Integration und Schulnoten – der Fall Olivier Cayo und wie Newsnetz schlampt

Die Geschichte ist schnell erzählt:

Das Asylgesuch von Olivier Cayo aus Aarau wurde letztinstanzlich abgewiesen. Die Begründung des Bundesverwaltungsgerichtes: Der 22-jährige Ivorer ist kein politischer Flüchtling, eine Rückreise nach der Elfenbeinküste zumutbar.

Diese Geschichte gibt es sehr oft: AsylbewerberInnen werden abgewiesen. Das verstehen sehr viele Menschen in der Schweiz sehr gut – wer nur in die Schweiz kommen will, weil die wirtschaftlichen Perspektiven in der Schweiz besser sind, soll das nicht tun dürfen.

In diesem Falle liegt sie Sache aber anders, wie Irena Jurinak schreibt:

Ein Entscheid, den niemand verstehen kann. Denn Olivier Cayo hat sich in den fünf Jahren, in denen er in der Schweiz lebt, sehr gut integriert. Im Frühling schloss er die Kantonsschule in Aarau ab, mit einem Notendurchschnitt von 4,8. Erst vor drei Monaten wurde seine mit einem Sechser benotete Maturarbeit über afrikanische Literatur als eine der besten fünf Arbeiten im Kanton prämiert.

Und so kann man Reaktionen sammeln, von Regierungsräten (Urs Hoffmann) über SP-Grossräte (Ivica Petrusic) bis zu SVP-Nationalräten (Ulrich Giezedanner) – allen ist aber gemeinsam, dass sie nichts Grundsätzliches über Asylverfahren sagen, sondern entweder betonen, wie gut intergriert Olivier Cayo offenbar sei, oder aber die Länge des Verfahrens anprangern.

Dabei fällt Folgendes auf:

  • »Integration« scheint ein Prozess zu sein, der aufgrund von Schulnoten, Maturaarbeiten oder aber auch Verstössen gegen das Gesetz offenbar bestens beurteilt werden kann. Giezedanner soll gesagt haben, man dürfe intelligente Asylbewerber zwar nicht bevorzugen, aber Cayo habe »den Willen gezeigt, sich zu integrieren«.
    Analog kann man bei Rasern o.Ä. auch gleich mangelnde Integration feststellen – kennen lernen muss man AslybewerberInnen dazu offenbar nicht.
  • Integration ist – wie der Fall Cayo zeigt – vom Gesetz her gar nicht ein Argument, warum ein(e) AsylbewerberIn im Härtefall in der Schweiz bleiben darf: Wer integrationsfähig ist, kann ins Heimatland zurückkehren, da auch dort die Integration gelingen könnte.
  • Cayos Geschichte ist deshalb eine, die von mehreren Zeitungen aufgenommen wird, weil sie als Ausnahmefall verkauft werden kann: Es gibt also auch den (idealerweise schwarzen) Ausländer, der mit Erfolg eine Matur ablegen kann – im Gegensatz zum Gros aller AsylbewerberInnen, die aus Mangel an Integrationswille halt keine Matura ablegen.

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In die Abteilung Qualitätsjournalismus gehört dann, wie Newsnetz die Story aufgreift:

  1. Aus einem Maturand mit einer prämierten Maturaarbeit wird »Bester Aargauer Maturand«.
  2. Eine Illustration findet man, indem man den »Sonntag« fotographiert.
  3. Den Rest des Textes kann man auch gleich von der A-Z-Page abschreiben, die Zitate kopieren.

Fazit: Wenn andere eine Geschichte haben, dann übernehmen wir sie einfach.

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Meine Schlüsse aus dieser »Geschichte«: Wenn Systeme mit Menschen »verfahren«, geht es meist unmenschlich zu und her. Asylpolitik hat etwas Altbackenes, Verstaubtes – da wir uns hin zur EU öffnen, nach weiter außen aber zunehmend abschotten. So kommen qualifizierte Arbeitskräfte zu uns (Romas können wir dann schon abschieben und mit den ungarischen Prostituierten werden wir auch noch fertig, ah nein – das sind ja auch Romas) – und wir können unseren Wohlstand erhalten. Die beunruhigenden Fragen können wir so gut umgehen: Warum darf ein Mensch wie Olivier Cayo nicht leben, wo er will? Wie können wir etwas wie Integration beurteilen, wenn wir über die offensichtlichen Merkmale wie Sprachkompetenz und Abfalltrennung hinwegsehen?

(Man vergleiche auch Davids Ausführungen zur Argumentation der SVP und Giezedanner im speziellen.)

Helvetische Tugenden?

Urs Schoettli, Fernostkorrespondent der NZZ, blickt in der heutigen NZZ zurück auf das Jahr 2009 und das Selbstverständnis der Schweiz, selbstverständlich mit großem Gewicht auf der Minarettinitiative. Der Artikel kommt ausgewogen daher, präsentiert aber in wirrer Manier Halbgedachtes. Schon nur die Beschreibung der Situation in der Schweiz lässt aufhorchen:

Unzählige Eidgenossen, die nie ans Auswandern gedacht haben und die ihrem Geburtsort ihr ganzes Leben hindurch treu geblieben sind, sehen sich plötzlich in die Fremde versetzt. Sie müssen ihre Kinder in Schulen schicken, in denen die Schweizer eine Minderheit sind. Sie begegnen auf der Strasse, im Tram, am Arbeitsplatz, beim Einkaufen oder beim Ausgehen immer mehr Ausländern. Dies sorgt für Beunruhigung, zuweilen führt es gar zu Angst. Dabei können die meisten Kontakte mit Ausländern reibungslos verlaufen.

Zunächst sticht einmal der Begriff »Eidgenossen« ins Auge, der von so genannten Patrioten zur Abgrenzung von potentiell eingebürgerten oder nicht patriotisch genug denkenden Menschen gebraucht wird. Diese Eidgenossen also sind ihrem Ort treu geblieben, der ihnen aber »plötzlich« fremd geworden ist. Warum plötzlich? Wo waren denn diese Eidgenossen in den letzten 30 Jahren, als immer mehr Menschen, welche die Arbeiten verrichten, welche diese »unzähligen Eidgenossen« nicht verrichten wollen, in die Schweiz gekommen sind?

Und dann kommen die Modalverben: Kinder »müssen« in die Schule geschickt werden (dort sind Schweizer eine Minderheit, welche Nation stellt denn dort die Mehrheit der Lernenden, Herr Schoettli? Oder sind vielleicht alles Minderheiten vorhanden?), während Begegnungen mit Ausländern »reibungslos verlaufen« »können« – womit Schoettli impliziert, dass dies lediglich eine Möglichkeit darstellt.

Nur nachvollziehbar, dass der unselige Artikel als nächstes auf den Terrorismus eingeht. Die Frage wäre: Wie kommt es, dass ich Ausländern begegne (in meinem »Geburtsort«), und dann an Terroristen denke und vielleicht Angst bekomme? Das ist doch nicht ein sachliches, sondern ein psychologisches Problem.

Herr Schoettli lässt sich dann über Integration aus, über politische Systeme in den Ländern der Zuwanderer, der Unterschied zum schweizerischen System (dazu nur: lasst doch alle Ausländer mittun, dann lernen sie sehr gut, wie unser System funktioniert) und kommt dann zu den helvetischen Tugenden:

Man denke an die Bedeutung der Pflicht, an den Respekt für das Alter und für Autorität, an den hohen Stellenwert der Familie, an die grosse Wertschätzung für Erziehung und Bildung sowie für Disziplin und Ordentlichkeit. Im Gefolge der sogenannten «68er Revolution» hat die Eidgenossenschaft viel, sehr viel verludert. Es genügt, Japan zu besuchen, um zu realisieren, was alles an öffentlicher Sauberkeit, Ordentlichkeit und Höflichkeit in unserem Land leichtfertig aus dem Fenster geworfen worden ist. Auch bei Kleidung und Umgangsformen sind die allgemeinen Standards deutlich heruntergekommen. Es ist leicht, solche Kritik als typisch «kleinbürgerlich» abzutun. Besonders verfänglich ist das Argument, dass es schliesslich um Inhalte und nicht um Formen gehe. Vergessen wird dabei leicht, dass häufig die Protagonisten solcher Argumente nicht nur die Formen des zivilisierten Zusammenlebens missachten und kleinreden, sondern auch gar keine Inhalte haben.

»Kleinbürgerlich« ist noch der netteste Begriff, den ich im Kopf hatte, als ich die Auflistung der Werte gelesen habe: Pflicht, Respekt, Familie, Erziehung und Bildung, Disziplin und Ordentlichkeit. Denken wir mal darüber nach: Respekt für das Alter schenke ich Herrn Schoettli gerne, das kann nie ganz falsch sein. Dann aber: Woher kommt eine Pflicht? Eine Autorität? Ein Bild von einer Familie? Die Vorstellung der richtigen Erziehung? Disziplin? Schnell merkt man: Dazu braucht es eine Ideologie. Und diese Ideologie ist, wenn erst einmal Pflichtbewusstsein, Disziplin und Ordentlichkeit herrschen, völlig egal. Was viele Menschen in der Schweiz gemerkt haben, ist, dass diese Werte gefährlich sind. Gefährlich für Menschen und Gesellschaften, welche sich blind an ihnen orientieren. »Es genügt, Japan zu besuchen«, mein Herr Schoettli. Das denke ich auch: Man sehe sich an, wie sehr japanische Jugendliche unter den kulturellen Zwängen und gesellschaftlichen Vorgaben leiden. Wie lebensunwert das Leben eines oder einer japanischen Berufstätigen ist. Wie xenophob die japanische Gesellschaft ist.

Auch wenn mir Herr Schoettli wegen meiner Geringschätzung seiner Tugenden sämtliche Inhalte abspricht, werde ich nun doch formulieren, welche Tugenden ich mir für die Schweiz wünschte: Respekt gegenüber Menschen, egal welche Entscheidungen sie für sich selbst gefällt haben, wie sie denken, woher sie kommen, welcher Religion sie angehören, welche Lebenshaltung sie haben; Ermunterung aller, sich Gedanken über das Leben und die eigenen Bedürfnisse zu machen und die Möglichkeiten schaffen, dass sich Menschen kreativ ausleben können, ohne ökonomischen Sachzwängen zu unterliegen, Bildung und Erziehung als Chancen, dass Menschen sich entwickeln und nicht in vorgefertigte Rollenbilder gezwängt werden, nur damit sie später regelmäßig den Müll rausbringen und die Schweizer Strassen sauber halten; Familien, in denen alle Formen des Zusammenlebens möglich sind, in denen es Menschen wohl ist; und nicht die, welche man aus irgendeinem Grund für richtig hält. Und vor allem die Einsicht, dass die Bewohner eines Landes nicht weil sie in diesem Land wohnen oder gar in diesem Land geboren worden sind, einen anderen Wert als andere Menschen haben und auch nicht mit Tugenden geboren worden sind.