Serien, die ich schaue – Teil 3

Vor eineinhalb Jahren habe ich die Liste der Serien, die ich schaue, weitergeführt und neue Serien kommentiert. Nach meinem Vortrag vom Januar über Serien  und einem Beitrag von Ronnie Grob in der Medienwoche ist es Zeit, die Liste wiederum zu ergänzen.

Zuerst die Liste mit den Serien, die ich fertiggeschaut habe oder immer noch sehen – und von denen ich restlos überzeugt bin. Je weiter oben, desto besser, meiner Meinung nach. Alle erwähnten Serien habe ich in den bisherigen Posts schon einmal vorgestellt (Teil 1 oder Teil 2).

  1. The Wire.
  2. Breaking Bad.
  3. The Sopranos.
  4. Justified.
  5. Boardwalk Empire.
  6. Sons of Anarchy.
  7. The Shield.
  8. The West Wing.
  9. Six Feet Under.
  10. Treme.
  11. Eastbound & Down.
  12. Arrested Development.
  13. Curb Your Enthusiasm.
  14. United States of Tara.
  15. Hung.

Gesehen habe ich zudem folgende Serien, sie überzeugen mich aber nicht vollständig – entweder waren die ersten Staffeln besser, die Serie wurde repetitiv oder eingestellt. Die fett markierten sind aber meiner Meinung nach empfehlenswert:

Damages – Mad Men – In Treatment – Weeds – Stromberg – Californication – How I Met Your Mother – Deadwood – Türkisch für Anfänger – Homicide – Lost – Two and a Half Men – Entourage – True Blood – 24 – The Chicago Code – Blue Bloods – White Collar – The Office (US) – Terriers – Community – Running Wilde – Rubicon – Modern Family – The Event – Flash Forward – Dexter – Leverages – Lights OutLuck

Neu dazu gekommen sind folgende Shows, die ich auch wieder bewerte –  ***** steht für die Qualität von »The Wire« und * für eine Serie, die nicht einmal ich schauen würde:

        1. Bored to Death. ****(*)
          Drei Männer leiden an ihrem Dasein – auf sehr hohem Niveaus. Zwischen einem langweiligen Leben mit Cocktails, Affären und Small Talk schieben sich plötzlich Film Noir Elemente und Detektivgeschichten. Sehr lustiger Nonsense.
        2. Game of Thrones. ****
          Die ganz grosse Fantasy-Kiste von HBO. Ist alles drin, was man erwarten würde, wenn HBO Lord of the Rings als Serie machte: Großartige Außenaufnahmen, Sex, Gewalt und eine epische Geschichte mit enorm vielen Charakteren. Braucht etwas Zeit zum reinzukommen, lohnt sich aber. Fantasy ist nicht so mein Favorit.
        3. Homeland. *****
          Ein atemberaubender Thriller. 24, einfach raffiniert.
        4. New Girl. ***
          Sitcom mit Zooey Deschanel. Mehr gibts nicht zu sagen: Sitcoms sind öde, die Scherze absehbar und rezykliert, Deschanel aber einzigartig.
        5. The Killing. ****(*)
          Leider habe ich erst den Anfang der zweiten Staffel gesehen. Killing erzählt einen Krimi als Serie. Die Geschichte erfährt viele unerwartete, aber auch unglaubhafte Wendungen und wird langsam, in düsteren Bildern erzählt. Hier meine Würdigung in einem Blogpost.
        6. The Newsroom. ****
          Aaron Sorkin hat eine neue Serie. Der Autor von West Wing ist bekannt für schnelle und witzige Dialoge – die immer auf Kosten des Realismus gehen. Mir persönlich zu viel Pathos und Drama, zu episodisch erzählt. Aber immer unterhaltsam.
        7. Shameless. ****(*)
          Shameless zeigt die amerikanische Unterschicht: Ein Leben in Armut und mit Schmerzen – aber ein lebenswertes Leben. Eine Großfamilie weiß sich trotz zwei völlig verantwortungslosen, egoistischen Eltern zu helfen. Manchmal dramatisch, manchmal lustig, manchmal aber zu überdreht. Der Trailer zeigt noch eine andre Seite der Show:
        8. Parks and Recreation. ****
          Eine Serie, die schon länger läuft. Sie zeigt den Büroalltag in der amerikanischen Verwaltung als Mockumentary. Teilweise sehr lustig, gibt aber auch einige Durchhänger. Es lohnt sich aber, bis zur zweiten Staffel vorzudringen – der Charakter der Hauptfigur wurde aus Publikumswunsch recht stark umgeschrieben.
        9. Girls. ***(*)
          Wie New Girl stark von der Hauptdarstellerin, Lena Dunham, abhängig. Dunham ist authentischer, schräger und beunruhigender als Deschanel; die Serie aber mässig gut geschrieben, was sich sowohl in Dialogen wie auch in der Geschichte zeigt.
        10. Revenge. ***
          Kämpfe mich momentan etwas durch, obwohl mich die Idee angesprochen hat: Eine junge Frau will die noble Gesellschaft in den Hamptons das Fürchten lehren, um ihren Vater zu rächen. Das Ganze verliert etwas an Schwung und will jedes Details jedem Zuschauer verständlich machen – was seriengewohnte Menschen schnell nervt.
        11. Episodes. *****
          Einer meiner momentanen Favoriten. Ein britisches Paar dreht in Hollywood eine Serie, in der Matt LeBlanc, der sich selber spielt, eine Hauptrolle erhalten muss. Die Schauspieler sind großartig, die Ironie unübertroffen, der britische Humor rundet alles ab.
        12. Bobs Burgers. *****
          Wer hintersinnige Cartoons mag – das ist etwas vom besten, was man derzeit sehen kann. Die Figuren sind perfekt, die Stimmen passen und der Humor lässt einen Tränen lachen. Aber natürlich alles sehr episodisch.

Ebenfalls reingeschaut habe ich bei:

The Walking Dead – Louie – House of Lies – The Firm – Longmire

Für ein Urteil müsste ich noch mehr sehen. So, und nun widme ich mich Sherlock – der wohl wichtigsten Leerstelle auf meiner Liste…

Wie immer freue ich mich über Hinweise in den Kommentaren.

Das Urheberrecht und die Windhose über dem Zürichsee

Stefan Weber-Aich ist Werber. Vorgestern hat er dieses eindrückliche Video der Windhose über dem Zürichsee aufgenommen, die aussah, wie ein Tornado:

Das Video wurde in der Tagesschau des Schweizer Fernsehens gezeigt – ohne Angabe einer Quelle. Wie auch Ronnie Grob beim Zürcher Presseverein festhält, hat SF damit gegen die Vorgaben von Youtube verstossen:

Erwähne den Content-Eigentümer. Obwohl YouTube eine Lizenz zur Verbreitung des Contents [hat?], ist der YouTube-Nutzer der Eigentümer des Contents. Wenn du ein Video verwenden möchtest, empfehlen wir, den Nutzer direkt zu kontaktieren und einen entsprechenden Hinweis anzugeben, indem der Nutzername oder der echte Name des Nutzers angezeigt wird.

Weber-Aich reagierte heftig: Auf seiner Facebook-Seite publizierte er zwei Briefe an die Redaktion. Im ersten schreibt er:

Dies stellt eine grobe Urheber- und Verlegerrechtsverletzung durch SRF dar. Ausserdem ist es ganz klar auch eine Vernachlässigung der journalistischen Pflichten, sowohl punkto Recherche als auch bezüglich der Angabe der Quelle.

Die verantwortliche Produzentin schreibt am Schluss ihrer Reaktion:

Im zweiten wird der Ton Weber-Aichs schärfer:

Ich fühle mich keineswegs geschmeichelt sondern schlicht bestohlen. Selbst wenn Sie oder Ihre eilfertigen Mitarbeitenden als Quelle „Youtube“ angegeben hätten, wäre es immer noch Verwendung von fremdem Eigentum. […] Nur weil etwas auf Youtube aufgeschaltet ist, ist es noch lange kein Freiwild und die Urheber davon auch keine Idioten. Sie merken: Allmählich werde ich wütend. Ich schlage daher vor, dass Sie nochmals über die Bücher gehen. Nur weil Sie Fernsehen machen und ich Fernsehen konsumiere, bedeutet es nicht, dass ich alles zu schlucken habe. Im weiteren weise ich Sie darauf hin, dass dies – ganz Ihrem Sendungsbewusstsein entsprechend – in einer breiteren Öffentlichkeit stattfindet.

Dazu drei Bemerkungen:

  1. Der Unmut von Weber-Aich ist zunächst verständlich. Der nachlässige Umgang von wichtigen Medienkanälen mit Material aus dem Internet ist seit längerem stossend – nur weil Bilder auf Facebook publiziert sind oder sich Video auf Youtube finden, darf eine saubere Quellenangabe nicht weggelassen werden. Zudem ist allenfalls eine Autorisierung nötig.
  2. Dann fragt man sich aber doch: Worum geht es Weber-Aich genau? In einem moralischen oder logischen Sinne ist es nicht nachvollziehbar, dass man der Öffentlichkeit ein Youtube-Video vorenthalten will oder es nur dann publizieren will, wenn es mit dem eigenen Namen verbunden wird. Die Windhose interessiert die Öffentlichkeit und es ist wichtig und richtig, dass die besten Bilder ausgestrahlt werden.
  3. Das kann man dann natürlich rechtlich betrachten: Ein Recht an Fotografien hat eine Fotografin beispielsweise nur unter einer von drei Bedingungen: Sie setzt spezielle fototechnische Mittel ein, Gestaltet ihr Objekt oder fängt ein Bild mit einer besonderen Spannung ein, die dem Bild individuellen Charakter gibt. Im Pressevereinspost werden mehrere ähnliche Videos verlinkt, auch die verantwortliche Produzentin spricht von mehreren Quellen. Also – so muss man schliessen – kann Weber-Aich bei seinen Aufnahmen keinen urheberrechtlichen Schutz in Anspruch nehmen, wenn man dieser Argumentation folgt.

Fazit: Die Quelle des Videos müsste angegeben werden – ein grober urheberrechtlicher Verstoss liegt allerdings nicht vor.

(Vgl. auch meine Ausführungen zur Verwendung von Inhalten aus Social Media.)

Zusatz 24. Juli: Martin Steiger weist mich auf URG 28 hin. Absatz 2 lautet:

Zum Zweck der Information über aktuelle Fragen dürfen kurze Ausschnitte aus Presseartikeln sowie aus Radio- und Fernsehberichten vervielfältigt, verbreitet und gesendet oder weitergesendet werden; der Ausschnitt und die Quelle müssen bezeichnet werden. Wird in der Quelle auf die Urheberschaft hingewiesen, so ist diese ebenfalls anzugeben.

Bachelorarbeiten in den Medien

In der letzten Woche haben zwei Bachelorarbeiten ein großes mediales Echo ausgelöst:

Ich habe beide Arbeiten gelesen, einzelne Abschnitte nur angelesen. Es handelt sich meiner Meinung um seriöser, differenzierte Arbeiten – wobei ich keine Möglichkeit habe, die statistischen Aussagen genauer zu prüfen.

Die Frage, ob diese Arbeiten und ihre Resultate aber in medial zugespitzter Form einem breiten Publikum zugängig gemacht werden sollen, würde ich eher skeptisch beantworten. Ich möchte das an zwei Beispielen zeigen:

    1. Die Weltwoche schreibt in ihrer gestrigen Ausgabe: »Eine neue Studie zeigt: Journalisten wählen und denken links. […] Eine Mehrheit gibt an, ihre politische Einstellung «unbewusst» einfliessen zu lassen.«
      Diese »Studie« ist eben eine Bachelorarbeit. Was die Weltwoche bewusst unterschlägt (zumindest im online verfügbaren Teil), ist die Tatsache, dass der Rücklauf bei 24% lag. D.h. von 76% der Schweizer JournalistInnen weiß der Verfasser der Studie nichts über ihre politischen Präferenzen. Mehr noch: Er weiß auch nicht, ob die 24% repräsentativ für die Schweizer JournalistInnen sind.
      Zudem müsste man zu dieser Studie die Fragen stellen, ob denn JournalistInnen die gesamte Bevölkerung repräsentieren sollen (es gibt gute Gründe dafür, die Frage zu bejahen – aber auch gute, sie zu verneinen) und ob denn eine Befragung von JournalistInnen die geeignete Methode ist, um ihre Themenwahl und die politische Prägung ihrer Texte zu untersuchen.
    2. 20 Minunten zitiert Kullmann mit der Aussage: »Facebook bringt pro 200 Anhänger gar 160 Stimmen.«
      Diese Aussage ist, liest man seine Arbeit, statistisch nicht zu erhärten. Kullmann untersucht die Korrelation zwischen der Anzahl Gruppenmitgliedern auf FB und der Anzahl Stimmen. Diese Korrelation liegt bei 0.786 bei einer Standardabweichung von 0.361. Der Vergleich zwischen Kandidieren mit und ohne FB wurde nicht vorgenommen, zudem liegt hier wohl ansatzweise eine Verwechslung von Korrelation und Kausalität vor, wie Kullman selbst einräumt:

      So muss eine grosse Facebook-Fangemeinde eines Kandidaten ihm nicht zwingend mehr Stimmen bringen, sondern kann einfach auch Ausdruck von seinem grösseren Bekanntheitsgrad sein. (S. 36f.)

      Kurz gesagt: Was 20 Minuten schreibt, ist falsch. Die Untersuchung ist für den behaupteten Zusammenhang zu wenig genau, sie bezieht sich auf die Berner Grossratswahlen und nicht auf die eidgenössischen Parlamentswahlen und ist operiert in einem statistischen Graubereich.

Wie gesagt – diese Kritikpunkte möchte ich den Arbeiten und ihren Autoren nicht anlasten. Aber ich möchte davor warnen, dass Bachelorarbeiten als ausgewogene Studien betrachtet werden, die den letzten Stand der Forschung repräsentieren. Bachelor-Studierende stehen am Anfang ihrer Hochschulausbildung. Sie gehen Fragen an, die interessant sind – aber auf welche die Antworten unter Umständen komplexer sind, als man denken könnte.

Warum ein Staat stark sein soll – ein Beispiel aus der Männerrechtsdebatte

Auf dem qualitativ hoch stehenden Blog zur Direkten Demokratie konnte man letzte Woche einen Beitrag von Ronnie Grob lesen, in dem er Folgendes postuliert (oder fragt):

Ist ein starker Staat wirklich ein Staat, der es nötig hat, hohe Steuern zu verlangen?
Ist nicht vielmehr ein Staat, der sich effizient organisiert und darum nur wenig Ressourcen von seinen Bürgern einfordert, stark?

Viele Ressourcen führten bei einem Staat sofort zu Ineffizienz, so Grob, »zur persönlichen Bereicherung, zur Vetternwirtschaft, zur Verfälschung von Statistiken und Bilanzen«.

In meinem Kommentar dazu habe ich schon angemerkt, dass der Staat gewisse Probleme besser – d.h. fairer und effizienter – lösen kann als private Anbieter von Lösungen. Ein Beispiel dazu liefert diese Woche Antje Schrupp in ihrem Blog »Aus Liebe zur Freiheit«.

Schrupp fordert, die Kinderversorgung oder den Unterhalt von Kindern von der biologischen Erzeugung von Kindern zu trennen. Konkret: Alle Steuerpflichtigen sollen über progressive Steuern einen Beitrag zum Unterhalt von Kindern leisten, der dann denjenigen ausbezahlt wird, die die Kinder betreuen und versorgen.

Schrupp bezieht sich auf die Klage von Vätern, jahrelang für den Unterhalt von Kindern aufkommen zu müssen, zu denen sie nur eingeschränkt Kontakt haben (können oder wollen) – aber auch auf die Problematik, dass Kinder heute oft in Haushalten aufgezogen werden, in denen nicht alle an der Erziehung Beteiligten (z.B. Stiefeltern) an der Zeugung des Kindes beteiligt waren.

Die Frage, die sich stellt, ist natürlich: Warum soll das Versorgen von Kindern zu einer staatlichen Aufgabe gemacht werden? Die Antwort wäre ganz einfach: Es besteht ein öffentliches Interesse daran, wie z.B. auch an der Finanzierung von staatlichen Schulen. Kinder, welche mangelhaft versorgt werden (Ernährung, Betreuung etc.), werden mit großer Wahrscheinlichkeit zu einer Belastung für die Allgemeinheit.

Zudem ist die Entscheidung, selbst keine Kinder aufziehen zu wollen – und deshalb auch nicht für das Aufziehen von Kindern bezahlen zu wollen – nur dann konsequent umsetzbar, wenn die so Entscheidenden auf sämtliche Vorteile verzichten könnten, welche Nachwuchs ihnen verschafft.

Bildquelle: Brandon Cripps, Flickr. CC BY-NC-SA.

Die Mitte der Gesellschaft – und Niklaus Meienberg

Auf der Medienwoche-Seite habe ich Ronnie Grob kürzlich kritisiert, weil er davon ausgegangen ist, Journalistinnen und Journalisten, welche ein Studium absolviert haben, seien nicht in der Lage, »die Mitte der Gesellschaft« abzubilden. Er führt dabei Niklaus Meienberg ins Feld, der 1972 schrieb:

Da ist einer jung, kann zuhören, kann das Gehörte umsetzen in Geschriebenes, kann auch formulieren, das heisst denken, und denkt also, er möchte unter die Journalisten. Er hat Mut, hängt nicht am Geld und möchte vor allem schreiben.
Er meldet sich auf einer Redaktion. Erste Frage: Haben Sie studiert? (Nicht: Können Sie schreiben?)

Man kann sich nun fragen, ob das heute noch ein aktuelles Problem ist – wo Gratiszeitungen und Onlineportale Volontärinnen und Volontäre auch ohne Matur erste Erfahrungen machen lassen und ihnen nachher eine – zwar schlecht bezahlte – Laufbahn im Journalismus eröffnen.

Zudem sagt auch Meienberg nicht, dass ein Studium einen am Nachdenken und Schreiben über relevante Aspekte der Gesellschaft hindere, vielmehr beschreibt er einen Prozess, der zum Ziel hat, JournalistInnen konform zu machen und ihnen den »Restbestand an Spontaneität« sowie ihren Texten die »Gefährlichkeit« zu nehmen:

Er hat gemerkt, dass zwischen Denken und Schreiben ein Unterschied ist, und so abgestumpft ist er noch nicht, dass er glaubt, was er schreibt. Aber er sieht jetzt ein, dass Journalismus eine Möglichkeit ist, sein Leben zu verdienen, so wie Erdnüsschenverkaufen oder Marronirösten.

Das alles wollte ich Ronnie Grob schreiben (im Wissen darum, dass der Graben zwischen Studierten und Nicht-Studierten im Journalismus immer noch aufklafft).

Dann aber habe ich mir überlegt, weshalb ich es als selbstverständlich erachte, zu wissen, was »die Mitte der Gesellschaft« beschäftigt, welche Politik in ihrem Interesse wäre und warum sie tut, was sie tut. Konkreter: Ich habe mir überlegt, warum ich der Meinung bin, mir über jedes gesellschaftliche Problem eine Meinung machen zu können, obwohl ich Gespräche fast ausschließlich mit Menschen mit dem gleichen Hintergrund führe – mit AkademikerInnen, die sich in der Agglomeration aufhalten, aus dem oberen Mittelstand stammen und zum oberen Mittelstand gehören – und deren Migrationshintergrund sich meistens auf die an die Schweiz angrenzenden Länder beschränkt.

Früher habe ich Handball gespielt. Da sass ich jeweils am Mittwochabend in einer Dorfbeiz und trank Bier mit Elektronikern, Gärtnern, Detailshandelangestellten, Kaufleuten, Ingenieuren, Informatikern. Auch das eine hermetische Welt: Militärdienst leisteten alle, die wenigsten waren nur Soldaten. Migrationshintergrund blieb auf wenige Deutsche beschränkt. Man wohnte zwar immer noch in der Agglomeration, aber teilweise etwas mehr auf dem Land. Und zum Mittelstand gehörten sie alle auch.

Mir bleiben eigentlich nur Fragen: Wäre es für mich möglich, mich in die Mitte der Gesellschaft zu begeben? An verschiedenen Orten dazuzugehören – zu verschiedenen Gesellschaftsteilen? (Ich vermute: Nein.) Wäre eine journalistische Publikation besser, wenn sie Texte von Menschen mit ganz verschiedenen Hintergründen versammeln würde – oder wenn sie Texte über Menschen mit ganz verschiedenen Hintergründe enthielte? (Ich bin unsicher.) Wer weiß denn eigentlich, was »die Leute auf der Strasse« beschäftigt? Wovor sie Angst haben? Was sie wollen – oder nicht wollen? Und wie findet man das heraus? (Ich bin ratlos.)

Zurück zu Meienberg und einer Vision, die er einem fiktionalen Journalisten zuschreibt:

An Sonn- und allgemeinen Feiertagen hat er manchmal noch eine Vision. Er träumt von einer brauchbaren Zeitung. Mit Redaktoren, die nicht immer von Lesern (die sie nicht kennen) schwatzen, denen man dies und das nicht zutrauen könne. Sondern welche gemerkt haben, dass sich auch der Leser ändern kann. Eine Zeitung, welche ihre Mitarbeiter nach den Kriterien der Intelligenz und Unbestechlichkeit und Schreibfähigkeit aussucht und nicht nach ihrer Willfährigkeit gegenüber der wirtschaftlichen und politischen Macht.

Meienberg ist – zumindest hier – erschreckend aktuell.

Wie die Weltwoche einen schlechten Kommentar erarbeitet – oder Wikileaks revisited

Nachdem ich gestern zum Thema Transparenz gebloggt habe, lese ich nun heute ausnahmsweise einen Weltwoche-Kommentar und muss ihn kurz kommentieren.

Man stellt sich den Ablauf so vor:

  1. Redaktionssitzung bei der Weltwoche.
  2. Auf dem Programm: Wikileaks. (Dokumente. Afghanistan. Allgemeine Meinung in der Tagespresse: Wikileaks wird ein neuer Medienplayer. Erstaunliche Dokumente. Kaum zu überblicken, muss man mal auswerten. Differenzierte Analyse – Kritik an Amerikanern und Vorbehalte gegen Veröffentlichung (Gefährdung von Menschenleben).)
  3. »Da müssen wir was machen – aber sowas von Weltwoche-Style: Einfach mal gegen den Strich, das Thema.«
  4. Urs Gehriger – dessen Arbeitsweise bereits andernorts kritisch beleuchtet wurde – meldet sich: »Da lässt sich was machen, so richtig auf die Schnelle. Nein, die Dokumente müssen wir nicht lesen, das haben ja andere Zeitungen schon gemacht. Wir schreiben dort einfach was ab und spielen noch ein bisschen auf den Mann, dieser, wie heißt der nochmal, Assange von Wikileaks, da graben wir schon noch ein paar Leichen auf seiner Wikipedia-Seite aus.«
  5. Er »recherchiert«, sprich, er liest diesen Artikel, übersetzt Teile ins Deutsche und liest bei Wikipedia nach.
    Update
    : Und  übernimmt so 1:1 US-Propaganda.
  6. Dann haut er in die Tasten. Ob das, was da steht, richtig ist, interessiert niemanden – Hauptsache, es ist nicht das, was vernünftige Menschen denken. Und Hauptsache, es ist pro-amerikanisch.

Konkret steht dann da Folgendes:

Assange ist Freibeuter in den Datenmeeren der Mächtigen, von einer Mission getrieben, die Machenschaften der Potentaten zu «demaskieren» und sabotieren.

Das ist, was hinter der »Maskerade« steckt – aber genau das würde wohl Assange selber auch unterschreiben.

Diesen Frühling editierte er ein 38-minuten Video von einem US-Helikopter-Angriff im Irak, verknappte es auf eine 17-minuten Version, welche die Crew als Mörder eines unschuldigen Mannes präsentierte. Das Ganze versah er mit dem Titel «Collateral Murder».

Tatsächlich hat Wikileaks das Video mit diesem Titel veröffentlicht – der allerdings so reißerisch gar nicht ist. Aber auf der entsprechenden Seite ist das Originalvideo (ungeschnitten) und die gekürzte Version zu sehen: Von einer Manipulation kann nicht die Rede sein.

Ronnie Grob bringt in einem Kommentar zum Ausdruck, wie verquer der besagte Kommentar selbst innerhalb dem Weltwoche-Denken selbst daherkommt:

Diese Story steht witzigerweise zwischen „Professor Zensor“ und „Indiskretionen – Fluch oder Segen?“ – in beiden wird Offenheit gefordert und Zensur verdammt.
Aber beim US-Militär soll alles anders sein? Und Wikileaks furchtbar unverantwortlich?

Dies und das – Flattr und viele Fragen

Weil ich grad in meinem Dashboard herumwühle, poste ich auch gleich was – dann fühlt sich der Abend an, als habe ich was erledigt.

  1. Die 8-bit-Landkarten auf die ich über Fefes Blog gestoßen bin, sind der Hammer. [Im übrigen ein Blog mit eigenem Wikipedia-Eintrag.]
  2. Es ist irgendwie Sommerloch: Auf meinem Blog. Und sonst. Und die WM ist auch vorbei.
  3. „Das Fragebuch“ von Mikael Krogerus und Roman Tschäppeler führt zu einigen Klicks auf einen meiner Blogposts (mit Suchanfragen wie »Fragen zum kennen lernen«)- deshalb hier noch der Hinweis, dass man sehr viele der Fragen auf dem Twitter-Account des Fragebuchs nachlesen kann: http://twitter.com/fragebuch (man muss nicht selber twittern und auch nicht wissen, was das ist, um sich die Fragen ansehen zu können).
  4. Hier habe ich mal erklärt, wie Twitter funktioniert.
  5. Ich habe seit längerem einen Flattr-Button. Flattr klingt wie eine gutschweizerische Ohrfeige, meint aber ungefähr das Gegenteil: jemandem schmeicheln. Schmeicheln tut man mit Geld – wer selber bei Flattr einzahlt, kann auch geflattrt werden und entsprechend auch Einnahmen verbuchen. (Nicht, dass das erwähnt werden müsste – meine Flattr-Einnahmen sind lächerlich und ich werde das Ding bald wieder abschalten. Dies auch deshalb, weil in der Debatte pro und contra Flatter mich die contra-Seite bei weitem mehr überzeugt (in Person von Sascha Lobo) als die pro-Seite (in Person von Ronnie Grob). Kurz gefasst: Zwar bin ich bereit, für Content zu zahlen – aber den Content, den ich hier bereitstelle, erstelle ich bewusst gratis.