Feminismus, Sex und Pornographie

Vorbemerkung: Der folgende Blogpost enthält die Schilderung verschiedener sexueller Praktiken und diskutiert Vergewaltigungen.

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Zu wissen, was es will, ist die größte Herausforderung für das moderne Subjekt. Was es eigentlich will, könnte man auch sagen – denn oft ist dieser Wille, bewusst oder unbewusst, fremdbestimmt; geformt in einem Sozialisationsprozess, angepasst an den Willen anderer Subjekte.

Die Fremdbestimmung, so kann man das Projekt Feminismus definieren, soll nicht strukturell über die Kategorie Geschlecht erfolgen. Menschen sollen tun und wollen können, was sie eigentlich wollen, ohne dass ihre Zugehörigkeit zu einem Geschlecht dieses Tun oder Wollen beeinflusst.

Eine der reinsten Formen des Wollens ist unser sexuelles Begehren. Wir denken darüber oft so, als handle es sich um das Eigentlichste, was wir kennen. Der Gedanke, dass wir in unserem Begehren beeinflusst oder angepasst sein könnten, ist für uns so schwer zu akzeptieren, dass der politische Feminismus oft das Thema Sex ausklammert und als privat markiert.

Was tun Feministinnen und Feministen eigentlich, wenn sie feststellen, dass sich ihre sexuellen Fantasien und Bedürfnisse nicht mit ihren Idealen und politischen Überzeugungen vereinbaren lassen?

Dieser Frage hat Nils Pickert in einem polemischen, in vielem falsch gedachten und unsauber argumentierten Kommentar gestellt, und gefordert:

Warum hält sich [der Feminismus] nicht aus der ganzen Sache raus und warum merkt er nicht, wenn er es schon nicht tut, dass er mit beinahe gleicher weltanschaulicher Wucht wie diverse Religionen versucht, das menschliche Intimleben für seine Deutungshoheit zu vereinnahmen?

Und die empörten feministischen Reaktionen verkündeten in den sozialen Netzwerken fast unisono, dass sie mit Pickerts Forderung einig gingen, toller Sex und feministisches Engagement widersprächen sich nicht. Feministinnen und Feministen hätten gemeinhin wundervollen Sex.

Das will ich nicht bestreiten. Aber entspricht es dem Programm, Sexualität – und womöglich auch gleich noch Pornographie – aussen vor zu lassen und den politischen Kampf auf Medien, Werbung und die etablierte Politik zu beschränken?

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whatpurpose

Bevor ich diese Frage beantworte, möchte ich kurz eine Rezension von Marie Calloways »What Purpose did I Serve in Your Life« einschieben, das ich eben ausgelesen habe. Calloways Buch endet mit der Frage:

I wondered when I would stop abusing myself for the sake of new experiences, new sensations. [240]

Davon handelt das ganze Buch: Calloway – ein Pseudonym – schreibt in minmaler Prosa über ihre eigenen Erlebnisse. Natürlich handelt es sich um einen autobiographischen Pakt, den wir mit Calloway schließen, wir nehmen an, sie selber habe erlebt, worüber sie schreibt. Ob das so ist, ist eigentlich irrelevant für das, was die Lektüre auslöst. Calloway beschreibt zunächst ihren ersten Geschlechtsverkehr, dann mehrere Vorfälle, bei denen sie sich prostituiert hat und mit unbekannten Männern gegen Bezahlung geschlafen hat. Kernstück ist ihre Erzählung »Adrien Brody«, in der sie eine Affäre mit Rob Horning, einem New Yorker Intellektuellen beschreibt.

„Are you attracted to me, like physically?“ he asked.
„Yeah, of course,“ I said. I didn’t actually know if I was or not.
„Are you attracted to me?“ I asked.
„Of course,“ he said. [110]

Der Intellektuelle, der Tiefgründiges über Spinoza und Gramsci zu denken scheint, wird in der sexuellen Interaktion mit der 21-jährigen Calloway, die seine Tochter sein könnte, zu einem jämmerlichen Darsteller in einem Amateur-Porno. »His face changed to this huge dumb grin«, heißt es, als er seinen Samen über Calloways Gesicht gespritzt hatte. Seine strukturelle Macht ist gebrochen – aber nur, indem sich Calloway selbst ihm unterworfen hat und eine Rolle spielt, die sie »from a Japanese pornography« übernommen hat.

Die Ich-Erzählerin Marie Calloway handelt und befragt sich gleichzeitig ständig nach der Motivation für ihr Handeln. Sie beobachtet aber nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Sexualpartner, ihre Wünsche, ihre Unsicherheiten, ihre Körper, ihre Aussagen. Dabei nimmt sie im ganzen Buch die Rolle ein, dass sie sexuell gefügig ist und sich von Männern wie eine Maschine [235] benutzen lässt. Sie tut dies, um überhaupt herauszufinden, wie ihr eigenes Begehren funktioniert, was sie erregt, wer sie ist und wie sie mit Männern interagieren kann, ohne unsicher und verletzlich zu sein.

Then I said that I was attracted to him. I wasn’t sure if I was attracted to him or not, but said that I was because I was confused as to how he felt towards me and wanted to know. [171]

Sie scheitert. »I’m totally powerless in the face of men« [138] – so könnte das Fazit lauten. Die einzige Ausnahme ist »Jeremy Lin« (gemeint ist Tao Lin), mit dem die Protagonistin eine Beziehung führt, in der die Machtverteilung diffus ist und nicht über sexuelle Unterwerfung organisiert ist.

Whenever I allowed myself to be used to blatantly I could never reconcile my excitement and my curiosity, my desire to experience, with the feeling of being dehumanized and uncared for. [235]

Für das moderne weibliche Subjekt, so zeigt und Calloway, gibt es es die Aufregung des Begehrens, die Ungewissheit neuer (sexueller) Erfahrungen und strukturelle Macht nur verbunden mit der Entwürdigung und der sozialen Ächtung. Frauen, die sexuell offen sind, müssen damit rechnen, von Männern missbraucht zu werden (obwohl Calloway, wenn ich genau gelesen habe, im Roman nur einmal beiläufig eine Vergewaltigung als solche erwähnt, beschreibt sie im Roman (?) eine Serie von Vergewaltigungen).

Die offene Frage ist, ob die literarische Strategie Calloways aufgeht.

I think deep down I published things because there was a desire to be understood by other people, but that didn’t really happen and it now seems kind of ridiculous to think that could happen.

Das Buch ist schon auf einer anderen Ebene. Es ermöglicht eine Reflexion über eine Reflexion über eine Darstellung von menschlichen Interaktionen. Dass diese Interaktionen sexuelle sind, lese ich als Experimentalanordnung: Die Intimität löst die Figuren aus ihren sozialen Verpflichtungen und dem Wahren eines Scheins.

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Hat Politik im Bett etwas verloren – oder ist Sex ohne soziale Bedeutung, weil er natürlich ist, ohne die Möglichkeit, gesellschaftlich beeinflusst zu werden? So gefragt scheint die Antwort klar.

Fast als Kommentar zu Calloway kann ein Slate-Interview mit dem Journalisten Daniel Bergner gelesen werden, der in seinem Sachbuch darstellt, wie weibliche Sexualität kulturell geformt wurde. Befragt, warum einige Frauen sexuelle Fantasien hätten, die Vergewaltigungen beinhalteten, sagt er:

The force of culture puts some level of shame on women’s sexuality and a fantasy of sexual assault is a fantasy that allows for sex that is completely free of blame. So that’s one reason. Another, […] which I think is very compelling, is this idea that the feeling of being desired is a very powerful one, a very electrical one. And I think at least at the fantasy level, that sense of being wanted, and being wanted beyond the man’s self-control is also really powerful.

Weil Sexualität mit Scham und Schuld verbunden ist und weil das eigene Begehren vom Begehren anderer abhängig ist, spielt die Gesellschaft in die Sexualität rein. Es gibt kein menschliches Verhalten, das nicht auch kulturell geformt wäre.

Diese Formung beschreibt eine andere amerikanische Feministin, Rachel R. White in einem berührenden Essay. Darin sagt sie über Pornografie:

I say that when I’ve gone to tube sites or whatever, I feel this sort of empty sick in my stomach that it’s always the same image, always a woman demeaned and submitting. Teen anal gang bang, Japanese girl submits, black slut with two cocks projected into the retinas of twelve year old boys, images of women getting pleasure solely by being demeaned, being told, “You like that don’t you.” The male viewer rewarded with orgasm, as the women answer “U-huh, I do,” every time.

I can’t be pro-porn if this is 95% of porn. Cannot be a pro porn feminist, if I can’t follow up the acknowledgement that while Sasha Grey liked her violent scenes, while women can want to be submissive, that these are typical and sexist fantasies, and what do these images do in a larger sense?

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Bei Vergewaltigungen, so wird oft gesagt, gehe es nicht um sexuelle Bedürfnisse, sondern um Macht und Unterwerfung. Und diese Aussage ist wohl in einem viel allgemeineren Sinne wahr, als wir denken würden. Bei Sex geht es um Macht und Unterwerfung. Die Vorstellung der westlichen Sexualmoral, dass alle Praktiken unproblematisch seien, mit denen alle Beteiligten einverstanden seien, geht davon aus, dieses Einverständnis erfolge frei, ohne strukturelle Machtverteilung. Wenn sich Alexandria Brown fragt, ob ein Sex-Streik nicht die einzige Möglichkeit sei, wie Misogynie und Sexismus abgeschafft werden könnte, dann schließt sie an diese Überlegungen an.

Ich will keinen Sex-Streik ausrufen. Und ich will mich auch nicht in Schuldzuweisungen ergehen oder anderen ein schlechtes Gewissen machen. Auf die interessanten Fragen gibt es keine einfachen Antworten. Sex ist nicht apolitisch, im Gegenteil: Sex hat ganz viel mit politischer Macht zu tun. Diese Einsicht hilft dabei, über die eigenen Erfahrungen nachzudenken und sich zu überlegen, woher das eigene Begehren kommt, wie stark es vom Begehren anderer abhängig ist und ob das, was wir tun – ob im Bett oder außerhalb – wirklich das ist, was wir tun wollen, oder das, was von uns erwartet ist und von dem wir denken, die anderen wollen, dass wir es tun.

Alt Lit, Männer trollen und Post-Gender

Kürzlich habe ich mich mit jemandem auf ein Bier getroffen und ein paar Stunden geredet. Ich habe viel gelernt, nachgedacht und Fragen gestellt bekommen, die mich noch eine Weile begleiten werden. Unter anderem wurde mir Marie Calloway vorgestellt, eine Ikone der Alternative Literature. Meine Gesprächspartnerin vertrat die Meinung, es könne nicht lange gehen, bevor die auch im deutschsprachigen Raum rezipiert werden würde. Ich habe einiges von Calloway gelesen und bin beeindruckt: Mit minimalen Mitteln zeigt sie, wie on- und offline Geschlechterrollen inszeniert und repräsentiert werden. Indem sie literarisch aufzeigt, wie Männer auf ihr literarisches Alter-Ego reagieren, und dabei ihre literarische Rolle und ihre Person ununterscheidbar werden lässt, provoziert sie Reaktionen und Reflexionen, die politisch mehr bewegen dürften, als es eine Aufschrei-Debatte kann.

tumblr_mihpcj8KH91s6q4cuo1_1280Calloway trollt Männer. Sie spielt mit Identitäten, verunsichert souveräne Männer und lässt ihr Publikum über sie lachen. Das scheint mir eine viel versprechende Strategie zu sein – nicht für den Umgang mit sexueller Gewalt beispielsweise und auch nicht für den Umgang mit unterschiedlichen Rechten. Da gibts nichts zu lachen. Aber für den Raum, den Männer wie selbstverständlich einnehmen, für die subtilen Übergriffe und den latenten Sexismus, den viele gar nicht wahrnehmen. Den kann man anprangern, wird aber damit die stärken, die ihn ignorieren. Ihn aber zu trollen schafft eine Verunsicherung bei denen, die ihn ausüben; sie hebelt die Selbstverständlichkeit aus, mit der Männer annehmen, ihre Sexualität auch gegen Widerstände ausleben zu müssen und zu dürfen.

Im Gespräch verglichen wird die Alt Lit-Szene mit dem jungen Feminismus im deutschen Sprachraum, der oft betont politisch ist und bewusst einen barschen Ton anschlägt. Dabei fällt auf, dass Calloway und andere Alt-Lit-Autorinnen traditionell dem weiblichen Stereotyp zugehörige Tätigkeiten ausführen (schreiben, zum Beispiel; oder Collagen machen, sich schminken); während viele Feministinnen und Deutschland einen starken Bezug zu technischen und naturwissenschaftlichen Tätigkeiten aufweisen.

Von da aus lässt sich eine Brücke zur Frage des Gender-Mainstreaming schlagen, also zur Frage, wie denn Gleichstellung konkret umgesetzt werden könnte: Sollen Mädchen animiert werden, Roboter zu bauen, Computer zu programmieren und Eishockey zu spielen (und Knaben mit Puppen Theater spielen, sich schminken und Geschichten erfinden)? Auch. Es braucht im Computerclub mehr Frauen und in Lesezirkeln mehr Männer, damit sich alle Menschen dort wohl fühlen. Aber die konkrete Tätigkeit ist weniger wichtig als ihre Funktion: Wenn sich junge Frauen heute auf Tumblr als Objekte präsentieren (vgl. die Arbeiten von Kate Durbin), dann verlassen sie damit eine heterosexuell geprägte Weiblichkeit: Sie inszenieren sich für sich, weil es auf diesen Tumblr kaum Männer gibt. Schminken und Mode wird zu einer selbstreflexiven Kunst in einem nicht-genderten Raum; es ist, als würden diese Kulturtechniken von Frauen »reclaimed«, als so beansprucht, dass sie nicht mehr in einem Diskriminierungszusammenhang stehen.

tumblr_mlboej5ncJ1r8ihz1o1_1280Dasselbe kann man bei urbanen Männern beobachten, die ihren Body formen und eigene Modestile ausprägen, ohne dass das primäre Ziel das andere Geschlecht wäre.

Das wäre letztlich die Vorstellung von Post-Gender, die ich für erstrebenswert halte: Dass Menschen Tätigkeiten ausüben und Identitäten entwickeln, die losgelöst von ihrer Geschlechtsidentität, von Geschlechterrollen und sexueller Orientierung sind. Dass das Geschlecht weder für die Motivation, etwas zu tun, noch für die Fähigkeit als ausschlaggebend angeschaut wird.

Aber es wäre naiv zu denken, man könnte einfach so tun, als lebten wir bereits in dieser Situation. Bis dahin braucht es wohl sowohl die Strategien des jungen amerikanischen und des jungen deutschen Feminismus: Einerseits spielerisch dekonstruieren, was Privilegierte als Selbstverständlich erachten, andererseits knallhart einfordern, was für alle Selbstverständlich sein sollte. So attraktiv Alt Lit und Trollerei erscheinen mag: Letztlich handelt es sich hier auch wieder um Tätigkeiten für Privilegierte, die vielen real Diskriminierten und Benachteiligten weder zur Verfügung stehen noch helfen.

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