Technologie und Freiheit – das Unabomber-Manifest

Die Biographie des so genannten Unabombers, Theodore »Ted« Kaczynski, ist eine äußerst spannende. Der brillante und hochbegabte Denker verließ eine viel versprechende akademische Karriere und zog sich in eine Hütte in den Bergen von Montana zurück. Von dort aus plante er eine Reihe von Bombenanschlägen und führte sie auch durch (einer der interessanteren Gründe, die man für seine Wandlung zum Terroristen angibt, ist seine Teilnahme an psychologischen Experimenten). 1995 verlangte er, dass sein Manifest (pdf, deutsch) in einer namhaften Zeitung veröffentlicht würde. Auf Anraten des FBI wurde es in der New York Times und in der Washington Post abgedruckt. Ich habe es in meinen Reader zum Thema Freiheit aufgenommen, den man als pdf runterladen kann.

Beschlagnahmtes Transparent von der Liebknecht-Luxemburg Demonstration am 17. Januar 1988 in Ost-Berlin.

Man kann davon ausgehen, dass diese Publikation eines der zentralen Anliegen des Terroristen war. Er begründet die Anschläge darin theoretisch und praktisch und entwickelt ein Programm, mit dem er wohl gehofft hat, Gleichgesinnte zu finden. Die Publikation des Manifests führte letztlich zu seiner Verhaftung und Verurteilung.

Im Manifest hält Kaczynski fest, ihm liege an der Freiheit der Menschen. Mit Freheit meint er Selbstverwirklichung, das Verfolgen »echter« Ziele und nicht solcher, welche Menschen durch Manipulation oder Konditionierung vorgegeben werden. Diese Form von Freiheit sieht er direkt bedroht durch Technologie:

§ 133.  Es gibt keine gesellschaftlichen Übereinkommen, seien es Gesetze, Institutionen, Bräuche oder ethische Normen, die einen permanenten Schutz gegen die Technologie gewähren können.

Obwohl sein Technologie-Begriff, anders als sein Freiheitsbegriff, leicht naiv ist, kann man ihm wohl in dieser Aussage zustimmen. Die Frage ist, wie wichtig eine Widerstandsmöglichkeit gegenüber technologischen Neuerungen ist. Kazynski selbst erwähnt das Beispiel des Autos, das erstens die Menschen von seiner Nutzung abhängig machten, gleichzeitig auch die Freiheit der Fussgänger massiv einschränkten. (§ 127)

Das Beispiel selbst zeigt, wie elementar Technologie ist: Der Fussgänger selbst ist wohl abhängig von seinen Schuhen, welche wiederum Barfussgänger in ihrer Freiheit massiv einschränken; weiter könnte man die Kleidung einbeziehen, Haarschnitte, Entwicklungen in der Ernährung etc. Man käme schnell zum Schluss: Ein technologiefreies menschliches Leben ist nicht denkbar.

Mit diesem Gedanken zeigt sich wohl auch, wie absurd die Annahme ist, Technologie würde zunehmenden die mögliche Freiheit reduzieren. Ja, der Fussgänger kann sich nicht mehr gleich frei bewegen wie vor der Einführung des Autoverkehrs. Aber auch er hat die Möglichkeit, in ein Auto zu steigen und Strecken schneller zurückzulegen, also letztlich scheint sich die Quantität und Qualität von Freiheit durch Technologie allein kaum zu ändern, vielmehr ändert sich an der Freiheit nur etwas durch die Art und Weise, wie Technologie eingesetzt wird – Freiheit immer noch verstanden als Möglichkeit zur Selbstverwirklichkung.

Dazu möchte ich noch zwei weitere Bemerkungen machen:

  1. In einem Blogpost entwickelt Michael Seemann eine Haltung, die er »Technikdeterminismus« nennt:

    Wenn Technikdeterminismus eine Religion ist, dann bin ich ihr Anhänger. Ich glaube daran, dass sich nützliche Technologie durchsetzt, so sehr, wie ich an die Evolution glaube. Und wie bei der Evolution lässt sich auch immer erst im Nachhinein sagen, welche Technologie anscheinend “nützlich” war. Es ist immer die, die sich durchgesetzt hat.

    Technik oder Technologie wird zu einer Kraft, die nicht mehr von Menschen kontrolliert werden kann, die sich der Menschen bedient. Diese Sichtweise schränkt natürlich den Rahmen, in dem Freiheit möglich ist, massiv ein. Aber eine solche systematische Sichtweise bettet den Menschen auch in andere Kontexte ein: Er ist dann ein Produkt des Wissens seiner Zeit, des Wirtschaftssystems etc., sein Handeln ist durch so viele Faktoren beeinflusst und gelenkt, dass man ihm in jeder dieser Sichtweisen die Möglichkeit zur »Selbstverwirklichung« absprechen müsste – weil man nicht mehr wüsste, was das »Selbst« ist, noch wie es sich »verwirklichen« könnte.

  2. Bill Joys einschlägiger Essay »Why the Future Doesn’t Need Us« zeigt eindrücklich, dass die Einschränkung der Freiheit durch Technologie mit weit drastischeren Effekten verbunden ist: In vielen Forschungsbereichen, arbeitet man an Technologien, welche die Existenz des Menschen obsolet machen könnten. Innert kürzester Zeit könnte alles menschliche Leben von der Erde verschwinden. Joy nennt insbesondere die Gen- und Nanotechnologie – und zitiert Kazynski, was nicht weiter erstaunen mag.

Die schöpferische Identität – oder warum wir Steve Jobs überschätzen

1967 hat Roland Barthes seinen einflussreichen Text »Der Tod des Autors« erstmal veröffentlicht (pdf). Er beschreibt darin folgendes Problem:

Unsere heutige Kultur beschränkt die Literarur tyrannisch auf den Autor, auf seine Person, seine Geschichte, seinen Geschmack, seine Leidenschaften. […] Die Erklärung eines Werkes wird stets bei seinem Urheber gesucht – als ob sich hinter der mehr oder weniger durchsichtigen Allegorie der Fiktion letztlich immer die Stimme ein und derselben Person verberge, des Autors, der Vertraulichkeiten preisgibt.

Obwohl Barthes Text bekannt ist, seine Analyse einleuchtet und ihre Konsequenzen bekannt sind, fallen wir immer wieder hinter ihn zurück. Auch wir glauben, hinter einem Werk stehe eine Person, ihr Urheber. Wir mystifizieren kreative Menschen.

Ein Beispiel dafür ist Steve Jobs: Apple wurde von einem Hersteller von Computern für Liebhaber und Spezialisten zu einem Hersteller von Mainstream- und Lifestyle-Unterhaltungselektronik, zu einer Designikone, einem Vorbild für Innovation.

Diese Innovation, dieses Designs, diese Konzepte und dieser wirtschaftliche Erfolg werden nun einer Person zugeschrieben. Es ist unvorstellbar, dass Jobs verantwortlich für diese Geräte oder ihren Erfolg ist. Sie sind das Resultat eines unvorstellbar komplexen Prozesses und der Zusammenarbeit von Tausenden von Menschen. Die Mystifikation, Jobs habe die totale Kontrolle (selbst über Menupläne) beansprucht, ist genau das Resultat unseres Unvermögens, kreative Prozesse unabhängig von einem einzelnen, genialen Individuum zu denken (und natürlich auch ein Resultat der Marketing-Inszenierung von Apple und ihre Aufnahme durch die Medien).

Noch einmal Barthes:

Der Text ist ein Gewebe von Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur. […] [D]er Schreiber [kann] nur eine immer schon geschehene, niemals originelle Geste nachahmen. Seine einzige Macht besteht darin, die Schriften zu vermischen und sie miteinander zu konfrontieren, ohne sich jemals auf eine einzelne von ihnen zu stützen. […] Als Nachfolger des Autors birgt der Schreiber keine Passionen, Stimmungen, Gefühle oder Eindrücke mehr in sich, sondern dieses riesige Wörterbuch, dem er die Schrift entnimmt, die keinen Aufenthalt kennt. Das Leben ahmt immer nur das Buch nach, und das Buch ist immer nur ein Gewebe von Zeichen, eine verlorene, unendlich entfernte Nachahmung.

Was Barthes als »Text« bezeichnet, kann jede Form von kreativer Produktion meinen. Der Grund, weshalb wir so starke Mühe mit der Sichtweise von Barthes haben, ist unsere eigene Angst davor, nicht mehr die Kontrolle über unsere Produktion zu haben. Allgemeiner: Unsere Angst davor, unsere Identität zu verlieren.

Michael Seemann beendet seinem neuesten Post auf seinem Kontrollverlust-Blog mit folgendem Fazit:

Die neue „Katastrophe”, die des Computers und des Interntets wird erfordern, diese Identität als Referenzpunkt für Realität wieder ein Stück weit aufzugeben – zumindest zu öffnen. Identität – das Zusammenfassen und Rückführen aller Eigenschaften, Daten und Kommunikationen auf seinen Austrittskörper – wird nur eine unter vielen möglichen Queries sein. Die neuen Queries werden Aspekte, Beobachtungen, Empfehlungen, Erlebnisschnipsel und Gedanken von vielen, vielen Absendern individuell bündeln, rekonfigurieren, bei Bedarf simultan übersetzen, in eine spezielle Reihenfolge bringen und so eine komplexe Sicht auf Realität ermöglichen: die “Distributed Reality“.

Mt anderen Worten: Wir lesen Schriften, die wiederum Vermischungen von Schriften sind. Wir können diese Schriften versuchen, ihren UrheberInnen zuzuordnen – aber wir müssen nicht. Wir können ganz andere Betrachtungsweisen wählen (z.B. nicht alle Blogeinträge von einer bestimmten Person lesen, sondern alle zu einem bestimmten Thema etc.). Weiter noch: Eine Person erklärt, wenn sie als Urheberin eines Texte gesehen wird, diesen Text nicht. Genau so wenig kann eine Person wie Steve Jobs erklären, weshalb heute auch ältere Menschen nicht nur stolz darauf sind, sondern auch Anerkennung dafür bekommen, wenn sie endlich ein iPhone haben (mit dem sie vielleicht nicht mal besonders gut umgehen oder telefonieren können).

Wir schreiben einen Rant

Als ich in den USA im Austauschjahr war, fuhr ich viel Auto. Genauer: Ich fuhr in vielen Autos mit. Nicht selten wünschte ich mir, an den Autos wären Lautsprecher befestigt, damit alle Passanten hören könnten, wie schön meine Fahrerin oder mein Fahrer schimpften. Sie produzierten das, was man heute ohne viel Aufhebens ins Internet stellt: Einen Rant.

Einen Rant hat heute Michael Seemann geschrieben. Er bezweifelt, dass GeisteswissenschaftlerInnen was Sinnvolles täten, weil sich ihre Forschung nicht hinreichend auf digitale Medien konzentriere.

Im Folgenden will ich die Logik und Funktionsweise des Rants kurz darstellen.

  1. Man zeige, dass man viel von etwas versteht, ohne von der Kritik daran selbst betroffen zu sein. „Ich war mal einer wie ihr, Geisteswissenschaftler“, so Seemann, „deshalb verstehe ich genau, was ihr so macht. Aber nun bin ich fortgeschritten zum Medientheoretiker, während ihr zurückgeblieben seid.“
  2. Man formuliert eine möglichst radikale Kritik, die nicht auf Fakten beruhen muss. Man rantet ja schließlich.
  3. Man wartet auf Reaktionen, die eintreffen, wenn man provokativ genug war.
  4. Man reagiert darauf auf zwei Arten:
    a) Alles war nicht so gemeint, war nur ein Rant.
    b) Toll, diese Reaktionen, da zeigt sich mal wieder, was so ein Rant auslösen kann.
  5. Man ignoriert den Gedanken, man könnte einfach haltlose Halbwahrheiten formuliert haben.
  6. Man nimmt den eigenen Rant als Beleg dafür, dass man Recht gehabt hat – schließlich haben noch keine GeisteswissenschaftlerInnen die Textsorte Rant untersucht.

Mein Fazit: Rants gehören in die mündliche Sphäre. Da darf man was sagen, was man nicht recherchiert hat, was man spontant formuliert und womit man provoziert. Digital schaffen sie Strukturen, die wenig Gehalt haben und viel Energie konsumieren. Lesen sollte man zu Seemanns Rant auch diesen Blogpost – und diese Twitterkonversation:

 

Google Plus oder Filtersouveränität: Über Redundanz und Selektion in sozialen Netzwerken

Soziale Netzwerke teste ich meist recht früh – habe aber bisher nur zwei genutzt: Twitter und Facebook. Es gibt viele Sprüche, die das Verhältnis von Twitter und Facebook beschreiben, in meinem Fall vernetze ich mich auf Twitter mit Menschen, die ähnliche Themen interessieren, wie mich – und auf Facebook mit den Menschen, die ich persönlich kenne.

Ich versende aber sowohl auf Twitter als auch auf Facebook primär sachliche Diskussionsbeiträge: Meine Blogposts, Links zu anderen Blogs, interessante Beiträge aus Printmedien, ab und zu eher scherzhafte Beiträge. Bisher habe ich Tweets, die ich auch auf Facebook posten wollte, via Selective Tweets an FB gesendet, weniges (z.B. Bilder) nur auf Facebook gepostet und sehr vieles nur auf Twitter. Meine Blogposts werden automatisch auf Twitter und Facebook veröffentlicht, mein Fragenblog publiziere ich über eine FB-Page auf Facebook.

Neu gibt es auch Google Plus. Ich mag Google Plus: Es ermöglich tief schürfende Diskussionen, fühlt sich besser an als Facebook und lässt sich besser bedienen, es scheint zudem geeignet zu sein, andere Webdienste zu integrieren. Kurz: Ich möchte gern aus Facebook aussteigen und Google Plus benutzen.

Mit dem Chrome-Addon Start G+ ist es mir möglich, einen Post auf G+ sowohl auf Twitter als auch auf Facebook zu veröffentlichen. Das scheint mir sehr effizient zu sein – hat aber den Nachteil, dass Kontakte, die ich sowohl auf allen drei Diensten habe, von mir drei Mal dasselbe zu lesen bekommen. Gregor Lüthy meint dazu:

der filter wäre dann wohl, dass man dich bei FB auf ignorieren stellt und dich bei Twitter „entfolgt“. Also sich einfach für einen Kanal entscheidet. Wenn du alle drei Kanäle weiter bedienen willst, müsstest du entweder je Kanal eigene Inhalte senden, oder sonst denselben Inhalt jeweils dem Kanal anpassen; so wie ein klassisches Medienunternehmen dieselben Inhalte jeweils dem Medium (TV, Radio, Print) anpasst.

Wir wären dann bei Michael Seemanns Konzept der Filtersouveränität:

[D]er Andere kann, weil er in unendlichen Quellen mit perfekt konfigurierbaren Werkzeugen hantiert, keinen Anspruch mehr an den Autor stellen – weder einen moralisch-normativen noch einen thematisch-informationellen. Die Freiheit des Anderen, zu lesen oder nicht zu lesen, was er will, ist die Freiheit des Senders, zu sein, wie er will.

Die Frage wäre, ob es diese Filter bereits gibt. In FB gibt es Filter, mit denen es möglich ist, alles, was ich poste, zu ignorieren – und gleichwohl mit mir befreundet zu sein. Auf Twitter kann ich nur Inhalte von Listen lesen und könnte so Konten, die mich nicht interessieren, in die entsprechende Liste verschieben – oder jemanden gleich ganz entfolgen. Filter gibt es auch auf Google Plus.

Fazit: Auch wenn ich noch nicht weiß, ob ich nicht doch weiterhin nur partielle Redundanzen schaffe und vieles nur auf einem Kanal veröffentliche, theoretisch sollte es unbedenklich sein, darauf zu vertrauen, dass die Lesenden zu filtern verstehen und ich nicht für sie vorfiltern muss. Oder habe ich etwas übersehen?