Die Schweiz – ein rassistisches Land?

3.56 Asylgesuche pro 1000 Einwohnerinnen und Einwohner, 23 Prozent ausländische Wohnbevölkerung – mit diesen Werte, so die Politreporter der Schweiz am Sonntag, seien »rekordverdächtig«. Sie sind erstaunt darüber, dass in der Schweiz ein Badi-Verbot und ein Zwischenfall mit einer prominenten Amerikanerin für internationale Resonanz sorgt, die der Schweiz ein rassistisches Image gibt.

Zu diesen Vorfällen wurde schon viel gesagt. Ich möchte nur vier eigentlich selbstverständliche Bemerkungen festhalten:

  1. In der Schweiz gibt es rassistisch denkende und handelnde Menschen. Das ist so selbstverständlich, dass ich mich frage, warum ich das überhaupt aufschreibe. Wer in öffentlichen Verkehrsmitteln, in den Kommentarspalten der Zeitungen oder im Internet liest und hört, was Menschen von sich geben, weiß das.
  2. Bei rassistischen Vorfällen (generell: bei jeder Art von psychischem oder physischem Übergriff) ist komplett irrelevant, was Nicht-Betroffene davon halten. Ob die Handtasche aus Krokodilleder war, die Verkäuferin mässig gut Englisch kann, die Boutiquebesitzerin mit Tina Turner befreundet ist oder das Badi-Verbot ein Verbot oder keines ist:  Relevant ist, wie sich die Menschen fühlen, die von diesen Übergriffen betroffen sind. Zur Struktur dieser Übergriffe gehört es, dass die Betroffenen über die Vorfälle nicht reden (können/dürfen) oder nicht gehört werden. Ihnen muss Raum gegeben werden. Deshalb hier die Worte von Oprah Winfrey:

    I go into a store and I say to the woman, ‚Excuse me, could I see the bag right above your head?‘ and she says to me, ‚No. It’s too expensive.‘ And I said, ‚No, no, no, the black one, the one that’s folded over‘, and she said, ‚No, no, no, you don’t want to see that one, you want to see this one because that one will cost too much. You won’t be able to afford that one‘.
    There’s two different ways to handle it. I could’ve had the whole blow-up thing, but it still exists, of course it does. True racism is being able to have power over somebody else. So that doesn’t happen to me that way.
    It shows up for me this way, it shows up that sometimes I’m in a board room or I’m in certain situations where I’m the only woman, or I’m the only African American person within a 100 mile radius, and I can see in the energy of the people there, they don’t sense that I should be holding one of those seats. I can sense that. I can never tell is it racism or is it sexism, because often it’s both. The sexism thing is huge. The higher the ladder you climb, it gets huge.

  3. Das Argument, es gäbe viel stärker Betroffene oder viel größeres Leid in der Welt als eine Frau, die statt einer enorm teuren nur eine sehr teure Handtasche anfassen darf, dient dazu, Rassismus unsichtbar zu machen. Der Vorfall um Winfrey macht Rassismus sichtbar – Rassismus, der sich oft in Vorfällen äußert, die für die Nicht-Betroffenen »Missverständnisse« oder Kleinigkeiten sein mögen: Es aber für die Betroffenen nicht sind. Ein Beispiel: Tibetischstämmige Jugendliche erzählen mir oft, dass Menschen ihnen im Alltag nicht zutrauen, Schweizerdeutsch zu verstehen oder zu sprechen, obwohl sie hier aufgewachsen sind und Schweizerdeutsch ihre Muttersprache ist. Ihre äußere Erscheinung wirkt so stark, dass selbst wenn sie Schweizerdeutsch sprechen, die Annahme aufrecht erhalten wird, sie könnten es nicht.
  4. Aber natürlich gibt es gewichtigere rassistische Probleme als die, die in Boutiquen an der Bahnhofstrasse stattfinden. Wie ein anderer Prominenter, Edward Snowden, bei seinem Zuzug bemerkte, werden in der Schweiz die schlecht bezahlten Arbeiten von Immigrantinnen und Immigranten verrichtet, die kaum ausgebildet werden und kaum Chancen haben, ihre Situation zu verbessern. Snowden schrieb im Chat von Ars Technica:

    [a large immigrant population does the lower-class work], lots of unidentifiable southeast asian people and eastern europeans who don’t speak french or english […] everybody hates gypsies apparently […] immediately „those goddamned gypsies!“ – „it wasn’t a gypsy“ – „oh, it must be those fucking muslims!“ „no? then those goddamned africans!“ – i have never, EVER seen a people more racist than the swiss jesus god they look down on EVERYONE. even each other.

Die Statistiken, die in der Schweiz am Sonntag angeführt werden, zeigen nicht etwa die große Toleranz der Schweizerinnen und Schweizer, sondern reflektieren schlicht und ergreifend ein System, das strukturell rassistisch ist: Arbeiten, die Schweizerinnen und Schweizer nicht selbst erledigen und nicht anständig bezahlen wollen, lassen sie von Ausländerinnen und Ausländern verrichten.