»online first« als Paradigmenwechsel für den Journalismus

Der folgende Auszug stammt aus einem Aufsatz über die Bedeutung von Social Media in den Geisteswissenschaften, der von einer Analyse des Paradigmenwechsels im Journalismus ausgeht. Ich freue mich über Korrekturen, Ergänzungen oder Hinweise auf interessante Literatur. 

Zusatz: Ich habe den Text im Aufsatz ausgebaut und präzisiert. Ein pdf davon findet sich hier; ich belasse den Blogpost in der Originalform.

LightLine, society6.

LightLine, society6.

Unter dem Einfluss des Medienwandels von analogen zu digitalen Medien, die mobil und unter Mitwirkung der Rezipienten genutzt werden, hat sich die Funktion von journalistischer Text- und Wissensproduktion radikal verändert. Wenn man von einem Paradigmenwechsel spricht, dann wird Thomas S. Kuhns Definition des Paradigmas – »Ein Paradigma ist das, was den Mitgliedern einer wissenschaftlichen Gemeinschaft gemeinsam ist, und umgekehrt besteht eine wissenschaftliche Gemeinschaft aus Menschen, die ein Paradigma teilen.« – auf der wissenschaftstheoretischen Terminologie entlehnt und auf die journalistische Praxis übertragen. Auch da ist das Paradigma mit Regeln und Normen verbunden, die nach dem Wandel eine neue Struktur und Hierarchie aufweisen. Die Anomalien, die in der Praxis einen Paradigmenwechsel auslösen können, sind stärker ökonomischer Natur. Im Journalismus sind zwei verschiedene Wirtschaftskreisläufe relevant: Aufmerksamkeit steht als Währung eigenständig neben Geld.

Das Web 2.0 hat auf zwei Arten Anomalien hervorgerufen: Einerseits war es möglich, dass im System des Journalismus nicht etablierte Akteure Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Augenzeugen und Autoren konnte mit journalistischen Leistungen ohne den Umweg über eine anerkannte Publikation, ohne Leistungsausweis und ohne Anstellung direkt an einen großen Leserkreis gelangen, indem ihre Publikationen viral verbreitet wurden. Andererseits wurde durch die von Google und anderen Unternehmen angebotene Möglichkeit, Werbung gezielt auf das Lese- und Suchverhalten von Nutzern abzustimmen, wirtschaftlicher Druck erzeugt, der Werbeeinnahmen journalistischer Produkte einbrechen ließ und grundsätzlich jedermann in die Lage versetzte, Werbung mit seinen Inhalten zu verknüpfen.

Die Bewältigung dieser Anomalien hat ein neues Journalismus-Paradigma hervorgebracht, in dem neue Probleme gelöst werden und neue Wert entstehen konnten. Das neue Paradigma kann anhand von vier Eigenschaften von Online-Journalismus beschrieben werden:

  1. real time
    Liveticker, Videostreams und andere Formen eine möglichst direkten Übertragung ersetzen die bisherige Newsberichterstattung. Aus der Perspektive des alten Paradigmas schreibt etwa der Zürcher Journalist Constatin Seibt: »Der Live-Ticker widerspricht allem, was man vom Leben und vom Schreiben weiss. Er ist die radikalste Form von Aktualität. Eingeführt wurde er im Online-Journalismus, um dessen Schnelligkeit optimal zu vermarkten: auf der Jagd nach Klicks im Minutentakt.« Entscheidend ist gerade die technisch mögliche Elimination der Zeitverzögerung. Sie reduziert die journalistische Arbeit auf das Abbilden von Ereignissen und verunmöglicht Reflexion, Gewichtung und die Darstellung von Meinungen zu den Ereignissen.
    Die Entwicklung hin zu real time-Journalismus ist dabei eine direkte Reaktion auf die Zugänglichkeit von many-to-many-Medien, die jedem Anwesenden einen Zeitvorsprung vor traditionell arbeitenden Journalisten geben.
  2. kuratieren
    Als Reaktion auf diese Tendenz und Konkurrenzsituation fokussieren wichtige Akteure im Journalismus auf andere Bereiche ihrer Tätigkeit. In seiner Prognose fürs Jahr 2013 schreibt der Medienwissenschaftler Michael Maness: »What is needed are newsrooms that can filter, verify, curate, and amplify social media for their audiences, in addition to journalists reporting in enterprising and contextual ways.« Er weist dem Journalismus so eine Funktion auf einer sekundären Ebene zu: Primäre Inhalte, die via Social Media verbreitet werden, werden von Journalisten überprüft, bearbeitet und weiterverbreitet. Kuratieren ist dabei zu einem omnipräsenten Schlagwort für die Konzentration auf die Recherchearbeit geworden, welche als solche direkt weitergegeben wird.
  3. Personen als Marken. 
    Durch ihre Aufgabe als Kuratoren sind Journalisten auf neue Netzwerke angewiesen, die häufig über Social Media aufgebaut werden. Sie treten dann nicht als Vertreter einer Publikation auf, sondern als Person. Über ihre Kanäle sprechen sie Leser direkt an, die den Umweg über die Zeitung oder Zeitschrift nicht mehr benötigen. David Carr, Medienkritiker der New York Times, erreicht beispielsweise fast 400’000 Twitter-Follower mit seinen Mitteilungen.
  4. Verlust des journalistischen Kontextes.
    Da Social Media den Lesern starke Filter in die Hände geben, sind sie in der Lage, Medieninhalte selektiv gemäß ihren Interessen und Vorlieben zu konsumieren. Sie erstellen in ihren so genannten Timelines eigene Kontexte. Es gibt keine Redaktion mehr, die eine Ressorteinteilung vorgibt, Texte arrangiert oder mit einem Layout versieht; all diese Funktionen übernehmen im Web 2.0 durch Algorithmen unterstützte User. Auch Suchmaschinen, mit denen kann die Hälfte der online erschienen Texte abgerufen werden, sind Social Media: Ihre Ranglisten und Ergebnisse sind durch das Verhalten der Nutzer beeinflusst und individuell auf die Suchenden zugeschnitten.
  5. Dialog.
    Im Umgang mit Reaktionen bietet Online-Journalismus neue Möglichkeiten. Es gibt keinen begrenzten Platz für Leserbriefen, die Kommentarfunktion ermöglicht es, beliebig viele Reaktionen zu sammeln. Auch hier entfällt die Zeitverzögerung, Sekunden nach der Publikation von Artikeln werden die ersten Kommentare aufgeschaltet, die dann wiederum kuratiert und zu neuen Artikeln verarbeitet werden.

Relevante Geschichten aus Schweizer Blogs

  1. Die Frage, ob Blogs in der Schweiz für den Journalismus relevant sind, hängt meiner Meinung nach davon ab, ob Blogs Resonanz erzeugen können – d.h. ob sie Debatten auslösen, Reaktionen provozieren und für reichenweitenstarke Medien interessante Inhalte produzieren.
    Diese Frage habe ich in einer kurzen Anfrage auf Twitter aufgeworfen und mit Storify bearbeitet. (Die Petardengeschichte habe ich bewusst außen vor gelassen – ihre Resonanz gründet m.E. alleine in der Beschwerde beim Presserat.)
  2. phwampfler
    Gesucht:
    Geschichten aus Schweizer Blogs, die Resonanz erhalten haben (z.B. in anderen Medien, Debatten ausgelöst etc.).
    Ab 2010 z.B.
    Wed, May 16 2012 11:35:53
  3. Selbstverständlich gibt es zunächst zwei Definitionsprobleme: Was ist genau ein »Schweizer Blog« und was meint man damit, eine Geschichte erhalte »Resonanz«? Beide Fragen habe ich kurz angedacht:
  4. phwampfler
    @julianschmidli @ivinfo @jeduta Relevanz heißt für mich: Erzeugt Reaktionen. Gibt es 10 Bloggeschichten, die 2011 Resonanz erzeugt haben?
    Wed, May 16 2012 11:27:31
  5. Fazit: Blogger sind in einem gewissen Sinne Amateure – und Resonanz heißt, dass in irgend einer beschreibbaren Form darauf reagiert worden ist (außerhalb des Blogs und damit verbundenen sozialen Netzwerke).
  6. aline_wanner
    @phwampfler Vom fröhlichen Sesselrücken und einer Punktlandung http://arlesheimreloaded.ch/vom-frohlichen-sesselrucken-und-einer-punktlandung/ zum beispiel die landete in der baz
    Wed, May 16 2012 11:50:34
  7. ManfredMessmer
    @aline_wanner @phwampfler lokalteil BaZ, AZ-BZ, Sonntag zb. Fraktionsewchsel im Landrat und andere :-)
    Wed, May 16 2012 12:03:14
  8. Das wohl treffendste Beispiel ist der Blog von Manfred Messmer. Er zeigt, dass eine erfahrene, gut informierte und sehr engagierte Person zumindest lokal (und lokal heißt immerhin: im Raum Basel) Geschichten anbieten kann, welche von etablierten Lokalmedien aufgenommen und übernommen werden.
  9. Ein ähnliches Beispiel: Die Betreiber des Blogs »Nation of Swine« sind engagierte Journalisten, die einige Nischen abdecken, die sonst wenig Aufmerksamkeit erfahren. Sie erhalten so auch Informationen, die sie auf ihrem Blog publizieren und so ebenfalls lokal aufgegriffen werden.
  10. KueddeR
    @phwampfler Es gab die Story über die träumende Schweizer „Astronautin“, die weiterverfolgt wurde vom Tagi und drr Journi Preis dafür bekam.
    Thu, May 17 2012 10:11:31
  11. Diese Geschichte ist nicht gleich gelagert: Ein Blogpost vom Januar 2010 wurde im August von Mauricie Thiriet im Tages Anzeiger aufgegriffen und mit weiteren Recherchen vertieft. Der Blogpost wurde nicht erwähnt, war aber sicher ausschlaggebend für die Geschichte um die Lehrerin Barbara Burtscher, die sich als potentielle Astronautin ausgab, obwohl dies weit von der Wahrheit entfernt war.
  12. Auch hier handelt es sich um eine Geschichte von einem Profi: David Bauer ist ein vielseitiger Journalist, der sich Gedanken zur Musikförderung in der Schweiz macht und einen Blick auf das Erfolgsmodell Sophie Hunger geworfen hat, der über 130 Kommentare erhalten hat und damit eine tiefschürfende Diskussion ausgelöst hat.
  13. ivinfo
    @phwampfler Ironischerweise fällt mir dazu ausgerechnet die Batz/Neininger-Urheberrechtsdiskussion ein.
    Wed, May 16 2012 11:45:46
  14. cloudista
    @phwampfler natürlich der Blog von @ConstSeibt , worauf ihn dann #Schawinski ins Radio einlud. Und der Blog zu #Bausparen von @BatzMonika
    Wed, May 16 2012 11:58:33
  15. Monika Bütler ist Professorin für Volkswirtschaftslehre an der HSG in St. Gallen – ihre Blogposts werden in der NZZ am Sonntag abgedruckt. Aus diesen Gründen kann man also zunächst nicht davon sprechen, dass es sich um einen Blog handelt, viel eher um ein Portfolio, wo Bütler ihre Texte präsentiert. Allerdings geht es gerade im Fall Neiniger um eine Debatte, die durch einen Blogpost von Bütler ausgelöst worden ist – der wiederum eine Reaktion auf einen ungefragt und verändert in den Schaffhauser Nachrichten abgedruckten Text von Bütler (ebenfalls ein Blogpost) zum Bausparen ist.
  16. agossweiler
    @phwampfler EIn Beispiel für Resonanz: Dieses Blogpost http://bit.ly/JQp3NI wurde 2011 vom Radio aufgegriffen http://bit.ly/JijDOX
    Thu, May 17 2012 03:15:33
  17. Hier wird eine Beobachtung eines bloggenden Journalisten vom Konsumentenschutzmagazin Espresso vom Schweizer Radio aufgenommen.
  18. Der ehemalige Präsident der Pirtatenpartei, Denis Simonet, hat mit zwei Anliegen, die er per Blogpost angerissen hat, eine Reaktion etablierter Medien hervorgerufen. Die Piratenpartei ist gerade das politische Gefäss, das Blogposts und Twitter als Medium nutzt, um politische Anliegen zu vermitteln – und damit darauf angewiesen ist, damit Reaktionen hervorzurufen.
  19. Zum Schluss auch ein sehr webaffines Thema: Die Frage, wie man mit »Shitstorms« umgeht, also negativen Reaktionen in Sozialen Netzwerken. Die schöne Grafik vom Feinheit-Team wurde bei einem Tagungsreferat vorgestellt und danach für den Blog ausgearbeitet – und hat so viele Reaktionen provoziert.

    Fazit
  20. phwampfler
    @Jeduta @thbenkoe @mazluzern Ehrlich gesagt haben Blogs in der Schweiz keine journalistische Relevanz.
    Wed, May 16 2012 10:23:14
  21. Ich bleibe bei meinem Urteil. Es gibt zwar Geschichten in Blogs, die relevant sind – die jedoch in den hier diskutierten Fällen von einer Expertin, einigen Journalisten, einem Politiker und von PR-Profis verfasst worden sind. Es gibt kein Beispiel aus den letzten zwei Jahren, bei denen ein klassischer Blogger ein Thema aufgegriffen hat, das bedeutsam war.
    Das heißt nicht, das Blogs kein sinnvolles Medium sein können – sie können die eigene Arbeit dokumentieren, können wichtige Kommentare enthalten oder als Gefäss für Diskussionen in den Kommentaren dienen. Aber journalistische Relevanz genießen sie in der Schweiz nicht.
    Das ist oft schade – es gibt sehr gute Bloggeschichten, die aber oft einseitig und nur angedacht sind. Gleichzeitig erhalten sie nicht die nötige Aufmerksamkeit, es gibt kaum Medien, die auf Blogs verlinken.
    Und eine letzte Bemerkung: Ich denke, die Schweizer »Alphablogger« haben der Schweiz ein problematisches Blogkonzept vorgelebt. Sie betrieben Lifestyle-, Technik- und Erlebnisblogs, sie waren das Tummelfeld für das Kind im Manne. Bloggen war etwas, womit man Spass haben sollte oder womit man zeigen sollte, wie viel Spass man sonst so hat. Es waren Wohlfühlblogs, in denen allenfalls ein wenig Konsumentenschutz betrieben worden ist. Das ist wohl ein Grund dafür, warum sich Blogs im journalistischen Bereich in der Schweiz nicht behaupten können.

Wie Roboter zu Journalisten und Tradern werden

Mit meinen Schülerinnen und Schülern habe ich ein Blogprojekt durchgeführt. Als erste Kommentare von nicht Klassenmitgliedern eintrafen, setzte eine Art Jubel ein:

»Hennes« gibt es aber nicht. Er ist ein so genannter Bot – ein Computerprogramm, das wie ein Roboter handelt. »Hennes« hinterlässt Kommentare, die so aussehen, als seien sie echt  (immerhin nimmt er Bezug auf WordPress und macht der Autorin ein Kompliment, was Computerprogramme sonst selten tun).

»Hennes« ist ein so genannter »Comment Spammer«-Bot. Wie die Grafik von incapsula.com zeigt, stammt gut die Hälfe von allem Internettraffic von Bots, rund ein Drittel von bösartigen:

Nun gehen wir grundsätzlich von Beispielen aus, bei denen Menschen – also die oben verlinkte Bloggerin – mit computergenerierter Kommunikation konfrontiert werden: Z.B. Spam, Suchergebnissen etc.

Ein aufschlussreicher Essay des Internet-Skeptikers Evgeny Morozov – deutsch in der FAZ, englisch bei Slate –  hält nun Beispiele fest, bei denen aber nur noch Bots mit Bots interagieren:

Oder nehmen wir den Finanzjournalismus. Deren ehrwürdige Institution Forbes stützt sich auf die junge Firma Narrative Science, mit deren Hilfe automatisch Artikel über die voraussichtliche Entwicklung von Unternehmenszahlen generiert werden. Man gibt ein paar statistische Daten ein, und im Handumdrehen liefert die Software gut lesbare Artikel. Oder wie Forbes sagt: „Narrative Science verwandelt Daten in Texte und Einblicke.“ Die Ironie der Geschichte ist natürlich, dass Automaten Texte über Unternehmen „schreiben“, die ihr Geld mit automatisiertem Trading verdienen. Diese Texte werden dann wieder in das Finanzsystem eingespeist, so dass die Algorithmen noch lukrativere Geschäftsmöglichkeiten entdecken. Im Grunde ist das Journalismus von Maschinen für Maschinen. Aber zumindest fließt der Gewinn in die Taschen realer Menschen.

Morozov beschreibt eindrücklich, was für ein Potential robotergenerierter Journalismus hat: Texte werden personalisiert und nehmen Rücksicht auf unsere Lesegewohnheiten, die nicht nur Google kenn, sondern auch Amazon, weil wir Kindle für die Lektüre unserer Bücher nutzen. Heute können Computerprogramme schon innert Sekunden politische Berichte schreiben (sie entnehmen Informationen Tweets und Webseiten), Sportberichte und Ähnliches. Morozovs Fazit lautet:

Die eigentliche Gefahr liegt darin, dass wir nicht nach den sozialen und politischen Konsequenzen fragen, die in einer Welt zu gewärtigen sind, in der anonymes Lesen kaum noch möglich ist. Die Werbebranche will, gemeinsam mit Google, Facebook und Amazon, diese Welt möglichst rasch nach ihrem Geschmack einrichten; aber eigenständiges, kritisches und unkonventionelles Denken wird es in dieser Welt immer schwerer haben.

Mein Schluss aus diesen technologischen Möglichkeiten wäre, dass menschengemachter Journalismus nur eine Chance hat, wenn er eben menschlich ist – und nicht Informationen übernimmt, das Erwartbare und Erwartete liefert und nicht versucht, schneller zu sein als die anderen. Denn Computer können all das besser als Menschen.

Update: Petarden-Kampagne und Beschwerde beim Presserat

Der letzte Blogpost zur Blick-Kampagne im Fall Petardenunfall von Rom hat hohe Wellen geworfen. Der Post wurde von der Tageswoche, dem Bildblog, von Nation of Swine und dem Journalistenschredder und etlichen Facebook-Seiten sowie Fussballforen verlinkt und ist so heute auf fast 6000 Zugriffe gekommen. Zunächst also: Danke!

Gleichzeitig habe ich zwei Arten von Reaktionen bekommen:

  • Einerseits die Aufforderung, jemand müsse nun wohl den Presserat beauftragen, den Fall zu prüfen; zumal sogar dessen Vize-Präsidentin, Ester Diener-Morscher in der Tageswoche sagte: »Die Pranger-Funktion des Blick halte ich für bedenklich. Für die Bestrafung dieses Mannes ist das Gericht zuständig, die Zusatzstrafe durch die Medien ist unnötig.«
  • Andererseits Kritik an meinem Vorgehen, insbesondere deswegen, weil ich Benny Epstein nicht nach seiner Sicht der Dinge gefragt habe, bevor ich ihn kritisiert habe. Das habe ich mit einer Mail heute um 14.20 nachgeholt – bis jetzt (21.20) ist keine Reaktion eingetroffen.

Nachdem ich eher abgeneigt war, noch einmal den Presserat einzuschalten, finde ich nun, es wäre nötig, dass er sich dazu äußert. Deshalb habe ich diese Beschwerde verfasst und heute abgeschickt.

Die Bälle liegen also nun dort und bei Herrn Epstein – ich warte ab.

Updates vom 11. – 18
. November: 

Meine Beschwerde hat zu einigem Medienecho geführt:

  • Simon Eppenberger hat auf Newsnet meinen Blog in einem Kästchen erwähnt. Da Newsnet meinen Blog nicht verlinkt, verlinke ich nur ein pdf:
  • Auch in der gedruckten Ausgabe des Tages-Anzeiger findet sich ein Hinweis auf meine Beschwerde (ganze Seite als pdf): 
  • Auf Persoenlich.com hat Edith Hollenstein über die Beschwerde berichtet und auch bei der Blick-Redaktion nachgefragt (von der Redaktion äußert sich niemand, nur der Pressesprecher, der die Kampagne »hart aber fair« nennt.
  • Auch Radio Energy hat mit mir gesprochen, hier die ganze Sendung:
  • 20 Minuten verweist ebenfalls auf meinen Blog, übernimmt im wesentlichen die Argumentation und die Recherche der Tageswoche. Hier das pdf.
  • Am 15. November berichtet die Thurgauer-Zeitung, hier das pdf.
  • Am 18. November ist auch noch ein Artikel über mich in der AZ erschienen:

Ich freue mich darüber, dass man aufgrund der Beschwerde über Medienethik und das Funktionieren von Boulevard nachdenkt (es handelt sich ja um Mechanismen, die man schon lange kennt und reflektiert hat). Es ärgert mich aber gleichzeitig, dass diese Kritik durch die Drohungen und Aktionen gegen die Ringier-Journalisten selbst mit einer Art Rachegedanke verbunden werden. Ich will und wollte nicht Personen kritisieren, sondern ihre Texte und Vorgehensweisen. Meine Presserat-Beschwerde ist in diesem Sinne auch nicht eine Art von Rache, sondern soll eine Auseinandersetzung mit den Methoden fairer Berichterstattung erzwingen.

Die Mitte der Gesellschaft – und Niklaus Meienberg

Auf der Medienwoche-Seite habe ich Ronnie Grob kürzlich kritisiert, weil er davon ausgegangen ist, Journalistinnen und Journalisten, welche ein Studium absolviert haben, seien nicht in der Lage, »die Mitte der Gesellschaft« abzubilden. Er führt dabei Niklaus Meienberg ins Feld, der 1972 schrieb:

Da ist einer jung, kann zuhören, kann das Gehörte umsetzen in Geschriebenes, kann auch formulieren, das heisst denken, und denkt also, er möchte unter die Journalisten. Er hat Mut, hängt nicht am Geld und möchte vor allem schreiben.
Er meldet sich auf einer Redaktion. Erste Frage: Haben Sie studiert? (Nicht: Können Sie schreiben?)

Man kann sich nun fragen, ob das heute noch ein aktuelles Problem ist – wo Gratiszeitungen und Onlineportale Volontärinnen und Volontäre auch ohne Matur erste Erfahrungen machen lassen und ihnen nachher eine – zwar schlecht bezahlte – Laufbahn im Journalismus eröffnen.

Zudem sagt auch Meienberg nicht, dass ein Studium einen am Nachdenken und Schreiben über relevante Aspekte der Gesellschaft hindere, vielmehr beschreibt er einen Prozess, der zum Ziel hat, JournalistInnen konform zu machen und ihnen den »Restbestand an Spontaneität« sowie ihren Texten die »Gefährlichkeit« zu nehmen:

Er hat gemerkt, dass zwischen Denken und Schreiben ein Unterschied ist, und so abgestumpft ist er noch nicht, dass er glaubt, was er schreibt. Aber er sieht jetzt ein, dass Journalismus eine Möglichkeit ist, sein Leben zu verdienen, so wie Erdnüsschenverkaufen oder Marronirösten.

Das alles wollte ich Ronnie Grob schreiben (im Wissen darum, dass der Graben zwischen Studierten und Nicht-Studierten im Journalismus immer noch aufklafft).

Dann aber habe ich mir überlegt, weshalb ich es als selbstverständlich erachte, zu wissen, was »die Mitte der Gesellschaft« beschäftigt, welche Politik in ihrem Interesse wäre und warum sie tut, was sie tut. Konkreter: Ich habe mir überlegt, warum ich der Meinung bin, mir über jedes gesellschaftliche Problem eine Meinung machen zu können, obwohl ich Gespräche fast ausschließlich mit Menschen mit dem gleichen Hintergrund führe – mit AkademikerInnen, die sich in der Agglomeration aufhalten, aus dem oberen Mittelstand stammen und zum oberen Mittelstand gehören – und deren Migrationshintergrund sich meistens auf die an die Schweiz angrenzenden Länder beschränkt.

Früher habe ich Handball gespielt. Da sass ich jeweils am Mittwochabend in einer Dorfbeiz und trank Bier mit Elektronikern, Gärtnern, Detailshandelangestellten, Kaufleuten, Ingenieuren, Informatikern. Auch das eine hermetische Welt: Militärdienst leisteten alle, die wenigsten waren nur Soldaten. Migrationshintergrund blieb auf wenige Deutsche beschränkt. Man wohnte zwar immer noch in der Agglomeration, aber teilweise etwas mehr auf dem Land. Und zum Mittelstand gehörten sie alle auch.

Mir bleiben eigentlich nur Fragen: Wäre es für mich möglich, mich in die Mitte der Gesellschaft zu begeben? An verschiedenen Orten dazuzugehören – zu verschiedenen Gesellschaftsteilen? (Ich vermute: Nein.) Wäre eine journalistische Publikation besser, wenn sie Texte von Menschen mit ganz verschiedenen Hintergründen versammeln würde – oder wenn sie Texte über Menschen mit ganz verschiedenen Hintergründe enthielte? (Ich bin unsicher.) Wer weiß denn eigentlich, was »die Leute auf der Strasse« beschäftigt? Wovor sie Angst haben? Was sie wollen – oder nicht wollen? Und wie findet man das heraus? (Ich bin ratlos.)

Zurück zu Meienberg und einer Vision, die er einem fiktionalen Journalisten zuschreibt:

An Sonn- und allgemeinen Feiertagen hat er manchmal noch eine Vision. Er träumt von einer brauchbaren Zeitung. Mit Redaktoren, die nicht immer von Lesern (die sie nicht kennen) schwatzen, denen man dies und das nicht zutrauen könne. Sondern welche gemerkt haben, dass sich auch der Leser ändern kann. Eine Zeitung, welche ihre Mitarbeiter nach den Kriterien der Intelligenz und Unbestechlichkeit und Schreibfähigkeit aussucht und nicht nach ihrer Willfährigkeit gegenüber der wirtschaftlichen und politischen Macht.

Meienberg ist – zumindest hier – erschreckend aktuell.

Ringier-Interna: Offene Mail an Helmut-Maria Glogger

Offenbar ist auch im Hause Ringier nicht jeder Journalist (und jede Journalistin) begeistert über den begeisterten Blick am Abend-Mailer Glogger. Letzte Woche ist es nun offenbar »ein klein wenig eskaliert«, wie mir zugetragen worden ist.

Das Resultat ist dieses Mail von einem Ringier-Journi an Glogger (und alle anderen JournalistInnen bei Ringier) – das ich gerne hier publiziere:

Sehr geehrter Herr Glogger

Warum habt ihr brillanten Journalisten eigentlich so grosse Angst vor uns nichtsnutzigen Journalisten, die sich ihrer Meinung gar nicht so nennen dürften (wie Sie das vorhin so fein formuliert haben)?

Es behauptet schliesslich niemand, wir würden investigativen Journalimus betreiben. Unser Job ist es News an den Leser zu bringen. Schnell und multimedial. Und wenn Sie das nicht als Arbeit bezeichnen,  wie eben vorhin in unserer kurzen Unterhaltung, dann möchte ich Sie gerne dazu auffordern, unseren Job nur eine Woche lang zu erledigen. Wobei ich – bei allem Respekt – glaube, dass Sie weder technisch dazu fähig wären, noch dem geforderten Tempo standhalten könnten.

Auf der anderen Seite fragen wir „Copy-Paste-Journalisten“ uns, wo das packende, inspirierende, famos formulierte Material unserer hausinternen Edelfedern erscheint? Wider Ihrer Theorie, werter Herr Glogger, lesen wir durchaus ab und zu Zeitungen und Magazine, was selbst uns dümmliche Wesen, die erstaunlicherweise doch fast alle studiert haben, befähigt, journalistische Qualität zu beurteilen. Ergo fragen wir uns in boshaften Momenten: Rechtfertigt die gezeigte Leistung unserer Diven, dass die einen im Newsroom unter Hochdruck und in Schichtarbeit Artikel raushauen, während andere eine Woche Zeit haben für ihre Werke?

Im Normalfall wollen wir unsere Arbeit nicht mit der Ihren gleichstellen. Hin und wieder überkommt uns etwas Neid. Gerne würden auch wir besseren Journalismus betreiben, gewissenhafter recherchieren und unsere Texte vor der Publikation nochmals überarbeiten oder gar einen Rewriter hinzuziehen. Doch dieser Luxus wird uns nicht gewährt. So ist der Deal. Und wir akzeptieren das – offensichtlich im Gegensatz zu Ihnen.

Also, lassen Sie mich meine Einstiegsfrage nochmals – etwas bodenständiger und meinem Niveau entsprechender – stellen: Was ist genau Ihr Problem, Herr Glogger? Weshalb reden Sie bei jeder Gelegenheit uns und unsere Arbeit schlecht?

Hochachtungsvoll, XY*

* – der Name des Absenders/der Absenderin ist mir bekannt.

Schlechte Wikileaks-Kommentare Teil 2: Der Tagi

Der Tagi schlägt in Bezug auf Wikileaks in die gleiche Kerbe wie die Weltwoche, allerdings ohne direkt auf den Mann zu spielen: Walter Niederberger plädiert dafür, die Dokumente zu ignorieren, und zwar aus folgenden Gründen:

  1. a) Wikileaks untersteht keiner nationalen Rechtssprechung.
    b) Es ist unklar, wie Wikileaks finanziert wird.
  2. Bradley Maning ist der wichtigste Informant von Wikileaks, er verfügt aber über eine zu niedrigen Dienstgrad, um überhaupt brisante Informationen einsehen zu können.
  3. Wikileaks bearbeitet die Daten nicht journalistisch, übernimmt also auch keine »Verantwortung« dafür.

Diese Argumente sind meines Erachtens nicht tauglich für eine Kritik an Wikileaks:

  1. a) Wikileaks kritisiert ja gerade Instanzen (das US-Militär), die sich weitgehend jeglicher Rechtssprechung entziehen und nur über mediale »exposure« verurteilt werden können.
    b)  Wikileaks hat insbesondere in Bezug auf Europa Stellung genommen, woher die Mittel kommen und wie sie mit Spenden umgehen. Im übrigen sagen viele etablierte Medienhäuser auch nicht, von wem sie finanziert werden (z.B. die Weltwoche).
  2. Niederberger hat keine Ahnung, wer die Informanten von Wikileaks sind – er akzeptiert einfach die US-Propaganda in dieser Hinsicht. Wikileaks sagt ja nicht, woher sie das Material haben. Ohne es zu sichten, kann man nicht sagen, wie wertvoll die Informationen sind.
  3. Wikileaks hat drei namhafte Redaktionen (New York Times, Guardian, Spiegel) gebeten, das Material zu sichten und darüber zu schreiben (man fragt sich, warum sie den Tagi und die Weltwoche wohl nicht gebeten haben, da mitzumachen…) – es übernimmt also durchaus jemand journalistische Verantwortung, aber nicht ein Dienst, der Rohmaterial bereitstellt, nicht aber journalistisch operiert.

Man kann’s kurz machen: Offenbar muss man diese Tage als Journalist einen Weg finden, wie man einen Text über etwas publizieren kann, ohne dieses etwas wirklich zu kennen. Einfachste Lösung: Man sagt einfach, man brauche das etwas gar nicht zu kennen.