Zur »freien Schulwahl«

Im Kanton Zürich wird am 17. Juni über eine Initiative der Elternlobby Schweiz abgestimmt, in der folgender Verfassungszusatz vorgeschlagen wird:

Der gleichberechtigte Zugang beinhaltet ab dem 4. Schuljahr die freie Wahl innerhalb der öffentlichen Schulen und eine öffentliche Finanzierung des Unterrichts an bewilligten Freien Schulen gemäss den Durchschnittskosten der öffentlichen Schulen, wenn sie wie diese allgemein zugänglich sind.

Die Initiative wird wie folgt begründet:

Interessant scheinen mir dabei zwei Fragen: Ist das Schweizer Bildungssystem mit der Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vereinbar? Schafft freie Schulwahl mehr Chancengleichheit und mithin mehr Gerechtigkeit im Bildungssystem?

Der entscheidende Art. 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte lautet:

1. Jeder hat das Recht auf Bildung. Die Bildung ist unentgeltlich, zum mindesten der Grundschulunterricht und die grundlegende Bildung. Der Grundschulunterricht ist obligatorisch. […]

2. Die Bildung muß auf die volle Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit und auf die Stärkung der Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten gerichtet sein. Sie muß zu Verständnis, Toleranz und Freundschaft zwischen allen Nationen und allen rassischen oder religiösen Gruppen beitragen […].

3. Die Eltern haben ein vorrangiges Recht, die Art der Bildung zu wählen, die ihren Kindern zuteil werden soll.

In der Schweiz geben die Kantone die Lehrpläne vor – und bestimmten somit demokratisch über die »Art der Bildung«, welche Kindern zuteil wird. Es ist aber möglich, unter Berücksichtigung der Absätze 1. und 2., dass Kinder ausserhalb der staatlichen Schulen gebildet werden. Die Frage wäre, ob der Staat die Kosten für diese nicht-staatlichen Schulen übernehmen soll. Diese Frage hängt auch damit zusammen, dass Absatz 1. ein Recht formuliert, das die Kinder haben, Absatz 2. ein Recht der Eltern.

Damit wären wir eigentlich bei der zweiten Frage. Wäre die Lesart des Initiativkomitees korrekt, so müsste jede von den Eltern gewählte Art der Bildung staatlich finanziert werden. Das ist offensichtlich nicht möglich: Eltern könnten z.B. eine Einzelbetreuung ihrer Kinder für optimal halten, nur männliche Lehrer für geeignet befinden oder sich für Methoden der Schwarzen Pädagogik entscheiden.

Die Freien Schulen würden im Falle einer Annahme der Initiative denn auch nur dann staatlich finanziert, wenn die Schule:

  1. allgemein zugänglich ist
  2. staatlich bewilligt ist.

Daran sind zwei Aspekte stossend: Die staatliche Bewilligung einer Freien Schule bedeutet erstens nichts anderes, als dass der Staat wie bei staatlichen Schulen die Rahmenbedingungen festlegt, nach denen Unterricht stattfindet. Auch eine solche Lösung verletzt allenfalls Art. 26, Absatz 3 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Zudem ist völlig unklar, wie eine solche Massnahme zu weniger Bürokratie führen könnte – vielmehr wird enorm viel Aufwand zu leisten sein, um Schulen zertifizieren zu können.

Zweitens fordert die Initiative nicht, dass die Bildungsgutschrift durch den Staat (in der Höhe der durchschnittlichen staatlichen Kosten) für die Kosten einer Schule ausreichen müssen. Die Elternlobby Schweiz legt in ihrem Erläuterungen den Inititativtext so aus:

Schulen, die für den Unterricht mehr finanzielle Mittel einsetzen, als die staatlichen Schulen und deshalb zusätzlich Schulgelder verlangen wollen, sind in finanzieller Hinsicht nicht „allgemein zugänglich“ und werden deshalb nicht öffentlich finanziert.

Das hieße, dass eine teure Privatschule keine staatlichen Zuschüsse erhielte, eine günstige Privatschule jedoch gleich viel wie die staatlichen Schulen.

Das Stossende daran ist, dass Privatschulen gegründet werden, um Geld zu verdienen. Konkret würde es darum gehen, tiefere Löhne zu zahlen und schlechtere Infrastruktur zu bieten, als staatliche Schulen das tun.

Die Vorstellung, private Schulen würden gegründet, um ein bestimmtes pädagogisches Modell anzubieten, das bestimmten Kindern besser, anderen schlechter entspricht, ist sicher idealistisch. Es geht um zwei Wünsche vieler Eltern:

  • Eine optimale Förderung ihres Kindes; was immer auch mit Schulerfolg, Wohlbefinden, Konfliktvermeidung, Aufmerksamkeit etc. zu tun hat. Häufig können Eltern nicht akzeptieren, dass ihr Kind auch Niederlagen einstecken muss, nicht im Mittelpunkt steht, keinen Erfolg hat. Selbstverständlich soll es in der Schule nicht darum gehen, dass einige gewinnen und andere verlieren – aber so ist das auch an staatlichen Schulen nicht. Eine staatliche Schule bietet für alle Kinder die gleiche Förderung durch gleich gut ausgebildete Lehrpersonen – das scheint mir ihre große Stärke zu sein.
  • Der Wunsch nach einem optimalen Umfeld; d.h. eine Klasse bestehend aus anständigen, kompetenten, wohlerzogenen Kindern aus gutem Hause.  Eine staatliche Schule bietet allen Kindern das Umfeld ihres Wohnquartiers. Das kann zu problematischen Konsequenzen führen: Menschen, die aussuchen können, in welchem Quartier sie wohnen möchten, können damit das schulische Umfeld ihrer Kinder bestimmen. Die Lösung ist hier die soziale Durchmischung aller Quartiere.

Die Vorstellung der Initiative, dass zusätzliche Mobilität dazu führt, dass alle Kinder in die für sie perfekte Schule fahren, alle Schulen sozial durchmischt und pädagogisch auf bestimmte Lerntypen eingestellt sind, ist meiner Meinung nach komplett naiv. Sie ignoriert das Gewinnstreben der Menschen, auch im Bildungsbereich – und sie ignoriert das Bedürfnis privilegierter Eltern, Mittel und Wege zu finden, um ihre Kinder von weniger privilegierten zu trennen. Staatliche Schulen bieten in der Schweiz gute Qualität (haben aber sicher Verbesserungspotential), für alle gleiche Rahmenbedingungen und  garantieren, dass mit Grundausbildung kein Geld verdient wird.

Man kann Privilegierte nicht daran hindern, mit ihrem Geld private Schulen zu finanzieren. Aber staatliche Zuschüsse brauchen solche Projekte nicht.

Mal wieder die Privatschulen – zum Beispiel die »Primaria« 

Es gibt wenige perfekte Schulen. Die Primaria ist aber offenbar eine. Zumindest wenn man diesem Artikel in »Wir Eltern« Glauben schenken darf. Sogar Lamatrekking gibts dort. Ich formuliere diesen Zusammenhang deshalb so ironisch, weil der Artikel auf eine fast lächerliche Art und Weise die Schule lobt, als sei die Autorin, Regina Kesselring, dafür bezahlt worden.

In Tat und Wahrheit wird wohl von »Wir Eltern« wieder mal das Thema freie Schulwahl gepusht – weil es einerseits auf der Agenda von »Wir Eltern« steht, es anderseits das Zielpublikum dieser Zeitschrift anspricht. (Ich habe mich hier schon einmal dazu geäußert.)

Was stört mich konkret an diesem Artikel (über eine Schule, die ich zugegebenermaßen nicht kenne)?

  1. Der Artikel und das Konzept der Schule implizieren, dass Lernen ein Prozess ist, der ungeleitet erfolgt.
    Dabei wird ausgeblendet, dass sehr viele Lerninhalte so komplex sind, dass sie systematisch erschlossen werden müssen.  Die Neugierde eines Kindes mag ein guter Ausgangpunkt für einige Lernprozesse sein – andere erfordern aber einen Aufbau, das Üben von Fertigkeiten usw.
  2. Wird den Kindern die Verantwortung für ihr Lernen gegeben, so heißt das eigentlich, dass sie den Eltern übergeben wird. Die Sorge um die eigene Zukunft (Gymnasium) ist die Sorge der Eltern um die Zukunft des Kindes. Kinder können für ihre Zukunft und für ihr Lernen keine Verantwortung übernehmen.
  3. Die Darstellung der Volksschule in diesem Text könnte realitätsfremder nicht sein – es ist von ständigem Druck, von Zwang die Rede, die Volksschule macht, schenkt man der Autorin Glauben, keinen Spass, ist monton und lässt keinen Raum für Kreativität. All diese Unterstellungen sind schlicht falsch.
  4. Systematisch wird das Asoziale an Privatschulen ausgeblendet: Reiche Eltern mit einem hohen Ausbildungsgrad schicken ihre Kinder in Schulen, wo sie Kindern mit gleichem Hintergrund begegnen und individuell gefördert werden – während Eltern, die sich das nicht leisten können, mit dem staatlichen Standard vorlieb nehmen müssen (mit gut ausgebildeten Lehrpersonen, aber mit großen und sozial durchmischten Klassen).
  5. Ein besonders schönes Zitat im Wortlaut:

    «Wir betrachten das Kind als Gesamtes», sagt Ursula Taravella. Etiketten wie ADS oder Wahrnehmungsstörung hält sie für wenig hilfreich. Damit würde man doch kein Kind beschreiben, sondern eine Krankheit. Sie zeigt eine Farbpalette mit unterschiedlichen Gelbtönen und sagt: «ADS ist eine Farbigkeit der Persönlichkeit.» Aber die SBW Primaria sei kein Ort für schwierige Schüler, betont die Schulleiterin.

    Tatsächlich beschreiben ADS und Wahrnehmungsstörungen Krankheiten, welche therapiert werden können. Offenbar ist aber der Besuch einer Privatschule gerade mit der Möglichkeit verbunden, diesen Diagnosen auszuweichen – ohne dass die Privatschule das zugeben möchte (um sowohl die ADS-KundInnen als auch die Nicht-ADS-KundInnen gleichermassen ansprechen zu können).

Die Diskussion um Privatschulen wird uns länger begleiten – und damit eine Diskussion um die Frage, ob die Eliten sich den wirtschaftlichen und sozialen Erfolg ihrer Kinder kaufen können – um sich von wirtschaftlich und sozialen weniger erfolgreichen Schichten abgrenzen zu können. Ich denke, eine Volksschule für alle ist der Weg, auf dem Solidarität und Verbundenheit zumindest ein Stück weit erhalten bleiben können.

(Vergleiche auch diesen Post auf dem Substanz-Blog über die Gruppen, welche Privatschulen fordern.)