Privilegien, Minderheiten, Normen und Diskriminierung

Eines der spannendsten Probleme, die es heute gibt, sind verschiedene Formen subtiler Diskriminierung. Was meint subtil? Es geht nicht primär um Formen der Diskriminierung, die von einer gesetzlichen Ungleichheit ausgeht oder durch Mechanismen, die brutalen Zwang voraussetzen; sondern eben Handlungsweisen, die alltäglich sind und »normal« wirken – und dennoch diskriminieren.

Ein Beispiel: Homosexuelle Menschen werden, wenn man sie dann einmal besser kennt, gerne mal gefragt, wie oder wann sie denn entdeckt haben, dass sie homosexuell seien. Ersetzt man nun homo- durch heterosexuell, merkt man sofort, warum diese Frage problematisch ist: Man denkt nicht einmal daran, dass jemand entdecken könnte, heterosexuell zu sein, weil wir davon ausgehen, dass irgendwie alle heterosexuell sind oder sein sollten – bis sie merken, dass sie »anders« sind. Und gerade dieses Anderssein ist ja dann letztlich das Problem.

An diesem Punkt ist nämlich das moderne Denken stehen geblieben. Spricht man mit aufgeklärten, gebildeten Menschen darüber, wird schnell einmal in die Runde geworfen, dass »diese Menschen« ja tatsächlich »anders« seien (also z.B. Frauen, Homosexuelle, Inter- oder Transsexuelle, MuslimInnen, ChinesInnen etc.). Damit wird ein Denken entlarvt, das aus folgenden Bestandteilen besteht:

  1. Das Erstellen und Aufrechterhalten einer Norm (weiß, heterosexuell, cisgender, männlich, arbeitstätig, nicht-behindert).
  2. Das Markieren von allen Menschen, die sich außerhalb dieser Norm befinden.
  3. Die andere Behandlung dieser Normopfer.

Wer nun zu dieser Norm gehört – wie der Autor z.B. – ist privilegiert. Wie schwierig es diese Person auch immer haben mag im Leben (vielleicht wird sie nicht geliebt, ist gescheitert etc.) – sie wird sich nie mit einer Norm auseinandersetzen, der sie nicht genügt. Sie wird nie bei Menschen Unsicherheit damit hervorrufen, wer sie ist; wird nie begründen müssen, warum als die Person, die sie ist, in dieser Gesellschaft lebt.

Und deshalb ist sie automatisch Teil des oben beschriebenen Mechanismus. Weil sie kein Opfer ist, ist sie ein Täter: Sie trägt das System und kommt in Genuss von Privilegien.

Was kann man tun – was kann ich tun? Zunächst einmal einfach zuhören. Nichts sagen, wenn man mit Menschen spricht, die nicht (gleich) privilegiert sind. (Wie subtil die Formen des Machtmissbrauchs und Unrechts gegenüber Minderheiten sind, zeigt diese Seite sehr schön.) – Dann: Über dieses Problem nachdenken. Sich bewusst zu machen, dass niemand sich diesen Mechanismen entziehen kann. – Und schließlich: Andere darauf aufmerksam machen. – Und vor allem nicht: So tun, als ob Rassismus und Sexismus Themen aus einer obskuren Vergangenheiten wären, die heute allenfalls in rückständigen Zivilisationen eine Bedeutung hätten.

Julia Schramm erklärt diesen Zusammenhang etwas ausführlicher, mit Literaturangaben und einer Skizze der Diskurstheorie – eine spannende Lektüre. 

Ich zitiere ihr »tl;dr«:

Unser Denken wird von den Diskursen unserer Gesellschaft geprägt. Als weißer, hetero, cis-gender hast du es im Leben (tendenziell/wahrscheinlich) leichter.  Und manchmal muss man diese Privilegien anerkennen und einfach die Klappe halten. Privilegien haben auch mal einen Preis. Außerdem: Rassismus ist mehr als das N-Wort und Ausländern den Kopf eintreten.

Hintergrund ist der Konflikt um den Auftritt von Noah Sow in Fulda, der sich aus diesen beiden Blogposts rekonstruieren lässt: To Whites It Should Concern von Nadine Lantzsch und Im Herzen die weißeste von allen von Malte Welding.

Bildquelle: http://www.din.de/

Eine Bemerkung zur Frauenquote

Für einmal verweise ich nicht auf die Newsnetz-Diskussion zur Frauenquote, sondern auf ein sensationelles Interview, in dem Leo Fischer, Titanic Chefredaktor, sagt:

Wie andere führende Medienhäuser glauben wir, dass eine Quote mehr schadet als nützt. Wir wollen weiterhin bei der Besetzung offener Stellen lieber Sympathie, nackte Willkür und Kumpanei entscheiden lassen können als die planwirtschaftlichen Wahnvorstellungen einer Frau von der Leyen.

Satire beiseite. Diese Stammtisch- oder Pausenraumdiskussion über Frauenquoten geht von folgendem Argument aus:

  1. Angestellt werden die Mitarbeitenden mit den besten Qualifikationen.
  2. Das Geschlecht spielt bei Anstellungen keine Rolle.
  3. Ergo führt eine Frauenquote dazu, dass schlechter qualifizierte Frauen besser qualifizierten Männern vorgezogen werden.

Selbstverständlich sind die Prämissen 1. und 2. zweifelhaft. Um nur ein Beispiel zu nennen: Frauen sind, sobald sie ihre Ausbildung abgeschlossen haben, potentielle Mütter und also auch ein potentielles Risiko für einen Arbeitgeber, weil sie einen Mutterschaftsurlaub beanspruchen könnten. Folglich wäre es nicht undenkbar, dass ein schlechter qualifizierter 30-Jähriger einer besser qualifizierten 30-Jährigen vorgezogen wird.

Frauenquoten dienen dazu, eine offene oder versteckte Diskriminierung zu korrigieren. Umgekehrt könnten Männerquoten dazu dienen, dass bestimmte Berufe aufgewertet werden (z.B. Pflegeberufe oder Kinderbetreuung).