Die Schweiz – ein rassistisches Land?

3.56 Asylgesuche pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner, 23 Prozent ausländische Wohnbevölkerung – mit diesen Werte, so die Politreporter der Schweiz am Sonntag, seien »rekordverdächtig«. Sie sind erstaunt darüber, dass in der Schweiz ein Badi-Verbot und ein Zwischenfall mit einer prominenten Amerikanerin für internationale Resonanz sorgt, die der Schweiz ein rassistisches Image gibt.

Zu diesen Vorfällen wurde schon viel gesagt. Ich möchte nur vier eigentlich selbstverständliche Bemerkungen festhalten:

  1. In der Schweiz gibt es rassistisch denkende und handelnde Menschen. Das ist so selbstverständlich, dass ich mich frage, warum ich das überhaupt aufschreibe. Wer in öffentlichen Verkehrsmitteln, in den Kommentarspalten der Zeitungen oder im Internet liest und hört, was Menschen von sich geben, weiß das.
  2. Bei rassistischen Vorfällen (generell: bei jeder Art von psychischem oder physischem Übergriff) ist komplett irrelevant, was Nicht-Betroffene davon halten. Ob die Handtasche aus Krokodilleder war, die Verkäuferin mässig gut Englisch kann, die Boutiquebesitzerin mit Tina Turner befreundet ist oder das Badi-Verbot ein Verbot oder keines ist:  Relevant ist, wie sich die Menschen fühlen, die von diesen Übergriffen betroffen sind. Zur Struktur dieser Übergriffe gehört es, dass die Betroffenen über die Vorfälle nicht reden (können/dürfen) oder nicht gehört werden. Ihnen muss Raum gegeben werden. Deshalb hier die Worte von Oprah Winfrey:

    I go into a store and I say to the woman, ‚Excuse me, could I see the bag right above your head?‘ and she says to me, ‚No. It’s too expensive.‘ And I said, ‚No, no, no, the black one, the one that’s folded over‘, and she said, ‚No, no, no, you don’t want to see that one, you want to see this one because that one will cost too much. You won’t be able to afford that one‘.
    There’s two different ways to handle it. I could’ve had the whole blow-up thing, but it still exists, of course it does. True racism is being able to have power over somebody else. So that doesn’t happen to me that way.
    It shows up for me this way, it shows up that sometimes I’m in a board room or I’m in certain situations where I’m the only woman, or I’m the only African American person within a 100 mile radius, and I can see in the energy of the people there, they don’t sense that I should be holding one of those seats. I can sense that. I can never tell is it racism or is it sexism, because often it’s both. The sexism thing is huge. The higher the ladder you climb, it gets huge.

  3. Das Argument, es gäbe viel stärker Betroffene oder viel größeres Leid in der Welt als eine Frau, die statt einer enorm teuren nur eine sehr teure Handtasche anfassen darf, dient dazu, Rassismus unsichtbar zu machen. Der Vorfall um Winfrey macht Rassismus sichtbar – Rassismus, der sich oft in Vorfällen äußert, die für die Nicht-Betroffenen »Missverständnisse« oder Kleinigkeiten sein mögen: Es aber für die Betroffenen nicht sind. Ein Beispiel: Tibetischstämmige Jugendliche erzählen mir oft, dass Menschen ihnen im Alltag nicht zutrauen, Schweizerdeutsch zu verstehen oder zu sprechen, obwohl sie hier aufgewachsen sind und Schweizerdeutsch ihre Muttersprache ist. Ihre äußere Erscheinung wirkt so stark, dass selbst wenn sie Schweizerdeutsch sprechen, die Annahme aufrecht erhalten wird, sie könnten es nicht.
  4. Aber natürlich gibt es gewichtigere rassistische Probleme als die, die in Boutiquen an der Bahnhofstrasse stattfinden. Wie ein anderer Prominenter, Edward Snowden, bei seinem Zuzug bemerkte, werden in der Schweiz die schlecht bezahlten Arbeiten von Immigrantinnen und Immigranten verrichtet, die kaum ausgebildet werden und kaum Chancen haben, ihre Situation zu verbessern. Snowden schrieb im Chat von Ars Technica:

    [a large immigrant population does the lower-class work], lots of unidentifiable southeast asian people and eastern europeans who don’t speak french or english […] everybody hates gypsies apparently […] immediately „those goddamned gypsies!“ – „it wasn’t a gypsy“ – „oh, it must be those fucking muslims!“ „no? then those goddamned africans!“ – i have never, EVER seen a people more racist than the swiss jesus god they look down on EVERYONE. even each other.

Die Statistiken, die in der Schweiz am Sonntag angeführt werden, zeigen nicht etwa die große Toleranz der Schweizerinnen und Schweizer, sondern reflektieren schlicht und ergreifend ein System, das strukturell rassistisch ist: Arbeiten, die Schweizerinnen und Schweizer nicht selbst erledigen und nicht anständig bezahlen wollen, lassen sie von Ausländerinnen und Ausländern verrichten.

»Django Unchained«. Rassismus, Kontext & Geschichtsaufarbeitung

Triggerwarnung: Rassismus, rassistische Gewalt

»Django Unchained« heißt der neue Film von Quentin Tarantino. Er erzählt von einem Sklaven, der von einem deutschen Immigranten kurz vor dem amerikanischen Bürgerkrieg befreit wird, und sich mit ihm zusammen auf die Suche nach seiner Frau Broomhilda (eigentlich Brünhilde, nach dem Nibelungenlied bzw. Wagners Adaption) macht. Die Suche ist gleichzeitig die Geschichte seiner Emanzipation, die mit der Rache an den für die Sklaverei verantwortlichen vermischt wird.

Django als Sklaventreiber.

Django als Sklaventreiber.

Der Film ist ein Film über Rassismus. Er zeigt Aspekte der Sklaverei und eine gewaltsame Auseinandersetzung mit und eine Befreiung von ihr. Aber wie tut er das? Zunächst einmal ist es ein Film von einem weißen Regisseur und Drehbuchautor, der seine schwarzen und weißen Schauspieler dazu anhält, eine rassistische Sprache zu verwenden und rassistische Handlungen auszuführen. Er zeigt zwar eine Befreiung eines Sklaven, aber sie geschieht durch einen weißen, einen Deutschen, der den Sklaven so manipuliert, dass er den Lebensentwurf des weißen »Bounty Hunters« übernimmt und für ihn sogar Rollen spielt, in denen er selber zum Sklaventreiber wird. Im Film ist zudem der schwarze Diener des Plantagenbesitzers die Wurzel allen Übels, der Schwarze, der der rassistischen Hirn-Theorie von Mr. Candy entspricht. Django, darin stimmt er selbst in der Schlussszene dem Plantagenbesitzer Candy zu, ist eine Ausnahme, einer von 10’000 Schwarzen; während 9’999 sich in ihr Schicksal fügen. Der weiße Regisseur Tarantino äußert sich dann wie folgt über den Erfolg des Films:

Naja, schauen Sie doch, wie gut der Film läuft! Phantastisch, besser als ich es mir je erträumt hätte. Das hat aber viel damit zu tun, dass wir ihn an Weihnachten ins Kino gebracht haben. Der 25. Dezember ist traditionell ein Tag, an dem schwarze Familien ins Kino gehen. Das mag Ihnen als Europäer bizarr vorkommen, aber man hängt den ganzen Tag miteinander herum, es gibt Geschenke, ein sehr frühes Abendessen, und danach wird es einfach ein bisschen langweilig. Und an diesem „Django Unchained“-Tag, früher Weihnachten genannt, sind nun komplette Familien – von der Oma bis zum kleinsten Spross – ins Kino gegangen, um sich meinen Film anzusehen. Das hat mich sehr berührt. Und wissen Sie was? Einige dieser Kids werden später Schriftsteller – und dann über ihre Erlebnisse an „Django Christmas“ schreiben. Dieser Tag wird ein fester Bestandteil der schwarzen Geschichte. Vielleicht sogar ein Meilenstein.

Diese Perspektive lässt kein anderes Urteil zu, als dass es sich hier um einen zutiefst rassistische Produktion handelt. Spike Lee nannte den Film »disrespectful to my ancestors« – man versteht, was er meint.

Django wird instruiert.

Django wird instruiert.

Gleichwohl zeigt diese Betrachtungsweise, wie stark Rassismus von seinem Kontext abhängig ist. Wir wissen alle, was Rassismus ist, die Definition ist grundsätzlich völlig unproblematisch:

Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen. (Albert Memmi)

Tarantino zeigt Schwarze in entwürdigenden Situationen (»Mandingo«-Kämpfer bringen sich gegenseitig um, ein flüchtender Sklave wird von Hunden zerfleischt, Schwarze werden ausgepeitscht, kastriert, verbrannt etc.) und profitiert davon, indem er als Regisseur einen erfolgreichen Film ins Kino bringt. Der Definition gemäß muss man nicht darüber diskutieren, ob das rassistisch ist oder nicht.

Der größte Bösewicht: Der alte Sklave.

Der größte Bösewicht: Der alte Sklave.

Andererseits erzählt er eine fantastische, übertriebene Geschichte. Wir sehen hier nicht eine Realität, sondern eine Fantasie. Django ist ein kultivierter Rächer, der einen eigenen Stil entwickelt, sich entsprechend kleidet, seine Handlungen begründet, indem er eine Ethik entwickelt, er ist erfolgreich, stark und unabhängig. Er kämpft für sein Recht. Tarantino:

Ein Sklave hat unter allen Umständen das moralische Recht, seinen Herren zu töten.

Letztlich sehen wir einen Film, der in verschiedenen Kontexten entsteht: Dem von Tarantino, seinen Schauspielerinnen und Schauspielern, dem ganzen Produktions- und Vertriebsteam, den USA im Jahr 2012. Und er wird in verschiedenen Kontexten rezipiert: Die schwarze Familie, die am 25. Dezember ins Kino geht, sieht ihn anders als ich ihn sehe, wenn ich krank im Bett liege. Wer die Äußerungen von Spike Lee liest, sieht den Film anders, als wer das Interview mit Tarantino liest. Wer die Niblungensage als Intertext mit reinliest, sieht seine Interpretation des germanischen Helden Siegfried als schwarzer Sklave, der eine bessere Ordnung durch die komplette Zerstörung von »Candyland« einleitet, eine Pervertierung der rassistischen Ideologie, mit der Wagners Geschichte verbunden ist. Ich könnte weitermachen – aber das Fazit steht: Bedeutungen entstehen nur in einem Kontext.

Empirisch hat es viele Rassismen gegeben, wobei jeder historisch spezifisch und in unterschiedlicher Weise mit den Gesellschaften verknüpft war, in denen er aufgetreten ist. (Stuart Hall)

Es gibt auch heute synchron viele Rassismen. Die Frage, die sowohl in Bezug auf die Sklaverei wie auch auf den Holocaust immer wieder gestellt wird – Tarantino: »die Sklavenhändler-Stadt Greenville […] sollte wie eine Art Auschwitz für Schwarze wirken« / Spike Lee: »American Slavery Was Not A Sergio Leone Spaghetti Western.It Was A Holocaust« – ist die nach der adäquaten künstlerischen Aufarbeitung. Ein Film, in dem exzessive rassistische Gewalt als Mittel der Unterhaltung benutzt wird, ist meiner Meinung nach kein adäquates Mittel.

**Zusatz 23. Januar, abends**

Ein lesenswerter Artikel von opendemocracy.net zeigt auf, wie stark struktureller Rassismus in der amerikanischen Ideologie verankert ist – und markiert Django Unchained als archetypisches Beispiel.

In der Weltwoche vom 24. Januar sagt Tarantino über die Dreharbeiten Folgendes – die Beurteilung sei der Leserin und dem Leser überlassen:

Wir haben dort all die Szenen über die Farm des weissen Plantagenbesitzers gedreht, den im Film Don Johnson spielt. Auf dieser Farm sollte es sowohl Baumwollpflücker als auch Haussklaven und sogenannte Ponys geben, so wurden damals besonders schöne Sklavinnen genannt, die oft hübsch zurechtgemacht und für viel Geld an wohlhabende Weisse verkauft wurden. Wir haben einen Teil der Szenen mit Statisten gedreht, die an genau diesem Ort aufgewachsen sind und somit bestens über die Geschichte der Sklaverei Bescheid wussten. Und doch konnte man schon nach kurzer Zeit beobachten, wie sich auch hinter der Kamera eine soziale Kluft zwischen ihnen auftat: Die hübschen Ponys schauten auf die einfachen Haussklaven herab, und die Haussklaven schauten auf die armen Baumwollpflücker herab, und die Baumwollpflücker dachten wiederum, die Ponys wären dumme Schlampen…

Wenn der Staat Aussagen verbietet

Man lasse folgende Beispiele Revue passieren:

  1. Das Bundesgericht stuft den Vorwurf des »verbalen Rassismus« als persönlichkeitsverletzend ein und verbietet ihn daher (Medienmitteilung des Bundesgerichts, pdf).
  2. Das Oberlandesgericht Köln verbietet es Claudia D. zu behaupten, Jörg Kachelmann habe sie vergewaltigt und mit dem Tod bedroht.

Wie sind diese Fälle einzustufen? Dazu ein paar Bemerkungen:

  • Offenbar werden die Äußerungen von Laien als juristische Aussagen interpretiert: Weder Benjamin Kasper, dem verbaler Rassismus vorgeworfen wurde, noch Jörg Kachelmann erfüllen den Tatbestand, der ihnen angelastet wird. In diesem Sinne sind die Aussagen falsch.
  • Die Aussagen lassen sich aber auch nicht-juristisch verstehen: Es gibt verschiedene Haltungen zur Frage, was Rassismus bedeutet (vgl. z.B. diesen Artikel von Georg Kreis zum Urteil). Ich kann problemlos eine Aussage als rassistisch bezeichnen, ohne damit zu implizieren, sie erfülle einen juristischen Tatbestand.
    Bei Claudia D. ist das Urteil noch extremer: Das Gericht verbietet ihr unter Umständen, die Wahrheit zu sagen. Es gibt keinen Beweis, dass sie nicht vergewaltigt worden sei und nicht bedroht worden sei.
  • Die Urteile beziehen sich so auf den Wahrheitsgehalt von Aussagen, den die betreffenden Richterinnen und Richter nicht beurteilen können (und auch nicht müssen).
  • Letztlich geht es um das Abwägen zweier Freiheiten: Der Freiheit, Aussagen zu mache, sowie der Freiheit, in seiner »Ehre« nicht verletzt zu werden. 2009 hat das Zürcher Obergericht Erwin Kessler »jegliche kritischen Äußerungen« über Katja Stauber verboten – ohne dass es eine Rolle spielte, ob die Äußerungen wahr waren oder nicht.
  • Unbefriedigend ist meiner Meinung nach, wenn der Staat seinen Bürgerinnen und Bürgern möglicherweise wahre Aussagen verbietet, weil sich dadurch andere in ihrer Ehre verletzt fühlen können. Es würde reichen, so denke ich, wenn ehrverletzende Äußerungen dann verboten würden, wenn sie ganz offensichtlich keinen Wahrheitsgehalt haben. (Nach einigen Diskussionen – vgl. auch den Kommentar von Lukas Leuzinger – halte ich diesen Satz für sinnlos. Der Wahrheitsgehalt von Aussagen spielt eigentlich keine Rolle – die Frage ist nur, ob man sie für so schädigend hält, dass sie verboten werden müssen, oder ob man die Freiheit, Aussagen zu machen, höher einstuft. Ich finde problematisch, dass die erste Variante darauf hinausläuft, dass möglicherweise wahre Aussagen verboten werden.)

Silence. Liz Barr, Society 6.

Wie Rassismus entsteht

Rassismus lässt sich, folgt man der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus, wie folgt definieren: »Diskriminierende Praktiken gegen Minderheitengruppen«.

Im Interview mit dem Sonntagsblick benutzt Natalie Rickli heute im Kontext ihrer Äußerungen über in der Schweiz lebende Deutsche eine Argumentation, die sich in rechts-nationalistischen Kreisen in der Schweiz etabliert hat:

Fremdenfeindlichkeit schüren jene, die diese Debatte nicht führen wollen und Journalisten wie Sie, die mir Fremdenfeindlichkeit vorwerfen.

So schreibt zum Beispiel Roger Köppel im Weltwoche-Editorial nach der Ausgabe mit dem Roma-Cover:

Es heisst, die Darstellung solcher Miss­stände sei «rassistisch». Diesen Vorwurf ­weisen wir mit aller Entschiedenheit zurück. Rassismus entsteht dort, wo die negativen Begleiterscheinungen von Migration tabuisiert und verschwiegen werden. Es muss gestattet sein, die Abgründe des freien Personenverkehrs in Europa auszuleuchten.

Zunächst sind diese Aussagen natürlich Abwehrstrategien, was völlig offensichtlich ist. Bemerkenswert sind zwei Aspekte:

  1. Die Aussage Ricklis, der Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit selbst schüre diese Fremdenfeindlichkeit. Konsequent weitergedacht hieße das, dass dieser Vorwurf möglichst nicht geäußert werden sollte, es also konkreter ein Tabu geben sollte: Das Tabu der Fremdenfeindlichkeit.
  2. Die Unterscheidung zwischen dem »Entstehen« oder dem »Schüren« von Rassismus und Rassismus selbst. Diskriminierend ist es, wenn Rickli davon spricht, sie störe sich nur an der »Masse« der Deutschen, nicht an einzelnen. Konkret heißt das, die Physiotherapeutin oder der Chef von Frau Rickli sind von ihrer Kritik betroffen, weil sie zu dieser Masse beitragen, ohne allerdings selbst etwas getan zu haben, was sich kritisieren ließe. Alleine ihre Zugehörigkeit zur »Masse« der Deutschen wird ihnen zum Vorwurf gemacht. Ebenso titelt Köppels Weltwoche, »Die Roma kommen« und impliziert dadurch, das »Volk« der Roma sei gleichbedeutend mit den kriminellen Roma, um die es im Artikel geht.

Paradoxerweise hat Rickli in einer Hinsicht Recht: »diskriminierende Praktiken gegen Minderheitengruppen« gibt es erst, wenn sie als solche erkennbar sind. Sowohl »Praktiken« als auch »Minderheitengruppen« sind nicht direkt als solche sichtbar, sondern müssen im Gespräch markiert werden. Sobald also die Presse »die Deutschen« zum Thema macht, macht sie Rassismus erst möglich – erst dann sind sie nicht mehr Einzelpersonen, sondern eine Gruppe, die man als solche auch »diskriminierenden Praktiken« aussetzen kann.

Zu fragen wäre, ob Rickli und Köppel auch in einem weiteren Punkt Recht haben: Dass nämlich die Virulenz, mit der dieses Thema plötzlich die Presse beherrscht, einem Mangel an öffentlicher Diskussion darüber geschuldet ist. Gäbe es also weniger Fremdenfeindlichkeit, wenn am Fernsehen oder auf der politischen Bühne immer mal wieder gesagt würde, einige, viele oder alle dieser Fremden täten Dinge, die den Nicht-Fremden nicht gefallen?

Ich denke, hier liegen sie falsch. Einverstanden bin ich damit, dass hohe Arbeitslosigkeit und hohe Kriminalität rassistischen Tendenzen Vorschub leisten können. Aber zunächst einmal gibt es in der Schweiz weder ein Problem mit Arbeitslosigkeit noch eines mit Kriminalität. Zudem haben diese Probleme nichts mit Nationalitäten oder »Volkszugehörigkeit« zu tun, sondern mit den Lebensumständen von Menschen. Und zuletzt gibt es die beschworenen Tabus nicht. Weder Arbeitslosigkeit noch Zuwanderung noch Kriminalität sind in irgend einer Form Tabus. Das zeigt sich alleine daran, dass Köppel wie Rickli offizielle Stellen und Statistiken zitieren.

David Sieber schreibt in einem Kommentar in der Südostschweiz:

Plötzlich nennt man «Aufdecken von Missständen», was nichts anderes als die Bekräftigung von Vorurteilen und Klischees ist. Plötzlich nennt man Tabubruch, was nichts anderes als Rassismus ist.

* * * 

Um diesem Post noch eine etwas weiter gehende Überlegung anzuhängen, verweise ich auf einen Blogpost von Klaus Kusanowsky, der zunächst einen Tweet zitiert:

In einem Kommentar erläutert Kusanowsky seine Position, dass ein moralisches Argument (wie z.B. die Rechtfertigungen von Rickli und Köppel) leicht zu formulieren sei und sich die Argumente durchsetzten, welche mehr Aufmerksamkeit absorbieren können. Interessant wären die Argumente, die nicht einmal geäußert werden, weil sie in diesem Wettkampf um Aufmerksamkeit nicht bestehen können – ein Paradox:

Was mich in diesem Zusammenhang immer wieder wundert ist, dass es kaum einem auffällt, wie leicht es geworden ist, einen moralischen Standpunkt zu begründen. Diese Einfachheit könnte auf den Umstand zurück zu führen sein, dass moralische Begründungen, weil sie auch jedem Anfänger, jedem zurückgebliebenen, jedem renitenten, ja sogar kriminellen Menschen zugestanden werden, ein unglaubliches Dickicht an Überzeugungen erzeugen, was dazu führt, dass jedem, der sich darin etwas mehr Mühe geben wollte, der etwas gründlicher und besonnener nach Maßgabe dessen, was ehedem unter Sophrosyne verstanden wurde, nachdenken möchte, keinerlei besondere Aufmerksamkeit mehr gegeben wird. Und zwar deshalb, weil alle Aufmerksamkeit von schnelleren, affektiveren und weniger besonnenen Begründungen schon absorbiert ist. Das Wettrennen um einen besonderen, aufmerksamkeitsgenerierenden moralischen Standpunkt kann von niemandem gewonnen werden, der sich der Geschwindigkeit dieses Wettrennens entzieht. Was nicht zufällig dazu führt, dass man häufig den Eindruck hat, dass, je primitiver und idiotischer eine Moral begründet wird, es dann umso einfacher wird, eine anderslautende, aber genauso primitive Moral zu begründen. Der tweet von @b_thaler macht darauf aufmerksam, dass man, wenn man noch nach einer ernstzunehmenden Moral Ausschau halten will, man möglicherweise eher erfolgreich ist, wenn man den einen oder anderen Beobachter beim Schweigen erwischt; eine Überlegung, die zwar selten ist, aber intelligent. Aber, und das wäre mein Einwand gegen seinen Einwand: wie könnte ich lernen, wollte ich mich um einen solchen ausgesuchten und differenzten Begründungsstandpunkt bemühen, mich beim Schweigen beobachten zu lassen? Wer bemerkt mich, wenn ich durch Schweigen versuche, bemerkbar zu machen, dass diese chaotische Virulenz zu gar nichts führt?

Privilegien, Minderheiten, Normen und Diskriminierung

Eines der spannendsten Probleme, die es heute gibt, sind verschiedene Formen subtiler Diskriminierung. Was meint subtil? Es geht nicht primär um Formen der Diskriminierung, die von einer gesetzlichen Ungleichheit ausgeht oder durch Mechanismen, die brutalen Zwang voraussetzen; sondern eben Handlungsweisen, die alltäglich sind und »normal« wirken – und dennoch diskriminieren.

Ein Beispiel: Homosexuelle Menschen werden, wenn man sie dann einmal besser kennt, gerne mal gefragt, wie oder wann sie denn entdeckt haben, dass sie homosexuell seien. Ersetzt man nun homo- durch heterosexuell, merkt man sofort, warum diese Frage problematisch ist: Man denkt nicht einmal daran, dass jemand entdecken könnte, heterosexuell zu sein, weil wir davon ausgehen, dass irgendwie alle heterosexuell sind oder sein sollten – bis sie merken, dass sie »anders« sind. Und gerade dieses Anderssein ist ja dann letztlich das Problem.

An diesem Punkt ist nämlich das moderne Denken stehen geblieben. Spricht man mit aufgeklärten, gebildeten Menschen darüber, wird schnell einmal in die Runde geworfen, dass »diese Menschen« ja tatsächlich »anders« seien (also z.B. Frauen, Homosexuelle, Inter- oder Transsexuelle, MuslimInnen, ChinesInnen etc.). Damit wird ein Denken entlarvt, das aus folgenden Bestandteilen besteht:

  1. Das Erstellen und Aufrechterhalten einer Norm (weiß, heterosexuell, cisgender, männlich, arbeitstätig, nicht-behindert).
  2. Das Markieren von allen Menschen, die sich außerhalb dieser Norm befinden.
  3. Die andere Behandlung dieser Normopfer.

Wer nun zu dieser Norm gehört – wie der Autor z.B. – ist privilegiert. Wie schwierig es diese Person auch immer haben mag im Leben (vielleicht wird sie nicht geliebt, ist gescheitert etc.) – sie wird sich nie mit einer Norm auseinandersetzen, der sie nicht genügt. Sie wird nie bei Menschen Unsicherheit damit hervorrufen, wer sie ist; wird nie begründen müssen, warum als die Person, die sie ist, in dieser Gesellschaft lebt.

Und deshalb ist sie automatisch Teil des oben beschriebenen Mechanismus. Weil sie kein Opfer ist, ist sie ein Täter: Sie trägt das System und kommt in Genuss von Privilegien.

Was kann man tun – was kann ich tun? Zunächst einmal einfach zuhören. Nichts sagen, wenn man mit Menschen spricht, die nicht (gleich) privilegiert sind. (Wie subtil die Formen des Machtmissbrauchs und Unrechts gegenüber Minderheiten sind, zeigt diese Seite sehr schön.) – Dann: Über dieses Problem nachdenken. Sich bewusst zu machen, dass niemand sich diesen Mechanismen entziehen kann. – Und schließlich: Andere darauf aufmerksam machen. – Und vor allem nicht: So tun, als ob Rassismus und Sexismus Themen aus einer obskuren Vergangenheiten wären, die heute allenfalls in rückständigen Zivilisationen eine Bedeutung hätten.

Julia Schramm erklärt diesen Zusammenhang etwas ausführlicher, mit Literaturangaben und einer Skizze der Diskurstheorie – eine spannende Lektüre. 

Ich zitiere ihr »tl;dr«:

Unser Denken wird von den Diskursen unserer Gesellschaft geprägt. Als weißer, hetero, cis-gender hast du es im Leben (tendenziell/wahrscheinlich) leichter.  Und manchmal muss man diese Privilegien anerkennen und einfach die Klappe halten. Privilegien haben auch mal einen Preis. Außerdem: Rassismus ist mehr als das N-Wort und Ausländern den Kopf eintreten.

Hintergrund ist der Konflikt um den Auftritt von Noah Sow in Fulda, der sich aus diesen beiden Blogposts rekonstruieren lässt: To Whites It Should Concern von Nadine Lantzsch und Im Herzen die weißeste von allen von Malte Welding.

Bildquelle: http://www.din.de/