Der ideale und der reale Onlinejournalismus – eine Bemerkung zur Imhof-Replik von Hansi Voigt

Der Chefredaktor von 20 Minuten Online, Hansi Voigt, reagiert wie sein Pendant bei Newsnetz, Peter Wälty, auf die Studie von Kurt Imhof zur Qualität der Medien (hier habe ich schon über die unsachliche Kritik daran geschrieben). Der Grund, warum sich die beiden Online-Chefs von Tamedia so heftig äußern: Imhof hatte geschrieben, »Internet-Nachrichten-Anbieter [hätten] erstmals an Abdeckungsquote eingebüsst«. Also konkret: Die von den beiden Chefs betreuten Plattformen würden weniger Leute erreichen als früher.

Konkret geht es um folgenden, weiter reichenden Zusammenhang (jede Ziffer und jeder Buchstabe bezeichnet eine Behauptung, die zu belegen wäre):

  1. Online- und Gratismedien führen zu einem Schwund bei den Bezahlzeitungen.
  2. Online- und Gratismedien sind nicht in der Lage, die von ihnen erzeugte Lücke zu füllen, denn
    a) ihre Inhalte sind von geringerer Qualität
    b) sie erwirtschaften nicht genug Geld, um genügend und genug gut ausgebildete JournalistInnen zu beschäftigen
    c) sie erreichen nicht gleich viele Leser, wie den traditionellen Medien verloren gehen.
  3. Die Menschen in der Schweiz sind weniger gut informiert über politische, kulturelle und wirtschaftliche Zusammenhänge.
  4. Deshalb sind sie weniger gut in der Lage, politisch zu partizipieren.

Diesen Zusammenhang bestreitet nun Voigt – in der AZ und auf 20Minuten online und auf Newsnetz – aus verschiedenen Gründen. Es scheint einen Fehler bei Imhof zu geben, der zu Verwirrung geführt hat, zudem geht die Studie des FÖG offenbar davon aus, dass die Zugriffe, die über Google erfolgen, nichts mit der Plattform selbst zu tun haben, sondern nur mit den entsprechenden Suchbegriffen.

Ich will hier nicht weiter auf diese Zusammenhänge eingehen, für die die Datenlage äußerst schwierig einzuschätzen ist – außer für die Online-Plattformen selbst. Die argumentieren denn auch mit dieser Grafik aus Google-Analytics:

Wollte Newsnetz oder 20 Minuten Online Imhof tatsächlich widerlegen, könnten diese Zahlen doch auch mit entsprechenden Werten publiziert werden, so dass erkennbar ist, wie viele Zugriffe die Marke selbst betreffen etc. Kurz: Auf ein quantitatives Argument sollte man quantitativ antworten oder aber festhalten, weshalb ein quantitativer Ansatz falsch ist.

Ich kann nachvollziehen, wie ärgerlich es für eine erfolgreiche Plattform ist, wenn sie an falschen Zahlen gemessen wird. Die Reaktion ist aber diesbezüglich nicht nur wenig professionell, sondern entwickelt ein Konzept von Online-Journalismus, das in der Schweiz nur in Ausnahmefällen so anzutreffen ist. Voigt schreibt:

Ich bin überzeugt, dass nicht nur die Medien, sondern auch die Leser professioneller geworden sind. Sie werden zunehmend zum Mitgestalter und zum Komplizen des Journalisten, geben Inputs und übernehmen aufgrund ihrer Empfehlungen einen Teil des Vertriebs und steigern so auch den Qualitätsanspruch. Gutes wird wesentlich häufiger auf Facebook gepostet als Durchschnittliches!

Journalisten der Moderne predigen deshalb nicht mehr von der Kanzel herab, sie stossen Diskussionen an, moderieren und nehmen Inputs der Leser auf – mündige User, die gleichzeitig eine Kontrollfunktion ausüben.

Für bezeichnend halte ich hier das Ausrufezeichen. Voigt untersucht diesen Zusammenhang nicht, er belegt ihn nicht – sondern er behauptet ihn einfach mal. Und dann ein Ausrufezeichen. So argumentiert er aus mit seinen persönlichen Überzeugungen oder mit der Floskel »Hand aufs Herz«. Was so behauptet wird, ist die Vision eines idealen Journalismus, der mit mündigen Lesenden interagiert, welche die Qualität beurteilen und dadurch nur Hochwertiges weiterreichen, so dass ein Wettbewerb stattfindet, dessen einziges Kriterium die Qualität ist.

Dann also mal direkt gefragt: Welche Artikel von 20Minuten werden denn auf Facebook am häufigsten geteilt? Worauf klicken die mündigen User denn besonders häufig? Wie viele JournalistInnen lesen denn die Kommentare unter ihren Artikeln und diskutieren dort mit? Wie oft geht ein hochwertiger Artikel auf einen Input aus der Leserschaft zurück?

Onlinejournalismus ist nicht des Teufels. Und Imhof denkt das auch nicht. Aber er kann sich nicht der Qualitätsdiskussion entziehen, indem er darauf verweist, was er sein könnte. Die beiden Online-Chefs vermeiden es tunlichst, Qualitätskriterien festzulegen. So schreibt Voigt:

Wer wie ich aus dem Aargau stammt, erinnert sich mit Grauen an die «Qualitäten» der damals dominierenden Regionalpresse, deren Produkte nie den Informationsgehalt oder gesellschaftlichen Diskurs einer «Simpsons»-Episode erreichte. Wer die AZ indes heute anschaut, kann feststellen, dass sie sich zu einem hervorragenden Blatt gemausert hat. Eine Zeitung wie in den 80er-Jahren liesse sich heute kein Mensch mehr bieten.

Tatsächlich gab es im Aargau in den 80er-Jahren eine Medienkonkurrenz (alleine in Baden gab es zwei Tageszeitungen, eine weitere in Brugg und eine in Aarau). Die Qualität dieser Zeitungen könnte man nun beurteilen, wenn man Kriterien hätte. »Informationsgehalt oder gesellschaftlicher Diskurs einer »Simpsons«-Episode« ist definitiv kein Kriterium (kann man einen »gesellschaftlichen Diskurs« haben?).

Fazit: Wer Imhof und den FÖG kritisieren will, soll doch bitte über das sprechen, worum es geht: Über die Qualität von Medien. Und dann einen Vorschlag machen, wie sich diese Qualität messen lässt und das auch gleich tun. Mit fundierten Zahlen. Alles andere lässt den Verdacht aufkommen, da sei jemand an einer empfindlichen Stelle getroffen worden.

Update 16. Oktober: Der FÖG reagiert selbst und sachlich auf die Kritik durch Voigt. 

Falsche Anreize im Journalismus: Clicks und Quotes

Die Debatte über die Qualität in der Schweizer Medien, welche durch die Forschergruppe um Kurt Imhof in Gang gesetzt worden ist (siehe hier und hier), konnte schon als abgeflaut bezeichnet werden (entweder hat man bei den Medien die Studie von Imhof ignoriert oder sie unsachlich kritisiert) – und nun lassen sie Peer Teuwsen und Ralph Pöhner wieder aufflammen: In der Zeit zeigen Sie auf, wie so genannte »Geschichten« entstehen:

  1. Die Sonntagszeitungen suchen auf Biegen und Brechen eine Schlagzeile – und erfinden sie, wenn es nicht anders geht.
  2. Die Online-Portale und auch die Tageszeitungen greifen diese Schlagzeilen unkritisch auf – und so
  3. Wird in den Schweizer Medien tagelang über »Geschichten« gesprochen, die weder mit der Wahrheit noch mit gesellschaftlich wichtigen Debatten etwas zu tun haben.

(Als Pointe übernimmt der Tages-Anzeiger/Newsnetz selbst diesen Text von der Zeit…)

Wo liegt das Problem? Es sind falsche Anreize. Welche Anreize gibt es für journalistische Arbeit?

  • Geld. Artikel, welche LeserInnen so ansprechen, das Marketingmenschen das Gefühl haben, damit lasse sich effiziente Werbung verbinden, sind für eine Zeitung wichtig. Dabei wird wie bei dieser Max-Küng-Geschichte oft vergessen, dass es eigentlich journalistische Regeln gäbe, die gerade verlangen, dass journalistische Inhalte sich nicht an der Werbung ausrichten.
  • Clicks. Damit verbunden ist die online-Werbung – die von den Clicks auf einzelne Seiten und oder Werbebanner abhängig sind. Clicks lassen sich in Real-Time messen und führen dazu, dass man Geschichten verfasst, die ins Muster passen (z.B. über iPhones) und so mehr Einnahmen generieren. (Es führt auch dazu, dass man bei deutschen Medien, in denen längere Beiträge erscheinen, diese Beiträge immer auf drei Seiten verteilt lesen muss – also drei Clicks generiert.)
  • Aufmerksamkeit. Verlinkungen und Verweise aus anderen Medien auf Artikel drücken Wertschätzung für journalistische Inhalte aus (Teuwsen spricht davon, dass »Journalisten einsame Menschen« sind).

Wie könnte man Anreize so schaffen, dass die grundsätzliche Aufgabe von Medien (nämlich Aufklärungsarbeit zu leisten, auf deren Basis Menschen informierte Entscheidungen in ihrem Leben fällen können) besser erfüllt werden könnte?

Es ist etwas müssig, die Verantwortung von Verlegern zu betonen, wenn man gerade beobachten kann, wie möglicherweise ein rechts-nationales Medienkonglomerat in der Nordwestschweiz entsteht, wie Thom Nagy und Fred David skizzieren – aber Verleger könnten die richtigen Anreize betonen.

Eine andere Möglichkeiten ist die Verschiebung von Medien ins Netz. Dort wäre es dann möglich, dass Konsumenten journalistische Inhalte nach dem Lesen bezahlten – anstatt die Katze im Sack oder das Interview hinter der Schlagzeile zu kaufen… Einen Artikel zu schreiben, den jemand nach dem Lesen für wertvoll hält: Das wäre wohl schon ein Anreiz. (Siehe Marcel Weiß‘ hervorragenden Post über »historische Unfälle« und Flattr.)