Wozu wir Social Media brauchen

Die Diskussionen um die Frage, welches soziale Netzwerk sich durchsetzen wird, hat etwas ungeheuer Ermüdendes (wie auch Guy Kawasaki, von dem die Grafik stammt, festgehalten hat): Man übertrifft sich in Mutmassungen, entwickelt Zusammenhänge, blickt auf die Vergangenheit zurück – und diskutiert etwas, was letztlich niemand wissen kann und worüber zu diskutieren sich meist nur dann lohnt, wenn man damit Geld verdient. Ich nehme mich nicht aus – auch ich habe my fair share von Spekulationen abgeliefert.

Letztlich kann man sich darauf besinnen, wofür man Social Media eigentlich braucht – um zu sehen, dass man immer wieder andere Dienste einsetzen wird, um diese Funktionen auszuüben. Letztlich wird es auch immer wieder Tendenzen geben, diese Funktionen zu bündeln oder neu zu definieren. Viel ändern dürfte sich daran aber wohl nicht – seit Briefe geschrieben werden, gibt es wohl diese sechs Funktionen. Seit sie hauptsächlich in die digitale Sphäre verlagert worden sind, ändern sich die Dienste schneller, welche man benötigt. Aber etwas wirklich Neues entsteht nicht – auch wenn man Begriffe benutzt, welche klingen, als gäbe es immer wieder etwas Neues.

  1. Wir wollen mit den uns nahe Stehenden kommunizieren.
  2. Wir wollen mit Menschen in Kontakt kommen, von denen wir etwas benötigen.
  3. Wir informieren uns über Geschehnisse in der Welt.
  4. Wir lassen uns unterhalten und unterhalten andere.
  5. Wir wollen Aufmerksamkeit erregen und Aufmerksamkeit verteilen.
  6. Wir wollen zeigen, dass wir dazugehören und Medien- bzw. Technikkompetenz beweisen.

Wenn wir nun zum Schluss doch noch Google Plus als Beispiel nehmen, dann tritt man dort einmal als early adopter bei, um Funktion 6 zu erfüllen: Ich bin dabei. Und nun? – Die Frage ist, ob eine der anderen Funktionen anschlussfähig ist: Werde ich unterhalten? Bekomme ich Aufmerksamkeit? Kann ich Informationen erhalten? Treffe ich die Leute, von denen ich etwas will? Oder die, die mir etwas bedeuten?

Nun könnte man als technikaffiner Mensch denken, dass Google innerhalb von Wochen erreichen muss, dass all das, was ich sonst mit anderen Dienstleistungen tue, auch in Google Plus möglich ist – sprich: Dass alle meine Kontakte auch bei Google Plus sind. Das halte ich aber für falsch. Google kann durchaus auch über eine andere Funktion Menschen ansprechen. Es wird sich letztlich nicht das durchsetzen, was die early adopter adopted haben: Sondern das, womit man das machen kann, was man machen will.

Auch in den Zeiten des Internets dauert es Jahre, bis sich ein Dienst oder eine Technologie durchsetzt. Wie lange ging es, bis man auch ältere Menschen per Mail erreichen konnte? Wie lange ging es, bis es Standard war, dass Menschen ein Mobiltelefon mit sich tragen? Wie lange wird es noch dauern, bis es Standard ist, dass Menschen das Internet mobil nutzen? Wann werden mehr als 10% aller Menschen wissen, was Twitter ist?

Wahrheit und Fiktion in sozialen Netzwerken

Auch wenn ich davon überzeugt bin, dass wir Menschen immer das für wahr halten, woran wir glauben (möchten): Manchmal ist es erstaunlich, wie schnell sich Halbwahrheiten oder falsche Behauptungen in sozialen Netzwerken verbreiten.

Ein Beispiel ist die Studie, wonach die Nutzer von Internet Explorer dümmer seien als die anderer Browser, andere sind die Beschreibungen der Vorgänge bei aktuellen Ereignissen wie den Plünderungen in England. Generell kann man sagen, dass soziale Netzwerke Wahrheit und Fiktion vermischen – ja vermischen müssen.

Dafür sehe ich eine Reihe von Gründen:

  1. Aufmerksamkeit ist die Währung in sozialen Netzwerken. Aufmerksamkeit generiert man mit erstaunlichen Botschaften – z.B. mit erfundenen.
  2. Soziale Netzwerke basieren auf der Verbreitung von Information. Oft werden Informationen verbreitet, die nicht ganz gelesen wurden und deren Titel die Mitlesenden interessieren könnte. Falsche und halbwahre Informationen können viral verbreitet werden, ohne dass die Masse an Lesenden bzw. Verbreitenden darauf aufmerksam würde.
  3. Soziale Netzwerke sind schnell und aktuell. Die Zeit reicht nicht aus, durch Recherchen etc. zu verifizieren, ob eine Information stimmt.
  4. Soziale Netzwerke schaffen Kommunikation in Gruppen. Auch wenn sie nicht so angelegt sind – meistens informieren sich Gleichgesinnte bei Gleichgesinnten. Wenn man also als Nicht-Explorer-Nutzende hört, dass Explorer-User dumm sind, dann passt das zur Gruppenmeinung und kann verbreitet werden.
  5. Soziale Netzwerke verbinden User, welche sich damit unterhalten (und dabei vor allem scherzen), mit solchen, welche sich ernsthaft informieren wollen bzw. andere informieren wollen. Die Abgrenzung fällt nicht immer leicht – wo beginnt die Ironie bzw. der Witz und wo hört die faktische Information auf?

Selbstverständlich hat man als Nutzer von Social Media die Möglichkeit, sich diesem Problem zu stellen. Der Guardian schlägt – im Zusammenhang mit den Ereignissen in London – acht Möglichkeiten vor, die einen verantwortungsvollen Umgang mit Twitter (und mit sozialen Medien generell) ermöglichen (ich danke Konrad Weber für den Hinweis auf diesen Artikel):

  1. Augenzeugenberichte nur dann verbreiten, wenn man selber Augenzeuge gewesen ist.
  2. Informationen, die man aus erster Hand hat (z.B. Beobachtung) so präzise wie möglich formulieren.
  3. Davon ausgehen, dass andere User scherzen könnten.
  4. Was passieren könnte ist nicht dasselbe wie das, was passiert ist.
  5. Wenn man Gerüchte erkennt, soll man sie direkt infrage stellen.
  6. Wenn man auf falsche Informationen trifft, soll man sie korrigieren.
  7. Sich überlegen, woher man weiß, dass etwas wahr ist. Nachfragen, recherchieren.
  8. Usern folgen, denen man vertrauen kann.

Google Plus oder Filtersouveränität: Über Redundanz und Selektion in sozialen Netzwerken

Soziale Netzwerke teste ich meist recht früh – habe aber bisher nur zwei genutzt: Twitter und Facebook. Es gibt viele Sprüche, die das Verhältnis von Twitter und Facebook beschreiben, in meinem Fall vernetze ich mich auf Twitter mit Menschen, die ähnliche Themen interessieren, wie mich – und auf Facebook mit den Menschen, die ich persönlich kenne.

Ich versende aber sowohl auf Twitter als auch auf Facebook primär sachliche Diskussionsbeiträge: Meine Blogposts, Links zu anderen Blogs, interessante Beiträge aus Printmedien, ab und zu eher scherzhafte Beiträge. Bisher habe ich Tweets, die ich auch auf Facebook posten wollte, via Selective Tweets an FB gesendet, weniges (z.B. Bilder) nur auf Facebook gepostet und sehr vieles nur auf Twitter. Meine Blogposts werden automatisch auf Twitter und Facebook veröffentlicht, mein Fragenblog publiziere ich über eine FB-Page auf Facebook.

Neu gibt es auch Google Plus. Ich mag Google Plus: Es ermöglich tief schürfende Diskussionen, fühlt sich besser an als Facebook und lässt sich besser bedienen, es scheint zudem geeignet zu sein, andere Webdienste zu integrieren. Kurz: Ich möchte gern aus Facebook aussteigen und Google Plus benutzen.

Mit dem Chrome-Addon Start G+ ist es mir möglich, einen Post auf G+ sowohl auf Twitter als auch auf Facebook zu veröffentlichen. Das scheint mir sehr effizient zu sein – hat aber den Nachteil, dass Kontakte, die ich sowohl auf allen drei Diensten habe, von mir drei Mal dasselbe zu lesen bekommen. Gregor Lüthy meint dazu:

der filter wäre dann wohl, dass man dich bei FB auf ignorieren stellt und dich bei Twitter „entfolgt“. Also sich einfach für einen Kanal entscheidet. Wenn du alle drei Kanäle weiter bedienen willst, müsstest du entweder je Kanal eigene Inhalte senden, oder sonst denselben Inhalt jeweils dem Kanal anpassen; so wie ein klassisches Medienunternehmen dieselben Inhalte jeweils dem Medium (TV, Radio, Print) anpasst.

Wir wären dann bei Michael Seemanns Konzept der Filtersouveränität:

[D]er Andere kann, weil er in unendlichen Quellen mit perfekt konfigurierbaren Werkzeugen hantiert, keinen Anspruch mehr an den Autor stellen – weder einen moralisch-normativen noch einen thematisch-informationellen. Die Freiheit des Anderen, zu lesen oder nicht zu lesen, was er will, ist die Freiheit des Senders, zu sein, wie er will.

Die Frage wäre, ob es diese Filter bereits gibt. In FB gibt es Filter, mit denen es möglich ist, alles, was ich poste, zu ignorieren – und gleichwohl mit mir befreundet zu sein. Auf Twitter kann ich nur Inhalte von Listen lesen und könnte so Konten, die mich nicht interessieren, in die entsprechende Liste verschieben – oder jemanden gleich ganz entfolgen. Filter gibt es auch auf Google Plus.

Fazit: Auch wenn ich noch nicht weiß, ob ich nicht doch weiterhin nur partielle Redundanzen schaffe und vieles nur auf einem Kanal veröffentliche, theoretisch sollte es unbedenklich sein, darauf zu vertrauen, dass die Lesenden zu filtern verstehen und ich nicht für sie vorfiltern muss. Oder habe ich etwas übersehen?