»Django Unchained«. Rassismus, Kontext & Geschichtsaufarbeitung

Triggerwarnung: Rassismus, rassistische Gewalt

»Django Unchained« heißt der neue Film von Quentin Tarantino. Er erzählt von einem Sklaven, der von einem deutschen Immigranten kurz vor dem amerikanischen Bürgerkrieg befreit wird, und sich mit ihm zusammen auf die Suche nach seiner Frau Broomhilda (eigentlich Brünhilde, nach dem Nibelungenlied bzw. Wagners Adaption) macht. Die Suche ist gleichzeitig die Geschichte seiner Emanzipation, die mit der Rache an den für die Sklaverei verantwortlichen vermischt wird.

Django als Sklaventreiber.

Django als Sklaventreiber.

Der Film ist ein Film über Rassismus. Er zeigt Aspekte der Sklaverei und eine gewaltsame Auseinandersetzung mit und eine Befreiung von ihr. Aber wie tut er das? Zunächst einmal ist es ein Film von einem weißen Regisseur und Drehbuchautor, der seine schwarzen und weißen Schauspieler dazu anhält, eine rassistische Sprache zu verwenden und rassistische Handlungen auszuführen. Er zeigt zwar eine Befreiung eines Sklaven, aber sie geschieht durch einen weißen, einen Deutschen, der den Sklaven so manipuliert, dass er den Lebensentwurf des weißen »Bounty Hunters« übernimmt und für ihn sogar Rollen spielt, in denen er selber zum Sklaventreiber wird. Im Film ist zudem der schwarze Diener des Plantagenbesitzers die Wurzel allen Übels, der Schwarze, der der rassistischen Hirn-Theorie von Mr. Candy entspricht. Django, darin stimmt er selbst in der Schlussszene dem Plantagenbesitzer Candy zu, ist eine Ausnahme, einer von 10’000 Schwarzen; während 9’999 sich in ihr Schicksal fügen. Der weiße Regisseur Tarantino äußert sich dann wie folgt über den Erfolg des Films:

Naja, schauen Sie doch, wie gut der Film läuft! Phantastisch, besser als ich es mir je erträumt hätte. Das hat aber viel damit zu tun, dass wir ihn an Weihnachten ins Kino gebracht haben. Der 25. Dezember ist traditionell ein Tag, an dem schwarze Familien ins Kino gehen. Das mag Ihnen als Europäer bizarr vorkommen, aber man hängt den ganzen Tag miteinander herum, es gibt Geschenke, ein sehr frühes Abendessen, und danach wird es einfach ein bisschen langweilig. Und an diesem „Django Unchained“-Tag, früher Weihnachten genannt, sind nun komplette Familien – von der Oma bis zum kleinsten Spross – ins Kino gegangen, um sich meinen Film anzusehen. Das hat mich sehr berührt. Und wissen Sie was? Einige dieser Kids werden später Schriftsteller – und dann über ihre Erlebnisse an „Django Christmas“ schreiben. Dieser Tag wird ein fester Bestandteil der schwarzen Geschichte. Vielleicht sogar ein Meilenstein.

Diese Perspektive lässt kein anderes Urteil zu, als dass es sich hier um einen zutiefst rassistische Produktion handelt. Spike Lee nannte den Film »disrespectful to my ancestors« – man versteht, was er meint.

Django wird instruiert.

Django wird instruiert.

Gleichwohl zeigt diese Betrachtungsweise, wie stark Rassismus von seinem Kontext abhängig ist. Wir wissen alle, was Rassismus ist, die Definition ist grundsätzlich völlig unproblematisch:

Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen. (Albert Memmi)

Tarantino zeigt Schwarze in entwürdigenden Situationen (»Mandingo«-Kämpfer bringen sich gegenseitig um, ein flüchtender Sklave wird von Hunden zerfleischt, Schwarze werden ausgepeitscht, kastriert, verbrannt etc.) und profitiert davon, indem er als Regisseur einen erfolgreichen Film ins Kino bringt. Der Definition gemäß muss man nicht darüber diskutieren, ob das rassistisch ist oder nicht.

Der größte Bösewicht: Der alte Sklave.

Der größte Bösewicht: Der alte Sklave.

Andererseits erzählt er eine fantastische, übertriebene Geschichte. Wir sehen hier nicht eine Realität, sondern eine Fantasie. Django ist ein kultivierter Rächer, der einen eigenen Stil entwickelt, sich entsprechend kleidet, seine Handlungen begründet, indem er eine Ethik entwickelt, er ist erfolgreich, stark und unabhängig. Er kämpft für sein Recht. Tarantino:

Ein Sklave hat unter allen Umständen das moralische Recht, seinen Herren zu töten.

Letztlich sehen wir einen Film, der in verschiedenen Kontexten entsteht: Dem von Tarantino, seinen Schauspielerinnen und Schauspielern, dem ganzen Produktions- und Vertriebsteam, den USA im Jahr 2012. Und er wird in verschiedenen Kontexten rezipiert: Die schwarze Familie, die am 25. Dezember ins Kino geht, sieht ihn anders als ich ihn sehe, wenn ich krank im Bett liege. Wer die Äußerungen von Spike Lee liest, sieht den Film anders, als wer das Interview mit Tarantino liest. Wer die Niblungensage als Intertext mit reinliest, sieht seine Interpretation des germanischen Helden Siegfried als schwarzer Sklave, der eine bessere Ordnung durch die komplette Zerstörung von »Candyland« einleitet, eine Pervertierung der rassistischen Ideologie, mit der Wagners Geschichte verbunden ist. Ich könnte weitermachen – aber das Fazit steht: Bedeutungen entstehen nur in einem Kontext.

Empirisch hat es viele Rassismen gegeben, wobei jeder historisch spezifisch und in unterschiedlicher Weise mit den Gesellschaften verknüpft war, in denen er aufgetreten ist. (Stuart Hall)

Es gibt auch heute synchron viele Rassismen. Die Frage, die sowohl in Bezug auf die Sklaverei wie auch auf den Holocaust immer wieder gestellt wird – Tarantino: »die Sklavenhändler-Stadt Greenville […] sollte wie eine Art Auschwitz für Schwarze wirken« / Spike Lee: »American Slavery Was Not A Sergio Leone Spaghetti Western.It Was A Holocaust« – ist die nach der adäquaten künstlerischen Aufarbeitung. Ein Film, in dem exzessive rassistische Gewalt als Mittel der Unterhaltung benutzt wird, ist meiner Meinung nach kein adäquates Mittel.

**Zusatz 23. Januar, abends**

Ein lesenswerter Artikel von opendemocracy.net zeigt auf, wie stark struktureller Rassismus in der amerikanischen Ideologie verankert ist – und markiert Django Unchained als archetypisches Beispiel.

In der Weltwoche vom 24. Januar sagt Tarantino über die Dreharbeiten Folgendes – die Beurteilung sei der Leserin und dem Leser überlassen:

Wir haben dort all die Szenen über die Farm des weissen Plantagenbesitzers gedreht, den im Film Don Johnson spielt. Auf dieser Farm sollte es sowohl Baumwollpflücker als auch Haussklaven und sogenannte Ponys geben, so wurden damals besonders schöne Sklavinnen genannt, die oft hübsch zurechtgemacht und für viel Geld an wohlhabende Weisse verkauft wurden. Wir haben einen Teil der Szenen mit Statisten gedreht, die an genau diesem Ort aufgewachsen sind und somit bestens über die Geschichte der Sklaverei Bescheid wussten. Und doch konnte man schon nach kurzer Zeit beobachten, wie sich auch hinter der Kamera eine soziale Kluft zwischen ihnen auftat: Die hübschen Ponys schauten auf die einfachen Haussklaven herab, und die Haussklaven schauten auf die armen Baumwollpflücker herab, und die Baumwollpflücker dachten wiederum, die Ponys wären dumme Schlampen…