge zu Payback.
  4. Ich drucke wichtige Texte aus und bearbeite sie mit dem Bleistift, ich lese sie also linear, wie Schirrmacher eine seiner Meinung nach gefähredete Tätigkeit bezeichnet:
  5. Ich schreibe den Blogpost, ohne auch nur in dem Buch gelesen zu haben.

Das mag nun problematisch erscheinen, hat aber auch Vorteile, es ist ein modernes Vorgehen. Es scheint mir ausgewogen, mehrperspektivisch zu sein, es ist eine effiziente Art zu Arbeiten, welche nicht obeflächlich ist, aber oberflächlich sein könnte. Und nebenbei habe ich Tweets gelesen, welche völlig sinnlos und irrelevant waren und auch solche Blogeinträge; ich verfüge aber über eine relativ gute Filterkompetenz.

Fazit: Das Diktat der Technik ist eine realistische Gefahr. Die Technik kann aber auch gegen sich selbst gewendet werden oder dazu benutzt werden, die drohende Gefahr zu mildern oder abzuwenden, weniger, aber wichtigere Entscheidungen von uns zu verlangen. Und die Technik hat uns nicht zur Konsumenten und Rezipienten gemacht, sondern auch zu Produzenten (wie ich hier). Steven Pinker, der amerikanische Populärpsychologe, hat gesagt, man solle, wenn man das Internet (Facebook etc.) kritisiere, mal darüber nachdenken, worüber man denn bei einem Abendessen am Familientisch so rede:

I mention this because so many discussions of the effects of new information technologies take the status quo as self-evidently good and bemoan how intellectual standards are being corroded (the ‚google-makes-us-stoopid‘ mindset). They fall into the tradition of other technologically driven moral panics of the past two centuries, like the fears that the telephone, the telegraph, the typewriter, the postcard, radio, and so on, would spell the end of civilized society.