Alt Lit, Männer trollen und Post-Gender

Kürzlich habe ich mich mit jemandem auf ein Bier getroffen und ein paar Stunden geredet. Ich habe viel gelernt, nachgedacht und Fragen gestellt bekommen, die mich noch eine Weile begleiten werden. Unter anderem wurde mir Marie Calloway vorgestellt, eine Ikone der Alternative Literature. Meine Gesprächspartnerin vertrat die Meinung, es könne nicht lange gehen, bevor die auch im deutschsprachigen Raum rezipiert werden würde. Ich habe einiges von Calloway gelesen und bin beeindruckt: Mit minimalen Mitteln zeigt sie, wie on- und offline Geschlechterrollen inszeniert und repräsentiert werden. Indem sie literarisch aufzeigt, wie Männer auf ihr literarisches Alter-Ego reagieren, und dabei ihre literarische Rolle und ihre Person ununterscheidbar werden lässt, provoziert sie Reaktionen und Reflexionen, die politisch mehr bewegen dürften, als es eine Aufschrei-Debatte kann.

tumblr_mihpcj8KH91s6q4cuo1_1280Calloway trollt Männer. Sie spielt mit Identitäten, verunsichert souveräne Männer und lässt ihr Publikum über sie lachen. Das scheint mir eine viel versprechende Strategie zu sein – nicht für den Umgang mit sexueller Gewalt beispielsweise und auch nicht für den Umgang mit unterschiedlichen Rechten. Da gibts nichts zu lachen. Aber für den Raum, den Männer wie selbstverständlich einnehmen, für die subtilen Übergriffe und den latenten Sexismus, den viele gar nicht wahrnehmen. Den kann man anprangern, wird aber damit die stärken, die ihn ignorieren. Ihn aber zu trollen schafft eine Verunsicherung bei denen, die ihn ausüben; sie hebelt die Selbstverständlichkeit aus, mit der Männer annehmen, ihre Sexualität auch gegen Widerstände ausleben zu müssen und zu dürfen.

Im Gespräch verglichen wird die Alt Lit-Szene mit dem jungen Feminismus im deutschen Sprachraum, der oft betont politisch ist und bewusst einen barschen Ton anschlägt. Dabei fällt auf, dass Calloway und andere Alt-Lit-Autorinnen traditionell dem weiblichen Stereotyp zugehörige Tätigkeiten ausführen (schreiben, zum Beispiel; oder Collagen machen, sich schminken); während viele Feministinnen und Deutschland einen starken Bezug zu technischen und naturwissenschaftlichen Tätigkeiten aufweisen.

Von da aus lässt sich eine Brücke zur Frage des Gender-Mainstreaming schlagen, also zur Frage, wie denn Gleichstellung konkret umgesetzt werden könnte: Sollen Mädchen animiert werden, Roboter zu bauen, Computer zu programmieren und Eishockey zu spielen (und Knaben mit Puppen Theater spielen, sich schminken und Geschichten erfinden)? Auch. Es braucht im Computerclub mehr Frauen und in Lesezirkeln mehr Männer, damit sich alle Menschen dort wohl fühlen. Aber die konkrete Tätigkeit ist weniger wichtig als ihre Funktion: Wenn sich junge Frauen heute auf Tumblr als Objekte präsentieren (vgl. die Arbeiten von Kate Durbin), dann verlassen sie damit eine heterosexuell geprägte Weiblichkeit: Sie inszenieren sich für sich, weil es auf diesen Tumblr kaum Männer gibt. Schminken und Mode wird zu einer selbstreflexiven Kunst in einem nicht-genderten Raum; es ist, als würden diese Kulturtechniken von Frauen »reclaimed«, als so beansprucht, dass sie nicht mehr in einem Diskriminierungszusammenhang stehen.

tumblr_mlboej5ncJ1r8ihz1o1_1280Dasselbe kann man bei urbanen Männern beobachten, die ihren Body formen und eigene Modestile ausprägen, ohne dass das primäre Ziel das andere Geschlecht wäre.

Das wäre letztlich die Vorstellung von Post-Gender, die ich für erstrebenswert halte: Dass Menschen Tätigkeiten ausüben und Identitäten entwickeln, die losgelöst von ihrer Geschlechtsidentität, von Geschlechterrollen und sexueller Orientierung sind. Dass das Geschlecht weder für die Motivation, etwas zu tun, noch für die Fähigkeit als ausschlaggebend angeschaut wird.

Aber es wäre naiv zu denken, man könnte einfach so tun, als lebten wir bereits in dieser Situation. Bis dahin braucht es wohl sowohl die Strategien des jungen amerikanischen und des jungen deutschen Feminismus: Einerseits spielerisch dekonstruieren, was Privilegierte als Selbstverständlich erachten, andererseits knallhart einfordern, was für alle Selbstverständlich sein sollte. So attraktiv Alt Lit und Trollerei erscheinen mag: Letztlich handelt es sich hier auch wieder um Tätigkeiten für Privilegierte, die vielen real Diskriminierten und Benachteiligten weder zur Verfügung stehen noch helfen.

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Prüderie – eine Auslegeordnung

Eine These, die beim Apéro eigentlich immer gut ankommt, lautet: Heute sei die Gesellschaft/die Jugend total prüde, während die Scheinwelt der Werbung und der Medien das Gegenteil suggeriere. Zudem glaube die Gesellschaft/die Jugend, früher seien alle viel prüder gewesen, obwohl das nicht stimmt.

Kurt Imhof formulierte kürzlich in der Diskussion über den Umgang der Medien mit #Aufschrei die These etwas akademischer:

Faszinierend ist doch das Faktum, dass wir uns alle – inmitten einer hochsexualisierten Informations- und Unterhaltungsindustrie – immer mehr in eine neue innerweltliche Askese einkerkern, die bereits Blicke auf die hergezeigten Primärmerkmale – moralisch sanktioniert. Geschweige denn die Thematisierung dieser Merkmale.
Die PuritanerInnen, würde Max Weber sagen, wussten wenigsten noch wieso sie sich in ihrem Erdental des Leidens jeglicher Körperlichkeit (bis auf die Reproduktionspflicht) enthalten mussten. Es ging immerhin um ihren Gnadenstand, also um die Zutrittsgewissheit zum ersehnten Paradies entgrenzter Sinnlichkeit. Bei uns geht es bloss um politische Korrektheit im medienwirksamen, weil moralgesättigten Täter-Opfer-Gesellschaftsspiel beim Preis unserer Skandalisierung. Die PuritanerInnen hatten es besser.

Dieser Kommentar hat mich verärgert, weil er auch bekannte Derailing-Strategien setzt: Diskussionen über Sexismus werden häufig über den Verweis auf politische Korrektheit, Moral und eben Prüderie ausgehebelt. Die Begriffe sind eigentliche Kampf- und Machtbegriffe: Wer anderen politische Korrektheit, Moral oder Prüderie vorwerfen kann, bewegt sich auf einer Metaebene, die es erlaubt, die vorgebrachten Argumente zu ignorieren und als etwas Sekundäres zu bezeichnen: »Eigentlich geht es dir nur darum,  korrekt/moralisch überlegen/prüde zu sein, deshalb argumentierst du so.«

Nun, mein Ärger hat sich gelegt und ich möchte etwas genauer darüber nachdenken, was Prüderie eigentlich meint. Hier einige Ansatzpunkte:

  1. Askese: Prüde ist, wer die eigenen sexuellen Bedürfnisse nicht wahrnimmt, nicht ausdrückt oder nicht auslebt, weil er oder sie sich diese nicht zugestehen will. 
  2. Moral/Anstand: Der Ausdruck und das Ausleben von Sexualität wird als unanständig und oder unmoralisch markiert und so tabuisiert.
  3. Hemmungen/Unsicherheit: Menschen werden psychisch daran gehindert, ihren Körper und ihre Sexualität zu zeigen.
  4. Rücksichtnahme: Menschen halten sich in sexueller oder körperlicher Hinsicht an Normen, um andere nicht zu belästigen.

Diese vier Aspekte sind oft miteinander verbunden, wenn von Prüderie der Rede ist.

Sitzender nackter Mann. Rebrandt, Skizze, 1646.

Sitzender nackter Mann. Rebrandt, Skizze, 1646.

Entscheidend schient mir aber, dass die im Phänomen der Prüderie aufscheinenden Normen auch mit Machtstrukturen gekoppelt sind. Sexualität lässt sich, wie viele andere Bereiche des menschlichen Lebens, ohne Normen nicht denken: Es gibt immer Praktiken, Lebensweisen, Darstellungen und Erscheinungen, die allgemein akzeptiert werden, um solche, die radikal tabuisiert werden (und natürlich solche dazwischen).

Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Das Zeigen des eigenen, nackten Körpers in Zürich, 2013. Entspricht der Körper Normvorstellungen, ist es denkbar, ihn z.B. in Badeanstalten zu zeigen, so lange Po, Vulva, Penis und weibliche Brüste verhüllt sind. Das gilt auch schon für Säuglinge, wobei die Brust von Mädchen erst im Kindergartenalter verhüllt werden soll, oft aber schon früher bedeckt gehalten wird. In nicht gemischt-geschlechtlichen Garderoben, Duschen und Saunen ist es möglich, gänzlich unbekleidet zu sein, so lange niemand von außen reinsehen kann.

Das ist die Norm. Radikal tabuisiert ist es nun zum Beispiel, sich Kindern nackt zu präsentieren; sanktioniert wird z.B. das Zeigen von nicht der Norm entsprechenden Körperteilen (z.B. mit bauchfreien Oberteilen, Leggins, Schambehaarung, Gesichtsbehaarung), besonders bei Frauen.

Schönheitswettbewerb: Beine; Kalifornien 1948

Schönheitswettbewerb: Beine; Kalifornien 1948

Dass es Normen gibt, erstaunt niemanden. Normen ändern sich, in den 80er-Jahren sonnten Frauen sich oft oben ohne, Kinder badeten nackt. Kann man damit sagen, die oben geäußerte These sei langweilig, weil sich Menschen immer an Normen ausrichten und sie beachten? Wenn Prüderie die Orientierung an akzeptierten Mustern meint, dann schon.

Aber wahrscheinlich steckt noch mehr dahinter, z.B.

  • die Frage, ob Normen denkbar sind, die den Bedürfnissen der Menschen besser entsprechen (die dann als weniger »prüde« bezeichnet werden). 
  • die Sehnsucht nach einer vergangenen Zeit, in der Sexualität einfacher war (was wahrscheinlich gar nicht stimmt).
  • der Widerspruch zwischen der von der Werbung benutzen Vorstellung, Sexualität und permanente Lust seien Bedingungen für ein glückliches Leben, es sei möglich, unsere intimsten Bedürfnisse zu befriedigen – und der Realität.
  • der individuelle Widerspruch zwischen dem Anspruch, keine Hemmungen und Unsicherheiten zu kennen und Moral nicht zu benötigen – und der Realität.
  • das Problem der Rücksichtnahme, also die Erkenntnis, dass die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse nicht auf Kosten anderer gehen darf; dass andere im eigenen Begehren zwar als Objekte erscheinen mögen, aber nicht zu Objekten gemacht werden dürfen, wenn man selber nicht auch objektifiziert werden möchten.
  • die Kritik an der Gesellschaft und der Jugend, die immer auch zeigt, dass man selber anders ist, lockerer, sicherer, gelöst von Normen und Konventionen.

Für weitere Interpretationen gibt es Raum in den Kommentaren, ich freue mich.

 

Zwei Bemerkungen zum #Aufschrei

Heute läuft auf Twitter eine Bewegung, die wohl leicht das politische Potential von Twitter auch im deutschsprachigen Raum aufzeigen könnte: Mit dem Vermerk #Aufschrei schreiben Frauen über sexistische Gewalt, die sie erfahren haben. Viele Frauen können sich nicht gegen diese vielfältigen Formen von Übergriffen wehren, ja meist nicht einmal darüber sprechen – so selbstverständlich und alltäglich sind sie.

Bei @antiprodukt findet man eine gute Übersicht über die Bewegung und ihre Hintergründe, die Tweets nachlesen kann man auf einem speziell dafür eingerichteten Blog – ich beschränke mich auf zwei Bemerkungen.

  1. Es ist nicht schwierig, sich als Mann nicht sexistisch zu verhalten. Es ist sogar äußerst leicht zu erkennen, wann man Grenzen überschreitet. Man kann mit seinen Mitmenschen darüber sprechen, sich auf sie und ihre Reaktionen einlassen. Man kann sich fragen, wie man selber reagieren würde, wenn man so behandelt würde – und sich generell so verhalten, als wären die Menschen anwesend, deren Urteil einem wichtig sind. Konsens ist die Grundlage von angenehmen menschlichen Interaktionen.
    Kurz zu drei Einwänden:
    a) Natürlich wachsen wir alle in einer Kultur auf, zu der auch rape culture gehört. Wir alle haben erlebt, wie Männergruppen anzüglich über Frauen gesprochen haben, wir sind umgeben von einer Boulevardpresse und Werbeindustrie, die Frauen auf ihren Körper reduziert, wir unterhalten uns mit Medien, in denen Frauen degradiert werden. Aber wir sind nicht die Medien um uns herum, diese Medien legen nicht fest, wie wir mit anderen Menschen umgehen; wir legen das fest. Ich sehe auch oft, wie Männer sich prügeln, wenn sie eine Auseinandersetzung haben, und prügle mich doch generell nie.
    b) »Ja heißt ja« – oder »nein heißt nein«? Sex ist kompliziert, schreibt Julia Seeliger. Er lebt von Ungeklärtem, Überraschenden, er verliert einen Teil seines Reizes, wenn alles vorbesprochen ist. Geht es deswegen in Ordnung, eine Grenzüberschreitung in Kauf zu nehmen, um ein bisschen Spaß zu haben und den oder die andere(n) zu überraschen? Nein. Wenn ich oben geschrieben habe, man merke, »wenn man Grenzen überschreitet«, so muss das wohl präzisiert werden: Man merkt es manchmal erst danach. Aber die Lösung ist doch naheliegend:
    (1) Tue nichts, von dem du weißt, dass die andere(n) Person(en) dem nicht zustimmen würden.
    (2) Sobald du merkst, dass du dich getäuscht hast, entschuldigst du dich und überdenkst deine Handlungen.
    c) Sexistische Handlungen entstehen in einem Kontext. Eine Handlung kann je nach betroffener Person eine andere sein. »Wenn mir ein mir nur oberflächlich bekannter Mann ein zurückhaltendes, freundliches Kompliment über mein Kleid macht – Übergriff oder nicht?«, fragt Frau Meike. Ja. Aber auch hier liegt es nahe, defensiv zu agieren: Dinge tun, von denen man annehmen kann, dass sie nicht als Übergriff interpretiert werden können. Und wenn doch: Umdenken. 
  1. Auch wenn man denken könnte, es sei recht klar, was mit »Aufschrei« gemeint ist, sieht man doch deutlich, dass Prägungen eines Begriffs nicht autoritär verordnet werden können.
    Ein Wort ist eben keine Realität. Die Realität hinter sexistischen Übergriffen ist klar, die Rede darüber ist aber anfällig für Störungen. Sobald ein Begriff zum Symbol für ein Problem wird, kann man ihn kritisieren, missbrauchen, verschieben. Sofort entsteht eine Diskussion darüber, wann »Aufschrei« angebracht ist und wann nicht, sofort gibt es »Aufschrei«-Spam, sofort eine Gegenbewegung, die den Begriff ebenfalls verwendet (z.B. mit dem »What About Teh Menz«-Argument). Ist es schlimm, dass Sprache und Medien ein subversives Potential haben? Manchmal. Manchmal ist es aber auch tröstlich, weil man auch die Sprache des Missbrauchs, der Diskriminierung und der Entwürdigung diesen Verschiebungsprozessen unterziehen kann.

aufschrei

Elemente des Lifestyle-Sexismus

Die folgenden Gedanken, so viel sei als Disclaimer gesagt, resultieren aus der Diskussion auf dem Portal clack.ch (»interaktiver Versammlungsort für stilsichere Frauen«), insbesondere mit dem »Quotenmann« Réda el Arbi (»zürcher aus religiösen gründen / keine politik mehr«) über Ironie, Humor und Klischees in Bezug auf Geschlechterrollen und Sexismus. Triggerwarnung: sexuelle Gewalt. 

Was Sexismus ist, ist allen klar. Warum er problematisch ist, auch. Falls nicht: Ein bisschen nachdenken.

Erstaunlich ist, dass Sexismus richtiggehend modisch geworden ist. Man kann sich heute damit profilieren, sexistisch zu sein, und erhält dafür Anerkennung. Natürlich handelt es sich nicht um den Sexismus 1.0, bei dem Männer Frauen direkt gesagt haben, was sie dürfen und was nicht. Der Lifestyle-Sexismus ist subtiler. Hier ein paar typische Bestandteile:

  1. »Man muss heute gar nicht mehr gegen Sexismus einstehen, weil ja allen klar ist, wie doof Sexismus ist.«
  2. »Frauen WOLLEN einfach keine Karriere machen und mögen es, sich sexy zu präsentieren – lasst doch einfach alle Menschen das tun, was ihnen Freude macht!«
  3. Ein paar diffuse Gedanken zur Evolutionstheorie und Biologie, zur Steinzeit, Brüsten und Vergewaltigung. Fazit: Sexismus ist naturgegeben, Widerstand zwecklos.
  4. »Das ist alles einfach ironisch.« / »Hättest du genug Humor, würdest du das auch verstehen.« / »Hier werden Klischees nicht gefestigt, sondern subversiv benutzt.«
  5. »Es braucht doch eine gewisse Spannung zwischen den Geschlechtern, dieses Knistern schafft doch erst richtige Erotik.«
  6. »Die Diskussion um Sexismus ist so 1960 / 1970 / 1980 / 1990. Da kommen keine neuen Argumente mehr.«
  7. »Die jungen Menschen leiden gar nicht mehr unter Sexismus, habe ich gehört.«
  8. »Eigentlich ist Sexismus doch Pornographie. Und Pornographie ist doch gut!«
  9. »Wärst du nicht so unlocker / prüde / verklemmt / ewiggestern / stur / dumm / uneinsichtig / rechthaberisch / selbstgerecht / unsicher / ernst / unweiblich / unmännlich / unmodisch / benachteiligt, dann hättest du mit all dem doch kein Problem!«
  10. »Mädchen können doch heute auch mit Lego spielen und Knaben mit Barbies. Alles GAR KEIN PROBLEM!«
  11. »Die meisten Frauen mögen es doch insgeheim, wenn man ihnen an den Arsch fasst.«
  12. »Es gibt doch viel dringendere Probleme als das. Afghanistan, Saudi-Arabien, Pakistan.«
  13. »Eigentlich sind es ja die Männer, die benachteiligt sind.«
  14. »Früher hab ich deine Meinung auch mal vertreten, aber nun bin ich schlauer.«
  15. »Es gibt eine Studie, bei der ein paar Halbwissenschaftler 1953 herausgefunden haben, dass…«
  16. »Diese Argumente gibt es doch schon lange, gebracht hat das doch alles nichts.«
  17. »Heute sind Menschen einfach nicht mehr so prüde, das ist dir offenbar nicht bewusst.«
  18. »Ich schau mir jetzt lieber eine sexistische Sendung im Fernsehen an, anstatt darüber nachzudenken.«
  19. »Warum musst du als Mann über Sexismus nachdenken? Können das die Frauen nicht selber?« / »Logisch, dass du als Frau über Sexismus nachdenkst, so verschafft ihr euch ja eure Vorteile!«
»Sexy Legs«. Aide VANESSAHHHHHH Flores. society6.

»Sexy Legs«. Aide VANESSAHHHHHH Flores. society6.

Damit man mich richtig versteht: Ich will Sexismus nicht verbieten, Rassismus auch nicht. Ich diskutiere auch gerne darüber, wenn diskutieren heißt, dass man echte Argumente austauscht, offen ist und seine Position begründen kann. Der Rahmen für eine Diskussion ist nicht das eigene Empfinden. Dass Menschen viele klar sexistische Haltungen, Handlungen und Darstellungen nicht als störend empfinden, ist gerade das Problem. Nur wenn ein Bewusstsein entsteht, was Sexismus bedeutet und wie er Betroffene trifft, verschwindet er. Die Einstellungen von Menschen und Gesellschaften zu Geschlechterrollen wandeln sich. Sie sind nicht einfach gegeben, sondern das Resultat verschiedener Prozesse. Die kann man ändern.

* * *

Offenbar spricht man in den USA bei diesem Phänomen von Hipster Sexism:

»For the media savvy [generation], irony means that you can look as if you are not seduced by the mass media, while being seduced by [it] … [and] wearing a knowing smirk«

Soll sexistische Werbung verboten werden?

Betrachten wir zwei aktuelle Werbungsplakate:

Zunächst bin ich in Bezug auf die Geschichten, die in den Bildern erzählt werden, leicht ratlos:

Melanie Oesch benutzt mit einem Mann zusammen torffreie Gartenerden und wird dann nassgespritzt, weil das – wie die Gartenerden, offenbar – »das Natürlichste der Welt« ist? – Oder: Die Jodlerin, die weder »natürlich« jodelt noch »natürliche« Volksmusik macht, ist aus unklaren Gründen »das Natürlichste der Welt« und wird beim Verwenden der Gartenerden gezeigt, die so einfach in der Handhabung sind, dass Zeit bleibt, um Frauen nasszuspritzen?

Ein auffallend schlecht angezogener Mann hat einen uralten Fernseher auf das Dach eines Gebäudes getragen (inklusive Verlängerungskabel, aber ohne Fernsehkabel), um seiner aufgebretzelten Geliebten, welche ihre neuen Walder-Schuhe trägt, einen unvergesslichen Serienabend zu ermöglichen?

Wie dem auch sei: Sind diese beiden Werbungen sexistisch? Yvonne Feri, Neo-Nationalrätin der SP, fordert per Interpellation den Bundesrat auf, sexistische Werbung sei zu verbieten. Feri formuliert ihre Kriterien wie folgt:

Gegen sexy Werbung – wie es bei Frauenunterwäsche der Fall ist – habe ich nichts einzuwenden. Sexistische Werbung hingegen, die Geschlechter diskriminiert oder Unterwerfung und Ausbeutung darstellt, muss verboten werden. […]

Weitere Kriterien sind laut Feri die Frage, ob die Darstellung von Frauen bzw. Männern mit dem Produkt in einer Verbindung stehe und ob stereotype Geschlechterrollen gezeigt werden.

Tatsächlich ist Sexismus ein theoretisch komplexer Begriff. Entscheidende Punkte sind sicher:

  1. Die Definition bzw. das Voraussetzen von Geschlechterrollen.
  2. Die Wertung von Geschlechtern über diese Geschlechterrollen bzw. die Herabsetzung eines Geschlechts, normalerweise der Frau. ¨
  3. Der Ausdruck der Erwartung, dass Menschen Geschlechternormen zu genügen haben und sonst minderwertig sind.

Sexismus ist dabei in soziologischer Perspektive »kulturell bedingt, institutionell verankert und individuell verinnerlicht«. Das wirft folgendes Problem auf: Grundsätzlich ist nicht die Werbung sexistisch, sondern sie ist der Ausdruck sexistischer Denkweisen beziehungsweise sexistischer Strategien, die erfolgreich sind.

Christiane Schmerl hat in den 1980er-Jahren diese Strategien in sieben Punkten festgehalten (pdf):

  1. Frau = Sex: Reduktion von Frauen auf Sexualität macht Frauenkörper in der Werbung universell einsetzbar.
  2. Frau = Produkt: Frauen werden wie Konsumartikel behandelt und die Artikel sind wie Frauen: jung, schön und unverbraucht.
  3. Haushalt, Kinder und das Verwöhnen des Mannes sind die einzigen und liebsten Beschäftigungen der Frau.
  4. Stereotype weibliche ‚Schwächen‘ und ‚Laster‘ werden überspitzt: Sie sind fleißig oder raffiniert, tratschsüchtig oder unbeholfen (meist im Umgang mit Technik) .
  5. Nicht die normale Schönheitspflege ist gemeint, sondern die permanente Aufforderung, sich für Männer schön zu machen.
  6. Die Werbung zeigt, dass ‚Emanzipation‘ – vom Auto bis zur bequemen Kleidung – gekauft werden kann.
  7. Männlicher Zynismus: Ein Blick auf die Frau aus der Perspektive von Männerwitzen.

Diese Strategien mögen heute nicht mehr vollumfänglich gültig sein, sie bestimmen aber Werbung und die Darstellung von Frauen in der Werbung weiterhin weitgehend. Entsprechend gibt es eine sexistische Darstellung von Männern, was Feri bewusst zum Ausdruck bringt, in der Sexismus-Forschung aus teilweise verständlichen Gründen aber oft ausgeblendet wird.

Kehren wir kurz zu den Beispielen zurück, so stellt sich wiederum eine gewisse Ratlosigkeit ein. Handelt es sich um sexistische Werbung? Melanie Oesch ersetzt das Produkt, um das es geht. Sie wird zum dargestellten Produkt. Sie wird in einem vorgestellt nassen Sommerkleid gezeigt, also auch mit erotischen Vorstellung verbunden. Eine eindeutige Antwort kann nicht gegeben werden. Dasselbe gilt für die zweite Werbung: Der Mann scheint zwar technisch kompetent, aber irgendwie doch nicht, die Frau auch nicht. Sie hat sich (für den Mann oder für den Fernseher oder für sich selbst) schön gemacht? Alles höchst unklar.

Und nun: Soll sexistische Werbung verboten werden?

Ich finde nicht. In einem solchen Bereich sind Verbote wenig förderlich. Kurz gesagt: Sexistische Werbung sollte nicht funktionieren.

Zwar ist die Bedeutung der Werbung im Rahmen des folgenden Zitates von Edgar Foerster groß – aber nicht alleine in der Lage, schädliche Stereotype am Leben zu erhalten:

Medien stellen Männer und Frauen nicht bloß dar, sondern sie produzieren auch Vorstellungen darüber, wie Männer und Frauen ‚sind‘. Sie liefern Bilder von ‚richtigen‘ Männern und ‚attraktiven‘ Frauen […] Auf unterschiedliche Weise arbeiten die Medien daran mit, die Beziehungen der Geschlechter untereinander und zueinander ins Bild zu setzen, zu reglementieren, zu verändern, zu stabilisieren oder zu idealisieren.

Update 11. April:

Ich wurde auf diesen Artikel von diestandard.at verwiesen, wo es unter anderem heißt:

[D]ie grundlegende Bedeutung von Sexismus steht fest. Sie ist einfach, und doch ist in einer nach Geschlecht separierten Welt sexistisches Handeln oft nur schwer zu vermeiden. Eine blinde oder herablassende Leugnung des Griffes in die Vorurteilskiste zeugt von politischer Ignoranz, Desinteresse oder tief verankertem, aber offenbar unbewusstem Chauvinismus. Denn zu behaupten, dass „Sexismus“ eine subjektive Einschätzung sei, gilt nicht mehr.

 

Privilegien, Minderheiten, Normen und Diskriminierung

Eines der spannendsten Probleme, die es heute gibt, sind verschiedene Formen subtiler Diskriminierung. Was meint subtil? Es geht nicht primär um Formen der Diskriminierung, die von einer gesetzlichen Ungleichheit ausgeht oder durch Mechanismen, die brutalen Zwang voraussetzen; sondern eben Handlungsweisen, die alltäglich sind und »normal« wirken – und dennoch diskriminieren.

Ein Beispiel: Homosexuelle Menschen werden, wenn man sie dann einmal besser kennt, gerne mal gefragt, wie oder wann sie denn entdeckt haben, dass sie homosexuell seien. Ersetzt man nun homo- durch heterosexuell, merkt man sofort, warum diese Frage problematisch ist: Man denkt nicht einmal daran, dass jemand entdecken könnte, heterosexuell zu sein, weil wir davon ausgehen, dass irgendwie alle heterosexuell sind oder sein sollten – bis sie merken, dass sie »anders« sind. Und gerade dieses Anderssein ist ja dann letztlich das Problem.

An diesem Punkt ist nämlich das moderne Denken stehen geblieben. Spricht man mit aufgeklärten, gebildeten Menschen darüber, wird schnell einmal in die Runde geworfen, dass »diese Menschen« ja tatsächlich »anders« seien (also z.B. Frauen, Homosexuelle, Inter- oder Transsexuelle, MuslimInnen, ChinesInnen etc.). Damit wird ein Denken entlarvt, das aus folgenden Bestandteilen besteht:

  1. Das Erstellen und Aufrechterhalten einer Norm (weiß, heterosexuell, cisgender, männlich, arbeitstätig, nicht-behindert).
  2. Das Markieren von allen Menschen, die sich außerhalb dieser Norm befinden.
  3. Die andere Behandlung dieser Normopfer.

Wer nun zu dieser Norm gehört – wie der Autor z.B. – ist privilegiert. Wie schwierig es diese Person auch immer haben mag im Leben (vielleicht wird sie nicht geliebt, ist gescheitert etc.) – sie wird sich nie mit einer Norm auseinandersetzen, der sie nicht genügt. Sie wird nie bei Menschen Unsicherheit damit hervorrufen, wer sie ist; wird nie begründen müssen, warum als die Person, die sie ist, in dieser Gesellschaft lebt.

Und deshalb ist sie automatisch Teil des oben beschriebenen Mechanismus. Weil sie kein Opfer ist, ist sie ein Täter: Sie trägt das System und kommt in Genuss von Privilegien.

Was kann man tun – was kann ich tun? Zunächst einmal einfach zuhören. Nichts sagen, wenn man mit Menschen spricht, die nicht (gleich) privilegiert sind. (Wie subtil die Formen des Machtmissbrauchs und Unrechts gegenüber Minderheiten sind, zeigt diese Seite sehr schön.) – Dann: Über dieses Problem nachdenken. Sich bewusst zu machen, dass niemand sich diesen Mechanismen entziehen kann. – Und schließlich: Andere darauf aufmerksam machen. – Und vor allem nicht: So tun, als ob Rassismus und Sexismus Themen aus einer obskuren Vergangenheiten wären, die heute allenfalls in rückständigen Zivilisationen eine Bedeutung hätten.

Julia Schramm erklärt diesen Zusammenhang etwas ausführlicher, mit Literaturangaben und einer Skizze der Diskurstheorie – eine spannende Lektüre. 

Ich zitiere ihr »tl;dr«:

Unser Denken wird von den Diskursen unserer Gesellschaft geprägt. Als weißer, hetero, cis-gender hast du es im Leben (tendenziell/wahrscheinlich) leichter.  Und manchmal muss man diese Privilegien anerkennen und einfach die Klappe halten. Privilegien haben auch mal einen Preis. Außerdem: Rassismus ist mehr als das N-Wort und Ausländern den Kopf eintreten.

Hintergrund ist der Konflikt um den Auftritt von Noah Sow in Fulda, der sich aus diesen beiden Blogposts rekonstruieren lässt: To Whites It Should Concern von Nadine Lantzsch und Im Herzen die weißeste von allen von Malte Welding.

Bildquelle: http://www.din.de/

Warum Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen. Der neue Sexismus.

Im Blog von Sie kam und blieb wird auf das Buch von Natasha Walter, einer der prominentesten britischen Feministinnen, hingewiesen (und auf die Präsentation des Buches am 17. Februar in Bern). Das Buch heißt auf Deutsch Living Dolls. Warum Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen.

Der englische Untertitel heißt: »The return of sexism.« Walters grundlegende These ist, dass der heutige Sexismus durch die Beteiligung der Frauen von einem früheren unterschiedet. Frauen akzeptieren Sexismus (ein Beispiel von Walter ist die Pornographie, welche in den 80er-Jahren auch von Nicht-Feministinnen abgelehnt werden konnte, heute aber eine Selbstverständlichkeit zu sein scheint) und wählen ihn sogar aktiv.

Die FAZ formuliert das in ihrer Rezension wie folgt:

Was am heutigen Sexismus irritiert und ihn womöglich als solchen unkenntlich macht, ist die Bereitwilligkeit, mit der sich viele Frauen daran beteiligen: Sie hätten ja, heißt es stets, die Wahl. Genau diese Entscheidungsfreiheit bezweifelt Natasha Walter. In Werbung, Filmen, Musik und Medien werde ein ganz bestimmtes Bild der weiblichen Sexualität gefeiert, dem sich junge Frauen nur schwer entziehen könnten – vor allem Frauen aus eher prekären Verhältnissen, denen die Gesellschaft kaum Aufstiegschancen bietet. Es werde ihnen vermittelt, „dass der Weg zur Selbstverwirklichung der Frau unvermeidlicherweise über die Perfektion ihres Körpers führt“.

Im Guardian führt Walter weiter an, dass diese Unvermeidlichkeit das besondere Problem ist – es gibt keine Möglichkeiten für junge Frauen, auszuscheren:

It has become increasingly difficult for young women to opt out of this culture, to take any path other than that which leads inexorably to fake nails, fake tan and, finally, fake breasts. And, if they do, there are ­serious social penalties.

Das Problem ist das Menschenbild, das sich durch das Modeargument der biologischen Determination in den relevanten Gender-Dimension verändert (um nicht zu sagen: zurückgebildet hat):

[Das Problem ist| the objectification of young women, the suggestion that men and women are simply programmed to behave in certain ways, and that inequality is therefore inevitable.

Walter looks at the way that arguments for biological determinism have suddenly multiplied in recent years. She ­delivers a ­convincing critique of the studies that have been used to imply that children are biologically programmed to fit social stereotypes – that boys have a natural love of blue and cars and guns, and that girls have a natural love of pink and prams and dolls.

Dieses Puppenspielen erhält letztlich wieder den Status des »Natürlichen« – und damit, wie de Beauvoir schon 1947 geschrieben hat, werden Frauen zu Puppen, wollen wie Puppen behandelt werden. Walter beschreibt sehr anschaulich, wie diese Natürlichkeit konstruiert wird: Eine Mutter habe ihr geschrieben, ihr Sohn wolle Ballettstunden nehmen. In der Ballettklasse gäbe es aber bisher nur Mädchen, weshalb ihr Sohn »obviously« nicht mitmachen könne. Dieses »obviously« der ersten Mutter wird bei jedem Jungen, der Ballett interessant findet, genau so wiederholt wie bei jedem Mädchen, das kurze Haare haben möchte – und so wird etwas »natürlich«, was es eigentlich nicht wäre.