Update: Beschwerde beim Presserat (»Petarden«-Kampagne)

Der Presserat hat auf die von mir formulierte Beschwerde reagiert und seine Stellungnahme veröffentlich, sie kann hier abgerufen werden.

Hier die Schlüsselpassage:

Hingegen erscheint die Art und Weise, in der «Blick» systematisch das private Umfeld des Verunfallten durchleuchtet, WG-Kollegen, Arbeitgeber und Eltern kontaktiert hat, in der Summe als unverhältnismässig und übersteigt deshalb nach Auffassung des Presserats das berufsethisch Zulässige. Zumal die Publikation des mageren Rechercheergebnisses wie oben ausgeführt nicht im öffentlichen Interesse lag, sondern bloss die öffentliche Neugier befriedigte und dazu diente, den Verunfallten und seine Angehörigen an den Pranger zu stellen. Entsprechend wäre «Blick» zumindest verpflichtet gewesen, vor der Veröffentlichung der Informationen über das private Umfeld des Verunfallten nochmals sorgfältig zwischen Schutz der Privatsphäre der Betroffenen und dem öffentlichen Interesse an der Berichterstattung abzuwägen.

Die Beschwerde wurde teilweise gut geheißen, d.h. der Presserat sieht beim Vorgehen der Ringier-Publikationen keinen Verstoss gegen Ziffer 8 der Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten (Menschenwürde und Opferschutz), aber eine der Ziffer 7 (Privatsphäre und identifizierende Berichterstattung).

15 Minuten Berühmtheit

Nicht genug, dass die Medienreaktionen auf die Presseratsbeschwerde zur Blick-Berichterstattung in der Petardenkampagne mit einem persönlichen Portrait im Regionalteil der AZ (pdf) wohl ihren Abschluss gefunden hat – in der letzten Woche stand mein Name auch noch in der FAZ, als Aufhänger für eine Rezension eines Bandes, in dem ein Aufsatz von mir publiziert worden ist (pdf des Aufsatzes):

[Für wissenschaftliche Publikationen – die bei mir nicht sonderlich zahlreich sind – habe ich mir ein Google Scholar Profil angelegt, wie das Ali empfohlen hat.]

Update: Petarden-Kampagne und Beschwerde beim Presserat

Der letzte Blogpost zur Blick-Kampagne im Fall Petardenunfall von Rom hat hohe Wellen geworfen. Der Post wurde von der Tageswoche, dem Bildblog, von Nation of Swine und dem Journalistenschredder und etlichen Facebook-Seiten sowie Fussballforen verlinkt und ist so heute auf fast 6000 Zugriffe gekommen. Zunächst also: Danke!

Gleichzeitig habe ich zwei Arten von Reaktionen bekommen:

  • Einerseits die Aufforderung, jemand müsse nun wohl den Presserat beauftragen, den Fall zu prüfen; zumal sogar dessen Vize-Präsidentin, Ester Diener-Morscher in der Tageswoche sagte: »Die Pranger-Funktion des Blick halte ich für bedenklich. Für die Bestrafung dieses Mannes ist das Gericht zuständig, die Zusatzstrafe durch die Medien ist unnötig.«
  • Andererseits Kritik an meinem Vorgehen, insbesondere deswegen, weil ich Benny Epstein nicht nach seiner Sicht der Dinge gefragt habe, bevor ich ihn kritisiert habe. Das habe ich mit einer Mail heute um 14.20 nachgeholt – bis jetzt (21.20) ist keine Reaktion eingetroffen.

Nachdem ich eher abgeneigt war, noch einmal den Presserat einzuschalten, finde ich nun, es wäre nötig, dass er sich dazu äußert. Deshalb habe ich diese Beschwerde verfasst und heute abgeschickt.

Die Bälle liegen also nun dort und bei Herrn Epstein – ich warte ab.

Updates vom 11. – 18
. November: 

Meine Beschwerde hat zu einigem Medienecho geführt:

  • Simon Eppenberger hat auf Newsnet meinen Blog in einem Kästchen erwähnt. Da Newsnet meinen Blog nicht verlinkt, verlinke ich nur ein pdf:
  • Auch in der gedruckten Ausgabe des Tages-Anzeiger findet sich ein Hinweis auf meine Beschwerde (ganze Seite als pdf): 
  • Auf Persoenlich.com hat Edith Hollenstein über die Beschwerde berichtet und auch bei der Blick-Redaktion nachgefragt (von der Redaktion äußert sich niemand, nur der Pressesprecher, der die Kampagne »hart aber fair« nennt.
  • Auch Radio Energy hat mit mir gesprochen, hier die ganze Sendung:
  • 20 Minuten verweist ebenfalls auf meinen Blog, übernimmt im wesentlichen die Argumentation und die Recherche der Tageswoche. Hier das pdf.
  • Am 15. November berichtet die Thurgauer-Zeitung, hier das pdf.
  • Am 18. November ist auch noch ein Artikel über mich in der AZ erschienen:

Ich freue mich darüber, dass man aufgrund der Beschwerde über Medienethik und das Funktionieren von Boulevard nachdenkt (es handelt sich ja um Mechanismen, die man schon lange kennt und reflektiert hat). Es ärgert mich aber gleichzeitig, dass diese Kritik durch die Drohungen und Aktionen gegen die Ringier-Journalisten selbst mit einer Art Rachegedanke verbunden werden. Ich will und wollte nicht Personen kritisieren, sondern ihre Texte und Vorgehensweisen. Meine Presserat-Beschwerde ist in diesem Sinne auch nicht eine Art von Rache, sondern soll eine Auseinandersetzung mit den Methoden fairer Berichterstattung erzwingen.

Die »Petarden-Trottel«-Kampagne – ein Fall für den Presserat?


Der Blick bzw. Benny Epstein inszeniert diese Boulevard-Kampagne der übelsten Sorte. Worum geht es? Die NZZ schreibt:

Mit Petardenwürfen haben einige der rund 700 mitgereisten Fans des FC Zürich am Donnerstagabend beim Auswärtsspiel im Römer Stadio Olimpico gegen Lazio Rom für Aufruhr gesorgt. Einem Anhänger der Zürcher explodierte eine Petarde in der Hand. Er zog sich dabei schwere, jedoch nicht lebensgefährliche Verletzungen an der Hand zu. Wie eine Sprecherin der Römer Polizei auf Anfrage sagte, verlor er aber mehrere Finger. Zurzeit befindet er sich noch in Spitalpflege. […]

[D]er Klub [kenne] mittlerweile den Namen des Petardenwerfers. Die italienische Polizei ermittle nun gegen ihn wegen Verstosses gegen das Sprengstoffgesetz. Er dürfte deswegen auch Schwierigkeiten mit der Ausreise aus Italien bekommen […]. Zudem wurde der Mann mit einem dreijährigen Stadionverbot in Italien belegt.

Kurz gesagt: Der Mann hat gegen italienische Gesetze verstossen, einen Unfall erlitten, wurde schwer verletzt und juristisch belangt. Der Fall ist abgeschlossen; der FCZ wird wohl auch ein Stadionverbot in der Schweiz gegen ihn aussprechen.

Doch das hindert Benny Epstein nicht daran, den Mann an den Pranger zu stellen, Photos von ihm zu publizieren und seinen Arbeitgeber und seine Eltern zu belästigen:

20111112-065613.jpgDie »Recherchen« bzw. Belästigungen von Epstein sind so sinnlos wie unergiebig. Hier die Highlights:

BLICK versucht, den FCZ-Fan bei der Arbeit zu erreichen. Am Telefon sagt ein Arbeitskollege: «Er ist nicht da, er ist verunfallt.»

Jetzt könnten seine Eltern Stellung nehmen. «Wir haben den Anwalt schon eingeschaltet», sagt Vater Fredy. «Wir sagen nichts. Komm jetzt, Fredy», wiegelt Mutter Monika ab. Der Vater will offenbar reden. Doch kaum beginnt er damit, fällt ihm die Mutter ins Wort: «Fredy, so wie wir es besprochen haben: freundlich, aber bestimmt. Lass uns gehen!» 37 Minuten waren sie in der Wohnung ihres Sohnes.

Der Artikel verlinkt sogar auf das »Mazda«-Dossier von Blick, weil die Eltern einen Mazda fahren.

Wir stellen uns vor: Epstein steht vor der WG des Vernunfallten und wartet genau 37 Minuten, bis die Eltern rauskommen und ihm nicht sagen. Das hindert ihn nicht daran, den Beruf des Vaters herauszufinden und damit diese unsägliche Geschichte im Konjunktiv II zu konstruieren.

Herr Epstein sei der Paragraph 7 aus der Erklärung der Pflichten und Rechte der Journalistinnen und Journalisten zur Lektüre empfohlen. Dort steht:

[Die Journalistinnen und Journalisten] respektieren die Privatsphäre der einzelnen Personen, sofern das öffentliche Interesse nicht das Gegenteil verlangt.

Ich bezweifle, dass es ein öffentliches Interesse daran gibt, mit welchen Worten die Eltern dem Reporter mitgeteilt haben, dass sie ihm nichts zu sagen haben, welches Auto sie fahren und was ein Mitarbeiter am Telefon genau gesagt hat.

In diesem Sinne wäre es wahrscheinlich hilfreich für Herrn Epstein, der Presserat würde ihm das auch mitteilen. »Das ist kein Journalismus, das ist Hetze«, schreibt Daniel Ryser bei Nation of Swine.

Update 10. November:

  • Epstein macht auch heute weiter (vierter Artikel), spekuliert ohne Fakten über eine mögliche Arbeitslosigkeit, juristische Folgen und gar einen IV-Antrag (und dessen Beurteilung). Ich verlinke nicht darauf.
  • Daniel Ryser interviewt Peer Teuwsen, Chef der Schweizer Abteilung von Die Zeit, auf Nation of Swine:

    Und dann ist es ja nicht einmal so, dass es irgendwas zur Problemlösung beitragen würde. «Blick tut was», das ist das Motto. Es ist die Sündenbock-Theorie. «Jetzt haben wir endlich einen. Und den machen wir jetzt so richtig fertig». Man will dem Leser den Eindruck geben, es passiere etwas. «Wenn schon der Staat versagt, dann machen wenigstens wir etwas», soll die Botschaft sein. Es ist eine Verkennung der Rolle und ein massives Überschreiten journalistischer Grenzen.