Wir schreiben einen Rant

Als ich in den USA im Austauschjahr war, fuhr ich viel Auto. Genauer: Ich fuhr in vielen Autos mit. Nicht selten wünschte ich mir, an den Autos wären Lautsprecher befestigt, damit alle Passanten hören könnten, wie schön meine Fahrerin oder mein Fahrer schimpften. Sie produzierten das, was man heute ohne viel Aufhebens ins Internet stellt: Einen Rant.

Einen Rant hat heute Michael Seemann geschrieben. Er bezweifelt, dass GeisteswissenschaftlerInnen was Sinnvolles täten, weil sich ihre Forschung nicht hinreichend auf digitale Medien konzentriere.

Im Folgenden will ich die Logik und Funktionsweise des Rants kurz darstellen.

  1. Man zeige, dass man viel von etwas versteht, ohne von der Kritik daran selbst betroffen zu sein. „Ich war mal einer wie ihr, Geisteswissenschaftler“, so Seemann, „deshalb verstehe ich genau, was ihr so macht. Aber nun bin ich fortgeschritten zum Medientheoretiker, während ihr zurückgeblieben seid.“
  2. Man formuliert eine möglichst radikale Kritik, die nicht auf Fakten beruhen muss. Man rantet ja schließlich.
  3. Man wartet auf Reaktionen, die eintreffen, wenn man provokativ genug war.
  4. Man reagiert darauf auf zwei Arten:
    a) Alles war nicht so gemeint, war nur ein Rant.
    b) Toll, diese Reaktionen, da zeigt sich mal wieder, was so ein Rant auslösen kann.
  5. Man ignoriert den Gedanken, man könnte einfach haltlose Halbwahrheiten formuliert haben.
  6. Man nimmt den eigenen Rant als Beleg dafür, dass man Recht gehabt hat – schließlich haben noch keine GeisteswissenschaftlerInnen die Textsorte Rant untersucht.

Mein Fazit: Rants gehören in die mündliche Sphäre. Da darf man was sagen, was man nicht recherchiert hat, was man spontant formuliert und womit man provoziert. Digital schaffen sie Strukturen, die wenig Gehalt haben und viel Energie konsumieren. Lesen sollte man zu Seemanns Rant auch diesen Blogpost – und diese Twitterkonversation:

 

Der iPhone 4-Launch in der Schweiz: Ein Rant.

Das wird kein langer Text, man darf sich keine Links und ausgereiften Argumente versprechen – ein schlichter Rant, oder gut Deutsch: eine Diatribe.

Ich bin begeistert von Apple-Produkten. Sie fühlen sich richtig an, sie hochwertig verarbeitet, ermöglichen effizientes Arbeiten und lassen sich auch noch zu einem vernünftigen Preis weiterverkaufen. Ich werde wohl in den nächsten zehn Jahren nur Laptops und Telefone von Apple benutzen, weil ich damit am besten tun kann, was ich tun will.

Und ja, die Geräte kosten etwas, aber sie sind ihren Preis wert.

Was aber total unverständlich ist, ist die Inszenierung des Launches von neuen Geräten. Während iPads zwar gehypt wurden, gab es beim Start genügend Geräte, dass man auch als Mann am ersten Verkaufstag in ein Geschäft gehen konnte und eine kaufen konnte. Schließlich war man bereit, für ein Gerät, das niemand braucht, gegen 1000 Franken auszugeben – sehr nett, dass Apple diese Geräte auch verkaufte.

Der Verkaufsstart des iPhone 4 in der Schweiz ist aber nur noch lächerlich: Bis einen Tag vor dem Verkaufsbeginn wissen sämtliche Akteure nicht, wie wo und zu welchem Preis man das iPhone wird beziehen können. Sämtliche relevanten Homepages (Apple, Mobilanbieter) können nicht vernünftig eingerichtet werden, Mitarbeitende haben keine Ahnung; vor den Geschäften werden Schlangen erzeugt, vor den Apple-Shops stehen 10 Security-Mitarbeiter in Anzügen und am Samstag ist der Spuk vorbei: Es gibt keine Geräte mehr.

Come on, Apple. Wenn ihr es nicht hinkriegt, genügend Geräte zu liefern, dann verkauft gar keine. In der Schweiz besitzen 1 Million Menschen ein iPhone. Wie viele wollen wohl ein neues kaufen? Bitte hört auf, so zu tun, als tätet ihr jemandem einen Gefallen, der eure Produkte kauft. Oder als seien Menschen Helden, die vor Läden übernachten, um dann als erste ein Gerät kaufen zu können.