Nazi-Vergleiche und der absolute Status der Nazi-Gräuel

Im Zusammenhang mit Sibylle Bergs Stürmer-Vergleich schreibt heute Rainer Stadler, der Medienkritiker der NZZ:

Bergs Vergleich ist Unsinn und nur ein weiteres Beispiel für Nazi-Vergleiche, die allzu oft leichtsinnig gemacht werden.

Nazi-Vergleiche sind zu einem Mem geworden im Internet: Eine Formel, die in jeder hitzigen Diskussion eingebracht werden kann. In Foren hat sich deshalb ein Gegen-Mem durchgesetzt: Die Erwähnung von »Godwin’s Law«, ein Gesetz, das eben diesen Zusammenhang zwischen intensiven verbalen Auseinandersetzungen und der Häufigkeit von Nazi-Vergleichen festhält (vgl. dazu Mike Godwins aufschlussreichen Essay in WIRED).

Nun zeigen genau diese Vergleiche, wie wir über die Nazi-Zeit denken: Wenn Stadler schreibt, der Vergleich erfolge »leichtsinnig«, so impliziert er, solche Vergleiche dürften nur in äußersten Ausnahmefällen vorgenommen werden. Damit wird der Nazi-Zeit eine Art absoluten Status zugestanden: Was auch immer passiert – mit den Nazi-Verbrechen hat es nichts zu tun.

Das scheint mir problematisch zu sein. Die Zeit des Dritten Reiches ist soll in zwei Hinsichten einen absoluten Status genießen:

  • Das Leiden der Verfolgten und Ausgegrenzten (homosexuelle Menschen, behinderte, Roma, Sinti, jüdische Menschen und weitere) war unvorstellbar – es kann und darf nicht trivialisiert werden, ist ist unvergleichbar (genau so wie das Leiden der Menschen im heutigen Syrien, während der Genozide in Ruanda – ich kann keine vollständige Liste notieren). Imre Kertész schrieb in seinem Galeerentagebuch:

    Das Konzentrationslager ist ausschließlich in Form von Literatur vorstellbar, als Realität nicht. (Auch nicht – und sogar dann am wenigsten -, wenn wir es erleben.)

  • Die politische Tyrannei und der Holocaust sollen in einem politischen Sinne absolut sein: Es darf unter keinen Umständen passieren, dass sich eine solche Unrechtsherrschaft wiederholt.

Darüber hinaus scheint mir ein solches Tabu wenig sinnvoll. Man versteht nicht, wie Diskriminierung, wie Populismus, wie Propaganda und Rassismus funktionieren, wenn man nicht genau hinschaut. Wenn man sich nicht einlässt, nicht eben auch vergleicht, dann ignoriert man eben, dass die Nazis nicht von einem Tag auf den anderen an die Macht gekommen sind und die Menschen in Deutschland nicht einfach alle plötzlich böse waren. Und es stimmt einfach nicht, dass alles, was heute passiert, nicht mit Vorgängen aus der Zeit der Nazis vergleichbar sind.

Vergleiche sind nicht Gleichsetzungen. Vergleiche zeigen Ähnlichkeiten, auch Ähnlichkeiten zwischen einzelnen Aspekten. (Anmerkung: Eine genauere Diskussion dieser Fragen gibt es hier nachzulesen.)
Die Weltwoche titelt »Die Roma kommen« und suggeriert mit dem bestimmten Artikel, dass vom Volk der Roma eine Gefahr ausgehe. Der Stürmer schreibt (10/1924, S. 3):

Wenn man über die Juden die Wahrheit sagt, dann tun sie, als ob man sie zu Unrecht beim Namen genannt hätte.

Damit vergleiche ich nun zwei isolierte Formen von Sprachverwendung: »die Roma« und »die Juden«. Selbstverständlich operiert Die Weltwoche journalistisch komplett anders als Der Stürmer das getan hat: Aber sie benutzt zumindest ein rhetorisches Mittel, das andere Zeitungen nicht verwenden. Im Stürmer kommt es aber vor.

Ums klar zu sagen: Ich hätte die Aussage von Sibylle Berg nicht gemacht und ich finde nicht, dass sie im konkreten Fall sinnvoll ist. Stadler liegt mit seiner Argument richtig, fügt er doch an den oben zitierten Satz an:

Die Skandalisierung der provozierenden «Weltwoche» erleichterte es dieser bloss, den Spiess umzudrehen und sich als Opfer darzustellen: Man schiesse auf den Berichterstatter, um dessen unangenehme Botschaft nicht zur Kenntnis nehmen zu müssen. Ein altbekannter rhetorischer Trick.

Aber ich bin der Meinung, man dürfe die Nazi-Zeit nicht historisch als einen erratischen Block ansehen, den es integral zu verdammen und zu tabuisieren gilt – weil das genau den Blick auf problematische Prozesse verstellt, die sich wiederholen können und werden.

P.S.: Der Vollständigkeit halber sei auch Bergs Reaktion festgehalten:

http://twitter.com/#!/SibylleBerg/status/192133812292042752

Zur Meinungsäußerungsfreiheit im Fall Berg vs. Köppel

In meinem gestrigen Post über Sealand habe ich den Rechtsprofessor James Grimmelmann zitiert, der in seiner lesenswerten Abhandlung über Sealand herausstreicht, dass das Recht auf freie Meinungsäußerung in den USA und in Europa einen anderen Stellenwert habe. Er schreibt in Bezug auf »hate speech«, also Meinungen, die andere Menschen verletzen oder aufhetzen könnten.

[T]he diversity of local values, which at one time seemed likely to reduce Internet speech to only the inoffensive mush that would pass muster in every country, has arguably had the opposite effect. The United States hasn’t adopted European restrictions on hate speech; most European countries haven’t adopted U.S. restrictions on online gambling. The hate speech pours forth from U.S. servers; the gambling from European ones.

Der Stellenwert des Rechts auf freie Meinungsäußerung ist in Europa umstritten. Wie in Bezug auf sexistische Werbung schon festgehalten, denke ich, Staaten, Gesetzgeber und Gerichte sollten in der Einschränkung dieses Rechts äußerst zurückhaltend sein. Dafür gibt es meines Erachtens drei gute Gründe:

  1. Es ist nie selbstverständlich oder klar, was ein Text bedeutet oder wie er gemeint ist. Elementare Strategien beim Verfassen von Texten verunmöglichen eine einheitliche, transparente rechtliche Regelung.
  2. Wenn gewisse »Meinungen«, also bestimmte Aussagen, verboten werden, dann muss jemand festlegen, was gesagt werden darf und was nicht, was richtig ist und was nicht. Diese Festlegung ist eine moralische und führt zu einer Wertediktatur, deren Problematik man am leichtesten erkennt, wenn man annimmt, politisch anders Gesinnte würden die Regeln machen.
  3. Die Digitalisierung der Information verhindert, dass Meinungen gelöscht oder verhindert werden können. Das zeigt z.B. der Rosenkrieg zwischen Shawne Fielding und Thomas Borer, wo der Blog von Fielding per Gerichtsbeschluss nur gelöscht werden kann, nachdem sie etwas geschrieben hat – das dann aber bereits mehrfach kopiert und verbreitet worden ist, effektiv gar nicht mehr gelöscht werden kann. Es entsteht durch das Internet eine Art globalen »Streisand Effekt«, den Martin Steiger in seinem Blog schön erklärt.

Das zeigt sich gerade im Fall von Roger Köppel und Sibylle Berg (vgl. auch die Position auf dem Blog Ars Libertatis). Ausgangspunkt ist dieser Tweet von Sibylle Berg:

Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, reagierte Köppel darauf wie folgt:

Köppel schreibt der „lieben Sibylle“, sie habe sich damit strafbar gemacht, dass sie die Weltwoche als „neuen Stürmer“ bezeichnet habe. Sie habe zu unterlassen, seine Zeitschrift in „irgendeinen Zusammenhang mit dieser antisemitischen, ehemaligen Wochenzeitung zu bringen“. Er werde, so Köppel weiter, ihre „groteske Äußerung“ als einmalige Entgleisung betrachten – wenn sie beiliegende Unterlassungserklärung unterzeichne.

Bergs Vergleich ist nun allgemein bekannt. Man kann sich fragen, was der Sinn von Köppels Vorgehen sein könnte: Sicher kann es nicht darum gehen, diesen Tweet rückgängig machen zu können, weil er nun mehr Leuten bekannt ist als je zuvor. Zudem kann man sich fragen, wie sinnvoll es sein kann, jemandem zu verbieten, die Weltwoche in »irgendeinen Zusammenhang« mit Der Stürmer zu bringen. Ein Zusammenhang ist ja schon, wie Köppel selber schreibt, dass es sich um Wochenzeitungen handelt.

Man ist versucht, Köppels Äußerungen im letzten Weltwoche-Editorial auf seinen Konflikt mit Frau Berg zu beziehen. Dort schreibt er:

Wie weit darf eine Zeitung unerfreuliche, mit Tabus behaftete Realitäten abbilden? Wieweit ist es erlaubt, politisch unkorrekte oder politisch unerwünschte Missstände aufzu­decken? Es ist eine Tatsache, dass die Roma-Kriminalität in der Schweiz auf einem hohen Niveau weiter stark zunimmt. Es ist zudem ­eine Tatsache, dass für die kriminellen Akti­vitäten gezielt Roma-Kinder missbraucht ­werden. […] Man kommt diesen Problemen nicht durch Klagen und Maulkörbe gegen Journalisten bei.

Nun ist es auch eine Tatsache, dass die Weltwoche das Titelbild nicht im Sinne seines Fotographen verwendet hat und ein Bild verwendet, das sich nicht als Symbolbild eignet, weil es mit den beschriebenen Vorgängen nichts zu tun hat – weder handelt es sich um ein Roma-Kind, das in der Schweiz kriminell ist, noch hat die Kriminalität von Roma in der Schweiz etwas mit Waffen zu tun.

Die Frage ist nun: Warum sollte Sibylle Berg nicht das Recht haben, mit ihren Mitteln auf diesen Missstand aufmerksam zu machen? Warum will Herr Köppel ihr einen Maulkorb verpassen? (Wie er das schon in Bezug auf das Projekt »Welschwoche« getan hat…)

Man kann im Editorial weiterlesen. Dort geht es um den Steuerstreit zwischen der Schweiz und Deutschland und dort gleicht Köppels Argumentation einer Rassenlehre: »Schweizer« seien »von Geburt an« so, Deutsche anders. Köppel schreibt:

Die deutsche Gründlichkeit läuft logisch auf politische Intoleranz hinaus. Der Gründliche duldet keinen Widerspruch, weil es keinen Widerspruch geben kann, wenn eine Sache ergründet worden ist. Hat der Gründliche den letzten Grund einmal erreicht, kann nur einer vollständig recht und können nicht mehrere teilweise recht haben. Der Gründliche geht ­davon aus, dass alle Menschen, hätten sie die Dinge so durchschaut wie er, nach den gleichen Vorstellungen leben würden. Andere ­Lebensweisen irritieren ihn, weil sie ihm als Ausdruck schlechter Moral oder mangelnder Intelligenz erscheinen. Kompromisse kommen vor, aber eigentlich streben die Gründlichen die Schönheit vollkommener Konzepte und absoluter Begriffe an (Gerechtigkeit, ­Moral, Gemeinschaft, Solidarität).

[…] Die Schweizer sind sorg­fältig, aber nicht gründlich. Es fehlt ihnen die ­Fähigkeit zur dogmatischen Intoleranz, zur moralischen Absolutsetzung des eigenen Standpunkts. Die Schweizer sind Skeptiker, Pragmatiker und deshalb Weltmeister des Entgegenkommens. Politisch sind sie auf Kompromiss programmiert, und eine ihrer grössten Schwächen besteht darin, dass sie auf die gleiche Nachgiebigkeit hoffen, die sie ­selber in Konflikten so freigebig offerieren.

Die Frage ist nun wohl: Ist Köppel in den eigenen Augen ein Deutscher oder eher ein Schweizer?

In Bezug auf Frau Berg stellt sich diese Frage nicht. In ihrer vorletzten Kolumne auf Spiegel Online entwirft sie eine der Köppels kaum nachstehende Charakterisierung der Deutschen, die klar macht, wie sie sich selbst sieht:

Vielmehr steht zu befürchten, dass, wenn es etwas wie einen deutschen Charakter gibt, der dem Glücksempfinden ein wenig abträglich ist. Vermutlich sitzt die preußische Erziehung in ihrer Rigorosität dem Menschen noch in den Genen. Immer der Beste in allem sein zu wollen, hat seine Narben hinterlassen. Die Menschen verlassen sich mehr auf Obrigkeiten als auf sich selbst. Was dem Basispunkt der Autonomie und der Selbstachtung widerspricht. Selten wird, zum besseren emotionalen Verständnis, ein abhängig Angestellter die gleiche Zufriedenheit empfinden wie ein selbstbestimmter Selbständiger. Obwohl das scheinbare Unsicherheiten und mehr Arbeitszeit mit sich bringt.

Update 18. April 2012:

Roger Köppel schreibt Frau Berg einen offenen Brief (pdf) – in dem er wiederum die Tatsache herausstreicht, dass Berg als Deutsche moralisch anders ticke als das in der Schweiz üblich sei…

Aufgaben – und mal wieder Facebook und Feminismus

Immer wieder werde ich von LeserInnen meines Blogs gefragt, warum ich denn in Foren und in den Kommentarfunktionen mit Leuten diskutiere, die erstens kaum zu einer Diskussion bereit scheinen, weil sie sich eine Meinung gebildet haben, die auch kaum einer Diskussion würdig sei. Ein viel bessere Antwort, als ich sie geben könnte, habe ich heute in einer längeren Rede von Jürgen Habermas gefunden, an deren Ende er schreibt:

Der Intellektuelle soll ungefragt, also ohne Auftrag von irgendeiner Seite, von dem professionellen Wissen, über das er beispielsweise als Philosoph oder Schriftsteller […] verfügt, einen öffentlichen Gebrauch machen. Ohne unparteiisch zu sein, soll er sich im Bewusstsein seiner Fallibilität äussern. Er soll sich auf relevante Themen beschränken, sachliche Informationen und möglichst gute Argumente beisteuern, er soll sich also bemühen, das beklagenswerte diskursive Niveau öffentlicher Auseinandersetzungen zu verbessern. […] Und er darf den Einfluss, den er mit Worten erlangt, nicht als Mittel zum Machterwerb benutzen, also «Einfluss» nicht mit «Macht» verwechseln. In öffentlichen Ämtern hören Intellektuelle auf, Intellektuelle zu sein.
Dass wir an diesen Massstäben meistens scheitern, ist nicht erstaunlich; aber das kann die Massstäbe selbst nicht entwerten. Denn die Intellektuellen, die ihresgleichen so oft bekämpft und totgesagt haben, dürfen sich eines nicht erlauben – zynisch zu sein.

In diesem Sinne drei kurze Bemerkungen:

  1. Facebook und Social Media als Garanten für Meinungsäußerungsfreiheit?
    Durch diesen Artikel in der FAZ am Sonntag bin ich auf die Gedanken von Evgeny Morozov gestossen, der in diesem längeren Gespräch mit Clay Shirky in der FAZ einen kritischen Blick auf den Umgang mit sozialen Medien wie Twitter in autoritären Staaten wirft. Das Gespräch ist sehr differenziert und eine lohnende Lektüre, welche die verbreitete These, die Protestaktionen im Iran hätten von Twitter profitiert oder seien gar darauf zurückzuführen, zumindest hinterfragt, wenn nicht gar widerlegt (und die meisten Leute, welche ich kenne, wissen von Twitter wenig mehr als eben diese These). Hier einige Zitate aus dem Gespräch:
    .»Sollten wir uns nicht auch fragen, ob das Netz die Menschen empfänglicher für nationalistische Botschaften macht? Oder ob es eine gewisse – hedonistisch gefärbte – Ideologie befördern könnte, die die Menschen faktisch mehr denn je von einem sinnvollen politischen Engagement abhält? Verhilft es in autoritären Staaten sogar bestimmten nichtstaatlichen Kräften zur Macht, die nicht unbedingt auf Demokratie und Freiheit hinarbeiten? Dies alles sind schwierige Fragen, die wir nicht beantworten können, wenn wir uns nur darauf konzentrieren, wer während einer Protestwelle einen Machtzuwachs verzeichnet – der Staat oder die Demonstranten.«
    .»Wie Robert Putnam gezeigt hat, schafft Sozialkapital Werte für Menschen innerhalb eines Netzwerks, während es den Menschen außerhalb des Netzwerks Nachteile bringt. Ich glaube nicht, dass Kommunikationsfreiheit automatisch zu prowestlichen Regierungen führt.«
    .»Ich bin ebenfalls nicht sicher, ob Blogger so großartige Symbole für regierungskritische Kampagnen sind. Die gewöhnlichen unpolitischen Menschen, über die wir sprechen, die, die am Ende den Mut aufbringen, auf die Straße zu gehen und die Staatsgewalt herauszufordern: Diese Menschen müssen von Leuten angeführt werden, die bereit sind, mutig für ihre Sache einzutreten, sich zu opfern, ins Gefängnis zu gehen und die nächsten Havels, Sacharows oder Solschenizyns zu werden.«
  2. Facebook und Privatheit.
    Die NZZ bzw. Joachim Güntner greifen in einem längeren Artikel mal wieder das Klischee auf, wonach Facebook einen Bereich der Privatsphäre verletze, der absoluten Schutz genießen müsse, und Menschen mit einem Profil einer diffusen Bedrohung ausgeliefert seien, welche sie einmal (z.B. bei einem Jobwechsel) einholen werde. Güntner fragt dann aber bezeichnenderweise: »wird der Leser Goffmans nicht auch bei Facebook manches interpersonelle Ritual wiederfinden, das der Soziologe beschrieb, als er von der Knüpfung und Belebung sozialer Kontakte handelte? Das Ritual der Bestätigung etwa, mit dem wir eine Äusserung einer Person oder auch eine Änderung in ihrer Lebenssituation quittieren – Glückwünsche, Lob, Neckereien, Beileid, Herstellung von Eintracht im Gespräch über Nichtigkeiten.« Und die Antwort ist natürlich: Ja, er wird. Facebook dient zur Pflege von Kontakten, und genau so wie wir im richtigen Leben Kontakte pflegen, indem wir interagieren und anderen Leute Dinge über uns mitteilen, genau so tut man das auf Facebook. Wer darauf einwenden will, dass die Daten bei Facebook aber für die Ewigkeit gespeichert und sich meiner Kontrolle (Daten entziehen sich eigentlich immer meiner Kontrolle) entziehen, soll einmal 5 Personen seiner Wahl googlen – und sich mal überlegen, wie brisant denn das im Extremfall sein könnte, was man über diese Personen herausfindet.
  3. Feminismus.
    Heute bin ich mal wieder – Sibylle Berg sei Dank – über den dämlichsten Schweizer gestolpert: René Kuhn. Der hat als neuestes Projekt ein Konzept entwickelt, das er »Antifeminismus« nennt. Der Mann denkt dermassen verworren, dass zu seinen Ergüssen nicht viel gesagt werden muss. Beängstigend ist aber sein Verständnis von Feminismus, gegen den er sich wendet: Er versteht Feminismus als eine Bewegung, welche erstens Frauen mit Privilegien ausstatten (und Männer in der Folge diskriminieren) wolle und zweitens Geschlechterrollen einführen wolle, welche unnatürlich seien (weil Frauen nichts wollen als eine Familie und Männer dafür bestimmt sind, zu arbeiten und Politik zu betreiben).
    Diese verquere Definition, die natürlich nicht auf Quellen beruht (Kuhn zitiert einmal de Beauvoir und einmal Schwarzer, aber völlig aus dem Kontext gerissen), ist verbreiteter als man denken könnte. Kaum jemand kann sich heute als Feministin bezeichnen, ohne mitleidig belächelt (weil Frauen dürfen ja schon alles) oder angefeindet zu werden (»die ist einfach verbittert, weil sie keinen Mann gefunden hat«).
    Dazu vielleicht nur zwei Gedanken:
    a) Feminismus heißt, zu erkennen, dass Geschlecht aus einer biologischen und einer sozialen Komponente besteht und Rollen veränderbar sind und aufgelöst werden sollen – dass es generell keine Rolle spielen darf, ob jemand eine Frau oder ein Mann ist.
    b) Die Schweiz ist – beispielsweise hinsichtlich der Möglichkeit für eine Frau, Karriere und Familie miteinander zu verbinden – in Sachen Gleichberechtigung und Frauenrechte im Vergleich mit den meisten europäischen Staaten extrem rückständig.

#Twitter – Eine Anleitung und eine Bilanz

Es ist der 12. März 2009. Schon lange habe ich von diesem Twitter-Ding gehört, nie genau verstanden, wozu man es brauchen könnte, und nun beginne ich also damit. Wie ich schon mit

  • Hattrick
  • MSN (heute Windows Live)
  • Bloggen
  • RSS-Reader
  • Facebook

begonnen habe: Mal sehen, ob das was taugt. Was also taugt Twitter?

Eine Anleitung

Man braucht:

  1. Einen Account auf Twitter.com, meiner heißt http://twitter.com/kohlenklau, weil ich mich früher schon einmal mit phwampfler angemeldet habe und und und.
  2. Ein mobiles Gerät, auf dem man entweder per Browser oder (besser) per Applikation auf Twitter zugreifen kann, in meinem Fall Tweetie. (Nach Versuchen mit anderen Apps.)
  3. (fakultativ) Auf dem Laptop oder Desktop ein Tool, mit dem man auf Twitter zugreifen kann (damit man im Browser nicht immer ein Fenster offen halten muss); ich benutze nun auch Tweetie, habe aber auch Twitter für Growl installiert, so dass ich alle Tweets angezeigt bekomme (mühsam, mit der Zeit, da der ganze Bildschirm gefüllt wird, wenn man den Computer aufweckt.)

Man macht damit:

  1. Man schreibt Tweets, d.h. Meldungen mit einer Länge von 140 Zeichen. Man kann sie sich als eine Art öffentliche SMS vorstellen, obwohl man auch private Nachrichten verschicken kann. Optional kann man vom mobilen Gerät aus Geotags anhängen, d.h. Koordinaten des momentanen Aufenthaltsortes, Bilder und sogar Videos. Der ganze Dienst wird auch Microblogging genannt, die Tweets werden verstanden als Blogposts im kleinen Umfang. Zusätzlich kann man eine Art Indexsystem benutzen, indem man Begriffe mit einem Hashtag kennzeichnet, wie #twitter im Titel dieses Posts. Üblich sind Links auf größere Texte, z.B. Blogposts, welche mit Mikrolinks verlinkt werden (z.B. TinyURL oder bit.ly) – um Zeichen zu sparen. Zum Inhalt der Tweets weiter unten.
  2. Die Tweets werden von Followers gelesen, also von Leuten, welche meine Tweets abonniert haben und sie angezeigt bekommen. Man kann sich direkt an einen Follower richten, indem man ihn mit @dougthehead in den Tweet aufnimmt.
  3. Man selber ist natürlich auch Follower und abonniert so die Tweets anderer Twitternden. (Falls man sich fragt, was twittern eigentlich heißen soll: Zwitschern. Deshalb tauchen auch Comicvögel häufig auf.)  Diese Tweets liest man dann; verbreitet sie weiter, indem man sie re-tweetet (Syntax: »RT @kohlenklau …« wobei … für den Inhalt des Originaltweets steht) oder antwortet mit @kohlenklau darauf.

Philippe Wampfler (kohlenklau) on Twitter

Und was bringt das?

Welche Funktionen hat Twittern bzw. das Lesen von Tweets?

  1. Unterhaltung und Öffentlichkeit. Man twittert Witze, Kuriositäten und Beobachtungen aus dem Alltag, demonstriert seine Medienkompetenz, bleibt im Gespräch. Gleichzeitig veröffentlicht man viele (harmlose) Aspekte seines Privatlebens, genau so, wie man das mit einer Facebook-Statusmeldung tut (man kann natürlich Tweets auch automatisch als FB-Statusmeldung anzeigen lassen, m.E. am besten mit Selective  Twitter Status).
  2. Publizieren von Informationen. Als Blogger twittert man jeden neuen Blogeintrag (auch hier gibt es Tools, WordPress kann das automatisch, zuvor habe ich Twitterfeed benutzt).  Zeitungen twittern ihre Meldungen mit Links zu den Artikeln (z.B. twitter.com/nzz), aber auch Homepages, Firmen etc. benutzen Twitter als Social-Media-Anbindung, über die Kunden und Interessierte informiert werden. Als Leser kann man also so den RSS-Reader eigentlich ersetzen.
  3. (Zielgerichtete Kommunikation). Die Klammern deuten an, dass diese Funktion eingeschränkt genutzt wird und funktioniert. Beispielsweise hat twitter.com/phogenkamp schon per Twitter jemanden gesucht, der zu einer bestimmten Zeit vom Stauffacher zum Bahnhof fährt – und auch gefunden. Man könnte so eine Art ortsgebundene Kommunikation ermöglichen, man kann auch nach Tweets aus einer bestimmten Region suchen und sich die auf einer Karte anzeigen lassen. Andererseits könnte man eine Art SMS an mehrere Menschen versenden, z.B. eine Einladung.

Offene Fragen

Ob sich der Aufwand lohnt, wage ich im Moment zu bezweifeln. Wenn man Vergnügen an derlei Dingen hat, sich ab und zu von Tweets ablenken lassen will – dann schon. Sonst kaum. Folgende Fragen sind für mich noch offen:

  1. Wie schafft man es, den richtigen Twittern zu followen – und wie tut man das? Twitter hat Listen eingeführt, mit denen man mehr Leute finden sollte, die interessante Tweets posten. Aber schon nur das Followen von 50 Twittern wird enorm zeitraubend und unübersichtlich – wenn man denn alle Tweets liest. Andererseits: Was bringt das Lesen, wenn man es selektiv tut? Wie oft aber soll man es tun? Etc.
  2. Filterfunktionen. Twitter müsste Informationen filtern lassen, so dass man nur liest, was man lesen will (ähnlich wie Facebook das tut). Unklar ist, ob das technisch möglich ist?
  3. Wie twittert man richtig? Was interessiert die Follower? Soll man – wie twitter.com/thomashutter – redundant twittern und Tweets wiederholen, oder nicht? Soll man sich eine Linie zulegen und seriös twittern, oder indiskret (wie twitter.com/promiskuitaet) oder nur privat, oder alles mischen?

Und ein Tipp

http://twitter.com/SibylleBerg – Sibylle Berg mag ich ohnehin, aber sie twittert auch sensationell. Und hier noch ein toller Text von ihr: