Eine Bemerkung zum Mode-Atheismus

Ich beziehe mich im Folgenden direkt auf die Freidenker (Freidenker-Vereinigung der Schweiz), weil diese Bewegung meines Erachtens für einen etwas widersprüchlichen Trend steht, den ich kurz kommentieren möchte.

Eine aufgeklärte Haltung besteht meines Erachtens in der Einsicht, dass alleine die Art (oder der Name) eines Glaubens eines Menschen keine Grundlage für ein Urteil über ihn ist, sondern dass vielmehr die Handlungen eines Menschen beurteilt werden sollen. Wenn also Menschen beispielsweise beten, dann kann ich als aufgeklärter Mensch beispielsweise sagen, dass ich nicht verstehe, warum sie beten, oder anmerken, dass ich nicht an die Wirkung von Gebeten glaube. Aber ich bin nicht berechtigt, sie wegen des Betens anzugreifen, zu beleidigen oder sie lächerlich zu machen.

Diese Haltung ist ein Resultat der fundamentalen Einsicht, dass wir alle an viele Dinge glauben, dass auch unser Bezug zu so genannt wissenschaftlichen Erkenntnissen oft einer des Glaubens ist. Selbstverständlich gibt es eine scharfe Trennlinie: Wissenschaftliche Erkenntnisse ändern sich aufgrund von Ereignissen oder Untersuchungen, Glaubenssätze bleiben unabhängig davon, was passiert, bestehen. Aber viele wissenschaftliche Positionsverschiebungen bleiben uns verborgen und wir halten an überholten Vorstellungen fest – im Modus des Glaubens.

Mir fehlt es, kurz gesagt, bei viele Atheisten und Freidenkern am Respekt gegenüber gläubigen Menschen. Dieser Respekt fehlt deshalb, weil Religion und Glaube in der Sicht der Freidenker (gibts da eigentlich auf freidenkende Frauen?) verkürzt verstanden wird als die Haltung der Angehörigen von evangelikalen amerikanischen Freikirchen, die aufgrund von widersprüchlichen Dogmen irrationale Dinge tun.

Flickr: Gravitat-OFF (CC BY 2.0)

Damit wird eine ganze Tradition ausgeblendet, deren Wert nicht in der Tatsache liegt, dass es sich um eine Tradition handelt, sondern darin, dass differenzierte, hochwertige Auseinandersetzungen mit wichtigen Fragen stattgefunden haben: Die Theologie. Wenn man sich genauer mit der christlichen, jüdischen oder muslimischen Theologie befasst, dann merkt man, dass es kaum naive Zugänge zu Texten gibt, sondern dass methodisch raffinierte Überlegungen zur Auslegung von Texten stattgefunden haben, dass es keine willkürliche Ausschließung wissenschaftlicher Erkenntnisse gibt, sondern Glaube und Wissenschaft gemeinsam gedacht werden, dass Themen umkreist werden, welche auch außerhalb einer bestimmten Religionsgemeinschaft von Bedeutung sind.

Das soll jetzt kein Werbespot für bestimmte Kirchen oder Religionen sein: In jeder langlebigen Institution gibt es strukturelle Verfehlungen, problematische Entwicklungen, Verteidigen von Machtansprüchen. Vielmehr geht es darum, den Glauben an sich genauer zu betrachten.

Auf der Seite der Freidenker gibt es einen »Freidenker-Test«. Hier einige Fragen, von mir nummeriert:

  1. Ich bin offen für Kritik, wende mich gegen Dogmatismus jeglicher Art und trete mit diesem Vorbehalt für meine Überzeugungen ein.
  2. Ich geniesse mein Leben, denn mir ist höchstwahrscheinlich nur dieses eine gegeben.
  3. Ich halte die Evolutionstheorie für die einleuchtendste Erklärung unserer Herkunft.
  4. Ich toleriere religiöse Meinungen anderer, solange sie nicht im Widerspruch zu den allgemeinen Menschenrechten stehen.
  5. Ich finde, dass die organisierten Religionen mehr Schaden als Nutzen anrichten.
  6. Ich finde, die Trennung von Staat und Kirche sollte in allen Kantonen der Schweiz vollzogen werden.
  7. Ich gehöre keiner Kirche oder Glaubensgemeinschaft an.

Die damit formulierte Urteil ist nicht sehr subtil: Wer nicht zu den Freidenkern gehört, ist (1.) nicht offen für Kritik, (2.) genießt sein Leben nicht, (4.) toleriert andere Meinungen nicht, (5.) verursacht als Anhänger einer organisierten Religion Schaden. Das handelt sich meines Erachtens um ein Vorurteil.

Ein Beispiel: Die reformierte Kirche in der Schweiz. Die wenigsten Angehörigen dieser organisierten Religion entsprechen dem Bild, das die Freidenker zeichnen. Mir sind weder Schäden, die durch die reformierte Kirche verursache werden, noch dogmatische Positionen oder Intoleranz bekannt, meines Wissens hat die reformierte Kirche auch kaum Probleme mit der Evolutionstheorie oder anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Zudem leisten Angestellte der reformierten Kirche wertvolle seelsorgerische Dienste, kümmern sich um alte und kranke Menschen, sind Ansprechpersonen für Leidende und engagieren sich in der Jugendarbeit.

So ehrenwert ein Engagement für die Trennung von Kirche und Staat ist, weil diese Verbindung noch immer unverständliche Auswirkungen hat (Kirchensteuer für Unternehmen, besonderer Schutz von christlichen religiösen Symbolen): Wer wirklich frei denkt, muss sich nicht von anderen Menschen und ihren Haltungen abgrenzen.

Plakate – Minarette und Gott

Nun entscheiden also in der Schweiz Städte, Verlage und vielleicht auch die APG darüber, welche Plakate aufgehängt werden dürfen und welche nicht. Die grundsätzliche Fragen, wozu die öffentliche Hand ihren Boden hergibt (Werbung für beliebige Produkte scheint dabei unbedenklich zu sein) und was die Rolle von politischer Werbung überhaupt sein kann und soll, beliben dabei zunächst außen vor.
Lieber disktuiert der Tagi ausführlich darüber, ob das Plakat der Minarett-Initiative gedruckt werden kann/soll und von wem. Die TA Media überlässt den Entscheid den Verlagen, Newsnetz präsentiert das Plakat aber ohne jegliches Problembewusst sein gratis (wie auch die Tagesschau):
mina

Dazu noch der obligate Kurt Imhof in der BZ:

Und man müsste aufzeigen, dass die Medienresonanz auf das Plakat zum Medienpopulismus gehört, der den politischen Populismus befördert und der demokratischen Kultur wie dem Ansehen der Schweiz in der Welt schadet.

Zurück zu den beiden Fragen:

  1. Müssten nicht die von der Stadt der APG angeboteten Plakatstellen entweder alles zeigen, was sich im Rahmen des Gesetzes bewegt – oder dann einfach entfernt werden, weil sich der Staat nicht darüber finanzieren soll, was irgendwelche Leute auf irgendwelchen Plakaten darstellen wollen? Sollte Werbung nicht einfach etwas Privates sein?
  2. Politische Werbung könnte m.E. von heute auf morgen verboten werden. Werbung sollte auf den Ausgang politischer Entscheidungen keinen Einfluss haben. Die beiden Argumente
    a) so könnten sich oppositionelle Anliegen Raum verschaffen, ihre Anliegen zu präsentieren und
    b) so könnten komplizierte Sachfragen für alle Stimmberechtigten »runtergebrochen« werden
    kann ich nachvollziehen – sie könnten aber dadruch entkräftet werden, dass z.B. beiden Seiten ein Gefäss auf SF offeriert wird (gleich lang), dass die Broschüren halbiert werden und in ihrer Form offener werden etc. Es wäre auch möglich, dass Plakatwände auf öffentlichem Grund hälftig an beide Seiten für die Information abgegeben werden – so dass es letztlich keine Rolle mehr spielt, wer wie viel Geld aufwendet, um einen Wahlkampf zu gewinnen.