Die schöpferische Identität – oder warum wir Steve Jobs überschätzen

1967 hat Roland Barthes seinen einflussreichen Text »Der Tod des Autors« erstmal veröffentlicht (pdf). Er beschreibt darin folgendes Problem:

Unsere heutige Kultur beschränkt die Literarur tyrannisch auf den Autor, auf seine Person, seine Geschichte, seinen Geschmack, seine Leidenschaften. […] Die Erklärung eines Werkes wird stets bei seinem Urheber gesucht – als ob sich hinter der mehr oder weniger durchsichtigen Allegorie der Fiktion letztlich immer die Stimme ein und derselben Person verberge, des Autors, der Vertraulichkeiten preisgibt.

Obwohl Barthes Text bekannt ist, seine Analyse einleuchtet und ihre Konsequenzen bekannt sind, fallen wir immer wieder hinter ihn zurück. Auch wir glauben, hinter einem Werk stehe eine Person, ihr Urheber. Wir mystifizieren kreative Menschen.

Ein Beispiel dafür ist Steve Jobs: Apple wurde von einem Hersteller von Computern für Liebhaber und Spezialisten zu einem Hersteller von Mainstream- und Lifestyle-Unterhaltungselektronik, zu einer Designikone, einem Vorbild für Innovation.

Diese Innovation, dieses Designs, diese Konzepte und dieser wirtschaftliche Erfolg werden nun einer Person zugeschrieben. Es ist unvorstellbar, dass Jobs verantwortlich für diese Geräte oder ihren Erfolg ist. Sie sind das Resultat eines unvorstellbar komplexen Prozesses und der Zusammenarbeit von Tausenden von Menschen. Die Mystifikation, Jobs habe die totale Kontrolle (selbst über Menupläne) beansprucht, ist genau das Resultat unseres Unvermögens, kreative Prozesse unabhängig von einem einzelnen, genialen Individuum zu denken (und natürlich auch ein Resultat der Marketing-Inszenierung von Apple und ihre Aufnahme durch die Medien).

Noch einmal Barthes:

Der Text ist ein Gewebe von Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur. […] [D]er Schreiber [kann] nur eine immer schon geschehene, niemals originelle Geste nachahmen. Seine einzige Macht besteht darin, die Schriften zu vermischen und sie miteinander zu konfrontieren, ohne sich jemals auf eine einzelne von ihnen zu stützen. […] Als Nachfolger des Autors birgt der Schreiber keine Passionen, Stimmungen, Gefühle oder Eindrücke mehr in sich, sondern dieses riesige Wörterbuch, dem er die Schrift entnimmt, die keinen Aufenthalt kennt. Das Leben ahmt immer nur das Buch nach, und das Buch ist immer nur ein Gewebe von Zeichen, eine verlorene, unendlich entfernte Nachahmung.

Was Barthes als »Text« bezeichnet, kann jede Form von kreativer Produktion meinen. Der Grund, weshalb wir so starke Mühe mit der Sichtweise von Barthes haben, ist unsere eigene Angst davor, nicht mehr die Kontrolle über unsere Produktion zu haben. Allgemeiner: Unsere Angst davor, unsere Identität zu verlieren.

Michael Seemann beendet seinem neuesten Post auf seinem Kontrollverlust-Blog mit folgendem Fazit:

Die neue „Katastrophe”, die des Computers und des Interntets wird erfordern, diese Identität als Referenzpunkt für Realität wieder ein Stück weit aufzugeben – zumindest zu öffnen. Identität – das Zusammenfassen und Rückführen aller Eigenschaften, Daten und Kommunikationen auf seinen Austrittskörper – wird nur eine unter vielen möglichen Queries sein. Die neuen Queries werden Aspekte, Beobachtungen, Empfehlungen, Erlebnisschnipsel und Gedanken von vielen, vielen Absendern individuell bündeln, rekonfigurieren, bei Bedarf simultan übersetzen, in eine spezielle Reihenfolge bringen und so eine komplexe Sicht auf Realität ermöglichen: die “Distributed Reality“.

Mt anderen Worten: Wir lesen Schriften, die wiederum Vermischungen von Schriften sind. Wir können diese Schriften versuchen, ihren UrheberInnen zuzuordnen – aber wir müssen nicht. Wir können ganz andere Betrachtungsweisen wählen (z.B. nicht alle Blogeinträge von einer bestimmten Person lesen, sondern alle zu einem bestimmten Thema etc.). Weiter noch: Eine Person erklärt, wenn sie als Urheberin eines Texte gesehen wird, diesen Text nicht. Genau so wenig kann eine Person wie Steve Jobs erklären, weshalb heute auch ältere Menschen nicht nur stolz darauf sind, sondern auch Anerkennung dafür bekommen, wenn sie endlich ein iPhone haben (mit dem sie vielleicht nicht mal besonders gut umgehen oder telefonieren können).

Wer bin ich? – Zum Selbstbeantworten: Hundert Fragen, mit denen man sich besser kennenlernen kann

Update: Ich habe ein neues Blog für Fragen eröffnet: Fragen Fragen. Darauf gibt es beispielsweise auch 77 Fragen von Rolf Dobelli, mit denen man sich besser kennen lernen kann.

NZZ Folio Journalist Mikael Krogerus und Roman Tschäppeler, Geschäftsführer einer Kommunikationsagentur, haben ein Fragebuch veröffentlicht, in dem sich die folgenden 100 Fragen finden, mit denen man sich »besser kennenlernen kann«. Ich habe fast alle schon beantwortet und liste zunächst mal die Fragen auf (ich habe sie aus dem Zeit-Magazin, Nr. 37/2009 abgeschrieben). In einem nächsten Post dann die interessanten Antworten.

Update April 2010: Die Autoren haben auch einen schönen Blog und einen Twitteraccount, auf dem Fragen veröffentlich werden.

  1. An welche zwei Menschen denken Sie in letzter Zeit häufig?
  2. Was können Sie Ihrere Meinung nach besser als die meisten Ihrer Freunde?
  3. Was machen Sie beruflich?
  4. Was wollten Sie werden?
  5. Warum sind Sie es (nicht) geworden?
  6. Neben Ihrem aktuellen Beruf: Welche Tätigkeit beherrschen Sie so gut, dass man Sie dafür bezahlen würde?
  7. Welche ist Ihre wichtigste Charaktereigenschaft in Bezug auf Ihren Beruf?
  8. Können Sie sich besser mündlich oder schriftlich ausdrücken?
  9. Wie oft checken Sie Ihre E-Mails am Tag?
  10. Wären Sie gerne schlanker, beweglicher, ausdauernder oder kräftiger?
  11. Welche Sportart würden Sie gerne beherrschen?
  12. Ihre Lieblingsmedizin?
  13. Etwas, wonach Sie süchtig sind?
  14. Wie oft haben Sie Sex mit Ihrem Partner?
  15. Welches ist der Lieblingsplatz in Ihrer Wohnung?
  16. Wie viele Mahnungen bekommen Sie pro Jahr?
  17. Verdienen Sie mehr als Ihr bester Freund?
  18. Haben Sie schon einmal Steuern hinterzogen?
  19. Wer schuldet Ihnen Geld?
  20. Zwei Komplimente, die Sie oft hören:
  21. Welches bedeutet Ihnen mehr?
  22. Sind Sie bei Ihren Arbeitskollegen beliebt?
  23. Was können Sie aktuell am meisten gebrauchen: Ausdauer, Ruhe, Mut, Fantasie?
  24. Auf welchen Luxus könnte Sie verzichten?
  25. Wieso tun Sie es nicht?
  26. Welche Drogen würden Sie konsumieren, wenn sie keine Nebenwirkungen hätten?
  27. Wie viele Facebook-Freunde haben Sie aktuell?
  28. Wie viele davon würden Sie als Freunde bezeichnen?
  29. An wen haben Sie zuletzt einen persönlichen Brief geschrieben?
  30. Von wem einen erhalten?
  31. Ihre zwei besten Charaktereigenschaften?
  32. Ihre zwei schlechtesten Charaktereigenschaften?
  33. Eine Person, die Sie gern besser kennenlernen würden:
  34. Eine Person, bei der Sie sich entschuldigen müssen:
  35. Eine Person, die Sie aus den Augen verloren haben und an die Sie immer noch denken:
  36. Eine Person, der Sie vertrauen:
  37. Eine Person, auf die Sie stolz sind:
  38. Worin unterscheid sich Ihr heutiger bester Freund von dem aus Ihrer Kindheit?
  39. Auf wessen Freundschaft könnten Sie verzichten?
  40. Warum pflegen Sie sich noch?
  41. Welche Vorurteile fallen Ihnen zu Ihrer Nationalität ein?
  42. Welche treffen auf Sie zu?
  43. Wovon haben Sie überhaupt keine Ahnung?
  44. Etwas, wofür Sie üblicherweise viel Geld ausgeben:
  45. Könnten Sie mit der Hälfte Ihres Einkommens auskommen?
  46. Womit können Sie inzwischen leben, obwohl Sie lange damit gehadert haben?
  47. Womit beschäftigen Sie sich Ihrer Meinung nach zu viel?
    Womit zu wenig?
  48. Wenn Sie ein Kind erwarten, das mit Sicherheit beindert auf die Welt kommt: Wie verhalten Sie sich?
  49. In welchen Punkten belügen Sie sich selbst?
  50. Was würden Sie gerne erlernen?
  51. Was sind die zwei dringlichsten politischen Themen?
  52. Was haben Sie schon dafür getan?
  53. Was müste passieren, damit Sie etwas tun?
  54. In welchem Maße sind Sie patriotisch, und wie drückt sich das aus?
  55. Wann haben Sie zum letzten Mal gewählt?
  56. Schätzen Sie: Wie viel Prozent Ihrer Lebensmittel sind bio?
  57. Werden Sie eher das System ändern oder sich selbst?
  58. Eine Reise, die Sie verändert hat:
  59. Ein Traumziel aus Ihrer Kindheit:
  60. Haben Sie sich diesen Traum erfüllt?
    Wie war es?
  61. Ihre erste Handlung, wenn Sie von Reisen zurückkommen:
  62. Ein Geruch aus Ihrer Kindheit:
  63. Wer war Ihr/e Lieblingslehrer/in, und was genau mochten Sie an ihr/ihm?
  64. Was besitzen Sie seit Ihrer Kindheit:
  65. Was haben Sie von Ihrem Vater in Bezug auf Männer gelernt?
  66. Wie würde Ihr Vater Sie beschreiben?
  67. Was haben Sie von Ihrer Mutter in Bezug auf Frauen gelernt?
  68. Wie würde Ihre Mutter Sie beschreiben?
  69. Was haben Ihre Eltern falsch gemacht?
  70. In welcher Hinsicht finden Sie Ihre Familie besser als andere Familien, die Sie kennen?
  71. Ihr Lieblingsverwandter, früher:
    Heute:
  72. Welches Bild haben Sie vor Augen, wenn Sie an Ihre große Liebe denken?
  73. In Ihren Beziehungen: War Sie eher der, der liebte, oder der, der geliebt wurde?
  74. Drei Dinge, die Sie an Ihrem Partner schätzen:
  75. Drei Dinge, von denen Sie glauben, dass Ihr Partner sie an Ihnen schätzt:
  76. Was, flauben Sie, wird in Ihrer Beziehung zur größten Herausfroderung?
  77. In welcher Situation fanden Sie Ihren Partner befremdend?
  78. Welche Eigenschaft vermissen  Sie am meisten an Ihrem Partner?
  79. Was glauben Sie: Welche Eigenschaft vermisst Ihr Partner an Ihnen?
  80. Was unterscheidet Ihren derzeitigen Partner von Ihrem vorherigen?
  81. Sind Sie öfter verlassen worden, oder haben Sie öfter verlassen?
    Wie erklären Sie sich das?
  82. Welches Ihnen bekannte Paar gefällt Ihnen?
  83. Welches finden Sie unausstehlich?
  84. Welche Art Mann/Frau steht typischerweise auf Sie?
  85. Auf wen stehen Sie?
  86. Ein Wort, das Ihr Sexleben beschreibt:
  87. Was spricht für die Monogamie?
    Was dagegen?
  88. Mit welchem Ihrer engen Freunde könnten Sie sich vorstellen, ins Bett zu gehen?
  89. Eine Situation, in der Sie sich einsam gefühlt haben:
  90. Was machen Sie in zehn Jahren:
    Im besten Fall:
    Im schlimmsten Fall:
  91. Wessen Glück beneiden Sie?
  92. Was macht Sie unglücklich?
  93. Woran glauben Sie, obwohl Sie es nicht beweisen können?
  94. Woran glauben Sie nicht mehr, an das Sie vor zehn Jahren noch geglaubt haben?
  95. Wovor haben Sie Angst?
  96. Wovor haben Sie keine Angst mehr?
  97. Was spricht gegen Selbstmord?
  98. Was ändert sich, wenn Sie sterben?
  99. Was stirbt, wenn Sie sich ändern?
  100. Ist gerade die beste Zeit Ihres Lebens?
    Warum/Warum nicht?