Wie Konservative denken: Die Tendenz zur Ignoranz

Der amerikanische Wissenschaftsjournalist Chris Mooney, der erklärt, weshalb Menschen nicht an wissenschaftliche Erkenntnisse glauben, präsentiert in einem Essay auf MotherJones Auszüge aus einem Buch über das Denken der Republikaner –
The Republican Brain: The Science of Why They Deny Science – and Reality. Im Folgenden fasse ich seine Erkenntnisse kurz zusammen und beziehe sie auf die Situation in der Schweiz.

Dabei möchte ich zunächst anmerken, dass ich die Vermessung der schweizerischen Politik im Schema »rechts – links« für problematisch halte. Alle seriösen wissenschaftlichen Methoden führen weitere Dimensionen ein, die aber im öffentlichen Diskurs kaum je verwendet werden. Labels wie »bürgerlich« oder »liberal« zeichnen sich dadurch aus, dass sie ständig neu definiert werden. Mir scheint, gerade die Dimension »progressiv/offen – konservativ« verdiene mehr Beachtung. Tatsächlich ist die SVP z.B. in ihrer Staatsskepsis keine besonders bürgerliche oder liberale Partei, sondern letztlich eine konservative. Damit ließen sich einige Widersprüche erklären – z.B. das Festhalten an einer staatlichen Landwirtschaftsförderung und einer großen Armee, während man krampfhaft versucht, Staatsausgaben und Steuereinnahmen zu senken.

Um Konservative geht es Mooney. Er zeigt detailliert, dass politisch aktive Republikaner die Wahrheit bewusst ignorieren: Sei es in einem wissenschaftlichen, einem wirtschaftlichen oder einem historischen Kontext. So gibt es führende Republikaner, die nicht das nicht nur in Bezug auf die Klimaerwärmung und Obamas Geburtsort tun, sondern z.B. auch in Bezug auf die Relativitätstheorie, von der die Conservapedia, die konservative Ausgabe der Wikipedia, behauptet, sie sei experimentell widerlegt – unter anderem mit einem Verweis auf Bibelstellen.

Diese Ignoranz erklärt Mooney nun auf zwei Arten. Er hält zunächst fest, dass es sich nicht um eine Frage der Intelligenz handle, dass praktisch ausschließlich Republikaner an Phänomene glauben, die wissenschaftlich erwiesenermassen falsch sind. Die Gründe dafür, so Mooney, seien:

  1. Eine Phase der gesellschaftlichen Liberalisierung in den USA habe die Werte von religiösen Interessensgruppen bedroht. Die vehemente Reaktion dieser religiösen Konservativen habe dazu geführt, dass andere Gruppen innerhalb der Republikaner auf diese Stimmen angewiesen waren und sich mit ihnen verbündet hätten.
    Gleichzeitig begannen viele Firmen die Republikaner mit Geld von ihren Interessen zu überzeugen, so dass wiederum ideologische Widersprüche, aber gemeinsame Interessen entstanden seien.
  2. Die bedeutsamere Konsequenz ist aber die psychologische: Konservativ werden Menschen, denen Stabilität wichtig ist, im sozialen, politischen und religiösen Kontext. Sie mögen Vertrautes und hassen neue Erfahrungen und Veränderungen. Wenn sie argumentieren, dann nicht, um der Wahrheit gerecht zu werden, sondern um das zu verteidigen, woran sie glauben: Ihre Familie, ihr »Stamm«, ihre Ideologie.

Diese psychologische Betrachtungsweise, so Mooney, ist die Schwäche der progressiven Politikerinnen und Politiker: Sie handeln so, als wäre es möglich, durch Argumente die Einstellung von Konservativen zu ändern. Für die wäre gerade eine Änderung ihrer Haltung psychologisch so etwas wie ein Verrat, ein Versagen.

Kehren wir zurück zur Schweiz. Die Tendenz, Fakten zu negieren, macht sich meiner Meinung nach auch hier breit: So wird z.B. im Fall Hildebrand heute noch von konservativer Seite aus so getan, als habe sich der ehemalige Präsident der Nationalbank gesetzwidrig verhalten – was nachweislich nicht der Fall ist. Als Beispiel eignet sich auch die Rechtsgleichheit: Die Vorstellung, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind (oder sein sollen), ist eine aufklärerische – also eine progressive, linke Vorstellung. Sie ist nach allen Vorstellungen von Gerechtigkeit gerecht. Und dennoch gibt es viele Bereiche, in denen Konservative in der Schweiz diese Vorstellung ablehnen (Ausschaffungsinitiative, Einbürgerungen etc.).

Mooney Konsequenz wäre, dass man keine Energie darauf verschwenden sollte, Konservative argumentativ zu überzeugen. In Diskussionen über die Minarettinitiative hatte ich den größten Erfolg, wenn ich darauf verwiesen habe, dass die Minarettinitiative unschweizerisch sei. Dafür hatte ich ein paar gute Sätze und Begründungen bereit, auch wenn mir nicht klar ist, was »schweizerisch« bedeuten soll.

Die konservative Haltung zeigt sich in den drei berühmten Bürokratie-Maximen:

  1. »Das haben wir schon immer so gemacht!«
  2. »Das haben wir noch nie so gemacht!«
  3. »Da könnte ja jeder kommen.«

Wer darauf entgegnet: »Aber das sind doch keine guten Argumente!«, der verkennt, dass es auf gute Argumente nicht ankommt.

* * *

Nachtrag, 2. April 2012: 

Beat Habegger wies mich in einer Diskussion auf Twitter darauf hin, dass die oben skizzierte konservative Haltung in verschiedenen politischen Lagern vorkommt:

Damit bin ich grundsätzlich einverstanden: Auch innerhalb der Schweizer Linken gibt es die Tendenz, gewisse Strukturen erhalten zu wollen und Argumente zu suchen, mit denen das gelingt. Damit geht die Bereitschaft einher, relevante Fakten auszublenden oder abzuschwächen.

Darüber hinaus zeigt die Diskussion mit Beat Habegger, dass in der konkreten politischen Praxis selten Fakten selbst Thema der Diskussion sind, sondern die Folgerungen aus der Betrachtung von Fakten eine Rolle spielen. Politische Forderungen sind dabei selten direktes Abbild eines Realitätsverständnisses, sondern immer auch mit anderen Haltungen, Überzeugungen und Annahmen vermischt.

Mooney hat aber direkt die Haltung in Bezug auf Fakten überprüft: Denken Menschen, Obama sei in Kenya geboren? Denken sie, Abtreibung sei eine Ursache von Brustkrebs? Denken sie, Mediziner seien der Ansicht, Abtreibung führe zu Brustkrebs? –  Das sind Beispiele, bei denen sich klar angeben lässt, was die Wahrheit ist (wobei natürlich immer die Möglichkeit besteht, dass man sich täuscht).

Fazit wäre: Konservative gibt es in allen politischen Lagern. Aber – das meine Behauptung – die konservative Rechte weist die größte Dichte an Argumenten auf, die nicht primär eine optimale Reaktion auf die Wirklichkeit beabsichtigen, sondern aus konservativen Überzeugungen resultieren.  

Warum wir nicht an wissenschaftliche Fakten glauben.

Der amerikanische Wissenschaftsjournalist Chris Mooney hat einen sensationellen Artikel für MotherJones verfasst: The Science of Why We Don’t Believe in Science. (Chris Mooney bloggt übrigens auf The Intersection.) Er beantwortet darin die Frage, warum sich Menschen nicht auf wissenschaftliche erhärtete Erkenntnisse einlassen und lieber weiter an etwas glauben, was sich wissenschaftlich nicht nachweisen lässt.

Als Amerikaner bezieht sich Mooney auf die klassischen Beispiele, mit welchen sich die amerikanische Politik beschäftigt:

  • Klimaerwärmung
  • Irakkrieg im Zusammenhang mit der Frage
    a) ob Hussein Massenvernichtungswaffen besessen habe
    b) ob Hussein mit den 9/11-Anschlägen etwas zu tun gehabt habe
  • Evolution vs. Kreationismus
  • Geburtsort und Glaube von Obama
  • Wirksamkeit der Todesstrafe
  • Anti-Impf-Bewegung

Es ist Mooney zugute zu halten, dass er nicht nur Beispiele anschaut, bei welchen die traditionell gläubigen Republikaner unwissenschaftlich argumentieren, sondern (z.B. bei der Impffrage) auch den irrationalen Skeptizismus der Linken unter die Lupe nimmt. Die wesentlichen Erkenntnisse von Mooney sind nun:

1. Wie Überzeugungen wirken.

Wenn wir von etwas überzeugt sind, so werden wir Fakten, die unseren Überzeugungen widersprechen, entweder ignorieren oder die Quellen dieser Fakten für unglaubwürdig halten oder die Fakten direkt bezweifeln. Wir verhalten uns in Bezug auf Überzeugungen wie Sekten, die an den Weltuntergang an einem bestimmten Datum glauben: Selbst wenn dieser Weltuntergang nicht eintritt, führt das nicht dazu, dass sie ihren Glauben abschütteln.

Konkret heißt das: Experten, die eine andere Haltung vertreten als unsere, schätzen wir als unglaubwürdiger ein als solche, welche unsere Haltung stärken. Wir bezweifeln Statistiken, welche unsere Überzeugungen untergraben – und glauben auch unseriösen Studien, welche unsere Überzeugungen stützen.

2. Psychologie der Überzeugungen.

Es gibt grundsätzlich drei Gründe, die dazu führen, dass wir uns so verhalten:

Erstens tendieren wir aufgrund von unbewussten Faktoren wie Emotionen dazu, Sachverhalte einzuschätzen, bevor wir vernünftig über sie nachdenken. Dieses Nachdenken ist dann eher ein Prozess, der dazu führt, unsere subjekten Einschätzungen zu stützen. In anderen Worten: Wir denken eigentlich nie unvoreingenommen nach, sondern wissen unbewusst immer schon, was wir herausfinden möchten. Mooney verwendet Beispiele aus dem Beziehungsbereich: Eltern glauben aus Liebe zu ihren Kindern nie daran, dass diese andere Kinder mobben – auch wenn alle Fakten bzw. Fremdurteile dafür sprechen.

Zweitens haben wir unsere Haltungen langfristig aufgebaut. Diese Investition von Ressourcen muss sich lohnen. Würden wir alles, was wir glauben, ständig hinterfragen, wenn sich eine Möglichkeit bietet, wären wir fast ausschließlich mit dem Hinterfragen beschäftigt – und entsprechend verunsichert und orientierungslos.

Drittens definieren uns unsere Haltungen. Es mag irrational erscheinen, wenn Sektenmitglieder an den Weltuntergang auch dann glauben, wenn er nicht eingetreten ist. Aber dadurch definieren sie sich als Sektenmitglieder – sie gehören gerade deshalb zur Sekte. Wenn nun ein Homöopath an der Wirksamkeit der Homöopathie zu zweifeln glaubt, führt das nicht nur zu einer Kritik an seinem früheren Verhalten (auch von außen), sondern auch zu einer Erschütterung vieler Beziehungen, letztlich zu einer starken sozialen Belastung – es mag also durchaus rational für ihn sein, weiterhin an etwas zu glauben, woran er – nach wissenschaftlichem Maßstab – nicht glauben sollte.

3. Die Konsequenzen.

Mooney gibt auch eine Empfehlung ab, wie mit diesem Problem (z.B. in den Medien) umgegangen werden könnte. Die wichtigste Idee ist, dass die Fakten alleine wenig wirksam sind. Um Leute zu überzeugen, muss man mit Haltungen und oder Werten argumentieren, welchen mit ihren eigenen Haltungen und Werten zumindest teilweise übereinstimmen. Man müsste also beispielsweise Leuten, welche an den Zusammenhang zwischen harten Strafen und Sicherheit glauben, ein Narrativ anbieten, das beim Wert der Sicherheit ansetzt und zeigt, dass eine Alternative eine bessere Umsetzung dieser Werthaltung ermöglicht – oder aber Autoritätspersonen beziehen, welche für Haltungen und Werte stehen und für vernünftige Argumente zugänglich sind. Diese Aufgabe betrifft insbesondere Medien. (Mooney verweist auf diese Studie.)

4. Der politische Aspekt.

Wie einleitend schon erwähnt, untersucht Mooney konservative (rechte) und progressive (linke) politische Bewegungen in Bezug auf Überzeugungen. Dazu macht er drei spannende Aussagen (die ich hier vereinfacht wiedergebe):

  • Rechte und linke Überzeugungen unterliegen den oben beschriebenen Effekten – sie entsprechen de facto Glaubenssystemen.
  • Rechte Überzeugungen werden in der Konfrontation mit gegenteiligen Fakten nicht schwächer – sondern gar stärker. Diese Verstärkung lässt sich bei linken Überzeugungen nicht nachweisen (»backfire effect«).
  • Dem wissenschaftlichen Mainstream widersprechende Haltungen findet man nur bei rechten BerufspolitikerInnen, nicht aber bei Linken (z.B. gibt es in den USA keine DemokratInnen, welche an unwissenschaftliche Zusammenhänge zwischen Impfungen und Krankheiten glauben, aber viele RepublikanerInnen, welche wissenschaftlich erhärtete Fakten zur Klimaerwärmung bestreiten).