Clint Eastwood – Koeppel führt ein »Kreuzverhör«

Nach der Kränkung, die Roger Köppel durch die Ausladung aus der Arena erfahren hat, erscheint nun heute in der Weltwoche das große Interview mit Burkhalter. Nein, kein Interview, ein »Kreuzverhör« führen Urs Paul Engeler (zweiter Vorname ausgeschrieben!) und Roger Köppel durch. Sie vertreten wohl in diesem Prozess den »Freisinn« und wollen nun herausfinden, ob sich Didier Burkhalter des Nicht-Freisinns schuldig gemacht hat.
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Nach der Lektüre dieses Interviews bewundere ich Burkhalter, nachdem ich zunächst gedacht habe, er sei eine mediokre Wahl (und am Sonntag sogar (hier) eine katholische Predigt mit dem Inhalt Didier Burkhalter gehört habe, was vielleicht zu diesem Eindruck beigetragen hat). Auf die oft abstruse Zusammenhänge beschwörenden Fragen antwortet er rhetorisch sensationell:

Nein, das ist falsch.
Von mir aus können wir nächste Woche zusammen in die «Arena» gehen.
Ich habe das schon intensiv diskutiert.
Sie wollen zu einseitige Antworten.
Es ist komplexer.
Ich muss natürlich aufpassen, was ich sage, weil ich bereits für den Bundesrat spreche.
Das stimmt nicht.
Das glaube ich nicht.
Es stimmt nur zum Teil.
Das ist Polemik.
In dieser Absolutheit würde ich den Satz nicht unterschreiben.
Sie suchen etwas zu weit. Ich bin nicht so komplex.

Die Frage: »Wie freisinnig ist der neue FDP-Bundesrat Didier Burkhalter?« kann, folgt man Koeppel, offenbar an folgenden Punkten gemessen werden:

  1. Viel Staat oder wenig Staat, wobei viel Staat Sozialwerke, wenig Staat keine Sozialwerke heißt.
  2. Banken verkleinern (das sollte wohl ohne Staat gelingen).
  3. Keine Auslandeinsätze des Militärs.
  4. Keine Annäherung an die EU.

Dass das keine freisinnige Haltung ist, sondern der Ausrichtung der Weltwoche entspricht, gibt Burkhalter ganz fein zu verstehen: »Aus dem Sekretariat habe ich vernommen, die «Arena» habe Experten einladen wollen, Sie aber, Herr Köppel, seien kein Experte, sondern fast schon ein Politiker.«

Die wirren Aussagen Köppels zur IV-Vorlage und Ähnlichem können getrost unkommentiert bleiben, wer von »Leistungsgesellschaft« und von einer Ausdehnung des »Begriffs Krankheit« redet, hat wohl zunächst nicht verstanden, dass es bei der Vorlage um eine Sanierung der IV geht und nicht um eine Ausdehung ihrer Zahlungen, und darüber hinaus keine Vorstellung davon, was es heißt, invalide zu sein.

Aber der Schluss des Interviews muss im Wortlaut wiedergegeben werden:

In Interviews haben Sie Ihre Faszination für den Action-Schauspieler Clint Eastwood erwähnt. Eastwood verkörperte mundfaule Revolverhelden, die im Ernstfall das Recht mit der 45er-Magnum durchsetzen. Lebt der Konsenspolitiker Burkhalter mit Eastwood seine tiefsten, unerfüllten Machtfantasien aus?

Sie suchen etwas zu weit. Ich bin nicht so komplex. Eastwoods beeindruckendster Film handelt von den Amerikanern und den Japanern im Zweiten Weltkrieg. Die gleiche Schlacht wird aus doppelter Perspektive erzählt. Dieses Einfühlungsvermögen ist unglaublich.

Köppel (oder Engler) weiß offenbar nicht, dass Eastwood wirklichen Erfolg erst als Regisseur gehabt hat (und auch in den 70er-Jahren eine Rolle gespielt hat). Als ursprünglicher Republikaner und Unterstützer von Nixon hat sich seine politische Haltung gewandelt: Er ist weiterhin gegen zu starke Ausgaben des Staates, aber für Gratismedikamente, ist für persönliche Freiheiten, auch das Recht auf Abtreibung, und als Kriegsgegner aufgetreten. Er ist sogar für moderate Kontrolle im Bereich Waffenbesitz, sagt aber über sich selber, er sei »too individualistic to be either right-wing or left-wing« [Quelle]. Und das ist doch mal eine schöne politische Haltung, die sich Herr Köppel an der Stelle der unsäglichen Sozialismusvergleiche und -vorwürfe mal durch den Kopf gehen lassen könnte.

»Lässliche Sünden«

In einer Rezension von Eva Menasses neuem Erzählband, Lässliche Todsünden, heißt es heute in der NZZ:

Damit bestätigen Menasses Texte Beobachtungen des deutschen Soziologen Gerhard Schulze, dem in «Die Sünde» (2006) die Lehre von der Abtötung des Fleisches im Dienste des Seelenheils als Kontrastmittel diente, um den westlichen Lebensstil kenntlich zu machen, und der veränderte Bezugspunkte konstatierte: Heute sündigt man nicht mehr gegen Gott, sondern gegen die anderen oder sich selbst.

Das ist ein interessanter Ausgangspunkt. Schon nur die Frage, was denn eine »lässliche Sünde« sei, gibt einiges her. Im Katechismus der Katholischen Kirche heißt es:

Die Sünden sind nach ihrer Schwere zu beurteilen. Die schon in der Schrift erkennbare [Vgl. 1 Joh 6,16-17] Unterscheidung zwischen Todsünde und läßlicher Sünde wurde von der Überlieferung der Kirche übernommen. Die Erfahrung der Menschen bestätigt sie.

Die Todsünde zerstört die Liebe im Herzen des Menschen durch einen schweren Verstoß gegen das Gesetz Gottes. In ihr wendet sich der Mensch von Gott, seinem letzten Ziel und seiner Seligkeit, ab und zieht ihm ein minderes Gut vor.

Die läßliche Sünde läßt die Liebe bestehen, verstößt aber gegen sie und verletzt sie. […]

Eine läßliche Sünde begeht, wer in einer nicht schwerwiegenden Materie eine Vorschrift des Sittengesetzes verletzt oder das Sittengesetz zwar in einer schwerwiegenden Materie, aber ohne volle Kenntnis oder volle Zustimmung übertritt.

Die Definition der schwerwiegenden Sünde (Verstoß gegen 10 Gebote), also der Todsünde, formuliert sehr schön den Zusammenhang zwischen einem Verstoß gegen »das Gesetz Gottes« und der Wirkung, der Zerstörung der »Liebe im Herzen des Menschen«. Während der Theorie von Schulze zu sagen scheint, dass man in der Moderne nicht mehr gegen Gottes Gesetz verstoßen könne, sondern nur noch gegen individuelle oder soziale Normen, also immer noch die »Liebe im Herzen« – entweder bei sich selber oder bei anderen – zerstören könne, unterläuft Manesses Titel den Zusammenhang zwischen der Art des Verstoßes und der Schwere des Vertoßes: Und Todsünden werden läßlich.

Das der interessante Befund. Dazu zwei Bemerkungen:

  1. »Die Erfahrung der Menschen«, so der Katechismus, bestätige die Unterscheidung der Sünden. Und ja – das ist auch ohne Glauben noch so. Sünden, die man vergeben kann, für die man sich entschuldigen kann – sind lässlich. Alle anderen nicht. Und wie ich an dieser Stelle immer wieder betont habe, lässt sich eine Gesellschaft an den Verfahren beurteilen, die sie Umgang mit nicht-lässlichen Sünden entwickelt hat und praktiziert.
  2. Der individuelle oder soziale Bezugrahmen ist für die Beurteilung von Sünden deshalb problematisch, weil er a) zu klein gehalten ist und b) die Natur nicht berücksichtigt. Mit dem Auto anstatt mit dem öffentlichen Verkehr zu fahren scheint wenn überhaupt eine Sünde eine läßliche zu sein. Man verletzt weder sich selber noch einen anderen Menschen – verbraucht aber unnötig Ressourcen und schädigt die Umwelt irreversibel; ohne deswegen moralisch belangt werden zu können (oder sich selber zu belangen).
    Auch die Auslagerung von Armut und Zwangsarbeit und whatnot in Entwicklungsländer erfüllt nicht den Tatbestand einer Sünde: Weil man davon gar nichts mitbekommt und diese Menschen nicht in einem sozialen Bezugsrahmen stehen, dem wir uns verpflichtet fühlen.