Falsche Anreize im Journalismus: Clicks und Quotes

Die Debatte über die Qualität in der Schweizer Medien, welche durch die Forschergruppe um Kurt Imhof in Gang gesetzt worden ist (siehe hier und hier), konnte schon als abgeflaut bezeichnet werden (entweder hat man bei den Medien die Studie von Imhof ignoriert oder sie unsachlich kritisiert) – und nun lassen sie Peer Teuwsen und Ralph Pöhner wieder aufflammen: In der Zeit zeigen Sie auf, wie so genannte »Geschichten« entstehen:

  1. Die Sonntagszeitungen suchen auf Biegen und Brechen eine Schlagzeile – und erfinden sie, wenn es nicht anders geht.
  2. Die Online-Portale und auch die Tageszeitungen greifen diese Schlagzeilen unkritisch auf – und so
  3. Wird in den Schweizer Medien tagelang über »Geschichten« gesprochen, die weder mit der Wahrheit noch mit gesellschaftlich wichtigen Debatten etwas zu tun haben.

(Als Pointe übernimmt der Tages-Anzeiger/Newsnetz selbst diesen Text von der Zeit…)

Wo liegt das Problem? Es sind falsche Anreize. Welche Anreize gibt es für journalistische Arbeit?

  • Geld. Artikel, welche LeserInnen so ansprechen, das Marketingmenschen das Gefühl haben, damit lasse sich effiziente Werbung verbinden, sind für eine Zeitung wichtig. Dabei wird wie bei dieser Max-Küng-Geschichte oft vergessen, dass es eigentlich journalistische Regeln gäbe, die gerade verlangen, dass journalistische Inhalte sich nicht an der Werbung ausrichten.
  • Clicks. Damit verbunden ist die online-Werbung – die von den Clicks auf einzelne Seiten und oder Werbebanner abhängig sind. Clicks lassen sich in Real-Time messen und führen dazu, dass man Geschichten verfasst, die ins Muster passen (z.B. über iPhones) und so mehr Einnahmen generieren. (Es führt auch dazu, dass man bei deutschen Medien, in denen längere Beiträge erscheinen, diese Beiträge immer auf drei Seiten verteilt lesen muss – also drei Clicks generiert.)
  • Aufmerksamkeit. Verlinkungen und Verweise aus anderen Medien auf Artikel drücken Wertschätzung für journalistische Inhalte aus (Teuwsen spricht davon, dass »Journalisten einsame Menschen« sind).

Wie könnte man Anreize so schaffen, dass die grundsätzliche Aufgabe von Medien (nämlich Aufklärungsarbeit zu leisten, auf deren Basis Menschen informierte Entscheidungen in ihrem Leben fällen können) besser erfüllt werden könnte?

Es ist etwas müssig, die Verantwortung von Verlegern zu betonen, wenn man gerade beobachten kann, wie möglicherweise ein rechts-nationales Medienkonglomerat in der Nordwestschweiz entsteht, wie Thom Nagy und Fred David skizzieren – aber Verleger könnten die richtigen Anreize betonen.

Eine andere Möglichkeiten ist die Verschiebung von Medien ins Netz. Dort wäre es dann möglich, dass Konsumenten journalistische Inhalte nach dem Lesen bezahlten – anstatt die Katze im Sack oder das Interview hinter der Schlagzeile zu kaufen… Einen Artikel zu schreiben, den jemand nach dem Lesen für wertvoll hält: Das wäre wohl schon ein Anreiz. (Siehe Marcel Weiß‘ hervorragenden Post über »historische Unfälle« und Flattr.)

Noch was zur Todesstrafe – und warum ich blogge

Erstaunliches und Problematisches zur aufflammenden Diskussion über die Todesstrafe in der Schweiz:

Die Todesstrafe könnte in der Schweiz juristisch problemlos eingeführt werden.
Grundsätzlich gibt es drei Probleme mit der Initiative – welche aber erst nach der Sammlung der Unterschriften auftreten werden. (Persönlich zweifle ich keine Sekunde daran, dass man 100’000 Unterschriften wird sammeln können, zumal die Initiative ja mit sexueller Gewalt verbunden ist. Mit diesem Schlagwort könnte man selbst Unterschriften für Folter sammeln.)

  1. Zwingendes Völkerrecht: Dagegen verstößt die Initiative gemäss Jörg-Paul Müller, einem profilierten Staatsrechtler, nicht. Er sagt in der NZZ am Sonntag: »Über die Todesstrafe gibt es keinen weltweiten Konsens – denken Sie an Länder wie die USA, China oder Iran«.
  2. Die Verfassung der Schweiz: Die kann ja durch eine Initiative geändert oder angepasst werden.
  3. Europäische Menschenrechtskonvention: Die entsprechenden Paragraphen könnten gekündigt werden.

Fazit: Offenbar ist das juristische Gefüge der Schweiz so anfällig, dass selbst zentralste Grundsätze in Gefahr sind, durch Initiativen torpediert zu werden. Daran müsste man dringend etwas ändern – m.E. mit einem Verfassungsgericht nach deutschem Vorbild.

Schweizer Medien dürften keine unkommentierte Diskussion zulassen.
Von mir aus dürfen alle Menschen diskutieren, was sie wollen. Aber wenn ihre Diskussionen auf viel besuchten Online-Portalen (Newsnetz, NZZ Online) dokumentiert und zusammengetragen werden, dann ist es meiner Meinung nach eine journalistische Pflicht, gewisse Aussagen nicht unkommentiert abzudrucken. Dazu gehört insbesondere der Begriff der Menschenrechte:

Darüber, ob eine solche Initiative gegen die Menschenrechte verstösst, werden sich die User nicht ganz klar. «Was das Schweizer Volk will, das ist Gesetz. Auch wenn es gegen alle anderen Regeln verstösst», schreibt darum ein Befürworter.

Unter einem solchen Satz müsste stehen, dass Menschenrechte keine Privilegien sind: Man kann sie durch keine Handlung verlieren, weil man sie sich auch nicht verdienen musste. Der Staat hat die Aufgabe, das Leben seiner BürgerInnen zu schützen und zu erhalten – und würde mit sich selber in Widerspruch geraten, wenn er BürgerInnen mit dem Tod bedrohen würde.

(Das Argument, der Staat schütze ja gerade andere Menschen vor StraftäterInnen, ist in diesem Zusammenhang ungültig: Der Staat schützt diese Menschen auch ohne Todesstrafe – und zwar vor einer Gefahr, die nicht von ihm selbst ausgeht.)

Noch einmal: M.E. wäre es die Pflicht von JournalistInnen, deutlich zu machen dass es keine gültigen Argumente für die Einführung der Todesstrafe gibt.

* * *

Die Argumente gegen die Todesstrafe müssten eigentlich nicht wiederholt werden, aber als Vorbereitung auf kommende Diskussionen ist es vielleicht hilfreich, sie in Erinnerung zu rufen. Sie sind auf der Übersicht von unser-recht.ch sehr schön zusammengestellt (in Bezug auf eine Dissertation von Beatrice Luginbühl, die aber wohl eher deskriptiv vorgeht):

  1. Fehlurteile.
  2. Keine abschreckende Wirkung, kein Präventionseffekt.
  3. Amnesty International: »Die Todesstrafe lässt sich nicht rechtfertigen, denn sie ist unmenschlich, unwirksam und unwiderrufbar.«

Die in der aktuellen Diskussion vorgebrachten Argumente sind vor allem zwei:

  1. Man stellt sich vor, Angehörige seien Opfer eines Mordes geworden, und macht die so imaginierten Gefühle für die Entscheidung verantwortlich. —
    Kommentar: Kein Argument. Ein Rechtssystem wird ja gerade installiert, damit Menschen nicht das machen, was sie bei erlittenem Unrecht gerne machen würden. Würde Strafrecht dem entsprechen, was Opfer sich für Täter wünschten, wäre es kein Recht.
  2. Die Ohnmacht in Bezug auf rückfällige StraftäterInnen: Da andere Strafen »nichts nützen«, wäre es am »effizientesten« oder »kostengünstigsten«, diese TäterInnen gleich hinzurichten – weil man damit auch gleich alle anderen Menschen schützt. —
    Kommentar: Dieses Argument beruht auf einer Reihung von Fehlschlüssen und falschen Annahmen, z.B. der, dass StraftäterInnen generell rückfällig würden – was nicht stimmt. Ich möchte nicht auf alle Probleme dieses Arguments eingehen, sondern nur zeigen, dass potentielle Gefahr von jedem Menschen ausgeht: Wie legt man dann die Grenze fest, wann es »effizient« ist, einen Menschen umzubringen? Diese Grenze ist plötzlich verschiebbar und wird zu einer Bedrohung für alle von uns: Weil wir alle plötzlich als Belastung und Gefahr für die Gesellschaft gelten könnten, je nach dem, worüber gerade ein paar Menschen abstimmen.

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Marcel Weiss hat auf Twitter zwei Kommentare zum Bloggen gepostet:

Was es zu viel gibt: Blogger, die sich in ihrem Bereich nur an Themen aus anderen Blogs und den Altlastmedien abarbeiten. [Tweet]

Was fehlt: Blogger, die Erkenntnisse aus akademischen Arbeiten an die Öffentlichkeit zerren. [Tweet]

Ich gehe mit ihm einig. Beides stimmt. Und wenn ich das konsequenterweise auf mich anwenden würde, dann müsste ich etwas über die Interpretation von Kleists Erzählungen posten. Und warum tue ich das nicht?

  1. Weil ich auf meinem Blog Themen dokumentieren möchte, die mich neben meiner Arbeit beschäftigen – um später auch für mich nachlesen zu können, was ich wann über was gedacht habe.
  2. Weil ich der Meinung, trotz meiner Bezüge auf »Altlastmedien« und Vorgedachtes Zusammenhänge formulieren zu können, welche man so nicht überall lesen kann.
  3. Weil ich das Bloggen auch als eine Form des politischen Engagements betrachte.
  4. Weil »Erkenntnisse aus akademischen Arbeiten« nicht grundsätzlich Perlen sind, die man für die Öffentlichkeit aus den Austern holen könnte. Das mag vielleicht mal beim Umgang mit Privatsphäre oder dem Trinken von Kaffee so sein, ist es aber nicht bei Kleists Erzählungen.
  5. Weil ich wohl einfach weiter machen werden, was ich tue – auch wenn es vernünftige Argumente dagegen gibt. Das ist wohl das Fleischessen-Paradox der menschlichen Natur: Wir tun nicht die Dinge, die wir für vernünftig halten.