Wozu Feminismus

Während Julia Seeliger an der Trollcon über »Trollfeminismus« spricht (hier ihr Blogpost dazu), eskaliert in Berlin der Streit um das feministische Kollektiv »Mädchenmannschaft«. Die Berliner taz schreibt:

An diesem Punkt reichte es dem letzten Gründungsmitglied Meredith Haaf […]:„Ich fand es gut, über möglichen Rassismus zu diskutieren. Ich fand es gut, dass wir von einem etwas naiven freundlichen Feminismus à la Alphamädchen wegkamen, den ich heute auch kritisieren würde. Aber die Selbstbezichtigung war mal wieder ein Diktat und keine Diskussion.“ Die „Mädchenmannschaft“ habe keine interne Streitkultur entwickelt, so Haaf: „Das ist jetzt ein radikal queerfeministischer Blog mit ausschließender Sprache. Das ist für die meisten Menschen schwer zugänglich.“ Im Netz ist von einem „repressiven Moloch“ die Rede, von „totalitärem Quatsch“, von „elitärem“ Gehabe.

Darauf reagierte Nadine Lantzsch, aktuelles Mitglied der Mädchenmannschaft, in ihrem Blog:

was gerade passiert, ist in meinen augen eine verschiebung: weg vom alphamädchen-feminismus, der in erster linie gut situierten heteras zugute kommt und strukturfragen nicht mehr stellt, zu mehr machtkritik, zu mehr aufnahme von feministischen diskursen und konfliktlinien, die es bereits vor 20, 30, 40, 100 jahren gab. ein mehr arbeiten mit traditionen und geschichten, ein aufmerksam sein. mehr umsichtigkeit, mehr verantwortung. dies führt weder zu einer abschottung, noch zu elitärem gedünkel, sondern ermöglicht in erster linie konstruktives und produktives feministisches arbeiten. dass sich die mehrheitsgesellschaft davon nicht angesprochen fühlt, die jedes feministische projekt in den tod diskutiert, spart, gängelt und bedroht, ist ein problem dieser und nicht das einen feministisch verorteten projektes.

Für hängt die teilweise gehässige, teilweise unfaire Diskussion um die Vorgänge in der Mädchenmannschaft mit der Frage zusammen, was mit feministischen Aktivitäten, Reflexionen, Diskussionen erreicht werden soll. Die Einsicht, dass nicht alles, was das Label »feministisch« trägt, mit denselben Intentionen, denselben Haltungen und Modellen verbunden ist, ist trivial. Dennoch versuche ich, zu skizzieren, wo Gemeinsamkeiten liegen könnten und sich Differenzen abzuzeichnen beginnen.

Ausgehen möchte ich von diesem Selbsttest, der letzte Woche durch das Internet gefloatet ist (die Quelle ist mir leider nicht bekannt – würde sie gerne einfügen, wenn die jemand hat):

Man kann damit berechnen, wie privilegiert man ist. (Zusatz, 24.10., 15.50: In den Kommentaren und auf Twitter wurde zurecht darauf hingewiesen, dass der Test hoch problematisch ist, weil er erstens feste Zahlenwerte zuordnet und zweitens annimmt, das sei global möglich, ohne einen genaueren Kontext anzugeben. Ich habe aus diesem Grund auch das Feld Religion gelöscht und möchte festhalten, dass der Test Ausgangspunkt ist und nicht Teil meiner Argumentation. Er ist ungenau und übergeneralisiert, wörtlich genommen ist er Nonsense.)

Ich komme hier locker auf 150 Punkte und finde, ich komme damit noch zu gut weg. Ich bin enorm privilegiert.

Das Verständnis von Privilegien könnte zu folgenden Einsichten führen, die der Haltung des Mainstreams teilweise radikal entgegenstehen:

  1. Biologische und/oder soziale Gegebenheiten sind willkürlich mit unterschiedlichen sozialen Rechten bzw. Diskriminierungen verbunden.
  2. Privilegien sind weit gehend unsichtbar und werden von vielen Leuten nicht bemerkt.
  3. Privilegien hängen auf nicht triviale Art und Weise miteinander zusammen (das zeigt obige Darstellung überhaupt nicht: ich kann geringe Körpergröße (-10 Punkte) nicht einfach damit kompensieren, dass ich im städtischen China wohne (+10 Punkte) und Latinos (-50 Punkte) sind nicht auf dieselbe Art und Weise benachteiligt wie Frauen (-50 Punkte)).
  4. Privilegien bzw. ihre Gewährung (und damit auch Diskriminierung) entstehen auf eine komplexe Weise bei der Sozialisierung.
  5. Niemand kann komplett von seinen Privilegien abstrahieren. (Bsp.: Auch wenn mir bewusst ist, wie privilegiert ich bin, so nutze ich mein Privileg, meine Meinung sagen zu dürfen und damit Leserinnen und Leser zu erreichen.)
  6. Es ist unklar, ob eine Gesellschaft ohne Privilegien denkbar ist, oder ob nur Verschiebungen möglich sind.

Feminismus geht aus von der fundamentalen Einsicht, dass Biologie und soziale Rollen nicht deckungsgleich sind – also von Privilegien. Die entscheidenden Unterschiede sind nun: Was ist zu tun? Hier ein paar mögliche Ansätze:

  • Die obigen Einsichten müssen möglichst vielen Menschen bewusst werden, damit sie allenfalls ihre Haltung ändern und Kinder entsprechen erziehen.
  • Die benachteiligten Menschen müssen soziale Räume finden, wo sie sich gegenseitig stärken können.
  • Durch politisches Handeln müssen gesellschaftlichen und gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen werden, dass die Auswirkungen von Privilegien/Diskriminierung möglichst klein sind.

Die Frage, ob man nun mit Privilegierten wie mir (also mal zunächst einfach heterosexuellen, weißen Männern) über Feminismus sprechen soll, ist vor diesem Hintergrund nicht ganz leicht zu beantworten. Ich brauche keinen Feminismus und verlange z.B. nach Erklärungen, Begründungen, Rechtfertigungen von denen, die ohnehin schon benachteiligt sind. Sie müssen also Energie aufwenden, um denen zu einem Verständnis verhelfen, die gerade davon profitieren, dass sie kein Verständnis haben. Gleichzeitig führt aber die Verweigerung, Erklärungen abzugeben, tolerant gegenüber Uneinsichtigen zu sein, gerade zu einer weiteren Diskriminierung, zu Mechanismen, die verhindern, dass Menschen gehört werden, die etwas zu sagen haben.

Wer die Komplexität von Privilegien erfasst (Stichwort: Intersektionalität), wird schnell unsicher und verunsichert. So gesehen verwundert es nicht, dass das Thema Rassismus zu Konflikten innerhalb der Mädchenmannschaft geführt hat – es ist eben nicht klar, dass aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Geschlechtsidentität oder ihrer Sexualität Diskriminierte nicht auch diskriminieren können, weil sie z.B. aufgrund ihrer Hautfarbe privilegiert sind.

tl;dr: Privilegien sind kompliziert. Es ist unklar, was zu tun ist.

Privilegien, Minderheiten, Normen und Diskriminierung

Eines der spannendsten Probleme, die es heute gibt, sind verschiedene Formen subtiler Diskriminierung. Was meint subtil? Es geht nicht primär um Formen der Diskriminierung, die von einer gesetzlichen Ungleichheit ausgeht oder durch Mechanismen, die brutalen Zwang voraussetzen; sondern eben Handlungsweisen, die alltäglich sind und »normal« wirken – und dennoch diskriminieren.

Ein Beispiel: Homosexuelle Menschen werden, wenn man sie dann einmal besser kennt, gerne mal gefragt, wie oder wann sie denn entdeckt haben, dass sie homosexuell seien. Ersetzt man nun homo- durch heterosexuell, merkt man sofort, warum diese Frage problematisch ist: Man denkt nicht einmal daran, dass jemand entdecken könnte, heterosexuell zu sein, weil wir davon ausgehen, dass irgendwie alle heterosexuell sind oder sein sollten – bis sie merken, dass sie »anders« sind. Und gerade dieses Anderssein ist ja dann letztlich das Problem.

An diesem Punkt ist nämlich das moderne Denken stehen geblieben. Spricht man mit aufgeklärten, gebildeten Menschen darüber, wird schnell einmal in die Runde geworfen, dass »diese Menschen« ja tatsächlich »anders« seien (also z.B. Frauen, Homosexuelle, Inter- oder Transsexuelle, MuslimInnen, ChinesInnen etc.). Damit wird ein Denken entlarvt, das aus folgenden Bestandteilen besteht:

  1. Das Erstellen und Aufrechterhalten einer Norm (weiß, heterosexuell, cisgender, männlich, arbeitstätig, nicht-behindert).
  2. Das Markieren von allen Menschen, die sich außerhalb dieser Norm befinden.
  3. Die andere Behandlung dieser Normopfer.

Wer nun zu dieser Norm gehört – wie der Autor z.B. – ist privilegiert. Wie schwierig es diese Person auch immer haben mag im Leben (vielleicht wird sie nicht geliebt, ist gescheitert etc.) – sie wird sich nie mit einer Norm auseinandersetzen, der sie nicht genügt. Sie wird nie bei Menschen Unsicherheit damit hervorrufen, wer sie ist; wird nie begründen müssen, warum als die Person, die sie ist, in dieser Gesellschaft lebt.

Und deshalb ist sie automatisch Teil des oben beschriebenen Mechanismus. Weil sie kein Opfer ist, ist sie ein Täter: Sie trägt das System und kommt in Genuss von Privilegien.

Was kann man tun – was kann ich tun? Zunächst einmal einfach zuhören. Nichts sagen, wenn man mit Menschen spricht, die nicht (gleich) privilegiert sind. (Wie subtil die Formen des Machtmissbrauchs und Unrechts gegenüber Minderheiten sind, zeigt diese Seite sehr schön.) – Dann: Über dieses Problem nachdenken. Sich bewusst zu machen, dass niemand sich diesen Mechanismen entziehen kann. – Und schließlich: Andere darauf aufmerksam machen. – Und vor allem nicht: So tun, als ob Rassismus und Sexismus Themen aus einer obskuren Vergangenheiten wären, die heute allenfalls in rückständigen Zivilisationen eine Bedeutung hätten.

Julia Schramm erklärt diesen Zusammenhang etwas ausführlicher, mit Literaturangaben und einer Skizze der Diskurstheorie – eine spannende Lektüre. 

Ich zitiere ihr »tl;dr«:

Unser Denken wird von den Diskursen unserer Gesellschaft geprägt. Als weißer, hetero, cis-gender hast du es im Leben (tendenziell/wahrscheinlich) leichter.  Und manchmal muss man diese Privilegien anerkennen und einfach die Klappe halten. Privilegien haben auch mal einen Preis. Außerdem: Rassismus ist mehr als das N-Wort und Ausländern den Kopf eintreten.

Hintergrund ist der Konflikt um den Auftritt von Noah Sow in Fulda, der sich aus diesen beiden Blogposts rekonstruieren lässt: To Whites It Should Concern von Nadine Lantzsch und Im Herzen die weißeste von allen von Malte Welding.

Bildquelle: http://www.din.de/