Alt Lit, Männer trollen und Post-Gender

Kürzlich habe ich mich mit jemandem auf ein Bier getroffen und ein paar Stunden geredet. Ich habe viel gelernt, nachgedacht und Fragen gestellt bekommen, die mich noch eine Weile begleiten werden. Unter anderem wurde mir Marie Calloway vorgestellt, eine Ikone der Alternative Literature. Meine Gesprächspartnerin vertrat die Meinung, es könne nicht lange gehen, bevor die auch im deutschsprachigen Raum rezipiert werden würde. Ich habe einiges von Calloway gelesen und bin beeindruckt: Mit minimalen Mitteln zeigt sie, wie on- und offline Geschlechterrollen inszeniert und repräsentiert werden. Indem sie literarisch aufzeigt, wie Männer auf ihr literarisches Alter-Ego reagieren, und dabei ihre literarische Rolle und ihre Person ununterscheidbar werden lässt, provoziert sie Reaktionen und Reflexionen, die politisch mehr bewegen dürften, als es eine Aufschrei-Debatte kann.

tumblr_mihpcj8KH91s6q4cuo1_1280Calloway trollt Männer. Sie spielt mit Identitäten, verunsichert souveräne Männer und lässt ihr Publikum über sie lachen. Das scheint mir eine viel versprechende Strategie zu sein – nicht für den Umgang mit sexueller Gewalt beispielsweise und auch nicht für den Umgang mit unterschiedlichen Rechten. Da gibts nichts zu lachen. Aber für den Raum, den Männer wie selbstverständlich einnehmen, für die subtilen Übergriffe und den latenten Sexismus, den viele gar nicht wahrnehmen. Den kann man anprangern, wird aber damit die stärken, die ihn ignorieren. Ihn aber zu trollen schafft eine Verunsicherung bei denen, die ihn ausüben; sie hebelt die Selbstverständlichkeit aus, mit der Männer annehmen, ihre Sexualität auch gegen Widerstände ausleben zu müssen und zu dürfen.

Im Gespräch verglichen wird die Alt Lit-Szene mit dem jungen Feminismus im deutschen Sprachraum, der oft betont politisch ist und bewusst einen barschen Ton anschlägt. Dabei fällt auf, dass Calloway und andere Alt-Lit-Autorinnen traditionell dem weiblichen Stereotyp zugehörige Tätigkeiten ausführen (schreiben, zum Beispiel; oder Collagen machen, sich schminken); während viele Feministinnen und Deutschland einen starken Bezug zu technischen und naturwissenschaftlichen Tätigkeiten aufweisen.

Von da aus lässt sich eine Brücke zur Frage des Gender-Mainstreaming schlagen, also zur Frage, wie denn Gleichstellung konkret umgesetzt werden könnte: Sollen Mädchen animiert werden, Roboter zu bauen, Computer zu programmieren und Eishockey zu spielen (und Knaben mit Puppen Theater spielen, sich schminken und Geschichten erfinden)? Auch. Es braucht im Computerclub mehr Frauen und in Lesezirkeln mehr Männer, damit sich alle Menschen dort wohl fühlen. Aber die konkrete Tätigkeit ist weniger wichtig als ihre Funktion: Wenn sich junge Frauen heute auf Tumblr als Objekte präsentieren (vgl. die Arbeiten von Kate Durbin), dann verlassen sie damit eine heterosexuell geprägte Weiblichkeit: Sie inszenieren sich für sich, weil es auf diesen Tumblr kaum Männer gibt. Schminken und Mode wird zu einer selbstreflexiven Kunst in einem nicht-genderten Raum; es ist, als würden diese Kulturtechniken von Frauen »reclaimed«, als so beansprucht, dass sie nicht mehr in einem Diskriminierungszusammenhang stehen.

tumblr_mlboej5ncJ1r8ihz1o1_1280Dasselbe kann man bei urbanen Männern beobachten, die ihren Body formen und eigene Modestile ausprägen, ohne dass das primäre Ziel das andere Geschlecht wäre.

Das wäre letztlich die Vorstellung von Post-Gender, die ich für erstrebenswert halte: Dass Menschen Tätigkeiten ausüben und Identitäten entwickeln, die losgelöst von ihrer Geschlechtsidentität, von Geschlechterrollen und sexueller Orientierung sind. Dass das Geschlecht weder für die Motivation, etwas zu tun, noch für die Fähigkeit als ausschlaggebend angeschaut wird.

Aber es wäre naiv zu denken, man könnte einfach so tun, als lebten wir bereits in dieser Situation. Bis dahin braucht es wohl sowohl die Strategien des jungen amerikanischen und des jungen deutschen Feminismus: Einerseits spielerisch dekonstruieren, was Privilegierte als Selbstverständlich erachten, andererseits knallhart einfordern, was für alle Selbstverständlich sein sollte. So attraktiv Alt Lit und Trollerei erscheinen mag: Letztlich handelt es sich hier auch wieder um Tätigkeiten für Privilegierte, die vielen real Diskriminierten und Benachteiligten weder zur Verfügung stehen noch helfen.

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Mamablog revisited – Kritik, aber auch mal was Konstruktives

Im Juni hat Michèle Binswanger ein paar Einträge auf diesem Blog gelesen und dann Kommentare wie die folgenden gepostet (oder jemand hat sich als Michèle Binswanger ausgegeben, sollte man wohl hinzufügen):

@Wampfler: Wenn Sie Kritik über wollen, müssen Sie sich die Mühe nehmen, auszuformulieren, weil sonst kein Schwein begreift, was Sie meinen.

Es ist so einfach, die andern in der Luft zu zerreissen (vive la Differance)- stellen sie nur selber mal in einem pointierten Text eine These vor (zum Beispiel in der Carte Blanche des mamablog) und sie werden sehen.
Selber denken und sich hinstellen und das zu vertreten ist schwieriger.

Über ihr eigenes Schreiben enthielten diese Kommentare vor allem einen aufschlussreichen Satz:

[…] Aber ich arbeite in der Unterhaltungsbranche.

So muss man wohl auch den neuesten Text von Frau Binswanger verstehen, wo sie mal wieder (mit einem autobiographischen Argument) die gute alte Rollenteilung beschwört:

In fast allen Familien tragen fast ausschliesslich die Mütter die emotionale Verantwortung. Genau so, wie die Väter meist ungefragt fürs Finanzielle einzustehen haben.

Natürlich sagt Michèle Binswanger nicht, es soll so sein. Aber zumindest suggeriert ihr Text, dass das der Normalfall sei. Kritisieren kann man es nicht, denn, Achtung:

Wahrscheinlich ist das alles wissenschaftlich erklärbar.

Dabei bezieht sie sich auf eine Hormonstudie, in der Hormonlevel auf ihren Zusammenhang mit gewissen Verhaltensweisen gegenüber Säuglingen untersucht worden sind.

Meine Kritik daran, so klar wie möglich formuliert: Das ist naiver Biologismus. Menschen sind weder von ihren Genen noch ihren Hormonen in ihrem Verhalten bestimmt. Und auch nicht von ihrer Umgebung. Sondern in ihrer Interaktion mit ihrer Umgebung entwickelt sie gewisse Anlagen und Verhaltensweisen, welche durchaus biologisch beeinflusst sind. Soziale Rollen wie »Mutter« und »Vater« sind nicht biologisch gegeben, sondern können verändert und angepasst werden – und sollen auch angepasst werden, vor allem, wenn offenbar die Inhaberinnen der Rolle »Mutter« unter ihrer »emotionalen Verantwortung« leiden. Mein Fazit: Michèle Binswanger soll in ihrem Mamablog Frauen ermutigen, sich gegen etablierte oder gebacklashte Muster zu wehren, anstatt sie pseudo-wissenschaftlich zu zementieren.

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Aber offenbar findet Feminismus nur noch zwischen Frauen statt, die sich gegenseitig Dreinreden – oder ist dann eine Folie für Männer, welche alles Ungemach in ihrem Leben einer Bewegung zuschreiben möchten (und sogar vom Kommentieren des Mamablogs ausgeschlossen werden).

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Wie von Michèle Binswanger angeregt habe ich einen Carte-Blanche-Beitrag geschrieben, aber nicht einmal eine Eingangsbestätigung erhalten. Deshalb publiziere ich ihn hier:

Von »Meitli« und »Buebe« – oder Gender Mainstreaming auf dem Spielplatz

Ringe ringe reie,
d Meiteli gönd i d Meie
D Buebe gönd i d Haselnuss
und mached ali
usch husch husch

Ringe ringe reie,
d Chinder gönd i d Meie
Si tanze ume Holderstock
und mached ali Bodehock.

»Es gibt keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit.« Damit beginnt die Definition von gender mainstreaming auf der Seite der Stadt Wien, die gender mainstreaming zu einer Priorität gemacht hat. Was heißt das? Soziale und strukturelle Unterschiede zwischen den Geschlechtern sollen sichtbar gemacht und beseitigt werden. Klingt radikal und utopisch – setzt aber bei Details an: So werden beispielsweise auf Exit-Schildern Frauen mit langen Haaren abgebildet anstatt Männern oder spezielle Elternplätze im öffentlichen Verkehr durch ein Schild markiert, auf dem ein Mann mit einem Kind zu sehen ist.

Was in Wien eine politische Entscheidung ist, die auf allen Ebenen der Politik umgesetzt wird (z.B. auch in der Stadtplanung und –entwicklung), könnte in der Schweiz auf dem Spielplatz beginnen. wie im eingangs zitierten Lied finden Begegnungen unter Kindern immer in einem in Bezug auf Geschlecht markierten Kontext statt: Auf der Schaukel sitzt entweder »es Meitli« oder »en Bueb«, aber nie »es Chind«: »Muesch warte, bis s Meitli fertig isch mit Schaukle.«

Das mag zunächst völlig vernünftig klingen – bis man sich überlegt, was man damit überhaupt ausdrückt: Die Erwachsenen verweisen darauf, dass andere Erwachsene das betreffende Kind so gekleidet und frisiert haben, dass das natürliche Geschlecht nach aussen hin sichtbar wird. Nicht selten werden Eltern bis ihre Kinder zwei sind gefragt, ob ihr Kind denn ein Mädchen oder ein Knabe sei – eine Frage, die an Judith Butler erinnert, die darauf hingewiesen hat, der freudige Ausruf »It’s a girl/boy!« bei der Geburt bzw. beim Ultraschall sei nicht eine Beschreibung einer Realität, sondern die Aufforderung, eine Realität herzustellen: Dieses Baby muss das werden, was wir uns unter einem Mädchen oder unter einem Knaben vorstellen.

Und genau das passiert auf dem Spielplatz. Kleine Kinder hätten die Chance, einander in einem geschlechtsneutralen Kontext zu begegnen. Mädchen und Knaben unterscheiden sich nämlich als Kleinkinder in keiner Hinsicht – wenn man davon absieht, dass sich Mädchen geistig und physisch schneller entwickeln.

Die Forderung bzw. die Verbesserung wäre die: So oft wie möglich Kleinkinder geschlechtsneutral behandeln. In ihnen nicht kleine Frauen oder kleine Männer mit Anlagen zu den prototypischen Eigenschaften von Frauen und Männern sehen – sondern Kinder. Sie deshalb auch als Kinder bezeichnen und nicht als Mädchen oder Knaben. Und sie auch wie Kinder kleiden – und nicht als Mädchen oder Knaben verkleiden. Und sie Unterschiede selber entdecken lassen, wenn es sie denn gibt.

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P.S.: Frauenfeindlichkeit gibt es im Internet nicht.