Wahrheit und Fiktion in sozialen Netzwerken

Auch wenn ich davon überzeugt bin, dass wir Menschen immer das für wahr halten, woran wir glauben (möchten): Manchmal ist es erstaunlich, wie schnell sich Halbwahrheiten oder falsche Behauptungen in sozialen Netzwerken verbreiten.

Ein Beispiel ist die Studie, wonach die Nutzer von Internet Explorer dümmer seien als die anderer Browser, andere sind die Beschreibungen der Vorgänge bei aktuellen Ereignissen wie den Plünderungen in England. Generell kann man sagen, dass soziale Netzwerke Wahrheit und Fiktion vermischen – ja vermischen müssen.

Dafür sehe ich eine Reihe von Gründen:

  1. Aufmerksamkeit ist die Währung in sozialen Netzwerken. Aufmerksamkeit generiert man mit erstaunlichen Botschaften – z.B. mit erfundenen.
  2. Soziale Netzwerke basieren auf der Verbreitung von Information. Oft werden Informationen verbreitet, die nicht ganz gelesen wurden und deren Titel die Mitlesenden interessieren könnte. Falsche und halbwahre Informationen können viral verbreitet werden, ohne dass die Masse an Lesenden bzw. Verbreitenden darauf aufmerksam würde.
  3. Soziale Netzwerke sind schnell und aktuell. Die Zeit reicht nicht aus, durch Recherchen etc. zu verifizieren, ob eine Information stimmt.
  4. Soziale Netzwerke schaffen Kommunikation in Gruppen. Auch wenn sie nicht so angelegt sind – meistens informieren sich Gleichgesinnte bei Gleichgesinnten. Wenn man also als Nicht-Explorer-Nutzende hört, dass Explorer-User dumm sind, dann passt das zur Gruppenmeinung und kann verbreitet werden.
  5. Soziale Netzwerke verbinden User, welche sich damit unterhalten (und dabei vor allem scherzen), mit solchen, welche sich ernsthaft informieren wollen bzw. andere informieren wollen. Die Abgrenzung fällt nicht immer leicht – wo beginnt die Ironie bzw. der Witz und wo hört die faktische Information auf?

Selbstverständlich hat man als Nutzer von Social Media die Möglichkeit, sich diesem Problem zu stellen. Der Guardian schlägt – im Zusammenhang mit den Ereignissen in London – acht Möglichkeiten vor, die einen verantwortungsvollen Umgang mit Twitter (und mit sozialen Medien generell) ermöglichen (ich danke Konrad Weber für den Hinweis auf diesen Artikel):

  1. Augenzeugenberichte nur dann verbreiten, wenn man selber Augenzeuge gewesen ist.
  2. Informationen, die man aus erster Hand hat (z.B. Beobachtung) so präzise wie möglich formulieren.
  3. Davon ausgehen, dass andere User scherzen könnten.
  4. Was passieren könnte ist nicht dasselbe wie das, was passiert ist.
  5. Wenn man Gerüchte erkennt, soll man sie direkt infrage stellen.
  6. Wenn man auf falsche Informationen trifft, soll man sie korrigieren.
  7. Sich überlegen, woher man weiß, dass etwas wahr ist. Nachfragen, recherchieren.
  8. Usern folgen, denen man vertrauen kann.

Warum Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen. Der neue Sexismus.

Im Blog von Sie kam und blieb wird auf das Buch von Natasha Walter, einer der prominentesten britischen Feministinnen, hingewiesen (und auf die Präsentation des Buches am 17. Februar in Bern). Das Buch heißt auf Deutsch Living Dolls. Warum Frauen heute lieber schön als schlau sein wollen.

Der englische Untertitel heißt: »The return of sexism.« Walters grundlegende These ist, dass der heutige Sexismus durch die Beteiligung der Frauen von einem früheren unterschiedet. Frauen akzeptieren Sexismus (ein Beispiel von Walter ist die Pornographie, welche in den 80er-Jahren auch von Nicht-Feministinnen abgelehnt werden konnte, heute aber eine Selbstverständlichkeit zu sein scheint) und wählen ihn sogar aktiv.

Die FAZ formuliert das in ihrer Rezension wie folgt:

Was am heutigen Sexismus irritiert und ihn womöglich als solchen unkenntlich macht, ist die Bereitwilligkeit, mit der sich viele Frauen daran beteiligen: Sie hätten ja, heißt es stets, die Wahl. Genau diese Entscheidungsfreiheit bezweifelt Natasha Walter. In Werbung, Filmen, Musik und Medien werde ein ganz bestimmtes Bild der weiblichen Sexualität gefeiert, dem sich junge Frauen nur schwer entziehen könnten – vor allem Frauen aus eher prekären Verhältnissen, denen die Gesellschaft kaum Aufstiegschancen bietet. Es werde ihnen vermittelt, „dass der Weg zur Selbstverwirklichung der Frau unvermeidlicherweise über die Perfektion ihres Körpers führt“.

Im Guardian führt Walter weiter an, dass diese Unvermeidlichkeit das besondere Problem ist – es gibt keine Möglichkeiten für junge Frauen, auszuscheren:

It has become increasingly difficult for young women to opt out of this culture, to take any path other than that which leads inexorably to fake nails, fake tan and, finally, fake breasts. And, if they do, there are ­serious social penalties.

Das Problem ist das Menschenbild, das sich durch das Modeargument der biologischen Determination in den relevanten Gender-Dimension verändert (um nicht zu sagen: zurückgebildet hat):

[Das Problem ist| the objectification of young women, the suggestion that men and women are simply programmed to behave in certain ways, and that inequality is therefore inevitable.

Walter looks at the way that arguments for biological determinism have suddenly multiplied in recent years. She ­delivers a ­convincing critique of the studies that have been used to imply that children are biologically programmed to fit social stereotypes – that boys have a natural love of blue and cars and guns, and that girls have a natural love of pink and prams and dolls.

Dieses Puppenspielen erhält letztlich wieder den Status des »Natürlichen« – und damit, wie de Beauvoir schon 1947 geschrieben hat, werden Frauen zu Puppen, wollen wie Puppen behandelt werden. Walter beschreibt sehr anschaulich, wie diese Natürlichkeit konstruiert wird: Eine Mutter habe ihr geschrieben, ihr Sohn wolle Ballettstunden nehmen. In der Ballettklasse gäbe es aber bisher nur Mädchen, weshalb ihr Sohn »obviously« nicht mitmachen könne. Dieses »obviously« der ersten Mutter wird bei jedem Jungen, der Ballett interessant findet, genau so wiederholt wie bei jedem Mädchen, das kurze Haare haben möchte – und so wird etwas »natürlich«, was es eigentlich nicht wäre.