Alt Lit, Männer trollen und Post-Gender

Kürzlich habe ich mich mit jemandem auf ein Bier getroffen und ein paar Stunden geredet. Ich habe viel gelernt, nachgedacht und Fragen gestellt bekommen, die mich noch eine Weile begleiten werden. Unter anderem wurde mir Marie Calloway vorgestellt, eine Ikone der Alternative Literature. Meine Gesprächspartnerin vertrat die Meinung, es könne nicht lange gehen, bevor die auch im deutschsprachigen Raum rezipiert werden würde. Ich habe einiges von Calloway gelesen und bin beeindruckt: Mit minimalen Mitteln zeigt sie, wie on- und offline Geschlechterrollen inszeniert und repräsentiert werden. Indem sie literarisch aufzeigt, wie Männer auf ihr literarisches Alter-Ego reagieren, und dabei ihre literarische Rolle und ihre Person ununterscheidbar werden lässt, provoziert sie Reaktionen und Reflexionen, die politisch mehr bewegen dürften, als es eine Aufschrei-Debatte kann.

tumblr_mihpcj8KH91s6q4cuo1_1280Calloway trollt Männer. Sie spielt mit Identitäten, verunsichert souveräne Männer und lässt ihr Publikum über sie lachen. Das scheint mir eine viel versprechende Strategie zu sein – nicht für den Umgang mit sexueller Gewalt beispielsweise und auch nicht für den Umgang mit unterschiedlichen Rechten. Da gibts nichts zu lachen. Aber für den Raum, den Männer wie selbstverständlich einnehmen, für die subtilen Übergriffe und den latenten Sexismus, den viele gar nicht wahrnehmen. Den kann man anprangern, wird aber damit die stärken, die ihn ignorieren. Ihn aber zu trollen schafft eine Verunsicherung bei denen, die ihn ausüben; sie hebelt die Selbstverständlichkeit aus, mit der Männer annehmen, ihre Sexualität auch gegen Widerstände ausleben zu müssen und zu dürfen.

Im Gespräch verglichen wird die Alt Lit-Szene mit dem jungen Feminismus im deutschen Sprachraum, der oft betont politisch ist und bewusst einen barschen Ton anschlägt. Dabei fällt auf, dass Calloway und andere Alt-Lit-Autorinnen traditionell dem weiblichen Stereotyp zugehörige Tätigkeiten ausführen (schreiben, zum Beispiel; oder Collagen machen, sich schminken); während viele Feministinnen und Deutschland einen starken Bezug zu technischen und naturwissenschaftlichen Tätigkeiten aufweisen.

Von da aus lässt sich eine Brücke zur Frage des Gender-Mainstreaming schlagen, also zur Frage, wie denn Gleichstellung konkret umgesetzt werden könnte: Sollen Mädchen animiert werden, Roboter zu bauen, Computer zu programmieren und Eishockey zu spielen (und Knaben mit Puppen Theater spielen, sich schminken und Geschichten erfinden)? Auch. Es braucht im Computerclub mehr Frauen und in Lesezirkeln mehr Männer, damit sich alle Menschen dort wohl fühlen. Aber die konkrete Tätigkeit ist weniger wichtig als ihre Funktion: Wenn sich junge Frauen heute auf Tumblr als Objekte präsentieren (vgl. die Arbeiten von Kate Durbin), dann verlassen sie damit eine heterosexuell geprägte Weiblichkeit: Sie inszenieren sich für sich, weil es auf diesen Tumblr kaum Männer gibt. Schminken und Mode wird zu einer selbstreflexiven Kunst in einem nicht-genderten Raum; es ist, als würden diese Kulturtechniken von Frauen »reclaimed«, als so beansprucht, dass sie nicht mehr in einem Diskriminierungszusammenhang stehen.

tumblr_mlboej5ncJ1r8ihz1o1_1280Dasselbe kann man bei urbanen Männern beobachten, die ihren Body formen und eigene Modestile ausprägen, ohne dass das primäre Ziel das andere Geschlecht wäre.

Das wäre letztlich die Vorstellung von Post-Gender, die ich für erstrebenswert halte: Dass Menschen Tätigkeiten ausüben und Identitäten entwickeln, die losgelöst von ihrer Geschlechtsidentität, von Geschlechterrollen und sexueller Orientierung sind. Dass das Geschlecht weder für die Motivation, etwas zu tun, noch für die Fähigkeit als ausschlaggebend angeschaut wird.

Aber es wäre naiv zu denken, man könnte einfach so tun, als lebten wir bereits in dieser Situation. Bis dahin braucht es wohl sowohl die Strategien des jungen amerikanischen und des jungen deutschen Feminismus: Einerseits spielerisch dekonstruieren, was Privilegierte als Selbstverständlich erachten, andererseits knallhart einfordern, was für alle Selbstverständlich sein sollte. So attraktiv Alt Lit und Trollerei erscheinen mag: Letztlich handelt es sich hier auch wieder um Tätigkeiten für Privilegierte, die vielen real Diskriminierten und Benachteiligten weder zur Verfügung stehen noch helfen.

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Klischees, Geschlechter und Gewalt

Heute hat sich um einen Blogpost von Meret Steiger auf Clack.ch eine längere Diskussion auf Facebook ergeben, in der es um Geschlechterrollen, Klischees und die Einstellung der heutigen Jugend zu diesen Themen ging.

Im Text verfolgt die Ich-Erzählerin die Fantasie, wie es wäre, heute ein Mann zu sein:

Als Mann würde ich schon gut eine halbe Stunde später aufstehen. Meine Outfits würden sich immer auf Jeans & T-Shirt beschränken, die Haare hätte ich so kurz, dass es kein Frisieren braucht, und das Make-Up erübrigt sich sowieso. Nicht, dass ich jetzt als Frau nicht ohne Make-Up aus dem Haus gehen würde. Nein, ich finde mich ja auch ungeschminkt ganz nett, aber ich fühle mich einfach sicherer. Und sexier. Und überhaupt.

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Damit geht die Autorin implizit davon aus, das Leben sei für Männer generell anders als für Frauen. Die Frage, warum das so ist, umgeht der Text aber. Er ruft zahlreiche Klischees auf, die er aber einfach zu bestätigen scheint: Wäre das Ich ein Mann, dann wäre es so, wie Männer in bestimmten Klischees halt sind. Die Bemerkung, dass nicht alle Männer diesem Klischee entsprechen, darf dann nicht fehlen.

Die Kritik am Text wurde mit einer Reihe von Argumenten zurückgewiesen: Der Text sei »ironisch«, »humorvoll«, er spiele mit Klischees. Wer ihn kritisiere, verlange einen philosophischen Gehalt von einer witzigen Fantasie; wiederholte überholte Gender-Argumente aus den 90er-Jahren. Diese Bemerkungen stammen alle von Reda El Arbi, dem »Lektor« von Meret Steiger. Er schreibt auch:

ich hab keine schwierigkeiten, mich selbst zu definieren und meine persönlichkeit an den clischées vorbei zu entwickeln. vielleicht kann ichs drum lustig finden. aber vielleicht verträgt der möchtegern emanzipierte mann [gemeint: phw] ja keine ironie.

Wer sich also an Klischees störe, so das Argument, stehe nicht über ihnen und sei von ihnen stärker beeinflusst als die, die sie humorvoll aufrufen.

Ich bin anderer Meinung. Klischees ermöglichen – da bin ich einverstanden – Identität. Wer ihnen entspricht, gewinnt an Sicherheit. Sie sind überzeichnet formulierte Normen und haben eine ganz ähnliche Funktion: Nämlich die zu bestätigen, die der Norm genügen, und die auszugrenzen, die das nicht tun.

Zu denken, es gäbe heute eine Generation junger Menschen, in denen Geschlechter-Klischees nur noch lustig sind, nicht aber die Lebenswelt von Jugendlichen prägen, scheint mir reichlich naiv. Junge Frauen und junge Männer könnten alles tun, was sie sollten, kann man nur so lange behaupten, wie man nicht mit denen von ihnen spricht, die den Klischees nicht genügen. Den lauten Frauen, die sagen was sie wollen, sich durchsetzen und sich in Szene setzen. Die anderen ins Wort fallen, fluchen; Kleider und Frisuren tragen, die sie bequem finden und essen, worauf sie Lust haben. Oder Männern, die sich gerne in Fremdsprachen unterhalten, Gedichte verfassen und sich die Augenbrauen zupfen. Homosexuellen Jugendlichen, bisexuellen, transsexuellen. Solchen, die sich mit der Norm eine monogamen Beziehung nicht anfreunden können. Oder solche, die weder die Vorstellung eines produktiven Arbeitslebens noch die einer eigenen Familie für erstrebenswert halten. Die werden sagen können, wie ärgerlich die Klischees sind und wie stark sie sich auswirken.

Meret Steiger schreibt:

Wenn ich in den Ausgang gehen würde, dann wäre ich endlos dreist. Ich würde allen Mädchen an den Hintern fassen und so charmante Sprüche wie «Du, ich, auf meinem Teppich?» und «Waren deine Eltern Diebe? Die haben die Sterne für deine Augen geklaut. Äh. Baby, wart!» loslassen. Ich würde alles anbaggern, was Brüste hat. Ganz ehrlich, wäre ich ein Mann, ich würde mich nicht daten wollen. Ich wäre eine wandelnde Testosteronschleuder. Mit One-Night-Stands und so, ohne jede Reue. Ich wäre wohl der Typ Mann, der nach einem Blowjob fragt, ob er gut war. Kein Scherz.

Um zu erkennen, dass das Klischee, Männer seien sexuell übergriffig, gewalttätig und erniedrigten Frauen beim Sex, eine Auswirkung auf die Realität hat und dazu führt, dass gewisse Männer sich tatsächlich so verhalten und junge Menschen sexuelle Gewalt gegen Frauen als einen normalen Teil ihres Alltags betrachten, muss man nicht Anhängerin oder Anhänger feministischer Theorien sein.

Also nein, ich kritisiere Klischees nicht, weil ich mir »der Einzigartigkeit meiner Persönlichkeit nicht sicher genug« bin. Ich kritisiere sie, weil sie vielen Menschen das Leben zur Hölle machen. Ich kann es wegstecken, deswegen humorlos, unlocker und ewiggestern genannt zu werden. Auch das ist ja schließlich ein Klischee: Dass die Kritischen einfach keine Freude am Leben haben.

* * *

Hier noch, wie man mit Klischees großartig umgehen kann – ein Blog, in dem Zitate von Slavoj Žižek mit gifs von Ke$ha verknüpft werden:

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Das Evolutionsargument

In Genderdebatten gibt es eine Argumentationslinie, die darauf verweist, dass gewisse menschliche Eigenschaften sich im Evolutionsprozess ausgebildet hätten – also einmal den Trägerinnen und Trägern dieser Eigenschaft einen Vorteil in Bezug auf den evolutionären Selektionsprozess verschafft haben.

Bevor ich eine Bemerkung dazu mache, welche Aussagekraft solche Verweise auf die Evolution haben, zwei Beispiele:

  1. In ihrer Rezension (nicht online, Das Magazin 12/2012) von »Fifty Shades of Grey« – auf dem Magazin-Blog fasst sie den Roman zusammen – erwähnt Michèle Roten eine Hypothese in Bezug auf Vergewaltigungen, die sie nicht weiter kommentiert:

    Es gibt eine evolutionsbiologische Hypothese zum Phänomen, dass viele Frauen die Vorstellung, vergewaltigt zu werden, nicht nur schrecklich finden: Diejenigen unserer Vorfahrinnen, die bei einer ungewollten vaginalen Penetration feucht wurden, liefen weniger Gefahr, Verletzungen davonzutragen, die zu Unfruchtbarkeit oder gar zum Tode führten, und konnten diese Eigenschaft folglich eher weitervererben als die nicht feuchten. Körperliche Erregung als Schutzmechanismus also, der Kopf interpretiert den Körper, und schon meint frau, das sei, was sie wolle.

  2. Michèle Binswanger hat einen viel beachteten Essay über »falsch verstandene Treue« geschrieben, in der sie moniert, dass Fremdgehen nicht pathologisiert, sondern akzeptiert werden solle.

    Darwin definierte das evolutionäre Standardmodell der menschlichen Sexualität so: Der Mann ist genetisch dazu prädestiniert, seinen reichlich vorhandenen Samen möglichst weit zu streuen, während die Frau ihre wertvollen reproduktiven Organe sorgfältig hütet und schließlich das Männchen ranlässt, welches auch geeignet erscheint, die Kinder aufzuziehen. Der Mann muss Untreue unterbinden, um seine Energie nicht auf Kuckuckskinder zu verschwenden, die Frau will sicherstellen, dass der Mann seine Ressourcen nicht mit anderen Frauen teilt. Wie haben divergierende reproduktive Veranlagungen, und die monogame Ehe sei unser Kompromiss, heißt es. Doch diese Vorstellung hat nichts mit unserer menschlichen Natur zu tun. Dies ist jedenfalls die These, welche die Evolutionspsychologen Christopher Ryan und Cacilda Jethá in ihrem viel beachteten Buch Sex at Dawn aufstellen. Die entsprechenden Muster, so die beiden Autoren, zeugen von einer kulturellen Anpassung an die sozialen Bedingungen patriarchaler Gesellschaften.
    […] Die frühen Menschen, argumentieren Ryan und Jethá, zogen als Jäger und Sammler in Gruppen herum, in denen die Geschlechter gleichberechtigt lebten. In den prähistorischen Hippie-Kommunen wurde Sex ebenso geteilt wie die Beute, weil da[s] für die nomadische Lebensform die beste Überlebensstrategie darstellte.

Den beiden Autorinnen geht es um konkrete, die heutige Lebenswelt und Gesellschaft betreffende Fragen: Darf eine Frau Phantasien haben, in denen sie von einem Mann dominiert wird? Müssen wir unsere Vorstellungen von Monogamie lockern?

Innerhalb der Diskussion dieser Fragen greifen sie nun auf vermeintliche Tatsachen aus der Geschichte der menschlichen Evolution zurück. »Vermeintlich« schreibe ich deshalb, weil Evolution nicht experimentell untersucht werden kann, vielmehr müssen Hypothesen erstellt werden, die erklären, warum Mensch und Tier so sind, wie sie sind.

Was in einer solchen Argumentation passiert, ist Folgendes: Die Biologie wird direkt oder indirekt als Anhaltspunkt genommen, um zu beurteilen, was Menschen tun sollen und was nicht. Was wäre, wenn die beiden Autorinnen nicht auf die Evolution verweisen würden? Wäre es weniger legitim, Unterordnungsphantasien oder Seitensprünge zu haben? Wohl kaum.

Das Evolutionsargument ist obsolet. Wir verstehen uns Menschen nicht von der Biologie determiniert und orientieren uns in unseren Handlungen nicht an den evolutionären Vorteilen unserer Vorfahren. Niemand plädiert dafür, dass man Haupt-, Körper- und Schamhaare ungehindert wachsen lassen müsse, weil die offenbar evolutionär von Vorteil gewesen sein müssen (sonst gäbe es sie nicht), dass man produktive Verwendungsweise für männliche Brüste finden müsse (die müssen ja eine Funktion haben) oder unsere Konkurrenten hinterrücks ermorden, weil wir uns dann ungestört fortpflanzen könnten.

Quelle: David Shankbone, Wikimedia, CC BY-SA 3.0

Biologische oder biologistischte Argumente sind immer eine Abkürzung, wenn es darum geht, moralische und soziale Fragen zu erörtern. Die Biologie kann sehr viel erklären – und ich denke, den beiden oben zitierten Autorinnen geht es vor allem um dieses Erklärungspotential. Aber diese Erklärungen betreffend nur den Ist-Zustand – nicht den Soll-Zustand. Es mag evolutionär gute Gründe geben, warum unsere Zähne verfaulen, wenn wir Zucker essen. Und doch putzen wir sie. Genau so mag es evolutionär gute Gründe geben, warum Menschen fremd gehen wollen – und dennoch steht es uns frei, diesen Wunsch oder die daraus resultierende Handlung moralisch zu bewerten.

Eine Frage zur Sommerlochkampagne der APG – oder mal wieder über Frauen in der Politik

Die APG nutzt das Sommerloch bei den Plakatkunden dieses Jahr nicht für eine Spasskampagne, sondern um die Aufmerksamkeit auf die Wahlen von diesem Herbst zu lenken. Sie wirbt für Smartvote, wo man erfahren kann, welche Menschen man wählen soll, damit die eigenen Interessen möglichst wirkungsvoll vertreten werden. Soweit eine tolle Sache, wie sich die APG »für eine wählende Schweiz« einsetzt. (Nebenbei darf man auch sagen, dass sich die Politikerinnen und Politiker für eine etwas weniger stark von Werbung überzogene Schweiz einsetzten könnten – ich habe vor einer Weile gelesen, in keinem Land sei die Dichte von Werbung so groß wie in der Schweiz – ob das stimmt, weiß ich aber nicht…)

Das hier verwendete Bild weicht wohltuend von denen ab, die im Moment überall hängen: Denn das Bild besteht aus den Haaren von Brigitta Gadient (BDP), den Augen von Urs Schwaller (CVP), dem Mund und den Ohrringen von Maja Ingold (EVP) und dem Kinn und der Krawatte von Fulvio Pelli (FDP). Zwei Frauen, zwei Männer, vier Parteien – das passt.

In der ganzen Kampagne ist diese Ausgewogenheit jedoch nicht vorhanden. Die APG benutzt folgende Poltikerinnen und Politiker:

Christa Markwalder (FDP)
Maja Ingold (EVP)
Ursula Wyss (SP)
Brigitta Gadient (BDP)

Hans Grunder (BDP)
Christian Levrat (SP)
Ueli Leuenberger (Grüne)
Martin Bäumle (GLP)
Urs Schwaller (CVP)
Toni Brunner (SVP)
Caspar Baader (SVP)
Christophe Darbellay (CVP)
Antonio Hodgers (Grüne)
Fulvio Pelli (FDP)

Man merkt schnell: Die Parteien sind einigermassen ausgewogen vertreten (2 SVP, 2 BDP, 2 FDP, 2 CVP, 1 GLP, 1 EVP, 2 SP, 2 Grüne), die Regionen auch (4 Romands, 1 Tessiner, 1 Bünderin, 8 Deutschweizerinnen und -schweizer) – aber die Geschlechter nicht. Und das ist meine Frage: Wie kommt die APG im Jahre 2011 dazu, 10 Männer und 4 Frauen für eine Kampagne zu nutzen?

Wer jetzt sagt, das spielt doch keine Rolle, Frauen sind in der Politik auch vertreten, im Bundesrat stellen sie gar die Mehrheit und und und – der oder die vergisst, dass solche Bilder die Realität überlagern, sich festsetzen – und letztlich eine neue Realität schaffen. Eine Realität, in der Politiker Männer sind. Und ich frage mich, weshalb eine so mächtige Firma wie die APG sich ihrer Verantwortung in dieser Hinsicht nicht bewusst ist. Und ich könnte mir vorstellen, dass es damit zu tun hat, dass weder im Verwaltungsrat noch im Management der APG Frauen vertreten sind. Die APG spricht mit ihrer Kampagne Frauen auch gar nicht an:

Zwei Zusätze:

  1. Die APG war ja auch der Gleichstellungskampagne der JUSO gegenüber sehr aufgeschlossen.
  2. @untrueandnew weist mich darauf hin, dass die APG genau den heutigen Verhältnissen im Nationalrat proportional folgt. Das stimmt: 70% des NR sind Männer, 30% Frauen.

 

 

 

Eine Bemerkung zur Frauenquote

Für einmal verweise ich nicht auf die Newsnetz-Diskussion zur Frauenquote, sondern auf ein sensationelles Interview, in dem Leo Fischer, Titanic Chefredaktor, sagt:

Wie andere führende Medienhäuser glauben wir, dass eine Quote mehr schadet als nützt. Wir wollen weiterhin bei der Besetzung offener Stellen lieber Sympathie, nackte Willkür und Kumpanei entscheiden lassen können als die planwirtschaftlichen Wahnvorstellungen einer Frau von der Leyen.

Satire beiseite. Diese Stammtisch- oder Pausenraumdiskussion über Frauenquoten geht von folgendem Argument aus:

  1. Angestellt werden die Mitarbeitenden mit den besten Qualifikationen.
  2. Das Geschlecht spielt bei Anstellungen keine Rolle.
  3. Ergo führt eine Frauenquote dazu, dass schlechter qualifizierte Frauen besser qualifizierten Männern vorgezogen werden.

Selbstverständlich sind die Prämissen 1. und 2. zweifelhaft. Um nur ein Beispiel zu nennen: Frauen sind, sobald sie ihre Ausbildung abgeschlossen haben, potentielle Mütter und also auch ein potentielles Risiko für einen Arbeitgeber, weil sie einen Mutterschaftsurlaub beanspruchen könnten. Folglich wäre es nicht undenkbar, dass ein schlechter qualifizierter 30-Jähriger einer besser qualifizierten 30-Jährigen vorgezogen wird.

Frauenquoten dienen dazu, eine offene oder versteckte Diskriminierung zu korrigieren. Umgekehrt könnten Männerquoten dazu dienen, dass bestimmte Berufe aufgewertet werden (z.B. Pflegeberufe oder Kinderbetreuung).

Gender und Das Magazin – Birgit Schmid in Zitaten

Als Beispiel für Frauen, welche feministische Positionen und Probleme kennen, aber in ihrer journalistischen Arbeit diese Kenntnisse teilweise vernachlässigen oder ignorieren, habe ich in meinem Blog Michèle Binswanger schon mehrfach erwähnt – und werde damit nun aufhören (Frau Binswanger ist meiner Meinung nach eine intelligente, humorvolle Journalistin, die auch kritikfähig ist: das soll auch mal geschrieben sein).

Per Tweet hat Michèle Binswanger auf die Magazin-Artikel von Birgit Schmid hingewiesen:

Ein Fall für @kohlenklau: „eine Frau bleibt von Natur aus lieber auf sich gestellt, will sie es schaffen.“ Birgit Schmid in #dasmagazin

Der betreffende Artikel heißt »Der Vitamin-B-Mangel der Frau«. Daraus die Zitate, welche Schmids Position in Gender-Fragen deutlich machen:

Doch heute schliessen Männer Frauen kaum mehr aus, weil sie halt lieber unter sich bleiben. Sondern, so unbequem es klingt: Eine Frau bleibt von Natur aus lieber auf sich gestellt, will sie es schaffen.

Den meisten Frauen bringt das kompetitive Verhalten keinen Lustgewinn.

So gut Frauen auch im familiären und emotionalen Vernetzen sind, der Sinn für «soziales Kapital» fehlt ihnen.

Männer blicken zudem auf eine lange Erfahrung im halb privaten «Buddying» zurück, geprägt durch Militärdienst oder Studentenverbindung. Man steht notfalls für den andern ein, der nicht zwingend der beste Kumpel sein muss.

Aber wenn eigene Vorteile bedroht sind, scheint die Schwesterlichkeit aufzuhören, ob in einem Netzwerk oder einer Arbeitsgemeinschaft. Könnte ja sein, dass der Vorteil, den ich jemandem verschaffe, mir zum Nachteil wird. Die Rivalität wird nicht offen ausgetragen, das tun Frauen weniger: Sie wetteifern ja offiziell nicht. Frontalangriffe sind plump, unfeine Neigungen zu unterdrücken. Man misst sich viel unterschwelliger, dafür unter Einsatz der ganzen Person. Jede Offensive wird persönlich genommen. Klar, verbindet sich dann eine Frau, für die ihre Karriere zum Überlebenskampf wird, lieber nicht in einem weitläufigen Netz. Denn überall lauert potenzielle Gegnerschaft.

Eine Frau will die Beste, Schönste, Einzige sein und geliebt werden.

Spricht man mit jüngeren Wirtschaftsfrauen, so fällt einem überhaupt auf: Sie scheinen oft gar kein so grosses Problem zu haben, als einzige Frau im Verwaltungsrat einer Firma zu sitzen. Als ob sie es irgendwie halt doch geniessen, diesen Sonderstatus zu haben.

Der Text gehört zu dem, was den Niedergang des Tages-Anzeiger-Magazins ausmacht: Thesenjournalimus. Diese These in der rohesten Form: Es gibt wenig Frauen in Führungspositionen. Grund: Frauen sind selber Schuld. Warum? Sie sind »von Natur aus« so, wie man nicht sein sollte, um Führungspositionen zu erlangen. Schluss: Frauen müssen werden wie Männer. Das System lässt sich ja nicht ändern, denn wir leben in der besten aller möglichen Geschäftswelten.

* * *

Dann noch das zweite Beispiel, ein Text, dessen Titel schon alles sagt: »Männer sind im Bett die neuen Frauen«. Um nur ein Zitat zu verwenden:

Die Emanzipation des Mannes würde dann bedeuten: Er muss keineswegs immer wollen müssen.

Wenn das keine tiefgründige Einsicht ist. Danke, Frau Schmid.

* * *

Zu diesen Themen kann man wenig lesen, das durchdachter wäre als die Blogposts von Antje Schrupp. Birgit Schmid hätte z.B. zum Thema Frauen und Karriere Antje Schrupps Kommentare zur Karriereforschung lesen sollen. Dort heißt es in einem Fazit:

Die Zufriedenheit von Frauen ist ja wohl kein Argument. Frauen sollen sich nützlich machen, das war schon immer so. Die Wirtschaft braucht sie eben. Und diese teure Uniausbildung, die können sie doch nicht einfach so im Mittelfeld verplempern. Also: Ab in die Führungsetagen. Ob es ihnen da gefällt oder nicht. Und bloß nicht rummeckern.

Denn, nicht vergessen: Sie strömen nur so auf den Arbeitsmarkt, die Frauen. Sie sind also potenziell gefährlich. Da wollen wir sie gar nicht erst auf dumme Gedanken kommen lassen. Nicht, dass sich das ausbreitet. Am Ende fällt den Männern auch noch auf, dass sie in ihren Führungsjobs eigentlich gar nicht so zufrieden sind, wie sie immer dachten. Dass ihnen der ganze Drang zum Führertum bloß ansozialisiert worden ist.

 

Das Problem der Antifeministen – und Antifeministinnen

Über Michèle Binswanger habe ich mich schon mehrmals ausgelassen – und nehme ihren gestrigen Kommentar zum Widerstand gegen Antifeministen zum Anlass, schnell das Problem dieser Bewegung darzustellen. Binswangers Hauptaussage, dass ein Unterdrücken einer missliebigen Meinung antidemokratisch sei, kann ich dabei unterschreiben: Antifeministen und Antifeministinnen dürfen ausdrücken, was immer sie ausdrücken wollen. Nur gilt es natürlich auch für alle – Zitat Binswanger – »Anti-Antifeministen«: Auch sie dürfen alle Methoden benutzen, um ihre Haltung auszudrücken, alle Methoden, die auch allen anderen Interessensgruppen zur Verfügung stehen.

Das Problem, also ganz knapp, ist der Feminismus als Projektionsfläche. Nicht nur verstehen die Vertreter des Antifeminismus nicht, inwiefern der Feminismus ein Fortschritt gewesen ist (nämlich in der Lösung einer gesellschaftlichen Rolle von einem als natürlich bezeichneten Geschlecht), sondern sie tun auch so, als könnte man diesen Fortschritt rückgängig machen. Nun ist es unmöglich eine gemachte Erkenntnis wieder zu vergessen – und so ist das auch auf einer gesellschaftlichen und kulturellen Ebene.

Binswanger ist, und ich nehme an, darauf bezieht sich auch Bobby California, gesteht auf einer inhaltlichen Ebene der Bewegung ein echtes Anliegen zu:

Die Gleichberechtigung ist stetig vorangeschritten und es ist tatsächlich an der Zeit, dass man sich darüber Gedanken macht, inwiefern Frauen noch benachteiligt werden, oder ob es nicht auch Bereiche gibt, in denen eine Gegenemanzipation der Männer angezeigt wäre. Stichwort tiefere Lebenserwartung und höhere Selbstmordrate bei Männern, die härtere Beurteilung von Männern vor Gericht, ihre Benachteiligung in Familien- und Sorgerechtsfragen, Frauengewalt und Männerdiskriminierung.

Das Problem dabei ist meiner Meinung nach, dass sich eine solche Bewegung nicht als »Gegenemanzipation« verkaufen sollte und sich nicht gegen einen selbst konstruierten Feminismus wenden sollte (selbst in radikalsten Formen hat der Feminismus nicht eine Benachteiligung von Männern gefordert).

Folgendes wäre einer solchen Bewegung zu wünschen:

  1. Einen wachen Blick auf die Realitäten, in denen Frauen heute in vielen Bereichen des Lebens nicht die gleichen Chancen haben wie Männer (beispielsweise lassen sich berufliche Entwicklung und das Mutter-Sein in vielen westeuropäischen Ländern nicht vereinen; man jammert über teure Krippenplätze und sagt sich: »Es lohnt sich ja gar nicht, dass die Mutter noch arbeiten geht.« – anstatt zu sagen: »Es lohnt sich ja gar nicht, dass der Vater 100% arbeitet.«).
  2. Eine Orientierung an den Knackpunkten, die Binswanger anspricht: Sorgerechtsfragen, juristische Benachteiligung, Selbstmordrate, auf einer abstrakteren Ebene: ein negativ geprägtes Männerbild.
  3. Konkrete Vorschläge zum Umgang mit diesen Problem und ihren Ursachen (beispielsweise dem Ideal eines souveränen, unabhängigen, starken Mannes).

Es sind keine einfachen Probleme und es gibt dafür keine einfachen Lösungen – die Orientierung am Feminismus suggeriert fatalerweise aber gerade beides.

P.S.: Ihr Bild auf Newsnetz, Frau Binswanger…