Geheimnisse im Web 2.0 – ein Rätsel um einen Schweizer Top-Manager

»Top-Manager und leitender Angestellter eines Konzerns, mittleren Alters, Schweizer.« So das Profil eines Mannes, der Prostituierte am Zürcher Sihlquai mehrfach sexuell genötigt hat und sich als Polizist ausgegeben hat. Mehr darf über den Mann nicht an die Öffentlichkeit gelangen, hat das Bezirksgericht Zürich entschieden.

Schnell wurde Kritik laut. Auf Politlinks hieß es in einem mittlerweile gelöschten Beitrag (Google-Cache):

Wenn ein Hauswart, ein Albaner oder eine geistig verwirrte Mutter angeklagt ist, darf die ganze Schweiz die Identität der Person erfahren und der “Blick” kann wochenlang Kampagnen führen, die das Privatleben und die Zukunft der Person nachhaltig zerstören. Wenn aber ein Top-Manager betroffen ist, gelten anscheinend andere Bedingungen

Niklaus Ramseyer zählt verschiedene Prozesse auf, in denen die Namen von teilweise auch prominenten Tätern öffentlich wurden und bilanziert:

Inzwischen öffnet das Zürcher Bezirksgericht mit seinem Geheimhaltungs-Befehl Spekulationen quer durch Chefetagen Tür und Tor. Schon wird gemunkelt, es handle sich beim heimlich Verurteilten Polizisten-Darsteller im Rotlicht-Milieu um einen Herrn Blumer oder Baumann – einen Herrn B. jedenfalls. Doch das sei vielleicht auch nicht wahr.

Das Argument verfängt, weil hier explizit bekannte Figuren genannt werden: [dieser Abschnitt wurde am 15. April auf die Bitte eines der Genannten gelöscht]

Während Ramseyer damit Recht hat, dass das Schweigegebot des Gerichts zu Spekulationen führt, nährt er diese Spekulationen durch die Nennung zweier Namen, für deren Richtigkeit er keine Belege anbringen kann und die er so erwähnt, dass ihm niemand den Vorwurf machen kann, er habe den Täter genannt. Schon alleine aus den einleitend genannten Kriterien ergibt sich aber ein recht kleiner Katalog mit möglichen Tätern.

Interessant finde ich, dass der Name nun seit über einer Woche auch interessierte Mediennutzerinnen und -nutzern nicht bekannt ist – unabhängig davon, ob Namen von Straftätern öffentlich bekannt gemacht werden sollen (gerade bei Sexualstraftätern dürfte es ein öffentliches Interesse an diesen Namen geben, im Sinn der therapeutischen Funktion des Strafrechts müsste die Identität allerdings geschützt werden). Warum erscheint er nicht auf den Social-Media-Kanälen, auf denen sich Menschen teilweise anonym äußern könnten? Kann man daraus ableiten, dass die Einsicht in die Praxis des Gerichts, den Namen zu schützen, sehr verbreitet ist? Gibt es ähnliche Geheimnisse, die trotz der Möglichkeiten von Social Media geschützt werden können? Gibt es nicht ein Interesse von allen Männern auf der Liste, öffentlich zu bekunden, dass sie NICHT der Täter sind? Und eine letzte Frage: Ist es ein zulässiges Argument, dass wenn der Schutz bei einigen Straftätern nicht funktioniere, er auch bei allen anderen nicht funktionieren soll, um Willkür zu verhindern?