Ein Gedanke zur Verantwortung

In vielen Bereichen denken wir ausgehend von einem simplen Handlungsmodell: Wir tun etwas aus uns bekannten Gründen, diese Handlung hat absehbare Folgen. Für diese Folgen würden dann Erwachsene die Verantwortung übernehmen.

Dieses Denken wäre die Basis eines liberalen Denken, wie das Titus Sprenger in seinem Blogpost aufzeigt: Staaten sollen Menschen möglichst das tun lassen, was sie tun wollen – weil sie dann auch die Verantwortung übernehmen müssen.

Betrachtet man die heutige Welt, so muss man an allen Prämissen dieses Handlungsmodells zweifeln:

  1. Sind den Menschen die Gründe für ihr Handeln wirklich bekannt? Ist es nicht vielmehr so, dass wir uns von unbewussten Prozessen steuern lassen und viele Bedürfnisse als eigene empfinden, die uns von aussen vorgegeben werden?
  2. Können Menschen die Folgen ihrer Handlungen wirklich abschätzen? Hat unser Handeln nicht an Orten Folgen, die wir gar nicht kennen, die aber mit unserer Lebenswelt auf eine kaum bemerkbare Weise verknüpft sind?

Meiner Meinung nach wird es immer schwieriger, Verantwortung zu übernehmen. Peter Hogenkamp hat in seinem Blog drei Beispiele aufgelistet, die zeigen sollen, wie gut der Kapitalismus funktioniere und Menschen zum produktiven Handeln animieren könne. In einem der Beispiele gibt Hogenkamp jemandem Geld, damit diese Person ihm ein iPhone 4S kauft. Hogenkamp will ein iPhone, die Person will Geld: Indem sie beides tauschen, erhalten beide, was sie wollen. Beide können für diese Handlung die Verantwortung übernehmen. So das herkömmliche Modell. 

Betrachten wir das genauer, so ist zunächst unverständlich, warum man ein iPhone 4S haben will. Hogenkamp hatte sicher ein total tolles Smartphone, mit dem er sämtliche kommunikativen Bedürfnisse befriedigen konnte. Sein Lieferant hat wohl auch viele Bedürfnisse, was er mit seiner Zeit anfangen könnte, ist jedoch bereit darauf zu verzichten, um Geld zu bekommen, mit dem virtuell weitere, noch unbekannte Bedürfnisse befriedigt werden können.

Das der weniger problematische Teil. Die Auswirkungen der Handlungen sind jedoch folgende: Es gibt eine große Nachfrage nach iPhones. Diese Nachfrage wird als Grund genommen, weitere solche Geräte herzustellen. Diese Herstellung erfolgt unter Bedingungen, die wohl weder Hogenkamp noch sein Lieferant verantworten wollen. Beide würden aber auf diesen Vorwurf entgegnen, sie hätten nichts mit den konkreten Arbeitsbedingungen der Menschen bei Foxconn zu tun.

Die Frage wäre aber dann: Wer verantwortet diese Arbeitsbedinungen?

  • Apple kauf diese Geräte nur ein.
  • Alle Mitarbeitenden von Apple handeln im Auftrag der Aktionäre.
  • Die Aktionäre können nichts kontrollieren.
  • Die Kunden von Apple kaufen Geräte, die es ja schon gibt, die stehen schon in den Regalen oder werden irgendwo bestellt.
  • Die Chefs bei Foxconn schaffen Arbeitsstellen, die verglichen mit Arbeitslosigkeit mehr Lebensqualität ermöglichen.
  • Die Mitarbeitenden müssen ihre Familien ernähren.
Fazit: Verantwortung wird in komplexen so diffus, dass es sie eigentlich gar nicht mehr gibt. Das Konzept spielt keine Rolle mehr, weil es die Möglichkeit, eine Handlung in einem umfassenden Sinne zu verantworten, gar nicht mehr gibt. Wir leben so in einer ewigen Jugend – getrieben von den Bedürfnissen einer Gruppe und getragen von einer Blase von reduzierter Verantwortung.