Die Länge von Blogposts

Der überladene Stil in der Kunst ist die Folge einer Verarmung der organisierenden Kraft bei verschwenderischem Vorhandensein von Mitteln und Absichten. […]

– Nietzsche, Menschliches Allzumenschliches II

Eine journalistische Regel besagt, man müsse einen Artikel in einem Satz formulieren, bevor man mit dem Schreiben beginne. Leserinnen und Leser von Blogs kennen zudem die Möglichkeit, längere Blogposts mit einem tl;dr zu verfassen: Einem Satz, der als Information für die gilt, denen der Text too long war, weshalb sie ihn nicht gelesen haben (didn’t read). Als Beispiel kann man denn Schlussabschnitt der Lobo-Kolumne bei SPON anschauen.

Blogtexte sollten (fast) nur aus dem einen Satz bestehen, aus dem Journalistinnen und Journalisten einen Artikel schreiben. Sie müssen so kurz sein, dass sie keine Abstracts benötigen. In einen Post gehört im Wesentlichen eine Aussage, ein Zusammenhang, ein Gedanke. Dafür reichen wenige Abschnitte. Rückblicke, Hintergründe, Definitionen und Ähnliches sollen verlinkt werden.

Ich schreibe dies hier auf, weil mir beim Lesen vieler, vor allem deutscher Blogs, die Länge der Texte auffällt. Als Beispiel z.B. einer der letzten Einträge von Julia Schramm, einer prominenten Piratin. Im Post geht es um das biologistische und nationalistische Denken, das, so Schramm, von der poststrukturalistischen Theorie »dekodiert« worden sei (meiner Meinung nach musste es gar nicht »dekodiert« werden, weil es schon immer falsch war). Schramm fordert:

Ich will, dass sich dem jeder stellt, jeder. Und ich will, dass wir als Partei fordern, dass sich jeder damit beschäftigt, damit er bei uns mitmachen darf.

Daraus kann man meiner Meinung nach drei Abschnitte machen:

  1. Das Problem am Denken der Nazis.
  2. Die Erkenntnisse der Diskursanalyse.
  3. Die Forderung für die Piratenpartei.

Das tut Schramm aber nicht. Sie entwickelt schon zu Beginn einen Einschub, schreibt viel über die feministische Theorie, basht wieder einmal Sarrazin, gibt tolle Lektüretipps, die sie ausführlich kommentiert etc. Kurz: Der Text ist zu wenig verdichtet. Er wirkt zu wenig.

Dafür gibt es drei mögliche Gründe, denke ich: Der Gedankengang wurde nicht zuende gedacht. Der Text wurde nachlässig geschrieben. Oder es geht noch um etwas anderes, als das, was gesagt wird: Z.B. eine Darstellung der eigenen Leistung und des eigenen Wissens.

Bitte entschuldigen Sie den langen Brief, ich hatte keine Zeit, einen kurzen zu schreiben.

– Blaise Pascal, 16. Lettre Provinciale

Privilegien, Minderheiten, Normen und Diskriminierung

Eines der spannendsten Probleme, die es heute gibt, sind verschiedene Formen subtiler Diskriminierung. Was meint subtil? Es geht nicht primär um Formen der Diskriminierung, die von einer gesetzlichen Ungleichheit ausgeht oder durch Mechanismen, die brutalen Zwang voraussetzen; sondern eben Handlungsweisen, die alltäglich sind und »normal« wirken – und dennoch diskriminieren.

Ein Beispiel: Homosexuelle Menschen werden, wenn man sie dann einmal besser kennt, gerne mal gefragt, wie oder wann sie denn entdeckt haben, dass sie homosexuell seien. Ersetzt man nun homo- durch heterosexuell, merkt man sofort, warum diese Frage problematisch ist: Man denkt nicht einmal daran, dass jemand entdecken könnte, heterosexuell zu sein, weil wir davon ausgehen, dass irgendwie alle heterosexuell sind oder sein sollten – bis sie merken, dass sie »anders« sind. Und gerade dieses Anderssein ist ja dann letztlich das Problem.

An diesem Punkt ist nämlich das moderne Denken stehen geblieben. Spricht man mit aufgeklärten, gebildeten Menschen darüber, wird schnell einmal in die Runde geworfen, dass »diese Menschen« ja tatsächlich »anders« seien (also z.B. Frauen, Homosexuelle, Inter- oder Transsexuelle, MuslimInnen, ChinesInnen etc.). Damit wird ein Denken entlarvt, das aus folgenden Bestandteilen besteht:

  1. Das Erstellen und Aufrechterhalten einer Norm (weiß, heterosexuell, cisgender, männlich, arbeitstätig, nicht-behindert).
  2. Das Markieren von allen Menschen, die sich außerhalb dieser Norm befinden.
  3. Die andere Behandlung dieser Normopfer.

Wer nun zu dieser Norm gehört – wie der Autor z.B. – ist privilegiert. Wie schwierig es diese Person auch immer haben mag im Leben (vielleicht wird sie nicht geliebt, ist gescheitert etc.) – sie wird sich nie mit einer Norm auseinandersetzen, der sie nicht genügt. Sie wird nie bei Menschen Unsicherheit damit hervorrufen, wer sie ist; wird nie begründen müssen, warum als die Person, die sie ist, in dieser Gesellschaft lebt.

Und deshalb ist sie automatisch Teil des oben beschriebenen Mechanismus. Weil sie kein Opfer ist, ist sie ein Täter: Sie trägt das System und kommt in Genuss von Privilegien.

Was kann man tun – was kann ich tun? Zunächst einmal einfach zuhören. Nichts sagen, wenn man mit Menschen spricht, die nicht (gleich) privilegiert sind. (Wie subtil die Formen des Machtmissbrauchs und Unrechts gegenüber Minderheiten sind, zeigt diese Seite sehr schön.) – Dann: Über dieses Problem nachdenken. Sich bewusst zu machen, dass niemand sich diesen Mechanismen entziehen kann. – Und schließlich: Andere darauf aufmerksam machen. – Und vor allem nicht: So tun, als ob Rassismus und Sexismus Themen aus einer obskuren Vergangenheiten wären, die heute allenfalls in rückständigen Zivilisationen eine Bedeutung hätten.

Julia Schramm erklärt diesen Zusammenhang etwas ausführlicher, mit Literaturangaben und einer Skizze der Diskurstheorie – eine spannende Lektüre. 

Ich zitiere ihr »tl;dr«:

Unser Denken wird von den Diskursen unserer Gesellschaft geprägt. Als weißer, hetero, cis-gender hast du es im Leben (tendenziell/wahrscheinlich) leichter.  Und manchmal muss man diese Privilegien anerkennen und einfach die Klappe halten. Privilegien haben auch mal einen Preis. Außerdem: Rassismus ist mehr als das N-Wort und Ausländern den Kopf eintreten.

Hintergrund ist der Konflikt um den Auftritt von Noah Sow in Fulda, der sich aus diesen beiden Blogposts rekonstruieren lässt: To Whites It Should Concern von Nadine Lantzsch und Im Herzen die weißeste von allen von Malte Welding.

Bildquelle: http://www.din.de/

»Privatsphäre ist sowas von Eighties.« – Datenschutzkritik

Julia Schramm von der »Datenschutzkritischen Spackeria« (Wiki hier) wird heute auf SPON interviewt. Ich zitiere das Interview nicht ausführlich, möchte nur auf die meiner Ansicht nach zentralen Punkte eingehen:

  1. Datenschutz als ein positiv konnotierter Begriff setzt eine klare Trennung von persönlichen und öffentlichen Daten voraus sowie ein »Eigentum« an privaten Daten. Diese Trennung ist aber weder klar noch handelt es sich bei meinem Verhältnis zu meinen Daten um ein »Eigentum«.
  2. Mit der Einführung des Internets (aber schon vorher, mit generell jeder Form von Datenverarbeitung) findet ein »Kontrollverlust« respektive eine »Kontrollverlagerung« statt. Bottom line: Ich kann heute nicht kontrollieren, was mit meinen Daten passiert. Auch wenn ich kein eigenes Facebook-Konto habe, hat Facebook meine Adresse, Telefonnummer, weiss wer meine Freunde sind und weiss wie ich aussehe – weil andere Menschen diese Informationen bewusst oder unbewusst an Facebook weitergeleitet haben.
  3. Datenschutz ist häufig mit Machtprozessen verbunden: Welche Daten bedeutsam sind (und von der Veröffentlichung welcher Daten ich mich fürchten muss) entscheiden mächtige Instanzen. Auch private Unternehmen sammeln und bearbeiten Daten, beispielsweise Krankenkassen und die Pharmaindustrie.
  4. Die Konsequenz daraus wäre die Vision, dass die Trennung zwischen privaten und öffentlichen Daten aufgehoben werden könnte, indem man die Privatsphäre generell aufhebt und alle Daten gleichermassen veröffentlicht. Es ist eine Vision: Nicht eine konkrete politische Forderung, nicht eine Massnahme in einem bestimmten Bereich, sondern ein Ideal, von dem man sich leiten lassen kann oder nicht.

Reagiert man nun auf den letzten Punkt mit der etwas hämischen Aufforderung »veröffentliche du doch mal deine Bankauszüge und Krankenakte«, dann verkennt man die Reichweite und Bedeutung der Idee. Schramm dazu:

Privatheit ist ein Schutz – vor mir selbst und der Öffentlichkeit. Vor Anfeindung, Peinlichkeiten, vor Bloßstellung und der Reflektion mit mir selbst. Was ich nicht laut aussprechen muss, ist nicht real, ist nicht echt, ist mir nicht zu eigen. Was ich nicht ausspreche, sprechen auch andere nicht aus, sprechen andere nicht an, können andere nicht gegen mich verwenden. Solange wir in einer Welt leben, wo dies notwendig zu sein scheint, ist es umso wichtiger die Utopie einer Welt zu formulieren, in der Privatheit nicht als Schutz vor der Willkür anderer existiert. Ansonsten bleibt nur die Hoffnung auf Ignoranz der anderen und der Mut im Zweifel mit der Inkohärenz der eigenen Person zu leben.

Als jemand, der von jeher sehr offen mit seinem Leben, seiner Person und seinen Fehlern umgegangen ist und umgehen konnte, fallen mir solche Aussagen leicht […]

Hinzuzufügen wäre vielleicht auch: Und als sehr unabhängige, privilegierte, junge Person, fallen ihr diese Aussagen leicht. Um nur noch ein Beispiel zu machen: Man könnte denken, die Privatheit der sexuellen Orientierung sei sakrosankt. Was aber, wenn es eine öffentlich einsehbare Liste der sexuellen Orientierung aller Personen gäbe? Gäbe es eine Tabuisierung der Homosexualität? Gäbe es das Problem des coming out?

 

Die so genannte »Gesetzeslücke» bei der Internetüberwachung

Nachdem heute 10vor10 und sämtliche Boulevardmedien der Schweiz über die Pädophilen berichtet haben, die der Polizei zufolge zu jeder Tages- und Nachtzeit ihr Unwesen im Internet treiben, um Opfer für ihre Schandtaten zu finden, profiliert sich die CVP als Vorreiterin bei der Forderung nach der Möglichkeit, weiterhin »verdeckte Ermittlungen« im Internet durchführen zu können. Die offizielle Sprachregelung ist bereits, dass es sich um eine »Gesetzeslücke« handle.

Pädophilie ist selbstverständlich immer das effizienteste Thema, um ein Vorhaben durchzubringen. Wer auch immer nur Zweifel an der Idee einer verdeckten Ermittlung im Internet zu äußern wagt, steht sofort unter dem Verdacht, Pädophile bei ihren Machenschaften helfen zu wollen. Ich sag deshalb noch kurz: Ich will nicht, dass Kinder Opfer von Pädophilen werden.

Und nun kommt, um was es geht: Ich will nämlich auch nicht im Internet von »verdeckt« ermittelnden Polizisten belauscht werden. Ich will nicht beim Chatten abgehört werden, ich will nicht, dass meine Emails gelesen werden und ich will nicht, dass meine Harddisk durchsucht wird. Weil der Staat das Recht dazu nicht haben sollte, die digitale Privatsphäre seiner Bürger systematisch zu verletzen. Es gibt also keine Gesetzeslücke, wie ich finde.

Und das Argument, dass niemand etwas zu befürchten habe, der nichts Verbotenes tue, kann man sich schenken – ich will auch nicht belauscht werden, wenn ich nichts Verbotenes tue.

* * *

Ich muss noch einen Gedanken anfügen:

Was im »Tatort Internet« offenbar passiert, ist Folgendes: In einem Chatroom gibt sich ein(e) Polizist(in) als Kind aus und trifft dort auf eine Internetidentität, welche sich pädophil verhält. Genau gleich wie es sich nicht um ein Kind handelt, das sich in diesem Chatroom aufhält, könnte es auch sein, dass es sich nicht um einen pädophilen Menschen (oder um einen Menschen mit der Absicht, pädophile Straftaten zu begehen) handelt, der sich im gleichen Chatroom aufhält. Das Problem, ganz kurz, ist die Annahme, Internetprofile seien mit realen Identitäten identifizierbar. Oder in den Worten von Julia Schramm (@laprintemps):

[…] nichtsdestotrotz ermöglicht das Internet eine freiere und ehrlichere, eben weil offen konstruiert und künstlich, Identitätsentwicklung. Hier liegt nicht zuletzt der Grund für einen Angststrang rückständig und übertrieben konservativ denkender Menschen, die ohne eindeutige Schubladen die Orientierung verlieren. [Quelle: Lesenswerter Blogpost zu Internet und Identität]

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Soeben habe ich diesen juristisch differenzierten Post zum deutschen Problem »Tatort Internet« gelesen. Die Rechtsanwälte Lampmann, Behm und Rosenbaum gehen davon aus, dass »die grundsätzliche Frage, ob Kinder und Minderjährige auch vor sexuellen Übergriffen beziehungsweise deren Anbahnung im oder über das Internet (Cyber-Grooming) geschützt werden müssen, [von jedermann] zweifelsfrei von zu bejahen sein [müsste].«

Danach untersuchen sie eine Reihe von medienrechtlichen Fragen zu den Möglichkeiten im Umgang mit diesem Problem und kommen zu folgendem Schluss:

Wer in der aktuellen Diskussion die Problematik des Schutzes von Minderjährigen oder von Kindern mit dem Problem einer damit einhergehenden Persönlichkeitsrechtsverletzung vermischt und zum Ergebnis kommt, dass einem potentiellen Straftäter keinerlei Schutz seines Persönlichkeitsrechtes zukommen darf, hat das rechtstaatliche Prinzip nicht verstanden bzw. ist auf einem emotionalen Schritt stehen geblieben, welcher in letzter Konsequenz ausgerechnet den auf diese Weise vehement geforderten Rechtsstaat in seinem Bestand gefährden kann.

Das würde ich sofort unterschreiben.