Wie der Kapitalismus geflickt werden kann – oder über eine zu wenig beachtete Idee

Der überzeugende Mechanismus am Kapitalismus bzw. an einem Markt ist der Mechanismus, mit dem Güter von einer Person zu einer anderen übergehen: Eine Transaktion findet genau dann statt, wenn beide Personen die Bewertung der Güter in der Transaktion zufriedenstellend finden. Mit anderen Worten: Menschen können ihre Interessen dann umsetzen, wenn sie stark genug sind.

Dennoch ist der Kapitalismus ein zutiefst ungerechtes System. Global gesehen herrscht eine mit den Mechanismen des Marktes nicht zu erklärende Ungleichheit, in den letzten Jahren wurden Arme immer ärmer und Reiche immer reicher – ohne dass das auf ihre Leistung oder ihre Interessen zurückzuführen wäre. Die folgende Grafik von Mother Jones zeigt nicht nur die enorme Ungleichheit (in den USA besitzen die reichsten 10% zwei Drittel aller Vermögen, die reichsten 20% 85%), sondern auch, dass diese Ungleichheit den meisten Menschen nicht bewusst ist.

Vermögensverteilung in den USA: Real, Einschätzung, Wunschverteilung. Quelle: Mother Jones Die Effekte, welche den Kapitalismus ungerecht erscheinen lassen, haben eine gemeinsame Quelle: Der Besitz von Grundstücken. Wir wissen nicht mehr, wer die Grundstücke, welche heute genutzt werden, zum ersten Mal in Besitz genommen hat. Aber allein der Vorgang, ein Grundstück in Besitz zu nehmen, so dass alle andern es nicht mehr nutzen können, mutet seltsam an. (Auch die Begründung, welche die Besitztheorie von Locke liefert, dass einem nämlich all das gehöre, womit sich die eigene Arbeit vermischt habe, vermag den Eindruck der Ungerechtigkeit nicht zu zerstreuen: Warum gehört dem Bauer nicht nur das Getreide (mit dem sich seine Arbeit vermischt hat), sondern auch der Boden, auf dem es wächst – und zwar für immer, auch wenn er nicht mehr darauf arbeitet?)

Es gibt für das Problem eine einfache Lösung – eine Lösung, die genau so viel Beachtung verdient wie die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens und die der Commons.

Die Lösung bzw. die Idee wird von Jürg Inniger vertreten. Er stellt sie in einem lesenswerten PDF anschaulich vor – und engagiert sich seit Jahren dafür. Er geht von einer einfachen Frage aus:

Wem gehört die Welt?

Die Antwort ist eben so einfach: Allen Menschen zu gleichen Teilen – im Idealfall. Der Vorschlag, der unter dem Namen »Projekt Hugo« auf start-hugo.com läuft, basiert auf diesem Grundsatz.

Die Idee kann an einem Beispiel gezeigt werden:

  1. Ich möchte am Bahnhof Hardbrücke einen Hot-Dog-Stand errichten und brauche dafür ein passendes Grundstück.
  2. Das Grundstück wird an alle Interessierten für ein Jahr versteigert.
  3. Biete ich am meisten, so darf ich es ein Jahr lang exklusiv nutzen.
  4. Das dafür bezahlte Geld (»Entschädigung«) wird unter allen Menschen aufgeteilt – weil die ja nun das Grundstück nicht nutzen können.
  5. Sobald ich nicht mehr bereit bin, die höchste Entschädigung für das Grundstück zu zahlen, übernimmt jemand anderes mein Grundstück.
  6. Nun befindet sich aber auf dem Boden auch mein Hot-Dog-Stand (und meine Idee, gerade an diesem Ort Hot-Dogs zu verkaufen).
  7. Diesen Hot-Dog-Stand kann ich beliebig bewerten (und mein Nachfolger muss ihn mir abkaufen, wenn er das Grundstück übernehmen will) – allerdings beeinflusst dieser Preis direkt auch die Entschädigung, die ich für das Grundstück zahlen muss.
  8. Ich kann also nicht den Preis des Standes künstlich hoch halten, nur damit niemand das Grundstück übernimmt. Und niemand kann mir einfach das Grundstück wegnehmen, ohne mich für meine geleistete Arbeit (Konzeption und Bau des Standes) fair zu entschädigen (ich lege den Wert selbst fest).

Jürg Inniger drückt seine Idee wie folgt aus:

Zusammengefasst könnte man Land nicht mehr kaufen und besitzen – sondern die Allgemeinheit dafür entschädigen, dass man Land exklusiv nutzt. Jede Person auf der Welt würde gleich viel erhalten (alle Entschädigungen geteilt durch Anzahl Menschen) und diesen Betrag für eigene Exklusivnutzungen ausgeben.

Dazu sind ein paar Bemerkungen zu machen:

  • Mit einer transparenten, gerechten Lösung für Grundstücke ist auch eine transparente, gerechte Lösung für Ressourcen (Erdöl, Wasser etc.) verbunden: Die exklusive Nutzung des Landes sichert auch den Zugang dazu – aber alle Menschen werden dafür entschädigt.
  • Die Idee funktioniert im Idealfall global.
  • »Projekt Hugo« hebt keinen anderen Mechanismus auf:
    a) es gibt weiterhin Raumplanung, so dass gewisse Grundstücke nicht exklusiv genutzt werden können
    b) es gibt weiterhin Steuern, Sozialleistungen, Umverteilung etc.
  • Vom Konzept würden die Menschen, die heute unterdurchschnittlich viel Grund exklusiv nutzen, profitieren (90% der Bevölkerung), der Rest müsste auf etwas verzichten, was er heute beansprucht.
  • Der administrative Aufwand für die Versteigerungen etc. ließe sich mit der heute bereits bestehenden Verwaltung von Grundstückeigentum problemlos bewältigen (Grundbuchämter plus Internet).
  • Die Idee geht zurück auf die »single tax on land« von Henry George (1879), ähnliche Konzepte wurden auch schon als Steuersysteme verwendet, vgl. »land value tax«.

Was ich mir nun wünsche, wäre eine anregende Diskussion (zur vertieften Lektüre sei der anschauliche Artikel aus dem Magazin 36/2006 von Markus Schneider empfohlen, der hier als PDF gelesen werden kann): Welche Probleme würde dieser Vorschlag verursachen? Welche Chancen hält er bereit? Könnte er umgesetzt werden – wie, wo, warum nicht? Wie verhält er sich zur Idee der Commons und zum BGE? Warum sprechen nicht mehr Menschen darüber?