In eigener Sache: Mamablog und Gaggia

1.
Ich habe einen Papablog auf dem Mamablog geschrieben: Er findet sich hier. (Mehr für mich gibt es hier noch ein pdf ohne Kommentare).

2.
Ich habe mich hier über Espressomaschinen ausgelassen. Gekauft habe ich nun die Gaggia Classic. Für 270 Euro inklusive Versandkosten und Gebühren, gestern Nachmittag bestellt, heute geliefert durch Amazon. Ersten Espresso hergestellt – mit Kaffee von Noir (nicht selber gemahlen). Resultat: Ich will nie mehr eine Kapselmaschine. Aufwand: Erträglich, bis jetzt. (Aber ich habe sie noch nicht entkalkt.)

 

Newsportale und Kommentare – ein Vorschlag

Jeder und jedem Online-Medienutzenden der Schweiz ist klar, dass Kommentare auf Newsportalen eine schwierige Angelegenheit sind: Selten beziehen sich die Kommentierenden auf die konkreten Inhalte der Artikel, sie beabsichtigen meistens, einen eigenen Standpunkt durchzusetzen und die Diskussion wird sehr schnell unübersichtlich und nimmt eine Eigendynamik an – was dazu führt, dass das Lesen der Kommentare für Lesende keinen Mehrwert bietet. Exemplarisch steht dafür der Mamablog von Newsnetz – dessen Diskussionen sich innerhalb einer Community abspielt, welche ausschließlich mit sich selbst beschäftigt ist (und nicht mit den Themen). [Vgl. auch meinen Durchschnittswähler-Blog.]

Die Medienwoche hat sich in zwei Artikeln damit auseinandergesetzt und Zitate von Verantwortlichen aufbereitet: »Jeden Tag Krawall« und »Wenn der Leser ausrastet«. Fazit: Die Kommentare verursachen viel Arbeit und wenig Befriedigung, bringen aber wertvolle Klicks, weil Kommentierende Seiten immer wieder aufrufen. Zudem machen die Artikel klar, dass nur Lesen und Löschen von Kommentaren keine adäquate Bearbeitung darstellt, für mehr die Zeit aber nicht reicht.

Meiner Meinung nach müssten Newsportale deshalb unter ihren LeserInnen mit »Powerusern« zusammenarbeiten – gut informierten Menschen, welche ihre Positionen gut formulieren können und die Perspektiven der Portale ergänzen können. Die Kommentare dieser Poweruser würden dann stets zuoberst angezeigt (u.U. mit der Möglichkeit, dass auch andere Kommentare nach oben gevotet werden können). Ein solches System könnte bewirken, dass die ersten Kommentare (die den Lesenden gleich angezeigt werden) sowohl einen Mehrwert beinhalten als auch den Eindruck erwecken, dass hier eine gehaltvolle Diskussion geführt wird, an der sich nur beteiligen kann, wer wirklich etwas zu sagen hat (und nicht »Krawall« machen will).

Um noch ein konkretes Beispiel anzufügen: Gawker.com hat einen Featured-Thread, bei dem eine Diskussion angeboten wird, der User aber zusätzlich auch alle Diskussionen anzeigen lassen kann. Das fände ich eine großartige Möglichkeit. Vgl. z.B. hier.

Mamablog revisited – Kritik, aber auch mal was Konstruktives

Im Juni hat Michèle Binswanger ein paar Einträge auf diesem Blog gelesen und dann Kommentare wie die folgenden gepostet (oder jemand hat sich als Michèle Binswanger ausgegeben, sollte man wohl hinzufügen):

@Wampfler: Wenn Sie Kritik über wollen, müssen Sie sich die Mühe nehmen, auszuformulieren, weil sonst kein Schwein begreift, was Sie meinen.

Es ist so einfach, die andern in der Luft zu zerreissen (vive la Differance)- stellen sie nur selber mal in einem pointierten Text eine These vor (zum Beispiel in der Carte Blanche des mamablog) und sie werden sehen.
Selber denken und sich hinstellen und das zu vertreten ist schwieriger.

Über ihr eigenes Schreiben enthielten diese Kommentare vor allem einen aufschlussreichen Satz:

[…] Aber ich arbeite in der Unterhaltungsbranche.

So muss man wohl auch den neuesten Text von Frau Binswanger verstehen, wo sie mal wieder (mit einem autobiographischen Argument) die gute alte Rollenteilung beschwört:

In fast allen Familien tragen fast ausschliesslich die Mütter die emotionale Verantwortung. Genau so, wie die Väter meist ungefragt fürs Finanzielle einzustehen haben.

Natürlich sagt Michèle Binswanger nicht, es soll so sein. Aber zumindest suggeriert ihr Text, dass das der Normalfall sei. Kritisieren kann man es nicht, denn, Achtung:

Wahrscheinlich ist das alles wissenschaftlich erklärbar.

Dabei bezieht sie sich auf eine Hormonstudie, in der Hormonlevel auf ihren Zusammenhang mit gewissen Verhaltensweisen gegenüber Säuglingen untersucht worden sind.

Meine Kritik daran, so klar wie möglich formuliert: Das ist naiver Biologismus. Menschen sind weder von ihren Genen noch ihren Hormonen in ihrem Verhalten bestimmt. Und auch nicht von ihrer Umgebung. Sondern in ihrer Interaktion mit ihrer Umgebung entwickelt sie gewisse Anlagen und Verhaltensweisen, welche durchaus biologisch beeinflusst sind. Soziale Rollen wie »Mutter« und »Vater« sind nicht biologisch gegeben, sondern können verändert und angepasst werden – und sollen auch angepasst werden, vor allem, wenn offenbar die Inhaberinnen der Rolle »Mutter« unter ihrer »emotionalen Verantwortung« leiden. Mein Fazit: Michèle Binswanger soll in ihrem Mamablog Frauen ermutigen, sich gegen etablierte oder gebacklashte Muster zu wehren, anstatt sie pseudo-wissenschaftlich zu zementieren.

* * *

Aber offenbar findet Feminismus nur noch zwischen Frauen statt, die sich gegenseitig Dreinreden – oder ist dann eine Folie für Männer, welche alles Ungemach in ihrem Leben einer Bewegung zuschreiben möchten (und sogar vom Kommentieren des Mamablogs ausgeschlossen werden).

* * *

Wie von Michèle Binswanger angeregt habe ich einen Carte-Blanche-Beitrag geschrieben, aber nicht einmal eine Eingangsbestätigung erhalten. Deshalb publiziere ich ihn hier:

Von »Meitli« und »Buebe« – oder Gender Mainstreaming auf dem Spielplatz

Ringe ringe reie,
d Meiteli gönd i d Meie
D Buebe gönd i d Haselnuss
und mached ali
usch husch husch

Ringe ringe reie,
d Chinder gönd i d Meie
Si tanze ume Holderstock
und mached ali Bodehock.

»Es gibt keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit.« Damit beginnt die Definition von gender mainstreaming auf der Seite der Stadt Wien, die gender mainstreaming zu einer Priorität gemacht hat. Was heißt das? Soziale und strukturelle Unterschiede zwischen den Geschlechtern sollen sichtbar gemacht und beseitigt werden. Klingt radikal und utopisch – setzt aber bei Details an: So werden beispielsweise auf Exit-Schildern Frauen mit langen Haaren abgebildet anstatt Männern oder spezielle Elternplätze im öffentlichen Verkehr durch ein Schild markiert, auf dem ein Mann mit einem Kind zu sehen ist.

Was in Wien eine politische Entscheidung ist, die auf allen Ebenen der Politik umgesetzt wird (z.B. auch in der Stadtplanung und –entwicklung), könnte in der Schweiz auf dem Spielplatz beginnen. wie im eingangs zitierten Lied finden Begegnungen unter Kindern immer in einem in Bezug auf Geschlecht markierten Kontext statt: Auf der Schaukel sitzt entweder »es Meitli« oder »en Bueb«, aber nie »es Chind«: »Muesch warte, bis s Meitli fertig isch mit Schaukle.«

Das mag zunächst völlig vernünftig klingen – bis man sich überlegt, was man damit überhaupt ausdrückt: Die Erwachsenen verweisen darauf, dass andere Erwachsene das betreffende Kind so gekleidet und frisiert haben, dass das natürliche Geschlecht nach aussen hin sichtbar wird. Nicht selten werden Eltern bis ihre Kinder zwei sind gefragt, ob ihr Kind denn ein Mädchen oder ein Knabe sei – eine Frage, die an Judith Butler erinnert, die darauf hingewiesen hat, der freudige Ausruf »It’s a girl/boy!« bei der Geburt bzw. beim Ultraschall sei nicht eine Beschreibung einer Realität, sondern die Aufforderung, eine Realität herzustellen: Dieses Baby muss das werden, was wir uns unter einem Mädchen oder unter einem Knaben vorstellen.

Und genau das passiert auf dem Spielplatz. Kleine Kinder hätten die Chance, einander in einem geschlechtsneutralen Kontext zu begegnen. Mädchen und Knaben unterscheiden sich nämlich als Kleinkinder in keiner Hinsicht – wenn man davon absieht, dass sich Mädchen geistig und physisch schneller entwickeln.

Die Forderung bzw. die Verbesserung wäre die: So oft wie möglich Kleinkinder geschlechtsneutral behandeln. In ihnen nicht kleine Frauen oder kleine Männer mit Anlagen zu den prototypischen Eigenschaften von Frauen und Männern sehen – sondern Kinder. Sie deshalb auch als Kinder bezeichnen und nicht als Mädchen oder Knaben. Und sie auch wie Kinder kleiden – und nicht als Mädchen oder Knaben verkleiden. Und sie Unterschiede selber entdecken lassen, wenn es sie denn gibt.

* * *

P.S.: Frauenfeindlichkeit gibt es im Internet nicht.

Die Genderdebatte – und Das Magazin

Das Magazin des Tagesanzeigers scheint sich dem Thema Gender annehmen zu wollen – wie das der Tagi mit dem unsäglichen Mamablog schon länger tut. Warum unsäglich? Nehmen wir als Beispiel den neuesten Post:

Ja, wir funktionieren anders. Während Frauen sich geliebt fühlen, wenn Männer ihnen zuhören und auf sie eingehen, fühlt sich der Mann geliebt, wenn die Frau Sex mit ihm will und es geniesst. Über Gefühle redet er aber nicht gern. Ja, er legt es in Konfliktsituationen sogar darauf an, sie zu verbergen. Während wir Frauen über Dinge reden und unsere Gefühle zeigen wollen, schaltet der Mann bei auftauchenden Problemen sofort in den Analysemodus.

Solche Aussagen machen die Schreibenden (hier Michèle Binswanger) immer unter dem Vorbehalt, über Klischee bestens Bescheid zu wissen und diese keinesfalls wiederholen zu wollen, und unter der Annahme, sich auf so etwas wie die Realität zu beziehen. Darüber hinaus haben solche Texte den Anspruch, eine Art Vereinfachung für die Geschlechter zu schaffen: Indem der Mann endlich einsieht, dass er zu keiner anderen Liebe fähig ist als zur sexuellen, hört er auf, immer so verkrampft über Gefühle sprechen zu wollen, ohne es zu können – und indem die Frau merkt, dass Gefühle eine Welt ist, in der nur sie sich auskennt, verschont sie den Mann mit den Themen, für welche eine beste Freundin herhalten muss, und ergo: Ihre Beziehung verbessert sich. Solche Texte (und das schwingt immer mit) befreien uns von einem Hardcorefeminismus, der nicht nur realitätsfremd war (weil eben Männer und Frauen doch unterschiedlich sind, unterschiedlich sein müssen), sondern in seinen Forderungen auch letztlich nicht wünschenswert, denn Frauen wollen ja eigentlich nichts anderes als Mütter sein und Männer nichts anderes als Ernährer.

Ganz ähnlich arbeitet Birgit Schmid in ihrem Artikel über den »Mann als Amateur« im Magazin (und dann, eine Woche später, Roten in ihrer Kolumne). Sie konstruiert (wie auch Binswanger) ein Bild von »der Mann«, der, wenn er denn je wieder zu seinem wahren Kern, seinem inneren Mann zurückfindet, so viel besser wäre als Männer, die meinen, sich in die Domäne von Frauen begeben zu müssen und Gespräche führen oder – Gipfel der Peinlichkeit – Kinderwagen stossen. Mit diesen Männern, den richtigen, wahren, echten, mit denen macht auch Sex endlich wieder Spass, für »die Frau«.

Warum ist das eine unreflektierte, ja eigentlich gar dumme Position? Erstens, weil den so Schreibenden klar ist, welche – für alle Betroffenen äußerst negativen – Ausschlussverfahren Normierungen zur Folge haben – und dennoch gerade wieder so eine Norm schaffen. Was ist denn, wenn ich ein Mann bin, der halt nicht so gern in Lagerfeuer uriniert? Bin ich dann weniger wert? Will »die Frau« sich dann weniger auf mich einlassen? Und was ist, wenn ich gar nicht will, dass sich Frauen auf mich einlassen, sondern auf Männer stehe? Bin ich dann auch kein richtiger Mann. Und was ist mit der Frau, die irgendwie auf Männer steht, welche Bücher lesen?

Zweitens werden hier Bilder kreiert, welche mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. In Texten, welche die Differenz zwischen den Geschlechtern betonen, werden immer gewisse Studien zitiert. Dabei wird nicht beachtet, dass diese Studien gerade solche Ergebnisse erzielen, weil sie von Anfang an annehmen, es gäbe eine Geschlechterdifferenz. Zweitens können diese Studien auch nichts darüber aussagen, inwiefern diese Geschlechterdifferenz das Resultat eines sozialen Normierungsprozesses ist (ich merke als Mann irgendwann, dass der normierte Mann halt gern in Lagerfeuer pisst und fange ergo auch damit an, unabhängig von meinen diesbezüglichen Präferenzen).

Und drittens wäre zu fragen, welche Effekte denn solche Texte erzielen. Implizit versuchen sie wohl einen Schaden gutzumachen, welche »uns« der Feminismus zugefügt hat – und »uns« dazu zu verhelfen, ein zufriedeneres Leben zu führen. Dabei wird ein Bild vom Feminismus entworfen, wie es vielleicht in der CDU der 50er-Jahre wahrgenommen worden ist. Die Grundthese des Feminismus lautet: Sowohl soziale wie auch biologische Geschlechterdifferenzen sind das Resultat eines Konstruktionsvorgangs. Graduelle Unterschiede (bezüglich biologischer Ausstattung, Hormone, Eigenschaften) existieren zwischen den Individuen, nicht aber zwischen zwei mit Geschlechter zu bezeichnenden Gruppen von Menschen.

Und das wäre doch die letztlich befreiende Einsicht. Ich pisse gern in Lagerfeuer, weil ich gerne in Lagerfeuer pisse und nicht weil »der Mann« das gerne tut. Und eine Frau rasiert sich dann die Beine, wenn sie das Gefühl von glatten Beinen schätzt oder sonst einen guten Grund dafür findet – nicht aber, weil sie mit unrasierten Beinen nicht einem Bild von einer unbehaarten Frau entspricht (so viel zur »Natürlichkeit« von Geschlechtermerkmalen).

Und dann, wenn man Das Magazin schon seufzend zur Seite legen will, schreibt Daniel Binswanger doch noch etwas Kluges. Über französischen Feminismus. Und über die Frage, ob sich eine Frau über ihre Rolle als Mutter definieren muss oder soll. Und zeigt uns auf, wie so etwas scheinbar »Natürliches« wie Mutterschaft und Stillen enormen historischen Schwankungen unterliegt (immer mit so genannt wissenschaftlichen Erkenntnissen verbunden, notabene) – und so deutlich macht, wie willkürlich so viel von dem ist, was wir gar nicht mehr überdenken. Wie viel möglich wäre. Danke, Daniel Binswanger.