Trolle auf der politischen Bühne

Der Begriff Troll wird in der Netzkultur für eine Person verwendet, die mit ihren Beiträgen in Diskussionen oder Foren unter Umständen stark provoziert. Mutmaßliches Ziel des Trolls ist das Stören der ursprünglich an einem Sachthema orientierten Kommunikation und das Erlangen von Aufmerksamkeit.

So der Beginn des Wikipedia-Artikels zum Begriff Troll als Element der »Netzkultur«. Im einflussreichen Artikel von Judith S. Donath (pdf, englisch) kann man nachlesen, wie das Umfeld des Usenets als Vorläufer von Internetforen und -kommentarspalten es möglich gemacht hat, unabhängig von seiner Identität zu provozieren und Diskussionen gleichsam entgleisen zu lassen.

Donath hat als eine mögliche Reaktion darauf vorgeschlagen, Diskussionen so lange zu archivieren, dass Trolle später auch noch als solche identifiziert werden können.

Meiner Meinung agiert eine Reihe von PolitikerInnen ebenfalls als Trolle im politischen System. Zwar ist es nicht möglich, von einer Scheinidentität aus zu agieren; dennoch ist das systematische Stören einer sachlichen Diskussion durch Provokationen als erfolgreiche Strategie im Buhlen um Aufmerksamkeit.

Es ist klar, dass aus der rechtskonservativen Ecke immer wieder Forderungen kommen, welche als »trollen« (Verb) identifiziert werden können – ja sogar in Abstimmungen angenommen werden. Die Minarettinitiative war einzig und allein darauf angelegt, eine sachliche Auseinandersetzungen mit dem Themen Migration und Religionsfreiheit zu verhindern; sie provozierte und fand mehr Aufmerksamkeit, als eine Handvoll möglicherweise geplanter Türmchen je hätte finden dürfen. Aber – und hier erinnert man sich an Donath – das Gedächtnis des politischen Systems reicht so weit ja nicht zurück.

Ebenso nutzen verschiedene Jungparteien diese Möglichkeit – wenn die JUSO Vasella und Co. nackt zeigt, so das als reine Provokation zu verstehen.

Auch der Präsident der CVP, Christophe Darbellay, agiert in regelmäßigen Abständen als Troll:

  1. Er fordert ein Verbot jüdischer und muslimischer Friedhöfe und entschuldigt sich dann dafür.
  2. Er bezeichnet die SVP als eine »Sekte von Debilen«.
  3. Er vergleicht die Forderung von Homosexuellen, als Paare Kinder adoptieren zu dürfen, mit der Forderung Kokainabhängiger, Kokain müsse legalisiert werden. 

Diese Aktionen haben mit der Sache an sich nichts zu tun. Darbellay – so meine Vermutung – weiß das auch. Argumentativ gibt es keine vernünftigen Gründe, homosexuellen Paaren die Adoption zu verweigern (vgl. dazu den offenen Brief von David Alan Sangines). Deshalb kann man dagegen nur antreten, wenn man die Diskussion entgleisen lässt, Empörung schafft und so Aufmerksamkeit für ein Anliegen und eine Person generieren kann, der diese Aufmerksamkeit in einer sachlichen Auseinandersetzung nicht zukommen würde (aufmerksam wurde sogar die amerikanische Huffington Post) .

Diese Meinung habe ich auch als Reaktion auf Andreas Kyriacous Kommentar hinterlassen.

Wie sollte man auf Trolle reagieren? Donath schreibt:

Responding to a troll is very tempting, especially since these posts are designed to incite.
Yet this is where the troll can cause the most harm, by diverting the discussion off the newsgroup topic and into a heated argument. Instead, most groups advise ignoring such posts, both to keep the discussion topical and in the hope that, if ignored, the troll will go away.

Kurz also: Man darf Trolle nicht »füttern«, nicht auf sie reagieren – weil sie so ihr Ziel gerade erreichen. Aber weil ihre Methode eben relativ perfid ist, ist es äußerst schwierig, einem Troll keine Beachtung zu schenken. [Bildquelle: Wikimedia.]

(Ich habe Herrn Darbellay am 22. November 2011 per Mail um eine Stellungnahme zu diesem Artikel gebeten. Auf seiner Homepage hat er etwas später diese Präzisierung aufgeschaltet, welche meiner Meinung nach die zwei Hauptprobleme (die Provokation sowie das Fehlen der Argumente für seine Haltung) ignoriert.)

Update 22. November, 21.50: Zwei Links hinzugefügt.

Von Gutmenschen und Trollen – oder Nietzsche und Bittermann

Es gibt viele Trollindikatoren, also Hinweise darauf, dass jemandem nicht an einer sachlichen Auseinandersetzung, sondern am Stören solcher Auseinandersetzungen gelegen ist. Der für mich wichtigste im politischen Kontext ist der Begriff »Gutmensch«.

Der Begriff ist wohl, entgegen Wikipedia, weder auf die Nazis noch auf Nietzsche zurückzuführen (»Diese ›guten Menschen‹ – sie sind allesamt jetzt in Grund und Boden vermoralisiert und in Hinsicht auf Ehrlichkeit zuschanden gemacht […]«), sondern wohl erst seit den 80er-Jahren gebrächlich zu sein. Weite Verbreitung fand er gemäß der GfdS 1994 mit Klaus Bittermanns »Wörterbuch des Gutmenschen«, das sich gegen »Betroffenheitsjargon und Gesinnungskitsch« wandte.

Man könnte jetzt wie Evelyn Finger grundsätzlich festhalten, dass der Begriff schief ist:

Heute gilt Gutsein als peinlich, so uncool wie Lichterketten, so von vorgestern wie die Verteidigung einer aufgeklärten Moral und die Hoffnung auf eine bessere Welt. Da darf uns die popkulturelle Konjunktur der Globalisierungskritik nicht täuschen. Dass der »Gutmensch«, aus der politischen Rhetorik stammend, sich in der Alltagssprache niedergelassen hat, kann als Triumph antihumanistischen Denkens gelten.

So weit muss man aber gar nicht gehen. Wenn »Gutmensch« mit Nietzsche und Bittermann eine Person meint, die sich aufgrund von moralischen Werten und anständiger Political Correctness unehrlich verhält und sich von der Wahrheit abwendet, wenn also der Begriff in diesem Sinne scharf gebraucht wird: Dann stört er mich nicht.

In aktuellen Diskussionen wird er aber eher so gebraucht: »Du bist einer von denen, die meine Meinung nicht teilen, und deshalb kannst du grundsätzlich nicht mit mir diskutieren und ich muss auf deine Argumente nicht eingehen. Mag sein, dass die von mir angeführten Statistiken nicht stimmen, mag sein dass meine Argumente nicht gültig sind – aber das ist egal, weil du bist ein »Gutmensch« und das sagt ja wohl alles.«

Dann eben sagt es nur das: Hier ist ein Troll am Werk.