Das Evolutionsargument

In Genderdebatten gibt es eine Argumentationslinie, die darauf verweist, dass gewisse menschliche Eigenschaften sich im Evolutionsprozess ausgebildet hätten – also einmal den Trägerinnen und Trägern dieser Eigenschaft einen Vorteil in Bezug auf den evolutionären Selektionsprozess verschafft haben.

Bevor ich eine Bemerkung dazu mache, welche Aussagekraft solche Verweise auf die Evolution haben, zwei Beispiele:

  1. In ihrer Rezension (nicht online, Das Magazin 12/2012) von »Fifty Shades of Grey« – auf dem Magazin-Blog fasst sie den Roman zusammen – erwähnt Michèle Roten eine Hypothese in Bezug auf Vergewaltigungen, die sie nicht weiter kommentiert:

    Es gibt eine evolutionsbiologische Hypothese zum Phänomen, dass viele Frauen die Vorstellung, vergewaltigt zu werden, nicht nur schrecklich finden: Diejenigen unserer Vorfahrinnen, die bei einer ungewollten vaginalen Penetration feucht wurden, liefen weniger Gefahr, Verletzungen davonzutragen, die zu Unfruchtbarkeit oder gar zum Tode führten, und konnten diese Eigenschaft folglich eher weitervererben als die nicht feuchten. Körperliche Erregung als Schutzmechanismus also, der Kopf interpretiert den Körper, und schon meint frau, das sei, was sie wolle.

  2. Michèle Binswanger hat einen viel beachteten Essay über »falsch verstandene Treue« geschrieben, in der sie moniert, dass Fremdgehen nicht pathologisiert, sondern akzeptiert werden solle.

    Darwin definierte das evolutionäre Standardmodell der menschlichen Sexualität so: Der Mann ist genetisch dazu prädestiniert, seinen reichlich vorhandenen Samen möglichst weit zu streuen, während die Frau ihre wertvollen reproduktiven Organe sorgfältig hütet und schließlich das Männchen ranlässt, welches auch geeignet erscheint, die Kinder aufzuziehen. Der Mann muss Untreue unterbinden, um seine Energie nicht auf Kuckuckskinder zu verschwenden, die Frau will sicherstellen, dass der Mann seine Ressourcen nicht mit anderen Frauen teilt. Wie haben divergierende reproduktive Veranlagungen, und die monogame Ehe sei unser Kompromiss, heißt es. Doch diese Vorstellung hat nichts mit unserer menschlichen Natur zu tun. Dies ist jedenfalls die These, welche die Evolutionspsychologen Christopher Ryan und Cacilda Jethá in ihrem viel beachteten Buch Sex at Dawn aufstellen. Die entsprechenden Muster, so die beiden Autoren, zeugen von einer kulturellen Anpassung an die sozialen Bedingungen patriarchaler Gesellschaften.
    […] Die frühen Menschen, argumentieren Ryan und Jethá, zogen als Jäger und Sammler in Gruppen herum, in denen die Geschlechter gleichberechtigt lebten. In den prähistorischen Hippie-Kommunen wurde Sex ebenso geteilt wie die Beute, weil da[s] für die nomadische Lebensform die beste Überlebensstrategie darstellte.

Den beiden Autorinnen geht es um konkrete, die heutige Lebenswelt und Gesellschaft betreffende Fragen: Darf eine Frau Phantasien haben, in denen sie von einem Mann dominiert wird? Müssen wir unsere Vorstellungen von Monogamie lockern?

Innerhalb der Diskussion dieser Fragen greifen sie nun auf vermeintliche Tatsachen aus der Geschichte der menschlichen Evolution zurück. »Vermeintlich« schreibe ich deshalb, weil Evolution nicht experimentell untersucht werden kann, vielmehr müssen Hypothesen erstellt werden, die erklären, warum Mensch und Tier so sind, wie sie sind.

Was in einer solchen Argumentation passiert, ist Folgendes: Die Biologie wird direkt oder indirekt als Anhaltspunkt genommen, um zu beurteilen, was Menschen tun sollen und was nicht. Was wäre, wenn die beiden Autorinnen nicht auf die Evolution verweisen würden? Wäre es weniger legitim, Unterordnungsphantasien oder Seitensprünge zu haben? Wohl kaum.

Das Evolutionsargument ist obsolet. Wir verstehen uns Menschen nicht von der Biologie determiniert und orientieren uns in unseren Handlungen nicht an den evolutionären Vorteilen unserer Vorfahren. Niemand plädiert dafür, dass man Haupt-, Körper- und Schamhaare ungehindert wachsen lassen müsse, weil die offenbar evolutionär von Vorteil gewesen sein müssen (sonst gäbe es sie nicht), dass man produktive Verwendungsweise für männliche Brüste finden müsse (die müssen ja eine Funktion haben) oder unsere Konkurrenten hinterrücks ermorden, weil wir uns dann ungestört fortpflanzen könnten.

Quelle: David Shankbone, Wikimedia, CC BY-SA 3.0

Biologische oder biologistischte Argumente sind immer eine Abkürzung, wenn es darum geht, moralische und soziale Fragen zu erörtern. Die Biologie kann sehr viel erklären – und ich denke, den beiden oben zitierten Autorinnen geht es vor allem um dieses Erklärungspotential. Aber diese Erklärungen betreffend nur den Ist-Zustand – nicht den Soll-Zustand. Es mag evolutionär gute Gründe geben, warum unsere Zähne verfaulen, wenn wir Zucker essen. Und doch putzen wir sie. Genau so mag es evolutionär gute Gründe geben, warum Menschen fremd gehen wollen – und dennoch steht es uns frei, diesen Wunsch oder die daraus resultierende Handlung moralisch zu bewerten.

Wie man auf Kritik nicht reagieren sollte – Kurt Imhofs Kritik an der Medienqualität

Rainer Stadler schreibt in der NZZ rückblickend: 

Als vor einem Jahr das Forscherteam um den Zürcher Soziologen Kurt Imhof eine Bestandsaufnahme der Schweizer Medien publizierte, provozierte es vor allem in der Branche selber etlichen Widerspruch und Widerstand. Dies nicht zuletzt deshalb, weil die Analyse zu ziemlich kritischen Resultaten kam.

Genau der gleiche Mechanismus spielt diese Tage, nach der Publikation des Jahrbuchs zur Qualität der Schweizer Medien durch den Forschungsbereich für Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög) der Universität Zürich.

Zuerst kurz zusammengefasst die Kritikpunkte der Forschenden um Imhof:

  • weiche Themen erhalten zunehmend mehr Gewicht (2010 hat z.B. die Fussball WM am meisten Platz eingenommen, vor gesellschaftlich und politisch relevanten Themen)
  • d.h. Medien unterhalten stärker und informieren weniger
  • Berichte werden »episodischer«, Hintergrundberichte sind sehr selten und nur in wenigen Medien zu finden
  • Gratismedien verstärken diese Tendenzen, nachhaltige Berichterstattung können nur noch gebührenfinanzierte Medien leisten
  • viele Medien gehen mit Agenturmeldungen und PR-Material unkritisch um.

Wer sich nun ernsthaft mit der Schweizer Medienlandschaft auseinandersetzt, kann sich diesem Befund nicht verschließen. Und die Gefahr, die im Jahrbuch beschrieben wird, besteht tatsächlich: Es ist wohl nicht mehr allen Abstimmungs- und Wahlberechtigten möglich, sich in einem Mass zu informieren, das ihnen eine sachliche und rationale Entscheidungsfindung erlaubt.

Nun gibt es in Bezug auf Kritik eine Methode, die einen stark erscheinen lässt: Wenn man die Kritik ernst nimmt. Wer Kritik reflexartig abweist, bestätigt sie implizit immer.

Das passiert durch eine Reihe von Medienschaffenden auf Twitter – und durch Newsnetz-Chef Peter Wälty auf Newsnetz. Er hält inhaltliche Fehler fest, welche das Team gemacht hat, wirft den Forschenden vor, sie nutzten die Methoden des Boulevard und weist deshalb die ganze Studie in toto zurück:

Die Fehler, die jedem Sachkundigen auffallen müssen, stellen die Glaubwürdigkeit der gesamten Studie infrage.

Diese Fehler betreffen notabene nur die Plattform Newsnetz – insbesondere die Frage ihrer Finanzierung, ihrer Profitabilität und ihrer Nutzungsstatistiken. Die Fehler betreffen keinen der oben genannten Kritikpunkte – dennoch werden sie einfach pauschal ignoriert. Reflexartig schließen sich dieser Kritik auf Twitter eine Reihe namhafter Medienschaffenden an:

Seriöser wäre es, die Befunde der Studie im eigenen Schaffen zu überprüfen. Rainer Stadlers Kommentar zu den Vertiefungsstudien zum Einfluss der Agenturmeldungen und von PR ist dafür vorbildlich.

Auch auf Twitter gibt es kritischere Stimmen von Medienjournalisten:

Update, 8. Oktober abends:

Imhof und sein Team reagieren auf die Kritik und halten ihre Sicht der Sachlage fest:
http://jahrbuch.foeg.uzh.ch/Seiten/default.aspx
http://www.medienspiegel.ch/archives/002948.html

Gender und Das Magazin – Birgit Schmid in Zitaten

Als Beispiel für Frauen, welche feministische Positionen und Probleme kennen, aber in ihrer journalistischen Arbeit diese Kenntnisse teilweise vernachlässigen oder ignorieren, habe ich in meinem Blog Michèle Binswanger schon mehrfach erwähnt – und werde damit nun aufhören (Frau Binswanger ist meiner Meinung nach eine intelligente, humorvolle Journalistin, die auch kritikfähig ist: das soll auch mal geschrieben sein).

Per Tweet hat Michèle Binswanger auf die Magazin-Artikel von Birgit Schmid hingewiesen:

Ein Fall für @kohlenklau: „eine Frau bleibt von Natur aus lieber auf sich gestellt, will sie es schaffen.“ Birgit Schmid in #dasmagazin

Der betreffende Artikel heißt »Der Vitamin-B-Mangel der Frau«. Daraus die Zitate, welche Schmids Position in Gender-Fragen deutlich machen:

Doch heute schliessen Männer Frauen kaum mehr aus, weil sie halt lieber unter sich bleiben. Sondern, so unbequem es klingt: Eine Frau bleibt von Natur aus lieber auf sich gestellt, will sie es schaffen.

Den meisten Frauen bringt das kompetitive Verhalten keinen Lustgewinn.

So gut Frauen auch im familiären und emotionalen Vernetzen sind, der Sinn für «soziales Kapital» fehlt ihnen.

Männer blicken zudem auf eine lange Erfahrung im halb privaten «Buddying» zurück, geprägt durch Militärdienst oder Studentenverbindung. Man steht notfalls für den andern ein, der nicht zwingend der beste Kumpel sein muss.

Aber wenn eigene Vorteile bedroht sind, scheint die Schwesterlichkeit aufzuhören, ob in einem Netzwerk oder einer Arbeitsgemeinschaft. Könnte ja sein, dass der Vorteil, den ich jemandem verschaffe, mir zum Nachteil wird. Die Rivalität wird nicht offen ausgetragen, das tun Frauen weniger: Sie wetteifern ja offiziell nicht. Frontalangriffe sind plump, unfeine Neigungen zu unterdrücken. Man misst sich viel unterschwelliger, dafür unter Einsatz der ganzen Person. Jede Offensive wird persönlich genommen. Klar, verbindet sich dann eine Frau, für die ihre Karriere zum Überlebenskampf wird, lieber nicht in einem weitläufigen Netz. Denn überall lauert potenzielle Gegnerschaft.

Eine Frau will die Beste, Schönste, Einzige sein und geliebt werden.

Spricht man mit jüngeren Wirtschaftsfrauen, so fällt einem überhaupt auf: Sie scheinen oft gar kein so grosses Problem zu haben, als einzige Frau im Verwaltungsrat einer Firma zu sitzen. Als ob sie es irgendwie halt doch geniessen, diesen Sonderstatus zu haben.

Der Text gehört zu dem, was den Niedergang des Tages-Anzeiger-Magazins ausmacht: Thesenjournalimus. Diese These in der rohesten Form: Es gibt wenig Frauen in Führungspositionen. Grund: Frauen sind selber Schuld. Warum? Sie sind »von Natur aus« so, wie man nicht sein sollte, um Führungspositionen zu erlangen. Schluss: Frauen müssen werden wie Männer. Das System lässt sich ja nicht ändern, denn wir leben in der besten aller möglichen Geschäftswelten.

* * *

Dann noch das zweite Beispiel, ein Text, dessen Titel schon alles sagt: »Männer sind im Bett die neuen Frauen«. Um nur ein Zitat zu verwenden:

Die Emanzipation des Mannes würde dann bedeuten: Er muss keineswegs immer wollen müssen.

Wenn das keine tiefgründige Einsicht ist. Danke, Frau Schmid.

* * *

Zu diesen Themen kann man wenig lesen, das durchdachter wäre als die Blogposts von Antje Schrupp. Birgit Schmid hätte z.B. zum Thema Frauen und Karriere Antje Schrupps Kommentare zur Karriereforschung lesen sollen. Dort heißt es in einem Fazit:

Die Zufriedenheit von Frauen ist ja wohl kein Argument. Frauen sollen sich nützlich machen, das war schon immer so. Die Wirtschaft braucht sie eben. Und diese teure Uniausbildung, die können sie doch nicht einfach so im Mittelfeld verplempern. Also: Ab in die Führungsetagen. Ob es ihnen da gefällt oder nicht. Und bloß nicht rummeckern.

Denn, nicht vergessen: Sie strömen nur so auf den Arbeitsmarkt, die Frauen. Sie sind also potenziell gefährlich. Da wollen wir sie gar nicht erst auf dumme Gedanken kommen lassen. Nicht, dass sich das ausbreitet. Am Ende fällt den Männern auch noch auf, dass sie in ihren Führungsjobs eigentlich gar nicht so zufrieden sind, wie sie immer dachten. Dass ihnen der ganze Drang zum Führertum bloß ansozialisiert worden ist.

 

Das Problem der Antifeministen – und Antifeministinnen

Über Michèle Binswanger habe ich mich schon mehrmals ausgelassen – und nehme ihren gestrigen Kommentar zum Widerstand gegen Antifeministen zum Anlass, schnell das Problem dieser Bewegung darzustellen. Binswangers Hauptaussage, dass ein Unterdrücken einer missliebigen Meinung antidemokratisch sei, kann ich dabei unterschreiben: Antifeministen und Antifeministinnen dürfen ausdrücken, was immer sie ausdrücken wollen. Nur gilt es natürlich auch für alle – Zitat Binswanger – »Anti-Antifeministen«: Auch sie dürfen alle Methoden benutzen, um ihre Haltung auszudrücken, alle Methoden, die auch allen anderen Interessensgruppen zur Verfügung stehen.

Das Problem, also ganz knapp, ist der Feminismus als Projektionsfläche. Nicht nur verstehen die Vertreter des Antifeminismus nicht, inwiefern der Feminismus ein Fortschritt gewesen ist (nämlich in der Lösung einer gesellschaftlichen Rolle von einem als natürlich bezeichneten Geschlecht), sondern sie tun auch so, als könnte man diesen Fortschritt rückgängig machen. Nun ist es unmöglich eine gemachte Erkenntnis wieder zu vergessen – und so ist das auch auf einer gesellschaftlichen und kulturellen Ebene.

Binswanger ist, und ich nehme an, darauf bezieht sich auch Bobby California, gesteht auf einer inhaltlichen Ebene der Bewegung ein echtes Anliegen zu:

Die Gleichberechtigung ist stetig vorangeschritten und es ist tatsächlich an der Zeit, dass man sich darüber Gedanken macht, inwiefern Frauen noch benachteiligt werden, oder ob es nicht auch Bereiche gibt, in denen eine Gegenemanzipation der Männer angezeigt wäre. Stichwort tiefere Lebenserwartung und höhere Selbstmordrate bei Männern, die härtere Beurteilung von Männern vor Gericht, ihre Benachteiligung in Familien- und Sorgerechtsfragen, Frauengewalt und Männerdiskriminierung.

Das Problem dabei ist meiner Meinung nach, dass sich eine solche Bewegung nicht als »Gegenemanzipation« verkaufen sollte und sich nicht gegen einen selbst konstruierten Feminismus wenden sollte (selbst in radikalsten Formen hat der Feminismus nicht eine Benachteiligung von Männern gefordert).

Folgendes wäre einer solchen Bewegung zu wünschen:

  1. Einen wachen Blick auf die Realitäten, in denen Frauen heute in vielen Bereichen des Lebens nicht die gleichen Chancen haben wie Männer (beispielsweise lassen sich berufliche Entwicklung und das Mutter-Sein in vielen westeuropäischen Ländern nicht vereinen; man jammert über teure Krippenplätze und sagt sich: »Es lohnt sich ja gar nicht, dass die Mutter noch arbeiten geht.« – anstatt zu sagen: »Es lohnt sich ja gar nicht, dass der Vater 100% arbeitet.«).
  2. Eine Orientierung an den Knackpunkten, die Binswanger anspricht: Sorgerechtsfragen, juristische Benachteiligung, Selbstmordrate, auf einer abstrakteren Ebene: ein negativ geprägtes Männerbild.
  3. Konkrete Vorschläge zum Umgang mit diesen Problem und ihren Ursachen (beispielsweise dem Ideal eines souveränen, unabhängigen, starken Mannes).

Es sind keine einfachen Probleme und es gibt dafür keine einfachen Lösungen – die Orientierung am Feminismus suggeriert fatalerweise aber gerade beides.

P.S.: Ihr Bild auf Newsnetz, Frau Binswanger…

Mamablog revisited – Kritik, aber auch mal was Konstruktives

Im Juni hat Michèle Binswanger ein paar Einträge auf diesem Blog gelesen und dann Kommentare wie die folgenden gepostet (oder jemand hat sich als Michèle Binswanger ausgegeben, sollte man wohl hinzufügen):

@Wampfler: Wenn Sie Kritik über wollen, müssen Sie sich die Mühe nehmen, auszuformulieren, weil sonst kein Schwein begreift, was Sie meinen.

Es ist so einfach, die andern in der Luft zu zerreissen (vive la Differance)- stellen sie nur selber mal in einem pointierten Text eine These vor (zum Beispiel in der Carte Blanche des mamablog) und sie werden sehen.
Selber denken und sich hinstellen und das zu vertreten ist schwieriger.

Über ihr eigenes Schreiben enthielten diese Kommentare vor allem einen aufschlussreichen Satz:

[…] Aber ich arbeite in der Unterhaltungsbranche.

So muss man wohl auch den neuesten Text von Frau Binswanger verstehen, wo sie mal wieder (mit einem autobiographischen Argument) die gute alte Rollenteilung beschwört:

In fast allen Familien tragen fast ausschliesslich die Mütter die emotionale Verantwortung. Genau so, wie die Väter meist ungefragt fürs Finanzielle einzustehen haben.

Natürlich sagt Michèle Binswanger nicht, es soll so sein. Aber zumindest suggeriert ihr Text, dass das der Normalfall sei. Kritisieren kann man es nicht, denn, Achtung:

Wahrscheinlich ist das alles wissenschaftlich erklärbar.

Dabei bezieht sie sich auf eine Hormonstudie, in der Hormonlevel auf ihren Zusammenhang mit gewissen Verhaltensweisen gegenüber Säuglingen untersucht worden sind.

Meine Kritik daran, so klar wie möglich formuliert: Das ist naiver Biologismus. Menschen sind weder von ihren Genen noch ihren Hormonen in ihrem Verhalten bestimmt. Und auch nicht von ihrer Umgebung. Sondern in ihrer Interaktion mit ihrer Umgebung entwickelt sie gewisse Anlagen und Verhaltensweisen, welche durchaus biologisch beeinflusst sind. Soziale Rollen wie »Mutter« und »Vater« sind nicht biologisch gegeben, sondern können verändert und angepasst werden – und sollen auch angepasst werden, vor allem, wenn offenbar die Inhaberinnen der Rolle »Mutter« unter ihrer »emotionalen Verantwortung« leiden. Mein Fazit: Michèle Binswanger soll in ihrem Mamablog Frauen ermutigen, sich gegen etablierte oder gebacklashte Muster zu wehren, anstatt sie pseudo-wissenschaftlich zu zementieren.

* * *

Aber offenbar findet Feminismus nur noch zwischen Frauen statt, die sich gegenseitig Dreinreden – oder ist dann eine Folie für Männer, welche alles Ungemach in ihrem Leben einer Bewegung zuschreiben möchten (und sogar vom Kommentieren des Mamablogs ausgeschlossen werden).

* * *

Wie von Michèle Binswanger angeregt habe ich einen Carte-Blanche-Beitrag geschrieben, aber nicht einmal eine Eingangsbestätigung erhalten. Deshalb publiziere ich ihn hier:

Von »Meitli« und »Buebe« – oder Gender Mainstreaming auf dem Spielplatz

Ringe ringe reie,
d Meiteli gönd i d Meie
D Buebe gönd i d Haselnuss
und mached ali
usch husch husch

Ringe ringe reie,
d Chinder gönd i d Meie
Si tanze ume Holderstock
und mached ali Bodehock.

»Es gibt keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit.« Damit beginnt die Definition von gender mainstreaming auf der Seite der Stadt Wien, die gender mainstreaming zu einer Priorität gemacht hat. Was heißt das? Soziale und strukturelle Unterschiede zwischen den Geschlechtern sollen sichtbar gemacht und beseitigt werden. Klingt radikal und utopisch – setzt aber bei Details an: So werden beispielsweise auf Exit-Schildern Frauen mit langen Haaren abgebildet anstatt Männern oder spezielle Elternplätze im öffentlichen Verkehr durch ein Schild markiert, auf dem ein Mann mit einem Kind zu sehen ist.

Was in Wien eine politische Entscheidung ist, die auf allen Ebenen der Politik umgesetzt wird (z.B. auch in der Stadtplanung und –entwicklung), könnte in der Schweiz auf dem Spielplatz beginnen. wie im eingangs zitierten Lied finden Begegnungen unter Kindern immer in einem in Bezug auf Geschlecht markierten Kontext statt: Auf der Schaukel sitzt entweder »es Meitli« oder »en Bueb«, aber nie »es Chind«: »Muesch warte, bis s Meitli fertig isch mit Schaukle.«

Das mag zunächst völlig vernünftig klingen – bis man sich überlegt, was man damit überhaupt ausdrückt: Die Erwachsenen verweisen darauf, dass andere Erwachsene das betreffende Kind so gekleidet und frisiert haben, dass das natürliche Geschlecht nach aussen hin sichtbar wird. Nicht selten werden Eltern bis ihre Kinder zwei sind gefragt, ob ihr Kind denn ein Mädchen oder ein Knabe sei – eine Frage, die an Judith Butler erinnert, die darauf hingewiesen hat, der freudige Ausruf »It’s a girl/boy!« bei der Geburt bzw. beim Ultraschall sei nicht eine Beschreibung einer Realität, sondern die Aufforderung, eine Realität herzustellen: Dieses Baby muss das werden, was wir uns unter einem Mädchen oder unter einem Knaben vorstellen.

Und genau das passiert auf dem Spielplatz. Kleine Kinder hätten die Chance, einander in einem geschlechtsneutralen Kontext zu begegnen. Mädchen und Knaben unterscheiden sich nämlich als Kleinkinder in keiner Hinsicht – wenn man davon absieht, dass sich Mädchen geistig und physisch schneller entwickeln.

Die Forderung bzw. die Verbesserung wäre die: So oft wie möglich Kleinkinder geschlechtsneutral behandeln. In ihnen nicht kleine Frauen oder kleine Männer mit Anlagen zu den prototypischen Eigenschaften von Frauen und Männern sehen – sondern Kinder. Sie deshalb auch als Kinder bezeichnen und nicht als Mädchen oder Knaben. Und sie auch wie Kinder kleiden – und nicht als Mädchen oder Knaben verkleiden. Und sie Unterschiede selber entdecken lassen, wenn es sie denn gibt.

* * *

P.S.: Frauenfeindlichkeit gibt es im Internet nicht.

Die Genderdebatte – und Das Magazin

Das Magazin des Tagesanzeigers scheint sich dem Thema Gender annehmen zu wollen – wie das der Tagi mit dem unsäglichen Mamablog schon länger tut. Warum unsäglich? Nehmen wir als Beispiel den neuesten Post:

Ja, wir funktionieren anders. Während Frauen sich geliebt fühlen, wenn Männer ihnen zuhören und auf sie eingehen, fühlt sich der Mann geliebt, wenn die Frau Sex mit ihm will und es geniesst. Über Gefühle redet er aber nicht gern. Ja, er legt es in Konfliktsituationen sogar darauf an, sie zu verbergen. Während wir Frauen über Dinge reden und unsere Gefühle zeigen wollen, schaltet der Mann bei auftauchenden Problemen sofort in den Analysemodus.

Solche Aussagen machen die Schreibenden (hier Michèle Binswanger) immer unter dem Vorbehalt, über Klischee bestens Bescheid zu wissen und diese keinesfalls wiederholen zu wollen, und unter der Annahme, sich auf so etwas wie die Realität zu beziehen. Darüber hinaus haben solche Texte den Anspruch, eine Art Vereinfachung für die Geschlechter zu schaffen: Indem der Mann endlich einsieht, dass er zu keiner anderen Liebe fähig ist als zur sexuellen, hört er auf, immer so verkrampft über Gefühle sprechen zu wollen, ohne es zu können – und indem die Frau merkt, dass Gefühle eine Welt ist, in der nur sie sich auskennt, verschont sie den Mann mit den Themen, für welche eine beste Freundin herhalten muss, und ergo: Ihre Beziehung verbessert sich. Solche Texte (und das schwingt immer mit) befreien uns von einem Hardcorefeminismus, der nicht nur realitätsfremd war (weil eben Männer und Frauen doch unterschiedlich sind, unterschiedlich sein müssen), sondern in seinen Forderungen auch letztlich nicht wünschenswert, denn Frauen wollen ja eigentlich nichts anderes als Mütter sein und Männer nichts anderes als Ernährer.

Ganz ähnlich arbeitet Birgit Schmid in ihrem Artikel über den »Mann als Amateur« im Magazin (und dann, eine Woche später, Roten in ihrer Kolumne). Sie konstruiert (wie auch Binswanger) ein Bild von »der Mann«, der, wenn er denn je wieder zu seinem wahren Kern, seinem inneren Mann zurückfindet, so viel besser wäre als Männer, die meinen, sich in die Domäne von Frauen begeben zu müssen und Gespräche führen oder – Gipfel der Peinlichkeit – Kinderwagen stossen. Mit diesen Männern, den richtigen, wahren, echten, mit denen macht auch Sex endlich wieder Spass, für »die Frau«.

Warum ist das eine unreflektierte, ja eigentlich gar dumme Position? Erstens, weil den so Schreibenden klar ist, welche – für alle Betroffenen äußerst negativen – Ausschlussverfahren Normierungen zur Folge haben – und dennoch gerade wieder so eine Norm schaffen. Was ist denn, wenn ich ein Mann bin, der halt nicht so gern in Lagerfeuer uriniert? Bin ich dann weniger wert? Will »die Frau« sich dann weniger auf mich einlassen? Und was ist, wenn ich gar nicht will, dass sich Frauen auf mich einlassen, sondern auf Männer stehe? Bin ich dann auch kein richtiger Mann. Und was ist mit der Frau, die irgendwie auf Männer steht, welche Bücher lesen?

Zweitens werden hier Bilder kreiert, welche mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. In Texten, welche die Differenz zwischen den Geschlechtern betonen, werden immer gewisse Studien zitiert. Dabei wird nicht beachtet, dass diese Studien gerade solche Ergebnisse erzielen, weil sie von Anfang an annehmen, es gäbe eine Geschlechterdifferenz. Zweitens können diese Studien auch nichts darüber aussagen, inwiefern diese Geschlechterdifferenz das Resultat eines sozialen Normierungsprozesses ist (ich merke als Mann irgendwann, dass der normierte Mann halt gern in Lagerfeuer pisst und fange ergo auch damit an, unabhängig von meinen diesbezüglichen Präferenzen).

Und drittens wäre zu fragen, welche Effekte denn solche Texte erzielen. Implizit versuchen sie wohl einen Schaden gutzumachen, welche »uns« der Feminismus zugefügt hat – und »uns« dazu zu verhelfen, ein zufriedeneres Leben zu führen. Dabei wird ein Bild vom Feminismus entworfen, wie es vielleicht in der CDU der 50er-Jahre wahrgenommen worden ist. Die Grundthese des Feminismus lautet: Sowohl soziale wie auch biologische Geschlechterdifferenzen sind das Resultat eines Konstruktionsvorgangs. Graduelle Unterschiede (bezüglich biologischer Ausstattung, Hormone, Eigenschaften) existieren zwischen den Individuen, nicht aber zwischen zwei mit Geschlechter zu bezeichnenden Gruppen von Menschen.

Und das wäre doch die letztlich befreiende Einsicht. Ich pisse gern in Lagerfeuer, weil ich gerne in Lagerfeuer pisse und nicht weil »der Mann« das gerne tut. Und eine Frau rasiert sich dann die Beine, wenn sie das Gefühl von glatten Beinen schätzt oder sonst einen guten Grund dafür findet – nicht aber, weil sie mit unrasierten Beinen nicht einem Bild von einer unbehaarten Frau entspricht (so viel zur »Natürlichkeit« von Geschlechtermerkmalen).

Und dann, wenn man Das Magazin schon seufzend zur Seite legen will, schreibt Daniel Binswanger doch noch etwas Kluges. Über französischen Feminismus. Und über die Frage, ob sich eine Frau über ihre Rolle als Mutter definieren muss oder soll. Und zeigt uns auf, wie so etwas scheinbar »Natürliches« wie Mutterschaft und Stillen enormen historischen Schwankungen unterliegt (immer mit so genannt wissenschaftlichen Erkenntnissen verbunden, notabene) – und so deutlich macht, wie willkürlich so viel von dem ist, was wir gar nicht mehr überdenken. Wie viel möglich wäre. Danke, Daniel Binswanger.