Wird das Leben in der Schweiz weniger sicher?

Die ehrliche Antwort auf die Frage: Wir wissen es nicht.

Das hat verschiedene Gründe:

  1. Die verfügbaren Statistiken zeigen nur kleine Zeiträume und sind vom Bundesamt für Statistik ungenügend aufgearbeitet. Ich habe gestern und heute mehrere Stunden recherchiert und bin zu keinen schlauen Übersichten gelangt.
  2. Die Sicherheit ist oft kein objektiver Wert, der sich aus statistischen Angaben über Delikte ermitteln ließe, sondern hat viel mit dem Sicherheitsempfinden der Menschen zu tun, das sich nicht an objektiven Gegebenheiten orientiert, sondern sich durch die Inszenierung von sicherheitsbezogenen Aspekten (Präsenz von Polizei/Sicherheitsmitarbeitenden, Präsentation in den Medien etc.) beeinflussen lässt.
  3. Statistiken sind in diesem Bereich notorisch unsicher: Wie das Schema des BFS zeigt, werden  nicht gleich viele Straftaten entdeckt und angezeigt.

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Die Tötungsdelikte (inklusive versuchten Delikten) schwanken seit 2000 zwischen 161 und 185 – eine steigende Tendenz ist nicht erkennbar. Das alleine reicht aber nicht für eine Aussage in Bezug auf die Sicherheit aus.

Und so bleibt es beim »Confirmation Bias«: Wer aufgrund seiner Erfahrungen und Wahrnehmungen die Sicherheitslage in der Schweiz für tendenziell schlechter als früher hält, wird sämtliche anderen Indikatoren stärker anzweifeln als die Belege für seine oder ihre Wahrnehmung – und wer andere Meinung ist, wird umgekehrt skeptisch den Argumenten gegenüber sein, die für eine Verschlechterung sprechen.

Eine weitere Rolle spielt das »Mean World Syndrome«, das besagt, dass der häufige Konsum von Berichten über Gewaltakte die Wahrnehmung verzerrt:

Das Fernsehen  liefert keine augenscheinlichen Daten über die Eigennützigkeit oder den Egoismus von Menschen, und doch stellten Gerbner et al. fest, dass Vielseher die reale Welt für erbärmlicher und gefährlicher halten als dies Wenigseher tun. Vielseher sind vorsichtiger, misstrauischer und ängstlicher. So neigen Vielseher bspw. zu der Einstellung, dass man im Umgang mit anderen Menschen nicht vorsichtig genug sein kann und  die meisten Menschen nur an sich selbst dächten. Die Kultivierung des Mean World Syndroms führen Gerbner et al. auch darauf zurück, dass das Fernsehen die Zuschauer zur Opferrolle erzieht. Da Vielseher eine hohe Menge an Verbrechen präsentiert bekommen, lernen sie wie es  ist Opfer zu sein und diese Rolle erscheint ihnen als sehr real und wahrscheinlich.

Kategorien und Statistiken

Vor einigen Tagen wurde im Parlament des Kanton Zürich debattiert, ob in den Polizei-, Justiz-, Erwerbs-, Steuer- und Sozialstatistiken die Kategorie »eingebürgert« neben die Kategorien »Ausländer/in« und »Schweizer/in« treten soll. Diese Diskussion, angestossen von der SVP, warf hohe Wellen, insbesondere auch deshalb, weil einige GLP-Parlamentsmitglieder den Vorschlag unterstützt haben.

Hintergrund der Forderung ist ein Verdacht, den die Kantonsrätin Barbara Steinemann (SVP) gemäß Tages-Anzeiger wie folgt formuliert:

Neben den Ausländern beziehen die Schweizer «mit Migrationshintergrund» überproportional oft Sozialhilfe oder werden kriminell.

Generell kann man also sagen, dass die Forderung nach einer zusätzlichen statistischen Kategorie zum Aufzeigen einer vermuteten Korrelation führen soll, die wiederum dann als Kausalität die Grundlage für politisches Handeln bilden könnte: Der Migrationshintergrund wird als Grund angeschaut, weshalb Menschen überdurchschnittlich oft Sozialhilfe beziehen oder kriminell werden.

Tatsächlich könnte der Migrationshintergrund die Ursache sein, weshalb Menschen schlecht integriert, schlecht gebildet und sozial benachteiligt sind – was dann wiederum die Ursache für den vermuteten Zusammenhang wäre. Vielleicht gibt es aber auch ganz andere statistische Zusammenhänge, an die wir noch nicht einmal denken.

Konsequent wäre also eine möglichst aufgeblasene Statistik, in der alle möglichen Daten gesammelt werden, um uneingeschränkt abklären zu können, was denn die relevanten Faktoren für den Bezug von Sozialhilfe oder eine kriminelle Neigung sind.

In einem Interview sagt Frau Steinemann ebenfalls dem Tages-Anzeiger:

Man wird gar nicht merken, ob man als Eingebürgerter oder als Schweizer von Geburt erfasst wird. Darum verstehe ich die Aufregung nicht.

Dieses Argument bedeutet in der Konsequenz, dass es keine politischen Handlungen geben wird, die von dieser Statistik ausgehen. Entweder wird man es unter Umständen merken – oder die statistische Erfassung ist völlig sinnlos und reiner Selbstzweck.

Zudem sagt Frau Steinemann, dass offenbar keine Transparenz geschaffen wird darüber, unter welche Kategorie man fällt.

In einem Punkt gehe ich mit Frau Steinemann einig: Es bringt nichts, bei solchen Forderungen mit Nazi-Vergleichen zu arbeiten, von einem »Ariernachweis» zu sprechen oder direkt mit dem Begriff »Rassismus« zu arbeiten. Frau Steinemann ist Juristin und hat lediglich die Forderung gestellt, die statistische Erfassung anzupassen. Man mag ihr unlautere Motive unterstellen und von der Annahme ausgehen, sie wolle eine veränderte Statistik als Grundlage für politische Forderungen in Bezug auf den Einbürgerungsprozess nutzen – aber letztlich scheint es mir sinnvoll, über das zu sprechen, worum es geht. Das habe ich hiermit versucht.

Wie man in einer Woche zu 3500 Hits kommt – eine Kurzanalyse

Mein SOPA-Post war in den letzten Tagen recht erfolgreich – für meine Verhältnisse. Schon am ersten Tag habe ich recht viele Leserinnen und Leser mit dem Artikel erreicht, danach erlosch das Interesse, wie das üblich ist. Diese Woche wurde der Artikel aber noch einmal stark verbreitet, so dass ich gestern über 1’200 Hits bekommen habe.

Wie kommen 3’500 Leute auf die Idee, einen Blogpost zu lesen?

  1. Durch eine Reihe von Links auf anderen Blogs (wohl rund 10), am prominentesten die Blogs von Blogwerk, die den Link alle gepostet haben und der Blog kotzendes-einhorn.de.
    Total Hits über Bloglinks: Rund 200.
  2. Über die Verbreitung via Twitter und Facebook: WordPress gibt an, der Link sei über 300 Mal getwittert worden, Topsy meint, über 150 Mal. Auf Facebook wurde der Artikel etwas weniger häufig verbreitet, aber gleichwohl sicher über 100 Mal.
    Total Hits über Social Media: Rund 2400.
  3. In der Google-Suche wird mein Post wird im Durchschnitt  in den Top 10 Ergebnissen für »SOPA« angezeigt.
    Total Hits über Suchmaschinen: Rund 600.
  4. Direktzugriffe auf meine Seite und Abonnements (Email, RSS):
    Total Hits: Rund 300.

Alle diese Zahlen basieren auf Analyse-Tools, aber auch auf Rundungen und Schätzungen.

Eine letzte Bemerkung noch zu den Hits über Twitter: Peter Hogenkamp schätzt, dass man 3% der Follower erreiche, die einen Tweet mit einem Link lesen. Ich habe wohl rund 1200 Hits über Twitter erhalten. Zurückgerechnet hätte ich also 40’000 Follower erreicht. Davon hat alleine @haekelschwein über 16’000, die restlichen 150 Twitterer zusätzlich also 24’000 weitere. Dürfte ungefähr hinkommen. Fazit wäre also: Ein Link wird auf Twitter in rund 3% der Fälle angeklickt. Von meinen rund 900 Follower klicken also knapp 30 einen Link an, den ich twittere.

Die Unterbringung von Asylbewerbern – Bemerkungen zum Beispiel Bettwil

Die Gemeinde Bettwil wehrt sich gegen die Unterbringung von 140 Asylsuchenden (es handelt sich um Männer) in ihrem Dorf. Wie man in diesem Video sehen kann, kochen die Emotionen derart hoch, dass ein echte Gespräch zwischen den Vertretern des Bundesamtes für Migration bzw. der Aargauer Regierung und den Einwohnern von Bettwil nicht mehr möglich ist.

Die Situation in Bettwil ist ein Symptom eines umfassenderen Problems, auf das ich gleich kurz eingehen möchte. In ihr zeigen sich folgende Punkte:

  1. Die Asylfrage wird nach einigen Jahren der Entspannung wieder sehr emotional diskutiert.
  2. Dabei werden Asylsuchende weniger als verfolgte Flüchtlinge angesehen sondern eher als Kriminelle.
  3. Die Bereitschaft von Gemeinden, sich innerhalb eines kantonalen oder nationalen Rahmens solidarisch zu zeigen, ist kaum vorhanden.
  4. Temporäre Zwangslösungen funktionieren nicht.

Letztlich hat der Bund wohl keine andere Wahl, als Militärunterkünfte, die offenbar in einem schlechten Zustand sind, für die Unterbringung von Asylsuchenden zu nutzen. Die Schweiz soll Asylsuchende aufnehmen und darüber befinden, ob es sich um bedrohte Flüchtlinge handelt oder nicht. Dazu etwas Statistik [Quelle aller folgenden Darstellungen in das Bundesamt für Statistik, pdf]:

Im Moment befinden sich in der Schweiz ca. 72’000 Menschen im Asylbereich. Davon sind 26’000 anerkannte Flüchtlinge und 23’000 vorläufig aufgenommen, 15’000 befinden sich noch im Verfahrensprozess. Knapp 10% der AsylbewerberInnen befindet sich in der »Vollzugsunterstützung«, d.h. wird wohl abgewiesen. Fazit: Die meisten Asylsuchenden sind bedrohte Flüchtlinge, welchen von der Schweiz geholfen werden muss.

Sie stammen aktuell hauptsächlich aus folgenden Ländern:

Die Vorstellung, arbeitsfähige Männer in bester gesellschaftlicher Position suchten Asyl in der Schweiz, weil die Sozialleistungen so hervorragend seien, dürfte ein Zerrbild sind. Selbstverständlich gibt es kriminelle Asylsuchende – wie im Artikel der Sonntagszeitung erklärt, ist das im Falle der Männer aus Tunesien häufig auf ihre aussichtslose Situation und ihre Vergangenheit zurückzuführen.

Wie dem auch sei: Verfolgten Menschen Asyl zu gewähren ist eine Pflicht. Diese Pflicht soll anständig erfüllt werden. Und ihre Erfüllung sollte weder als Bedrohung empfunden werden noch zu rassistischen Bürgerprotesten führen. Das ist eine schwierige Aufgabe. Und doch gibt es wohl eine einfache Lösung: Geld.

Das Jahr 2011 ist noch nicht beendet – dennoch sieht man, dass vor etwas mehr als 10 Jahren deutlich mehr Asylgesuche eingereicht worden sind. Danach wurden die Kapazitäten zurückgefahren, um Kosten zu sparen. Diese Kapazitäten müssen aus zwei Gründen wieder hochgefahren werden: Erstens, damit eine Unterbringung auf Bundesebene auch bei unerwarteten Ereignissen problemlos möglich ist. Und zweitens, damit eine prompte Abwicklung aller Gesuche möglich ist.

Wie in vielen anderen Bereichen (Bildung, Sozialwerke) gibt es auch im Asylwesen die praktische Vorstellung, die Schweiz könnte gleich leistungsfähig bleiben, aber weniger ausgeben.

Das Problem der Stimmbeteiligung – und das Beispiel Opfikon

Das ist Opfikon (»ein neuer Stadtteil für die ganze Welt«, schreibt Ümit Yoker in der NZZ). Und das auch:

Opfikon hat rund 15’000 EinwohnerInnen. Davon sind 6’500 AusländerInnen, stimmberechtigt sind 7’500. Davon haben an der heutigen Abstimmung nicht mal 1’500 teilgenommen:

Ergibt, wie man sehen kann, eine Stimmbeteiligung von unter 20%. Unter 20% der Stimmberechtigten – unter 10% der EinwohnerInnen.

Im Kanton Zürich gab es heute eine Gemeinde, bei der mehr als die Hälfte der Stimmberechtigten eine Stimme abgegeben hat – und das war Zumikon, wo eine kontroverse Schulhausabstimmung auf lokaler Ebene stattfand.

Es ist nichts Neues, dass in der Schweiz die Stimmbeteiligung tief ist. Und es soll auch nicht darüber lamentiert werden. Halten wir einmal fest, welche Reaktionsmöglichkeiten es auf dieses Problem gibt:

  1. Nichts tun.
    Sich an politischen Prozessen nicht beteiligen, ist eine Freiheit, welche Demokratien ihren BürgerInnen gewähren sollten. Deshalb haben sie auch das Anrecht davon Gebrauch zu machen – ohne das begründen zu müssen. Wenig Stimmbeteiligung kann ja auch bedeuten, dass viele zufrieden sind mit dem, wie die Gemeinschaft sich organisiert.
  2. Positive oder negative Anreize schaffen.
    Man könnte – z.B. via Steuern – diejenigen belohnen, die sich beteiligen oder aber diejenigen bestrafen, die sich nicht beteiligen. Das könnte insbesondere für junge Stimmberechtigte ein Anlass sein, sich für politische Prozesse zu interessieren.
  3. Die Hürden senken.
    Was hindert Menschen daran, ihre Stimme abzugeben?
    a) Die Komplexität der Vorlagen. Im Kanton Zürich kommt es regelmäßig zu Vorlagen mit einem oder mehreren Gegenvorschlägen. Das bedeutet eine intensive Lektüre welche pro Vorlage für geübte LeserInnen zwischen 30 und 60 Minuten in Anspruch nehmen kann, wenn man sich nicht schon per Tageszeitung eine Meinung gebildet hat. Wer nicht beruflich regelmäßig komplexere Texte liest, ist mit Abstimmungsunterlagen überfordert.
    b) Logistische Probleme: Man muss brieflich gewisse Termine einhalten, einen Briefkasten finden, das Couvert richtig füllen, die Karte unterschreiben etc. Oder aber ein Wahllokal aufsuchen zu bestimmten Zeiten. E-Voting könnte da (z.B. auch mit SMS-Remindern etc.) mehr Leute dazu bringen, ihre Meinung kundzutun.
  4. Stimmzwang einführen.
    Man könnte BürgerInnen (wiederum durch Strafandrohung) dazu zwingen, sich an Abstimmungen und Wahlen zu beteiligen.

Mir liegt besonders der Punkt 3. am Herzen. Eine Volksbefragung ergibt nur dann einen Sinn, wenn die Bevölkerung versteht, wozu sie befragt wird. Wer das Couvert öffnet, sich einlesen will und kapituliert, weil alles so schwierig erscheint, hat meine Sympathie. Wer das Couvert nicht öffnet sondern sogleich ins Altpapier befördert, könnte wohl durch einen finanziellen Anreiz dazu gebracht werden, sich mindestens pro forma für ein »ja«, ein »nein« oder ein Kreuz zu entscheiden.

Noch einmal: Ich will nicht in Klagen ausbrechen und keine revolutionären Änderungen propagieren. Aber man sollte sich zumindest häufiger fragen, warum immer wieder von den sagenumwobenen Möglichkeiten der direkten Demokratie in der Schweiz geredet wird, gleichzeitig aber vergessen geht, dass im Kanton Zürich rund 15% aller EinwohnerInnen bestimmen, wer wie viel Steuern bezahlen muss. Und diese Steuern betreffen letztlich alle Menschen, die im Kanton wohnen – sie bestimmen, ob es für Neugeborene genug Hebammen gibt und ob SeniorInnen Biogemüse essen dürfen oder nicht.   

In eigener Sache.

1.

Ich blogge regelmässiger denn je und habe Freude daran. Dieses Jahr hatte ich jeden Monat über 10’000 Besucher auf dem Blog (seit Mitte des letzten Jahres werden es immer mehr) – und es kommt ab und an zu regen Diskussionen in den Kommentaren. Das soll nur einmal festgehalten sein.

 

2.

Die Blogger und die Journalisten. Bobby California hat mich gestern auf Twitter und heute in den Kommentarspalten zu einer Diskussion herausgefordert, welche ich eigentlich nicht mehr führen wollte:

Der Unterschied zum Blogger ist aber, dass der Journalist versucht, so viel wie möglich über ein Thema heraus zu finden, während der Blogger sich damit begnügt, seine Meinung zu formulieren. […]
Denn wenn man Zeit hat, um zu recherchieren, und das auch macht, dann findet man in kurzer Zeit sehr viel Spannendes heraus, was ein Blogger nicht herausfindet, weil er eben keine Zeit hat dafür, und die Leser profitieren davon. […]
Die Medienkonsumenten profitieren am meisten von überraschenden Fakten, wie sie in Printmedien zu finden sind, und weniger von persönlichen Meinungen, wie sie in vielen Blogs zu lesen sind.

Ausgangspunkt war Alan Rusbridgers Artikel  im Freitag, in dem er die These vertritt, das Netz sei eine Chance für den Journalismus. Er schreibt zudem:

Auf der einen Seite hat das Web 2.0 wenig Geheimnisvolles. Es geht um den Umstand, dass auch andere Leute gerne Dinge machen, die wir Journalisten machen. Wir erschaffen gerne Dinge – Worte, Bilder, Filme, Grafiken – und veröffentlichen sie. Das macht offensichtlich auch vielen anderen Menschen Spaß. Seit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg hatten sie dazu 500 Jahre lang keine Möglichkeit. Aber jetzt können die Menschen sogar viel mehr und einfacher veröffentlichen als jemals zuvor.

Ich denke, diese Aussage ist Bobby Californias Problem (und wohl auch das einiger anderer PrintjournalistInnen, ohne in irgend einer Form zu pauschalisieren): Ich mache Dinge zum Spass, für die er bezahlt wird. Natürlich gibt es Unterschiede, über die wir uns einig sind:

  • in der Regel haben PrintjournalistInnen mehr Zeit für ihre Texte
  • in der Regel recherchieren Printjournalisten deswegen auch mehr
  • im Printjournalismus werden oft Fakten berichtet, in Blogs häufig Positionen bezogen

Dennoch gilt es festzuhalten: Auch wenn ich das alles in meiner Freizeit mache, kein Geld dafür kriege und oft darauf angewiesen bin, mich auf die Darstellungen von Sachverhalten auf Onlineportalen von Printmedien beziehen zu können, so ist das, was ich tue, dennoch ernsthaft, erschöpft sich nicht im Niederschreiben meiner Meinung, sondern ordnet und verbindet Sachverhalte und unterzieht sie einer Interpretation – und es ist auch nicht ein Geschäft, welches keine Zeit in Anspruch nimmt: Für einen Blogpost recherchiere und lese ich ca. eine Stunde und schreibe eine Stunde daran. Dann überarbeite ich ihn, gehe Hinweisen nach und korrigiere ihn immer wieder – und beteilige mich an der Diskussion in den Kommentaren. Alles in allem steckten in einem durchschnittlichen Post drei Stunden Arbeit – das ist nicht wahnsinnig viel, aber auch nicht einfach nichts. Und ich würde auch – für einmal total unbescheiden – von mir behaupten, dass ich durchaus in der Lage bin, auf einem ansprechenden Niveau zu schreiben und zu denken – und auch das journalistische Handwerk durchaus beherrsche.

3.

Auf Formspring wurde mir schon vor einer Weile eine Frage gestellt:

Wieso gehst du nicht in die Politik? Ich meine mich an einen Kommentar von dir zu erinnern, dass ein Philosoph nichts in der Politik zu suchen hat, wobei du zwar nicht primär auf dich referiertest, wohl aber sekundär. Wieso nicht? Zizek-Style?

Die Antwort darauf ist zunächst wohl die, dass die Politik nicht auf mich wartet. Genau so wie ich einem interessanten Job im Journalismus nicht abgeneigt wäre, genau so wäre ich auch einem politischen Amt nicht abgeneigt, wenn es denn interessant genug wäre. Nun bewirbt man sich ja nicht einfach so auf politische Ämter, sondern wird entweder gewählt, weil einen die Leute kennen – oder übernimmt ein Amt, das niemand sonst haben will und lässt die Leute so wissen, dass es einen gibt. Dazu bin ich nun wohl zu bequem. Auch reizt es mich nicht, innerhalb einer Partei noch die Ellenbogen auszufahren, um den 7. Listenplatz zu ergattern. Butler spricht in einem Aufsatz davon, dass man entweder kritisch sein könne oder aber Politik betreiben könne. In der Politik müsse man Lösungen vertreten, welche nicht ideal sind und welche man durchaus auch selbst kritisieren würde, sie aber vertreten muss, weil sie besser als der status quo sind. Mit Butler schmeichle ich mir nun, kritisch bleiben zu können.

 

Ausländerkriminalität und Statistik: Zwei Beispiele

Die Rede über die Kriminalität von Ausländern (Ausländerinnen spielen da oft eine untergeordnete Rolle) hängt ab von dumpfen Bauchgefühlen, welche schwer in Argumente überzuführen sind – und von Statistiken. Statistiken scheinen Argumente sehr gut belegen zu können, sind jedoch, wenn es es um Ausländerkriminalität geht, meist schwer verständlich.

Ein Beispiel findet sich in der schönen neuen WoZ: Dinu Gautier zeigt in »Der Afrikaner an und für sich« (S. 2) auf, wie tendenziös Katia Murmann vom Sonntag mit Statistiken gearbeitet, als sie verkündete, Afrikaner seien die kriminellsten Ausländer. Beispielsweise hat sie eine Verdachts- anstatt eine Verurteilungsstatistik verwendet und anstatt Verbrechen alle Widerhandlungen gegen das Strafgesetzbuch angeschaut. Zudem kommt es immer darauf an, wie man über Statistiken spricht. Dinu Gautier hält fest, dass Menschen aus Angola, Nigeria und Algerien (die drei Länder an der Spitze der seltsamen Murmann-Statistik) für 190 Taten verdächtigt werden – SchweizerInnen hingegen für 11’777. So relevant ist das, also, für unsere Sicherheit.

Ein weiteres Beispiel ist das Buch von Kirsten Heisig, der »Richterin Gnadenlos«, die das Problem der Jugendgewalt in Berlin analysiert. Zu den von ihre verwendeten Statistiken merkt Christian Pfeiffer, einer der angesehensten Kriminologen Deutschlands, im Cicero vom September 2010 an:

Wenn der deutsche Max vom deutschen Moritz angegriffen wird, beträgt die Anzeigequote 19.5%. Sie steigt hingegen auf 29.3%, wenn es sich beim Täter um den türkischen Mehmet handelt. Bei der umgekehrten Konstellation, dass ein junger Migrant von einem deutschen Täter angegriffen wird, sinkt sie dagegen auf 18.9%. Junge Deutsche haben also ein erheblich niedrigeres Risiko als junge Migranten, wegen ihrer Taten eine Strafverfolgung zu erleben.

Und weiter:

[Die Unterschiede zwischen jungen Migranten und jungen Deutschen] verschwinden völlig, wenn wir nicht mehr länger Äpfel mit Birnen vergleichen, sondern deutsche Jugendlichen mit solchen jungen Migranten, die denselben sozialen Verhältnissen entstammen, die keine innerfamiliäre Gewalt erlebt haben, die die Normen der Machokultur ablehnen und schulisch mindestens den Realschulabschluss anstreben.

Das Fazit aus diesen Überlegungen: Entscheidend sind bei der Kriminalität die sozialen Verhältnisse der TäterInnen, nicht ihr Migrationshintergrund oder aber ihre Nationalität. Ansetzen müsste man also bei diesen sozialen Verhältnissen, wenn Kriminalität denn überhaupt ein Problem ist – ich bin der dezidierten Meinung, dass Kriminalität und Jugendkriminalität nicht zu den 10 dringendsten Problemen der Schweiz gehören, weil die Kriminalitätsrate sehr tief liegt.