Kurz erklärt: robots.txt

Im Zusammenhang mit dem Leistungsschutzrecht für Presseverlage, die von Google eine Entschädigung für die kommerzielle Weiterverwertung ihrer Produkte fordern, ist immer wieder die Rede von robots.txt. Das Verständnis für die Funktionsweise dieser Datei hilft, einen Kernpunkt in der Debatte um das Leistungsschutzrecht zu verstehen. Zudem enthüllt ein Blick auf den Einsatz von robots.txt in der Schweiz Erstaunliches.

robots.txt ist eigentlich eine einfache Textdatei, die auf einer Webseite abgelegt wird. Damit hängt aber ein standardisierter Ablauf zusammen, den die wichtigsten BetreiberInnen von Suchmaschinen einhalten: Die Informationen der Datei werden genutzt, um bestimmte Bereiche der Seite vor Suchmaschinen zu schützen.

Steht in robots.txt beispielsweise folgender Eintrag:

User-agent: *
Disallow: /Privat/Familie/Geburtstage.html

So darf keine Suchmaschine die Seite »Geburtstage« durchsuchen. Entsprechen werden die dort gemachten Angaben mit Google, Bing etc. nicht gefunden.

Würden nun Presseverlage auf ihren Seiten folgenden Eintrag wählen, dann wäre die ganze Seite für alle Suchmaschinen blockiert:

User-agent: *
Disallow: /

Das heißt: Es ist mit wenigen Zeichen möglich, Google daran zu hindern, Inhalte in seinen Suchergebnissen und anderen Diensten darzustellen. Natürlich kann man es als stoßend empfinden, dass der Standard Google eine Erlaubnis gibt – sinnvoll wäre, dass man aktiv einen Eintrag vornehmen muss, um in Suchergebnissen zu erscheinen (also anstatt »disallow« in robots.txt eintragen zu müssen, »allow« einzutragen).

Webmaster können die robots.txt-Datei verstecken, wenn sie nicht möchten, dass öffentlich bekannt ist, welche Bereiche der Homepage nicht durchsucht werden dürfen.

Das ist eigentlich schon alles. Schauen wir nun die robots.txt-Dateien der Schweizer Verlage an.

Blick.ch versteckt robots.txt.

blick.ch, nzz.ch, azonline.ch und weltwoche.ch verstecken nur einige technischen Seiten, die temporäre oder redundante Seiten beinhalten könnten.

User-agent: *
Disallow: /widget/
Disallow: /suche
Disallow: /stats
Disallow: /*cvajaxnews=true*

Sitemap: http://www.blick.ch/sitemap.xml
Sitemap: http://www.blick.ch/sitemap-image.xml
Sitemap: http://www.blick.ch/sitemap-googlevideo.xml
Sitemap: http://www.blick.ch/news.xml

Download

nzz

asfdInteressant aber die robots.txt von Newsnetz. Hier werden neben den Todesanzeigen drei spezifische Seiten ausgeschlossen: Zwei davon, eine über Carl Hirschmann und eine über einen SVP-Spender, der angeklagt worden sei, sind nicht mehr erreichbar und wurden offenbar gelöscht. Die dritte betrifft die Bank Reichmuth. Der Lead lautet:

Die Luzerner Privatbank sollte letztes Jahr 100 Millionen Kredit für eine Maschinenfirma beschaffen, gegen die nun die Bundesanwaltschaft ermittelt. Jetzt drohen auch zwei Schweizer Banken Millionenverluste.

Es liegt nahe zu vermuten, dass sich Tamedia durch außergerichtliche Einigungen mit Klägerinnen und Klägern dazu entschlossen hat, diese Seiten für Suchmaschinen zu sperren. Erstaunlich ist aber, dass dies so öffentlich einsehbar ist. (Ich danke für diesen Hinweis Martin Steiger.)

tagi

Der ideale und der reale Onlinejournalismus – eine Bemerkung zur Imhof-Replik von Hansi Voigt

Der Chefredaktor von 20 Minuten Online, Hansi Voigt, reagiert wie sein Pendant bei Newsnetz, Peter Wälty, auf die Studie von Kurt Imhof zur Qualität der Medien (hier habe ich schon über die unsachliche Kritik daran geschrieben). Der Grund, warum sich die beiden Online-Chefs von Tamedia so heftig äußern: Imhof hatte geschrieben, »Internet-Nachrichten-Anbieter [hätten] erstmals an Abdeckungsquote eingebüsst«. Also konkret: Die von den beiden Chefs betreuten Plattformen würden weniger Leute erreichen als früher.

Konkret geht es um folgenden, weiter reichenden Zusammenhang (jede Ziffer und jeder Buchstabe bezeichnet eine Behauptung, die zu belegen wäre):

  1. Online- und Gratismedien führen zu einem Schwund bei den Bezahlzeitungen.
  2. Online- und Gratismedien sind nicht in der Lage, die von ihnen erzeugte Lücke zu füllen, denn
    a) ihre Inhalte sind von geringerer Qualität
    b) sie erwirtschaften nicht genug Geld, um genügend und genug gut ausgebildete JournalistInnen zu beschäftigen
    c) sie erreichen nicht gleich viele Leser, wie den traditionellen Medien verloren gehen.
  3. Die Menschen in der Schweiz sind weniger gut informiert über politische, kulturelle und wirtschaftliche Zusammenhänge.
  4. Deshalb sind sie weniger gut in der Lage, politisch zu partizipieren.

Diesen Zusammenhang bestreitet nun Voigt – in der AZ und auf 20Minuten online und auf Newsnetz – aus verschiedenen Gründen. Es scheint einen Fehler bei Imhof zu geben, der zu Verwirrung geführt hat, zudem geht die Studie des FÖG offenbar davon aus, dass die Zugriffe, die über Google erfolgen, nichts mit der Plattform selbst zu tun haben, sondern nur mit den entsprechenden Suchbegriffen.

Ich will hier nicht weiter auf diese Zusammenhänge eingehen, für die die Datenlage äußerst schwierig einzuschätzen ist – außer für die Online-Plattformen selbst. Die argumentieren denn auch mit dieser Grafik aus Google-Analytics:

Wollte Newsnetz oder 20 Minuten Online Imhof tatsächlich widerlegen, könnten diese Zahlen doch auch mit entsprechenden Werten publiziert werden, so dass erkennbar ist, wie viele Zugriffe die Marke selbst betreffen etc. Kurz: Auf ein quantitatives Argument sollte man quantitativ antworten oder aber festhalten, weshalb ein quantitativer Ansatz falsch ist.

Ich kann nachvollziehen, wie ärgerlich es für eine erfolgreiche Plattform ist, wenn sie an falschen Zahlen gemessen wird. Die Reaktion ist aber diesbezüglich nicht nur wenig professionell, sondern entwickelt ein Konzept von Online-Journalismus, das in der Schweiz nur in Ausnahmefällen so anzutreffen ist. Voigt schreibt:

Ich bin überzeugt, dass nicht nur die Medien, sondern auch die Leser professioneller geworden sind. Sie werden zunehmend zum Mitgestalter und zum Komplizen des Journalisten, geben Inputs und übernehmen aufgrund ihrer Empfehlungen einen Teil des Vertriebs und steigern so auch den Qualitätsanspruch. Gutes wird wesentlich häufiger auf Facebook gepostet als Durchschnittliches!

Journalisten der Moderne predigen deshalb nicht mehr von der Kanzel herab, sie stossen Diskussionen an, moderieren und nehmen Inputs der Leser auf – mündige User, die gleichzeitig eine Kontrollfunktion ausüben.

Für bezeichnend halte ich hier das Ausrufezeichen. Voigt untersucht diesen Zusammenhang nicht, er belegt ihn nicht – sondern er behauptet ihn einfach mal. Und dann ein Ausrufezeichen. So argumentiert er aus mit seinen persönlichen Überzeugungen oder mit der Floskel »Hand aufs Herz«. Was so behauptet wird, ist die Vision eines idealen Journalismus, der mit mündigen Lesenden interagiert, welche die Qualität beurteilen und dadurch nur Hochwertiges weiterreichen, so dass ein Wettbewerb stattfindet, dessen einziges Kriterium die Qualität ist.

Dann also mal direkt gefragt: Welche Artikel von 20Minuten werden denn auf Facebook am häufigsten geteilt? Worauf klicken die mündigen User denn besonders häufig? Wie viele JournalistInnen lesen denn die Kommentare unter ihren Artikeln und diskutieren dort mit? Wie oft geht ein hochwertiger Artikel auf einen Input aus der Leserschaft zurück?

Onlinejournalismus ist nicht des Teufels. Und Imhof denkt das auch nicht. Aber er kann sich nicht der Qualitätsdiskussion entziehen, indem er darauf verweist, was er sein könnte. Die beiden Online-Chefs vermeiden es tunlichst, Qualitätskriterien festzulegen. So schreibt Voigt:

Wer wie ich aus dem Aargau stammt, erinnert sich mit Grauen an die «Qualitäten» der damals dominierenden Regionalpresse, deren Produkte nie den Informationsgehalt oder gesellschaftlichen Diskurs einer «Simpsons»-Episode erreichte. Wer die AZ indes heute anschaut, kann feststellen, dass sie sich zu einem hervorragenden Blatt gemausert hat. Eine Zeitung wie in den 80er-Jahren liesse sich heute kein Mensch mehr bieten.

Tatsächlich gab es im Aargau in den 80er-Jahren eine Medienkonkurrenz (alleine in Baden gab es zwei Tageszeitungen, eine weitere in Brugg und eine in Aarau). Die Qualität dieser Zeitungen könnte man nun beurteilen, wenn man Kriterien hätte. »Informationsgehalt oder gesellschaftlicher Diskurs einer »Simpsons«-Episode« ist definitiv kein Kriterium (kann man einen »gesellschaftlichen Diskurs« haben?).

Fazit: Wer Imhof und den FÖG kritisieren will, soll doch bitte über das sprechen, worum es geht: Über die Qualität von Medien. Und dann einen Vorschlag machen, wie sich diese Qualität messen lässt und das auch gleich tun. Mit fundierten Zahlen. Alles andere lässt den Verdacht aufkommen, da sei jemand an einer empfindlichen Stelle getroffen worden.

Update 16. Oktober: Der FÖG reagiert selbst und sachlich auf die Kritik durch Voigt. 

Über Gemeingüter.

Trete ich aus meiner Haustür, kann ich in vier Richtungen in die Welt schreiten. Das tue ich an gewissen Tagen mit einem vollen Abfallsack in der Hand. Diesen werfe ich dann in den nächst gelegenen »Züri-Sack-Container«. Eine nicht ganz konfliktfreie Angelegenheit: Obwohl die Container der Stadt Zürich gehören und ich sie dadurch finanziere, dass ich einen Gebührensack einwerfe, sind gewisse Hausbesitzende der Ansicht, der zu ihrem Haus gehörende Container dürfe nur von Menschen benutzt werden, die ebenfalls zu diesem Haus gehören. Das schlagende Argument ist dann jeweils der Boden, auf dem der Container steht: Für den bezahle ich nämlich tatsächlich nichts mit meinem Gebührensack.

Dieser Boden gehört also anderen Menschen. Und er gehört ihnen, weil sie ihn gekauft haben. Von einer Person, die ihn auch gekauft hat usw. Und woher hatte die erste Person, die diesen Boden gekauft hat, den Boden? Sie hat ihn sich – so nehme ich an – genommen. Wenn man aus der Perspektive der Gemeingüter oder Commons denkt, mutet es seltsam an, dass Grundstücke jemandem gehören können.

Was sind Commons? (Ich beziehe mich fortan auf den Gemeingüter-Report der Böll-Stiftung.) Grundsätzlich braucht es drei Bestandteile:

Kurz gesagt: Gemeinschaften legen Regeln fest, wie mit Ressourcen umgegangen werden soll. Diese Ressourcen stammen aus verschiedenen Bereichen:

Es sind also nicht primär materielle Güter wie Boden, sondern auch gedankliche (die gleichwohl eine materielle Basis haben).

Die Idee wäre, dass ein Bewusstsein für Gemeingüter eine gerechtere Gesellschaft schafft, in der nachhaltiger gelebt wird.

Eine bekannte Kritik an dieser Vorstellung stammt von Garrett Hardin, der sie »the tragedy of the commons« oder die »Tragik der Allmende« nannte:

Jedermanns Eigentum ist niemandes Eigentum.

Mit anderen Worten: Wenn die Gemeingüter nicht in Privatbesitz übergehen, wird sich niemand um sie kümmern, weil niemand ein genügend großes Interesse daran hat. Hardin hat jedoch übersehen, dass Gemeingüter in einem sozialen Kontext stehen und mit Regeln verwaltet werden – so wird sichergestellt, dass es ein Interesse daran gibt, die Gemeingüter zu pflegen und zu nutzen.

Aus einer etwas anderen Perspektive wirft Peter Joseph in seinem neusten Zeitgeist-Film »Moving Forward« einen Blick auf das Problem (auf »CC« drücken für deutsche Untertitel):

In einer Besprechung auf Newsnetz formuliert René Staubli den hier relevanten Zusammenhang wie folgt:

Ist es sinnvoll und ökologisch zu verantworten, dass jeder Mensch danach trachtet, ein Stück von jedem Gut zu besitzen, wie das heute der Fall ist? Ohne Rücksicht darauf, ob und wie oft er es verwendet? In der neuen Zivilisation gilt ein anderes Prinzip: Wenn jemand ein Gut nur eine Stunde pro Tag beansprucht, braucht er es nicht zu besitzen, denn andere könnten es ebenfalls nutzen. Nicht das Eigentum steht im Zentrum, sondern die Zugriffsmöglichkeit auf die Dinge, die man benötigt. Dieses Prinzip ist uns längst bekannt: Wir gehen in die Bibliothek, leihen uns ein Buch aus und bringen es dann wieder zurück.

Die Liveticker-Berichterstattung. Eine kritische Würdigung

Zu immer mehr Ereignissen erhalten wir über Live-Ticker oder News-Ticker Zugang – als Beispiele seien der Krieg in Libyen und der Budgetstreit im Zürcher Gemeinderat von gestern Abend genannt. Die Verwendung eines Formats, das aus der Sportberichterstattung stammt und eigentlich eine protokollartige Verschriftlichung von Ereignissen ist, soll im Folgenden kurz kritisch geprüft werden.

  1. Aktualität als wichtigstes Qualitätskriterium.
    Von medialer Berichterstattung könnte man erwarten, dass sie Ereignisse besonders wahr darstellt, sie einordnet, Meinung ausgewogen präsentiert oder Komplexität vereinfachen kann – wie man auch erwarten kann, dass sie besonders aktuell ist. Die Liveticker-Kultur setzt nun die Aktualität über alle anderen Qualitätskriterien.
  2. Die Bedeutung von Titeln.
    Wie der fehler.li-Blog schön aufzeigt, verzerren gesetzte Titel Sachverhalte und dominieren die Interpretation des Geschehens. Meiner Meinung nach ist diese Funktion bei Live-Tickern viel stärker als bei strukturierten Berichten mit einem gewichteten Aufbau.
  3. Die Auswirkungen der Schnelligkeit.
    Wer möglichst schnell schreiben muss, hat nicht die Möglichkeit, über ein Geschehen nachzudenken, es einzuordnen, seine sprachliche Präsentation zu gestalten, ergänzende Recherchen vorzunehmen. Wichtige Möglichkeiten journalistischer Berichterstattung entfallen.
  4. Wiedergabe anderer Medien.
    Live-Ticker entstehen oft unter Einbezug von Fernsehbildern und Webseiten. Sie verdichten also andere Medieninhalte, ohne das darstellen zu können. Ein Zugang zu der Person, die wirklich zugegen war, als etwas passiert ist, die etwas gesehen, erlebt hat, wird systematisch verunmöglicht (diese Kritik trifft natürlich auch viele klassische Berichte).
  5. Chronologie statt Gewichtung.
    Ereignisse werden seriell präsentiert und erscheinen gleich wichtig. In einem Ski-Liveticker wird die Fahrt jeder Fahrerin mit einem Satz kommentiert – in einem Bericht würden nur 5 Fahrerinnen erwähnt. Dasselbe passiert so beim Krieg in Libyen – Wichtiges und Unwichtiges werden als eine Serie gleichbedeutender Ereignisse dargestellt.
  6. Die Rückwirkung von Live-Tickern auf die Ereignisse selbst.
    Dieser  Aspekt ist wohl einer der spannendsten: Die TeilnehmerInnen an der Gemeinderatsdebatte lesen während der Debatte die Berichterstattung darüber, zitieren sie und kommentieren sie online, wie Simon Eppenberger hier dokumentiert. Die mediale Berichterstattung wirkt also auf politische Prozesse direkt ein. Das Bewusstsein, dass jeder Satz nicht nur im Rat gesagt wird, sondern auch für den Live-Ticker prägt die politische Kommunikation. [Update: Michael Latzer findet eine Beurteilung der Auswirkungen von Live-Tickern auf Newsnetz »zu früh« und fordert, dass man mit solchen Formen »experimentieren« müsse.]

Liveticker auf Newsnetz zur Budgetdebatte, inklusive Facebook-Kommentare

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gerne verweise ich noch auf Konrad Webers genaue und vergleichende Auseinandersetzung mit dem Liveticker-Phänomen.

Integration und Schulnoten – der Fall Olivier Cayo und wie Newsnetz schlampt

Die Geschichte ist schnell erzählt:

Das Asylgesuch von Olivier Cayo aus Aarau wurde letztinstanzlich abgewiesen. Die Begründung des Bundesverwaltungsgerichtes: Der 22-jährige Ivorer ist kein politischer Flüchtling, eine Rückreise nach der Elfenbeinküste zumutbar.

Diese Geschichte gibt es sehr oft: AsylbewerberInnen werden abgewiesen. Das verstehen sehr viele Menschen in der Schweiz sehr gut – wer nur in die Schweiz kommen will, weil die wirtschaftlichen Perspektiven in der Schweiz besser sind, soll das nicht tun dürfen.

In diesem Falle liegt sie Sache aber anders, wie Irena Jurinak schreibt:

Ein Entscheid, den niemand verstehen kann. Denn Olivier Cayo hat sich in den fünf Jahren, in denen er in der Schweiz lebt, sehr gut integriert. Im Frühling schloss er die Kantonsschule in Aarau ab, mit einem Notendurchschnitt von 4,8. Erst vor drei Monaten wurde seine mit einem Sechser benotete Maturarbeit über afrikanische Literatur als eine der besten fünf Arbeiten im Kanton prämiert.

Und so kann man Reaktionen sammeln, von Regierungsräten (Urs Hoffmann) über SP-Grossräte (Ivica Petrusic) bis zu SVP-Nationalräten (Ulrich Giezedanner) – allen ist aber gemeinsam, dass sie nichts Grundsätzliches über Asylverfahren sagen, sondern entweder betonen, wie gut intergriert Olivier Cayo offenbar sei, oder aber die Länge des Verfahrens anprangern.

Dabei fällt Folgendes auf:

  • »Integration« scheint ein Prozess zu sein, der aufgrund von Schulnoten, Maturaarbeiten oder aber auch Verstössen gegen das Gesetz offenbar bestens beurteilt werden kann. Giezedanner soll gesagt haben, man dürfe intelligente Asylbewerber zwar nicht bevorzugen, aber Cayo habe »den Willen gezeigt, sich zu integrieren«.
    Analog kann man bei Rasern o.Ä. auch gleich mangelnde Integration feststellen – kennen lernen muss man AslybewerberInnen dazu offenbar nicht.
  • Integration ist – wie der Fall Cayo zeigt – vom Gesetz her gar nicht ein Argument, warum ein(e) AsylbewerberIn im Härtefall in der Schweiz bleiben darf: Wer integrationsfähig ist, kann ins Heimatland zurückkehren, da auch dort die Integration gelingen könnte.
  • Cayos Geschichte ist deshalb eine, die von mehreren Zeitungen aufgenommen wird, weil sie als Ausnahmefall verkauft werden kann: Es gibt also auch den (idealerweise schwarzen) Ausländer, der mit Erfolg eine Matur ablegen kann – im Gegensatz zum Gros aller AsylbewerberInnen, die aus Mangel an Integrationswille halt keine Matura ablegen.

* * *

In die Abteilung Qualitätsjournalismus gehört dann, wie Newsnetz die Story aufgreift:

  1. Aus einem Maturand mit einer prämierten Maturaarbeit wird »Bester Aargauer Maturand«.
  2. Eine Illustration findet man, indem man den »Sonntag« fotographiert.
  3. Den Rest des Textes kann man auch gleich von der A-Z-Page abschreiben, die Zitate kopieren.

Fazit: Wenn andere eine Geschichte haben, dann übernehmen wir sie einfach.

* * *

Meine Schlüsse aus dieser »Geschichte«: Wenn Systeme mit Menschen »verfahren«, geht es meist unmenschlich zu und her. Asylpolitik hat etwas Altbackenes, Verstaubtes – da wir uns hin zur EU öffnen, nach weiter außen aber zunehmend abschotten. So kommen qualifizierte Arbeitskräfte zu uns (Romas können wir dann schon abschieben und mit den ungarischen Prostituierten werden wir auch noch fertig, ah nein – das sind ja auch Romas) – und wir können unseren Wohlstand erhalten. Die beunruhigenden Fragen können wir so gut umgehen: Warum darf ein Mensch wie Olivier Cayo nicht leben, wo er will? Wie können wir etwas wie Integration beurteilen, wenn wir über die offensichtlichen Merkmale wie Sprachkompetenz und Abfalltrennung hinwegsehen?

(Man vergleiche auch Davids Ausführungen zur Argumentation der SVP und Giezedanner im speziellen.)

iPad – eine Art Bilanz

Ich habe einen Vorschlag für einen Blogartikel: Du bist nun doch schon seit ein paar Wochen iPad Besitzer. Das wäre doch ein Zeitspanne, nach der man ein erstes Resümee ziehen könnte. Wie hat sich das iPad bewährt? Wozu nutzt du das iPad? Was gefällt dir? Wie unterscheidet sich deine iPad Nutzung  von den Erwartungen, die du vor dem Kauf hattest?

Diese Aufforderung habe ich kürzlich erhalten – und da ich momentan etwas sporadisch blogge, was entweder der beruflichen Auslastung oder der WM oder beidem zuzuschreiben sein mag, nehme ich die Idee gerne auf.

In aller Kürze: Das iPad hätte ich nicht gebraucht. Ich trage es zwar fleißig mit herum, ertappe mich aber immer dabei, wie ich sowohl iPhone als auch MacBook Pro auch immer dabei habe. Grundsätzlich habe ich zwei Tendenzen festgestellt:

  • Medien (Zeitungen, Webseiten, RSS-Feeds, EBooks, Instapaper etc.) konsumiere ich kaum noch auf dem iPhone, sondern verwende immer das iPad.
  • Sobald ich die Tastatur brauche, und sei es auch nur, um ein Formular auszufüllen, benutze ich nie das iPad, sondern immer das MacBook. Nicht, weil die Tastatur schlecht wäre, sondern weil ich selten in einer Situation bin, wo ich das iPad hinlegen will und kann, um zu tippen.

Wozu brauche ich das iPad?

  1. Zum Lesen von Zeitungen (v.a. Newsnetz, obwohl man kaum von einer Zeitung reden kann). Generell würde ich gerne mehr Zeitung auf dem iPad lesen, v.a. die NZZ oder auch deutsche Zeitungen – bin aber nicht bereit, wie für den Spiegel gleich viel für eine Printausgabe zu zahlen. Ich würde für ein komplettes Jahresabo mit allen Inhalten 100 – 150 Franken zahlen (für die FAZ, die Süddeutsche oder eben die NZZ).
  2. Zum Lesen von Büchern, v.a. Klassikern. Total ärgerlich ist hier, dass Apple in der Schweiz noch keine kostenpflichtigen Titel bereitstellen kann.
  3. Zum Schauen von Videos. Im Gegensatz zum iPhone sehr gutes und großes Display, das aber bei Tageslicht unmöglich spiegelt.
  4. Während der WM schaue ich oft auch TV drauf (z.B. als Zweitscreen neben dem PC, oft auch für Twitter), aber generell schaue ich kein Fernsehen, also kein wirklich bedeutender Punkt.
  5. Als mobiles Internet- und Mailgerät; v.a. für einen Wochenendausflug, auf dem mir der Laptop zu schwer ist. Störend ist dabei, dass man gezwungen wird, Safari zu brauchen – ich benutze sonst Chrome und ab und zu Firefox, habe alle Passwörter darin abgelegt und lasse die Werbung blocken. Diesen Komfort vermisse ich auf dem iPad.

Fazit aber generell: Hätte ich es nicht mehr, das iPad – ich würds kaum vermissen. Neues iPhone oder iPad kaufen – meiner Meinung nach hands down das neue iPhone; schon nur wegen der Kamera. Soweit diese Bilanz – die noch um das ergänzt sein soll, was das Luxusmagazin «Z» so wundervoll formuliert hat (klicken, dann wirds schön groß):

Das peinlichste Interview des Jahres – Christoph Landolt befragt Roger Köppel

Newsnetz hat eine denkwürdige Wahl verantstaltet: »Wer ist der Klügste im ganzen Land?« Resultat: Roger Köppel ist total klug, während von den 20 der am wenigsten Kluge Martin Meyer, immerhin Feuilletonchef der NZZ (aber daher vielleicht den Newsnetz-Usern unbekannt), zu sein scheint.
Nicht genug mit der Wahl: Christoph Landolt interviewt denn Roger Köppel auch gleich:

Herr Köppel, wer ist für Sie der grösste Intellektuelle der Schweiz?
Lebend oder tot? Wer ist der grösste Intellektuelle? Dürrenmatt, aber der lebt nicht mehr… (denkt nach) Sagen Sie es mir.
Sie sind es. Die Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnetz haben Sie mit 18 Prozent zum grössten Schweizer Intellektuellen gewählt. Wir gratulieren.
Tatsächlich? Hervorragend, vielen Dank, offensichtlich hat Tagesanzeiger.ch/Newsnetz kluge Leser (lacht).

Schon nur diese zwei Turns sagen eigentlich alles: Die Frage »wer ist für Sie…« beantwortet Köppel mit »sagen Sie es mir«, um dann heuchlerisch so zu tun, als hätte er es gar nicht gewusst: »Tatsächlich?«. Tatsächlich hat Weltwoche mit ihrem Twitteraccount die Umfrage gestern intensiv beworben:
wekoe
Das Interview geht dann aber noch weiter: Newsnetz drängt Köppel in die Rolle eines Vordenkers der »rechten Intellektuellen«, nennt linke Intellektuelle »Pseudo-Intellektuelle« und befragt Köppel nach seinem Musikgeschmack, während der die Vorlage dankbar aufnimmt, die Weltwoche als »Plattform für ein intellektuelles Millieu« bezeichnet, die Redaktionen anderer Publikationen mit der Inquistion vergleicht und zum Schluss einen Seitenhieb auf den »Wikipedia-Wächterrat« anbringen darf – wo doch er der Manipulator der Wikipedia ist.
Einmal mehr: Newsnetz (bzw. der Tagi?) agiert auf einer dümmlich-populistisch-rechten Schiene, was System zu haben scheint, und Köppel repräsentiert diese dümmlich-populistisch-rechte Schiene mit Freuden.