Die Zugbrücke – eine Ethik-Übung (The Drawbridge)

Es gibt eine berühmte Geschichte, die in Management-Seminaren, Ethik-Kursen und ähnlichen Ausbildungsmodulen Studierenden vorgelegt wird (hier als pdf mit einer zusätzlichen, ähnlichen Aufgabe). Die Geschichte heißt »The Drawbridge«, die Autorin ist unbekannt. Die Erzählung soll als Vorlage für eine Gruppenarbeit (mindestens vier Studierende pro Gruppe) dienen. Ich habe sie auf Deutsch übersetzt, die damit verbundene Aufgabe steht unter der Geschichte.

Als er das Schloss verließ, um seine abgelegenen Provinzen zu besuchen, warnte der eifersüchtige Baron seine hübsche Frau: »Verlasse das Schloss nicht, während ich weg bin, sonst werde ich dich schwer bestrafen, wenn ich zurückkomme.« 

Aber mit der Zeit fühlte sich die junge Baronin einsam und entschied sich, trotz der Warnung ihres Mannes, ihren Liebhaber zu besuchen, der in der Nähe auf dem Land lebte. Das Schloss lag auf einer Insel in einem breiten, schnell fließenden Fluss. Es gab eine Zugbrücke, welche die Insel an der schmalsten Stelle des Flusses mit dem Festland verband. Die Baronin dachte: »Mein Mann wird sicher nicht vor mir zurück sein«, und befahl einem Diener, die Zugbrücke runterzulassen und sie so lange unten zu lassen, bis sie zurückgekehrt sei.

Nach einigen angenehmen Stunden mit ihrem Liebhaber kehrte die Baronin zur Zugbrücke zurück, wo sie einen Verrückten vorfand, der wild mit einem langen und extrem scharfen Messer umherfuchtelte.

Er schrie rasend: »Versuche nicht, diese Brücke zu überqueren, oder ich töte dich.« Die Baronin kehrte um, um ihr Leben fürchtend, und bat ihren Liebhaber um Hilfe.

Dieser sagte: »Unsere Beziehung ist eine rein romantische, ich will dir nicht helfen.« Die Baronin wandte sich darauf an einen Fährmann auf dem Fluss und bat ihn, sie in seinem Boot über den Fluss mitzunehmen.

»Ich mache das gern, aber nur, wenn du mir meinen Lohn von fünf Gulden bezahlst.« Die Baronin protestierte: »Ich habe kein Geld dabei!« – »Zu schade«, versetzte der Fährmann, »kein Geld, keine Überfahrt.« 

In ihrer wachsenden Angst rannte die Baronin weinend zu einem Freund, dem sie ihr Problem schilderte. Sie bat ihn, ihr genug Geld zu leihen, damit sie den Fährmann bezahlen könnte.« 

Der Freund sagte: »Hättest du deinen Ehemann nicht betrogen, wäre dies nicht passiert. Ich gebe dir kein Geld.« 

Es dunkelte ein und die Baronin hatte die letzte Möglichkeit ausgeschöpft. Sie kehrte zur Brücke zurück, versuchte sie zu überqueren und wurde vom Verrückten umgebracht. 

Aufgabe: 

  • Jedes Mitglied der Gruppe soll für sich eine Rangliste in Bezug auf die moralische Bewertung des Verhaltens der beteiligten Personen erstellen: Baron, Baronin, Freund, Fährmann, Liebhaber, Verrückter. [hier in alphabetischer Reihenfolge wiedergegeben]
  • Danach sollen die Ranglisten in der Gruppe verglichen und die Begründungen für die Rangierung diskutiert werden. [Alternative: Danach soll sich die Gruppe für eine Rangliste entscheiden, ohne dass abgestimmt werden darf.]
  • Nun dürfen alle Teilnehmenden ihre Liste ändern, wenn sie das möchten.
  • Darauf folgt eine Auswertung im Plenum, welche folgende Punkte enthalten kann:
    1.) Wer hat die Rangliste geändert? Warum?
    2.) Welche Figuren ragen durch ihr Verhalten heraus? Warum?
    3.) Welche Rolle spielt das Geschlecht der Personen?
    4.) Welche Rolle spielt der sozio-historische Hintergrund für die Bewertung?

Die Gelatinisierung der Öffentlichkeit

Meinem letzten Post möchte ich, um ihn vielleicht noch etwas politisch zu wenden, ein Zitat aus einem Interview mit Claudio Magris anhängen, in dem der beschreibt, was er mit Gelatinisierung der Öffentlichkeit in Italien (als Problem für die Berlusconi-Opposition) meint. Und natürlich denke ich, dass er ein Phänomen beschreibt, das nicht nur in Italien zu Problemen führt:

Das ist ein unterschwelliger Prozess, der die Bürger, ohne dass sie es bemerken, dazu bringt, sich für gewisse Dinge zu entscheiden — Fernsehprogramme, Konsumprodukte, einen Lifestyle —, die mit ihren eigentlichen Bedürfnissen und ihrer Wesensart nichts zu tun haben. Er beraubt die Massen auf diskrete, friktionslose Weise ihres individuellen Urteilsvermögens. Ich glaube, die Entwicklung ist gefährlich, weil sie einen fundamental autoritären Charakter hat. Es entsteht ein gelatinöser sozialer Klebstoff, in dem sich alle Opposition verfängt und der jede Alternative zum Verschwinden bringt. Die Sozialgelatine hat die traditionelle Klassengesellschaft nicht nur ihrer Werte beraubt, sondern selbst den oft nur geheuchelten Respekt vor diesen Werten überflüssig gemacht. Sie brauchen nur einmal das entsetzliche Niveau der politischen und kulturellen Debatten in unseren Medien anzusehen.

Zwei Ideale

Ein Leben, in dem alles Belanglose geordnet und konstant wäre, in dem man immun wäre gegenüber Moden und sich einem Rhythmus unterwerfen würde, seine Entscheidungskraft nicht mit Konsum verbrauchen würde, Genuss nicht aus der Variabilität von Oberflächlichem ableiten müsste, erschiene mir ideal. Ein eigentlich klösterliches Leben wäre es, ohne aber asketisch oder pflichtgeleitet sein zu müssen. Man entscheidet sich einfach einmal für eine zweckmässige Kleidung, ausgewogene Ernährung, praktisches Werkzeug und einen dem eigenen Wesen angepassten Tages-, Wochen- und Jahresablauf. Und begnügt sich dann damit, um intensiver in dem zu leben, was bleibt.

Und das gegenteilige Ideal, bei dem nichts fixiert ist, man ständig alles ändern kann, keine Gewohnheiten hat, sondern stets immer wieder von neuem wählt, entscheidet – nicht mit Folgen verbunden, sondern leicht, weil man die gefällte Entscheidung mit der kommenden wieder ändern könnte; man kennt keinen Stil, keine Vorlieben, zumindest keine festen; bevorzugt keinen Ablauf, keine Einteilung, sondern ist offen.

Wenn man sich schon nur an einem dieser Ideale orientieren könnte.

Edit am Abend
Und dann bin ich hier heute noch auf dieses Zitat gestossen:

Er beschloss, sein Leben zu ändern, die Morgenstunden auzunutzen. Er stand um sechs Uhr auf, nahm eine Dusche, rasierte sich, kleidete sich an, genoss das Frühstück, rauchte ein paar Zigaretten, setzte sich an den Arbeitstisch und erwachte am Mittag. — Ennio Flaiano

Danke, Claudia.