Sozialisation durch Adventskalender

Genießen muss erlernt werden – wie der Umgang mit Wünschen, ihrer Erfüllung, mit Bedürfnissen und Begierde. In der kapitalistischen Gesellschaft gibt es einen grundsätzlichen Widerspruch, der durch die Sozialisation überwunden werden muss: Menschen werden durch ihr Streben nach Wunscherfüllung motiviert und getrieben, sie dürfen sich aber darin nicht verlieren, um produktiv zu bleiben. Sie müssen lernen, ihre Wünsche diszipliniert zu erfüllen, ihre Befriedigung aufzuschieben, ihre Begierde zu zähmen. Begierde muss konstruktiv sein, nie destruktiv. Faust, dem Mephisto zur Seite steht, wird zum Junkie, für den nach jedem High die Suche nach dem nächsten Schuss kommt:

So tauml‘ ich von Begierde zu Genuß,
und im Genuß verschmacht ich nach Begierde.
— Faust I, Wald und Höhle

Idee Tom Bulmer, Society6

Idee Tom Bulmer, Society6

Adventskalender sind ein schönes Beispiel für die kapitalistische Sozialisation. Hinter jeder Tür verbirgt sich eine partielle Erfüllung einer Begierde, die aber immer eine Leere hinterlässt, die nur die nächsten Türen stopfen könnten, wenn nicht schon klar wäre, dass sie alle nur die Zeit bis zum absoluten Genussfest, Weihnachten, überbrücken. Immer wieder liest man lustige Kolumnen, die sich um die Fantasie drehen, den ganzen Adventskalender auf ein Mal zu öffnen. Die Fantasie zeigt, wie schwer die Disziplinierung fällt, das Erlernen des ewigen Aufschubs und das Portionieren des Genusses.

Um genießen zu können, braucht es immer ein Opfer, das Opfer des Verzichts, des Aufschubs. Nicht umsonst sind die Kinder die erfolgreichsten in unser Gesellschaft, die Genuss am längsten aufschieben können, gezeigt hat das ein Experiment, in dem Genussverzicht zu mehr Genuss führen könnte: Man präsentiert Kindern wenig Schokolade oder Marshmallows und verspricht ihnen viel mehr, wenn sie nur mit dem Verzehr warten. Dann misst man, wie lange sie das aushalten.

Natürlich darf man fragen, ob das nicht die Natur des Genusses ist, ob menschliche Begierde nur so und nicht anders funktionieren kann. Oder ob das überhaupt schlimm ist. Ich weiß es nicht. Manchmal wünschte ich mir, dass Menschen einfach tun, wozu sie Lust haben. Ihre Begierden nicht zähmen, ihre Lusterfüllung nicht disziplinieren. Aber natürlich bin ich gerade im Adventskalenderstress und sollte nicht übergeneralisieren…

Ein Gedanke zur Verantwortung

In vielen Bereichen denken wir ausgehend von einem simplen Handlungsmodell: Wir tun etwas aus uns bekannten Gründen, diese Handlung hat absehbare Folgen. Für diese Folgen würden dann Erwachsene die Verantwortung übernehmen.

Dieses Denken wäre die Basis eines liberalen Denken, wie das Titus Sprenger in seinem Blogpost aufzeigt: Staaten sollen Menschen möglichst das tun lassen, was sie tun wollen – weil sie dann auch die Verantwortung übernehmen müssen.

Betrachtet man die heutige Welt, so muss man an allen Prämissen dieses Handlungsmodells zweifeln:

  1. Sind den Menschen die Gründe für ihr Handeln wirklich bekannt? Ist es nicht vielmehr so, dass wir uns von unbewussten Prozessen steuern lassen und viele Bedürfnisse als eigene empfinden, die uns von aussen vorgegeben werden?
  2. Können Menschen die Folgen ihrer Handlungen wirklich abschätzen? Hat unser Handeln nicht an Orten Folgen, die wir gar nicht kennen, die aber mit unserer Lebenswelt auf eine kaum bemerkbare Weise verknüpft sind?

Meiner Meinung nach wird es immer schwieriger, Verantwortung zu übernehmen. Peter Hogenkamp hat in seinem Blog drei Beispiele aufgelistet, die zeigen sollen, wie gut der Kapitalismus funktioniere und Menschen zum produktiven Handeln animieren könne. In einem der Beispiele gibt Hogenkamp jemandem Geld, damit diese Person ihm ein iPhone 4S kauft. Hogenkamp will ein iPhone, die Person will Geld: Indem sie beides tauschen, erhalten beide, was sie wollen. Beide können für diese Handlung die Verantwortung übernehmen. So das herkömmliche Modell. 

Betrachten wir das genauer, so ist zunächst unverständlich, warum man ein iPhone 4S haben will. Hogenkamp hatte sicher ein total tolles Smartphone, mit dem er sämtliche kommunikativen Bedürfnisse befriedigen konnte. Sein Lieferant hat wohl auch viele Bedürfnisse, was er mit seiner Zeit anfangen könnte, ist jedoch bereit darauf zu verzichten, um Geld zu bekommen, mit dem virtuell weitere, noch unbekannte Bedürfnisse befriedigt werden können.

Das der weniger problematische Teil. Die Auswirkungen der Handlungen sind jedoch folgende: Es gibt eine große Nachfrage nach iPhones. Diese Nachfrage wird als Grund genommen, weitere solche Geräte herzustellen. Diese Herstellung erfolgt unter Bedingungen, die wohl weder Hogenkamp noch sein Lieferant verantworten wollen. Beide würden aber auf diesen Vorwurf entgegnen, sie hätten nichts mit den konkreten Arbeitsbedingungen der Menschen bei Foxconn zu tun.

Die Frage wäre aber dann: Wer verantwortet diese Arbeitsbedinungen?

  • Apple kauf diese Geräte nur ein.
  • Alle Mitarbeitenden von Apple handeln im Auftrag der Aktionäre.
  • Die Aktionäre können nichts kontrollieren.
  • Die Kunden von Apple kaufen Geräte, die es ja schon gibt, die stehen schon in den Regalen oder werden irgendwo bestellt.
  • Die Chefs bei Foxconn schaffen Arbeitsstellen, die verglichen mit Arbeitslosigkeit mehr Lebensqualität ermöglichen.
  • Die Mitarbeitenden müssen ihre Familien ernähren.
Fazit: Verantwortung wird in komplexen so diffus, dass es sie eigentlich gar nicht mehr gibt. Das Konzept spielt keine Rolle mehr, weil es die Möglichkeit, eine Handlung in einem umfassenden Sinne zu verantworten, gar nicht mehr gibt. Wir leben so in einer ewigen Jugend – getrieben von den Bedürfnissen einer Gruppe und getragen von einer Blase von reduzierter Verantwortung.

Wie der Kapitalismus geflickt werden kann – oder über eine zu wenig beachtete Idee

Der überzeugende Mechanismus am Kapitalismus bzw. an einem Markt ist der Mechanismus, mit dem Güter von einer Person zu einer anderen übergehen: Eine Transaktion findet genau dann statt, wenn beide Personen die Bewertung der Güter in der Transaktion zufriedenstellend finden. Mit anderen Worten: Menschen können ihre Interessen dann umsetzen, wenn sie stark genug sind.

Dennoch ist der Kapitalismus ein zutiefst ungerechtes System. Global gesehen herrscht eine mit den Mechanismen des Marktes nicht zu erklärende Ungleichheit, in den letzten Jahren wurden Arme immer ärmer und Reiche immer reicher – ohne dass das auf ihre Leistung oder ihre Interessen zurückzuführen wäre. Die folgende Grafik von Mother Jones zeigt nicht nur die enorme Ungleichheit (in den USA besitzen die reichsten 10% zwei Drittel aller Vermögen, die reichsten 20% 85%), sondern auch, dass diese Ungleichheit den meisten Menschen nicht bewusst ist.

Vermögensverteilung in den USA: Real, Einschätzung, Wunschverteilung. Quelle: Mother Jones Die Effekte, welche den Kapitalismus ungerecht erscheinen lassen, haben eine gemeinsame Quelle: Der Besitz von Grundstücken. Wir wissen nicht mehr, wer die Grundstücke, welche heute genutzt werden, zum ersten Mal in Besitz genommen hat. Aber allein der Vorgang, ein Grundstück in Besitz zu nehmen, so dass alle andern es nicht mehr nutzen können, mutet seltsam an. (Auch die Begründung, welche die Besitztheorie von Locke liefert, dass einem nämlich all das gehöre, womit sich die eigene Arbeit vermischt habe, vermag den Eindruck der Ungerechtigkeit nicht zu zerstreuen: Warum gehört dem Bauer nicht nur das Getreide (mit dem sich seine Arbeit vermischt hat), sondern auch der Boden, auf dem es wächst – und zwar für immer, auch wenn er nicht mehr darauf arbeitet?)

Es gibt für das Problem eine einfache Lösung – eine Lösung, die genau so viel Beachtung verdient wie die Idee des Bedingungslosen Grundeinkommens und die der Commons.

Die Lösung bzw. die Idee wird von Jürg Inniger vertreten. Er stellt sie in einem lesenswerten PDF anschaulich vor – und engagiert sich seit Jahren dafür. Er geht von einer einfachen Frage aus:

Wem gehört die Welt?

Die Antwort ist eben so einfach: Allen Menschen zu gleichen Teilen – im Idealfall. Der Vorschlag, der unter dem Namen »Projekt Hugo« auf start-hugo.com läuft, basiert auf diesem Grundsatz.

Die Idee kann an einem Beispiel gezeigt werden:

  1. Ich möchte am Bahnhof Hardbrücke einen Hot-Dog-Stand errichten und brauche dafür ein passendes Grundstück.
  2. Das Grundstück wird an alle Interessierten für ein Jahr versteigert.
  3. Biete ich am meisten, so darf ich es ein Jahr lang exklusiv nutzen.
  4. Das dafür bezahlte Geld (»Entschädigung«) wird unter allen Menschen aufgeteilt – weil die ja nun das Grundstück nicht nutzen können.
  5. Sobald ich nicht mehr bereit bin, die höchste Entschädigung für das Grundstück zu zahlen, übernimmt jemand anderes mein Grundstück.
  6. Nun befindet sich aber auf dem Boden auch mein Hot-Dog-Stand (und meine Idee, gerade an diesem Ort Hot-Dogs zu verkaufen).
  7. Diesen Hot-Dog-Stand kann ich beliebig bewerten (und mein Nachfolger muss ihn mir abkaufen, wenn er das Grundstück übernehmen will) – allerdings beeinflusst dieser Preis direkt auch die Entschädigung, die ich für das Grundstück zahlen muss.
  8. Ich kann also nicht den Preis des Standes künstlich hoch halten, nur damit niemand das Grundstück übernimmt. Und niemand kann mir einfach das Grundstück wegnehmen, ohne mich für meine geleistete Arbeit (Konzeption und Bau des Standes) fair zu entschädigen (ich lege den Wert selbst fest).

Jürg Inniger drückt seine Idee wie folgt aus:

Zusammengefasst könnte man Land nicht mehr kaufen und besitzen – sondern die Allgemeinheit dafür entschädigen, dass man Land exklusiv nutzt. Jede Person auf der Welt würde gleich viel erhalten (alle Entschädigungen geteilt durch Anzahl Menschen) und diesen Betrag für eigene Exklusivnutzungen ausgeben.

Dazu sind ein paar Bemerkungen zu machen:

  • Mit einer transparenten, gerechten Lösung für Grundstücke ist auch eine transparente, gerechte Lösung für Ressourcen (Erdöl, Wasser etc.) verbunden: Die exklusive Nutzung des Landes sichert auch den Zugang dazu – aber alle Menschen werden dafür entschädigt.
  • Die Idee funktioniert im Idealfall global.
  • »Projekt Hugo« hebt keinen anderen Mechanismus auf:
    a) es gibt weiterhin Raumplanung, so dass gewisse Grundstücke nicht exklusiv genutzt werden können
    b) es gibt weiterhin Steuern, Sozialleistungen, Umverteilung etc.
  • Vom Konzept würden die Menschen, die heute unterdurchschnittlich viel Grund exklusiv nutzen, profitieren (90% der Bevölkerung), der Rest müsste auf etwas verzichten, was er heute beansprucht.
  • Der administrative Aufwand für die Versteigerungen etc. ließe sich mit der heute bereits bestehenden Verwaltung von Grundstückeigentum problemlos bewältigen (Grundbuchämter plus Internet).
  • Die Idee geht zurück auf die »single tax on land« von Henry George (1879), ähnliche Konzepte wurden auch schon als Steuersysteme verwendet, vgl. »land value tax«.

Was ich mir nun wünsche, wäre eine anregende Diskussion (zur vertieften Lektüre sei der anschauliche Artikel aus dem Magazin 36/2006 von Markus Schneider empfohlen, der hier als PDF gelesen werden kann): Welche Probleme würde dieser Vorschlag verursachen? Welche Chancen hält er bereit? Könnte er umgesetzt werden – wie, wo, warum nicht? Wie verhält er sich zur Idee der Commons und zum BGE? Warum sprechen nicht mehr Menschen darüber? 

Zur Überwindung des Kapitalismus

Die Nachrichten aus Nordafrika, so erschütternd oder bewegend sie sein mögen, zeigen zunächst, wie wenig Ahnung ich von politischen Prozessen in eigentlich nahe gelegenen Ländern habe. Die Frage, weshalb gerade jetzt Diktatoren, die Jahrzehnte im Amt waren, gestürzt werden, mag eine komplexe sein: Letztlich denke ich jedoch, dass solche Revolutionen primär durch wirtschaftliche Auslöser gestartet werden (vgl. z.B. Paul Krugmans Erörterung der Zusammenhänge zwischen den Ereignissen in Ägypten und dem Klimawandel): Leute sind nur dann bereit, Regierungen zu stürzen, wenn sie sich bessere wirtschaftliche Verhältnisse erhoffen. So edel die Forderung nach Demokratie klingen mag – zunächst geht es wohl darum, dass es für alle erschwinglich ist, möglichst viele Grundbedürfnisse zu decken.

Nun könnte man denken, dass also die Forderung nach Demokratie immer auch eine Forderung nach Kapitalismus ist – weil dieses System es allen ermöglicht, so die Theorie, gemäss ihrer »Leistung« entschädigt zu werden. Und das, so das Axiom, ist es, was alle Menschen wollen.

Was alle Menschen wollen, muss aber präziser gefasst werden: Sie wollen, dass es ihnen und den ihnen wichtigen Menschen möglichst gut geht. Alles andere interessiert sie wenig – ob dieses Wohlergehen auf einer Leistung basiert, ob dieses Wohlergehen mit dem Leiden anderer Menschen verbunden ist, ob dieses Wohlergehen die Natur zerstört. Man mag das ein pessimistisches Menschenbild nennen, das ist es wohl auch.

Nun kann man natürlich argumentieren, dass der Kapitalismus besser als jedes andere System in der Lage ist, möglichst vielen Menschen das zu geben, was sie wollen. Diese Sicht ist aber äußerst euro- oder amerikazentrisch: Sie erfordert, dass man ausblendet, wer unsere Kleider näht, unsere Laptops baut, unsere Rohstoffe abbaut, wessen Meere für uns leergefischt werden und welche Urwälder für uns abgeholzt werden. Blendet man all das ein, merkt man, dass der Kapitalismus wohl wenigen Menschen das gibt, was sie wollen – aber sehr vielen eine Rolle zuweist, die sie nicht wollen.

Diesen Menschen müsste man also sagen, was Bernd Ulrich in der Zeit in Bezug auf die Flüchtlinge aus Tunesien schreibt:

Im Kern sagen wir all den armen Flüchtlingen da draußen in der Welt, dass wir sie fernhalten dürfen, weil wir es wollen, dass wir es tun, weil wir es können. Aus schlichtem Egoismus, der menschlich verständlich, aber nicht sehr menschlich ist, den wir auch nur durchhalten können, weil wir ihn den Flüchtlingen nicht ins Gesicht sagen müssen. Und eben weil es das Schweigekartell gibt, das Verdrängen der unmoralischen Seite unseres Lebens durch Geschäftigkeit.

Die Forderung, der Kapitalismus müsse überwunden werden, steht in diesem Kontext nicht als eine illusorische Vision da, sondern als die logische Reaktion auf eine Bestandesaufnahme mit offenen Augen – unter Einbezug aller Variablen. Die Forderung mag nicht opportun sein und sie mag nicht das sein, was Menschen gerne hören, die sich in ihrem Einfamilienhaus die Füsse an der Bodenheizung wärmen. Aber sie ist konsequent und mutig.

Und sie muss den dummen Einwand, Überwindung des Kapitalismus bedeute Kommunismus und der habe historisch noch keine glänzenden Resultate gezeitigt, nicht fürchten: Welche grossartige Bilanz kann denn der Kapitalismus aufweisen? Hat er Kriege verhindert, hat er Leiden verhindert, hat er den Welthunger beseitigt? Und warum kann der Kapitalismus nur auf eine bestimmte Art überwunden werden, deren negative Auswirkungen man zur Genüge kennt? Kann eine Vision nicht ein Ziel benennen, ohne den konkreten Weg später zu erarbeiten?

Was zu Kommunismus und Kapitalismus – und zum Leistungsschutzrecht

Mal sehen, ob ich das alles in einem Post zusammenbringe.

  1. Also, zunächst habe ich bei den Telekommunisten dieses Dokument studiert. Die spannende These: Das »kommunistische Internet« (nur verstanden als klassen- und staatenloses Internet) wird durch ein »kapitalistisches Internet« vertrieben, in dem die Besitzenden des Kapitals nicht produzieren müssen, sondern andere für sich produzieren lassen.
    Diese These wird durch den Umbruch von ursprünglichen Idee des Internets, dass sich jede(r) mit jeder/m verbinden konnte, hin zu einem Client-Server-Internet in dem alle Inhalte in kapitalistische Kontexte eingebunden sind (Facebook, Google, Twitter). Während das Internet von Universitäten und Hackern entwickelt worden ist, »gehört« es heute dem Kapital. Und zum Kapitalismus noch ein schönes Zitat aus dieser Übersicht:

    The law-giver and the capitalist always compare our wages with the wages of other labourers; and without adverting to what we produce, which seems the only criterion by which we ought to be paid, we are instantly condemned as insolent and ungrateful if we ask for more than was enjoyed by the slave of former times, and is now enjoyed by the half-starved slave of other countries. (Thomas Hodgskin 1825)

  2. Google ist der neue Kapitalismus. Bei Schauen des unten stehenden Films (den ich für reichlich übertrieben halte, aber Conspiracy-Theories funktionieren ja wohl so, vgl. den schönen Text von Nico Luchsinger) wurde mir klar, dass Google gleich wie der Kapitalismus in der Lage ist, jede Form des Widerstands zu integrieren. Gab es schon knapp ein Jahr nach dem Aufkommen der Punk-Bewegung in Zürich Punk-Accessoires zu kaufen, so finden sich heute die Filme der Google-Gegner auf Googles Plattform Youtube, man findet die Thesen des Widerstands mit der Google-Suchmaschine etc.
  3. Und zum Schluss noch Döpfner. In der heutigen NZZ verteidigt der Vorstandsvorsitzende des Axel Springer Verlags den deutschen Vorstoss zum Leistungsschutzrecht. Was ist das? Das ist die Idee, dass die Leistung der Verlage zusätzlich zum Urheberrecht geschützt werden muss. Und zwar durch eine Verwertungsgesellschaft, ähnlich wie in der Schweiz die Billag und die Suisa.
    Seine Argumente:
    a) Verlage halten Künstler am Leben. (Döpfner erfindet das »Stevie-Wonder-Argument«: Ohne Verlage würde Stevie Wonder in einem »Blindenheim zu verkommen«.
    b) Irgendwas mit Freiheit. Wenn Verlage viel Geld verdienen, dann gibt es viel Freiheit (ungefähr das habe ich davon verstanden).
    c) Alles andere wäre kommunistisch – oder mit Jason Lanier gar maoistisch.
    Zum Leistungsschutzrecht wurde schon fast alles gesagt (hier kann man einiges nachlesen, siehe auch Links unten). Konkret heißt das wohl: Es erfolgt eine Behinderung des Informationsflusses und wir werden über kurz oder lang für die Internetnutzung Gebühren zahlen müssen (wohl in Verbindung mit einem digitalen Personalausweis, welcher uns bei Surfen im Netz identifiziert).
    Und hier die Alternativen:
    1. Der Staat fördert Journalismus wie er das beim Film, der Kunst und der Literatur tut.
    2. Bedingungsloses Grundeinkommen. Dann gäbe es genügend Leute, die gerne Texte verfassen.

Sex is sold – Über Freiwilligkeit und das Argument der Tradition

Strassenprostitution (Quelle: Reuters)Was aber wird hinzukommen? Das wird sich entscheiden, wenn ein neues Geschlechtherangewachsen sein wird: ein Geschlecht von Männern, die nie in ihrem Leben in den Fall gekommen sind, für Geld oder andre soziale Machtmittel die Preisgebung einer Frau zu verkaufen, und von Frauen, die nie in den Fall gekommen sind, weder aus irgendwelchen andern Rücksichten als wirklicher Liebe sich einem Mannhinzugeben, noch dem Geliebten die Hingabe zu verweigern aus Furcht vor den ökonomischen Folgen. Wenn diese Leute da sind, werden sie sich den Teufel darum scheren, was man heute glaubt, daß sie tun sollen; sie werden sich ihre eigne Praxis und ihre danach abgemeßne öffentliche Meinung über die Praxis jedes einzelnen selbst machen – Punktum. Friedrich Engels, Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats. (1884)

Der Auslöser für diese Gedanken ist die Tatsache, dass auf dem Strassenstrich in Zürich unhaltbare Zustände herrschen, wie z.B. die NZZ hier mit Hintergründen berichtet. Ungarinnen werden von Zuhältern dazu gezwungen, in der Schweiz zu arbeiten, halten sich oft nur wenige Wochen oder Tage hier auf, weil die Zuhälter der Meinung sind, es sei in der Schweiz viel Geld zu verdienen, was dann aber eben nicht stimmt und dazu führt, dass die Preise so tief gesunken sind, dass sich »Stammprostituierte« am Sihlquai darüber beklagen, der Markt werde kaputtgemacht.

Die Situation ist eine Konsequenz aus zwei Gedankengängen: Erstens, dass der freie Markt zu einem fairen Austausch von Gütern und Dienstleistungen führt, weil alle nur das tun, was sie tun wollen, also Prostitution gar kein Problem ist, da die Frauen ihre Dienstleistungen ja nicht anbieten müssten, aber das offenbar wollen – und zweitens, dass Prostitution moralisch ist.

Zuerst zum zweiten Punkt. Das verwendete Argument ist, dass es Prostitution schon immer gegeben habe und dass ein Verbot von Prostitution Prostituierte und Freier in die Kriminalität drängen würde, obwohl sie einem (aufgrund der Tradition gesehen) natürlichen Bedürfnis nachgehen. Nun ist nicht alles, was es schon immer gegeben hat, moralisch (z.B. Diebstahl), ist etwas, was auf einer so krassen Geschlechterhierarchie basiert, meist problematisch und könnte die Kriminalisierung nicht nur Probleme schaffen, sondern auch Probleme lösen. Doch das nur als Denkanstoss – aufgrund der verfügbaren Berichterstattung zum Thema, in der immer noch das Phantasma der anschaffenden Studentin präsent ist und eine Art Bordellromantik, in der Frauen eine spassige Arbeit ausführen und dann mit viel Geld ein Leben in Saus und Braus führen, präsent sind, kann davon ausgegangen werden, dass Prostutierte dann die besten Rahmenbedingungen erleben, wenn sie eine Art Etablissement mieten können, in dem ihre Sicherheit garantiert ist und gewisse Standards gesetzt sind – und dann tun kann, was sie will.

Dann aber zum ersten Punkt. Wenn das kapitalistische Ideal die freie Befriedigung der Bedürfnisse innerhalb der Voraussetzung ist, dass niemand anderes in seiner Freiheit eingeschränkt wird, dann darf man wohl fragen, ob dieses Ideal unter den Voraussetzungen des Kapitalismus erreicht werden kann. Das Beispiel der Prostitution, selbst wenn man von den Tatsache absieht, dass selbst nach liberaler Denkart ein offenbar viel zu großer Staat nicht in der Lage ist, Menschenhandel zu unterbinden, zeigt auf drastische Weise, was unter dem Deckmantel der Freiwilligkeit passiert: Frauen verkaufen Dienstleistungen, die langfristig mit massiven psychischen und oft auch physischen Schäden verbunden sind. Ob man ein Bedürfnis haben kann, das solche Schäden mit sich zieht, wage ich stark zu bezweifeln – und ganz allgemein die These in den Raum stellen, dass kapitalistische Kaufkraft Abhängigkeiten schafft und so auch Unfreiheit.