Update: Petarden-Kampagne und Beschwerde beim Presserat

Der letzte Blogpost zur Blick-Kampagne im Fall Petardenunfall von Rom hat hohe Wellen geworfen. Der Post wurde von der Tageswoche, dem Bildblog, von Nation of Swine und dem Journalistenschredder und etlichen Facebook-Seiten sowie Fussballforen verlinkt und ist so heute auf fast 6000 Zugriffe gekommen. Zunächst also: Danke!

Gleichzeitig habe ich zwei Arten von Reaktionen bekommen:

  • Einerseits die Aufforderung, jemand müsse nun wohl den Presserat beauftragen, den Fall zu prüfen; zumal sogar dessen Vize-Präsidentin, Ester Diener-Morscher in der Tageswoche sagte: »Die Pranger-Funktion des Blick halte ich für bedenklich. Für die Bestrafung dieses Mannes ist das Gericht zuständig, die Zusatzstrafe durch die Medien ist unnötig.«
  • Andererseits Kritik an meinem Vorgehen, insbesondere deswegen, weil ich Benny Epstein nicht nach seiner Sicht der Dinge gefragt habe, bevor ich ihn kritisiert habe. Das habe ich mit einer Mail heute um 14.20 nachgeholt – bis jetzt (21.20) ist keine Reaktion eingetroffen.

Nachdem ich eher abgeneigt war, noch einmal den Presserat einzuschalten, finde ich nun, es wäre nötig, dass er sich dazu äußert. Deshalb habe ich diese Beschwerde verfasst und heute abgeschickt.

Die Bälle liegen also nun dort und bei Herrn Epstein – ich warte ab.

Updates vom 11. – 18
. November: 

Meine Beschwerde hat zu einigem Medienecho geführt:

  • Simon Eppenberger hat auf Newsnet meinen Blog in einem Kästchen erwähnt. Da Newsnet meinen Blog nicht verlinkt, verlinke ich nur ein pdf:
  • Auch in der gedruckten Ausgabe des Tages-Anzeiger findet sich ein Hinweis auf meine Beschwerde (ganze Seite als pdf): 
  • Auf Persoenlich.com hat Edith Hollenstein über die Beschwerde berichtet und auch bei der Blick-Redaktion nachgefragt (von der Redaktion äußert sich niemand, nur der Pressesprecher, der die Kampagne »hart aber fair« nennt.
  • Auch Radio Energy hat mit mir gesprochen, hier die ganze Sendung:
  • 20 Minuten verweist ebenfalls auf meinen Blog, übernimmt im wesentlichen die Argumentation und die Recherche der Tageswoche. Hier das pdf.
  • Am 15. November berichtet die Thurgauer-Zeitung, hier das pdf.
  • Am 18. November ist auch noch ein Artikel über mich in der AZ erschienen:

Ich freue mich darüber, dass man aufgrund der Beschwerde über Medienethik und das Funktionieren von Boulevard nachdenkt (es handelt sich ja um Mechanismen, die man schon lange kennt und reflektiert hat). Es ärgert mich aber gleichzeitig, dass diese Kritik durch die Drohungen und Aktionen gegen die Ringier-Journalisten selbst mit einer Art Rachegedanke verbunden werden. Ich will und wollte nicht Personen kritisieren, sondern ihre Texte und Vorgehensweisen. Meine Presserat-Beschwerde ist in diesem Sinne auch nicht eine Art von Rache, sondern soll eine Auseinandersetzung mit den Methoden fairer Berichterstattung erzwingen.

Die Liveticker-Berichterstattung. Eine kritische Würdigung

Zu immer mehr Ereignissen erhalten wir über Live-Ticker oder News-Ticker Zugang – als Beispiele seien der Krieg in Libyen und der Budgetstreit im Zürcher Gemeinderat von gestern Abend genannt. Die Verwendung eines Formats, das aus der Sportberichterstattung stammt und eigentlich eine protokollartige Verschriftlichung von Ereignissen ist, soll im Folgenden kurz kritisch geprüft werden.

  1. Aktualität als wichtigstes Qualitätskriterium.
    Von medialer Berichterstattung könnte man erwarten, dass sie Ereignisse besonders wahr darstellt, sie einordnet, Meinung ausgewogen präsentiert oder Komplexität vereinfachen kann – wie man auch erwarten kann, dass sie besonders aktuell ist. Die Liveticker-Kultur setzt nun die Aktualität über alle anderen Qualitätskriterien.
  2. Die Bedeutung von Titeln.
    Wie der fehler.li-Blog schön aufzeigt, verzerren gesetzte Titel Sachverhalte und dominieren die Interpretation des Geschehens. Meiner Meinung nach ist diese Funktion bei Live-Tickern viel stärker als bei strukturierten Berichten mit einem gewichteten Aufbau.
  3. Die Auswirkungen der Schnelligkeit.
    Wer möglichst schnell schreiben muss, hat nicht die Möglichkeit, über ein Geschehen nachzudenken, es einzuordnen, seine sprachliche Präsentation zu gestalten, ergänzende Recherchen vorzunehmen. Wichtige Möglichkeiten journalistischer Berichterstattung entfallen.
  4. Wiedergabe anderer Medien.
    Live-Ticker entstehen oft unter Einbezug von Fernsehbildern und Webseiten. Sie verdichten also andere Medieninhalte, ohne das darstellen zu können. Ein Zugang zu der Person, die wirklich zugegen war, als etwas passiert ist, die etwas gesehen, erlebt hat, wird systematisch verunmöglicht (diese Kritik trifft natürlich auch viele klassische Berichte).
  5. Chronologie statt Gewichtung.
    Ereignisse werden seriell präsentiert und erscheinen gleich wichtig. In einem Ski-Liveticker wird die Fahrt jeder Fahrerin mit einem Satz kommentiert – in einem Bericht würden nur 5 Fahrerinnen erwähnt. Dasselbe passiert so beim Krieg in Libyen – Wichtiges und Unwichtiges werden als eine Serie gleichbedeutender Ereignisse dargestellt.
  6. Die Rückwirkung von Live-Tickern auf die Ereignisse selbst.
    Dieser  Aspekt ist wohl einer der spannendsten: Die TeilnehmerInnen an der Gemeinderatsdebatte lesen während der Debatte die Berichterstattung darüber, zitieren sie und kommentieren sie online, wie Simon Eppenberger hier dokumentiert. Die mediale Berichterstattung wirkt also auf politische Prozesse direkt ein. Das Bewusstsein, dass jeder Satz nicht nur im Rat gesagt wird, sondern auch für den Live-Ticker prägt die politische Kommunikation. [Update: Michael Latzer findet eine Beurteilung der Auswirkungen von Live-Tickern auf Newsnetz »zu früh« und fordert, dass man mit solchen Formen »experimentieren« müsse.]

Liveticker auf Newsnetz zur Budgetdebatte, inklusive Facebook-Kommentare

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gerne verweise ich noch auf Konrad Webers genaue und vergleichende Auseinandersetzung mit dem Liveticker-Phänomen.