Ein Plädoyer für den Rechtsweg

Die ganzen Affären und die Herren Hildebrand, Lei, Blocher, Schmid und Mörgeli spielen sich in einem diffusen Bereich zwischen juristischen, moralischen, politischen und medialen Fragen ab. In diesem Bereich spielen sich massive Inszenierungen mit unterschiedlichen Absichten ab. Betrachten wir z.B. den Verteiler des Briefes von Christoph Mörgeli (doc):

Verteiler des Briefe von NR Mörgeli

Mein Plädoyer ist ganz einfach: Vertrauen wir auf den Rechtsweg. Christoph Blocher gelangt ans Zürcher Obergericht, unter der Leitung des SVP-Richters Kurt Balmer wird die Hausdurchsuchung juristisch geprüft. Er kann sich wehren. Gegen andere Beteiligte laufen Strafverfahren, gegen andere nicht. NR Mörgeli kann problemlos eine Aufsichtsbeschwerde oder eine Strafanzeige gegen Oberstaatsanwalt Bürgisser einleiten.

Wer in der Schweiz gegen Gesetze verstösst, kann juristisch belangt werden. Wer gegen Richtlinien von Unternehmen verstößt, kann ebenfalls zur Rechenschaft gezogen werden. Das ist ein wichtiges Recht. Es betrifft Menschen mit allen politischen Haltungen. Das Gesetz ist für alle gleich.

Alles, was darüber hinaus gesagt wird, ist entweder belanglos oder dient dazu, den Rechtsweg zu entwerten und die Bedeutung des Gesetzes zu schmälern. Es beansprucht zudem Ressourcen (unsere Aufmerksamkeit, Platz in Medien etc.), welche für bedeutsamere Vorgänge benötigt würden. Daniel Binswanger formuliert das etwas zurückhaltend zur »Causa Blocher«:

Man hat den Eindruck, dass der Verdächtigte  bewusst versucht, die Debatte auf irrelevante Nebenschauplätze zu verlagern.

Und zum Schluss: Wenn Medien berichten, dann in der Art von Inside Paradeplatz, einem der besten Schweizer Blogs. Dort wird die Frage aufgeworfen, ob das Justizsystem von politischen Akteuren missbraucht wird – mit einem zu starken Fokus auf Hildebrand, der, so viel ich weiß, weder gegen SNB-Richtlinien noch gegen das Gesetz verstossen hat:

Die Amerikaner jagten Polanski seit Jahrzehnten wegen eines gestandenen Sexualdelikts. Der Schweiz war das egal. Sie liess den französisch-polnischen Filmer unzählige Mal in Ruhe Ferien in dessen Gstaader Chalet verbringen. Unter Führung von EWS [Eveline Widmer-Schlumpf] als damalige Justizminister wurde Polanski über Nacht zur Persona non grata und landete monatelang im Hausarrest. Den Amerikanern gefiel das. EWS liess Polanski erst laufen, als sich abzeichnete, dass sich die USA durch eine Herausgabe des Gesuchten nicht von ihrer Offensive im Steuerkrieg abhalten liessen.

Damit kommen wir zum gravierenden Wegschauen der Justiz und der möglichen Komplizenschaft von EWS im Fall UBS. Die meisten Insider sind sich heute einig, dass das Schweizer Bankgeheimnis in einer Nacht-und-Nebel-Aktion vor 3 Jahren vor allem darum geopfert wurde, weil die USA sonst die obersten Chargen der Grossbank angeklagt hätten. Hohe US-Vertreter sagten damals, sie würden nicht verstehen, warum die UBS ihre verantwortlichen Topleute nicht längst in die Wüste geschickt habe.

Helmut-Maria Glogger und seine »Schnellschüsse«

Wie schlecht unser Erinnerungsvermögen an und für sich ist, zeigt sich nicht nur, wenn wir auf die Schnelle sagen sollen, wer an der letzten WM im Halbfinal stand und wie die Partien ausgingen – sondern auch, wenn wir uns vorstellen müssen, was für Gebäude vor Neubauten in uns bekannten Städten standen – oder was im Blick am Abend vor Helmut-Maria Gloggers Kolumne auf der Rückseite zu lesen war (ah, jetzt fällts mir ein: Dieser Michèle Roten-Abklatsch von einer Frau, die ewige brünstig so tat, als gäbe es sie…).

Ein paar Worte zu »Glogger mailt«: Generell keine schlechte Idee. (Aber auch keine neue: Dasselbe tut Franz Josef Wagner mit seiner Kolumne „Post von Wagner“ in der „Bild“-Zeitung seit längerem.) Man beauftrage einen »Journalisten«, der – so vermute ich – auch persönlich ein unangenehmer Zeitgenosse ist, in Text und Bild ein absolutes Arschloch zu geben; am liebsten auf der politisch inkorrekten Gender-Ausländer-Weltwoche-Seite. Das kann man dann wahlweise »Provokation«, »Satire« oder »das sagen, was alle denken, aber nicht zu sagen wagen« nennen – und voilà: Billig ist die letzte Seite gefüllt, denn verdienen darf so ein Journalist nicht wirklich viel.

Ab und zu resultiert das dann auch in einer Presseratsbeschwerde, die dann auch gutgeheißen wird (Beschwerde durch Daniel Binswanger) – wobei die Verteidigungsstrategie des Blick am Abend bemerkenswert ist:

Die Leserschaft der Gratiszeitung nehme die Kolumne «Glogger mailt …» als «Schnellschuss» war und nicht als «tiefschürfende, hochreflexive und differenzierte Auseinandersetzung mit einem Kernproblem der Gegenwart». Insofern seien der Inhalt und die Haltung «ohne Anspruch auf Verbindlichkeit für andere».

Sprich: Was da steht, ist blanker Nonsense und die Leserschaft weiß das auch. (Vielleicht dürfte man dann fragen: Warum publiziert man denn diese »Schnellschüsse«?) — Glogger selbst reagiert – wie zu erwarten war – dümmlich.

Hier noch ein paar weitere Reaktionen auf die Mails von Glogger – und, auch wenns nichts nützt, noch einmal die Bitte an den Blick am Abend: Lasst doch einen Schimpansen zufällig auf ein Keyboard tippen und veröffentlich davon so viele Zeichen, wie ihr braucht. Glogger könnte eure Zeitungen sicher auch in die Kästen füllen oder die nicht gelesenen abholen oder so.

P.S.: Noch diese Frage sei erlaubt: Heißt der Mann wirklich »Helmut-Maria« oder nennt er sich einfach so?

Die Genderdebatte – und Das Magazin

Das Magazin des Tagesanzeigers scheint sich dem Thema Gender annehmen zu wollen – wie das der Tagi mit dem unsäglichen Mamablog schon länger tut. Warum unsäglich? Nehmen wir als Beispiel den neuesten Post:

Ja, wir funktionieren anders. Während Frauen sich geliebt fühlen, wenn Männer ihnen zuhören und auf sie eingehen, fühlt sich der Mann geliebt, wenn die Frau Sex mit ihm will und es geniesst. Über Gefühle redet er aber nicht gern. Ja, er legt es in Konfliktsituationen sogar darauf an, sie zu verbergen. Während wir Frauen über Dinge reden und unsere Gefühle zeigen wollen, schaltet der Mann bei auftauchenden Problemen sofort in den Analysemodus.

Solche Aussagen machen die Schreibenden (hier Michèle Binswanger) immer unter dem Vorbehalt, über Klischee bestens Bescheid zu wissen und diese keinesfalls wiederholen zu wollen, und unter der Annahme, sich auf so etwas wie die Realität zu beziehen. Darüber hinaus haben solche Texte den Anspruch, eine Art Vereinfachung für die Geschlechter zu schaffen: Indem der Mann endlich einsieht, dass er zu keiner anderen Liebe fähig ist als zur sexuellen, hört er auf, immer so verkrampft über Gefühle sprechen zu wollen, ohne es zu können – und indem die Frau merkt, dass Gefühle eine Welt ist, in der nur sie sich auskennt, verschont sie den Mann mit den Themen, für welche eine beste Freundin herhalten muss, und ergo: Ihre Beziehung verbessert sich. Solche Texte (und das schwingt immer mit) befreien uns von einem Hardcorefeminismus, der nicht nur realitätsfremd war (weil eben Männer und Frauen doch unterschiedlich sind, unterschiedlich sein müssen), sondern in seinen Forderungen auch letztlich nicht wünschenswert, denn Frauen wollen ja eigentlich nichts anderes als Mütter sein und Männer nichts anderes als Ernährer.

Ganz ähnlich arbeitet Birgit Schmid in ihrem Artikel über den »Mann als Amateur« im Magazin (und dann, eine Woche später, Roten in ihrer Kolumne). Sie konstruiert (wie auch Binswanger) ein Bild von »der Mann«, der, wenn er denn je wieder zu seinem wahren Kern, seinem inneren Mann zurückfindet, so viel besser wäre als Männer, die meinen, sich in die Domäne von Frauen begeben zu müssen und Gespräche führen oder – Gipfel der Peinlichkeit – Kinderwagen stossen. Mit diesen Männern, den richtigen, wahren, echten, mit denen macht auch Sex endlich wieder Spass, für »die Frau«.

Warum ist das eine unreflektierte, ja eigentlich gar dumme Position? Erstens, weil den so Schreibenden klar ist, welche – für alle Betroffenen äußerst negativen – Ausschlussverfahren Normierungen zur Folge haben – und dennoch gerade wieder so eine Norm schaffen. Was ist denn, wenn ich ein Mann bin, der halt nicht so gern in Lagerfeuer uriniert? Bin ich dann weniger wert? Will »die Frau« sich dann weniger auf mich einlassen? Und was ist, wenn ich gar nicht will, dass sich Frauen auf mich einlassen, sondern auf Männer stehe? Bin ich dann auch kein richtiger Mann. Und was ist mit der Frau, die irgendwie auf Männer steht, welche Bücher lesen?

Zweitens werden hier Bilder kreiert, welche mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. In Texten, welche die Differenz zwischen den Geschlechtern betonen, werden immer gewisse Studien zitiert. Dabei wird nicht beachtet, dass diese Studien gerade solche Ergebnisse erzielen, weil sie von Anfang an annehmen, es gäbe eine Geschlechterdifferenz. Zweitens können diese Studien auch nichts darüber aussagen, inwiefern diese Geschlechterdifferenz das Resultat eines sozialen Normierungsprozesses ist (ich merke als Mann irgendwann, dass der normierte Mann halt gern in Lagerfeuer pisst und fange ergo auch damit an, unabhängig von meinen diesbezüglichen Präferenzen).

Und drittens wäre zu fragen, welche Effekte denn solche Texte erzielen. Implizit versuchen sie wohl einen Schaden gutzumachen, welche »uns« der Feminismus zugefügt hat – und »uns« dazu zu verhelfen, ein zufriedeneres Leben zu führen. Dabei wird ein Bild vom Feminismus entworfen, wie es vielleicht in der CDU der 50er-Jahre wahrgenommen worden ist. Die Grundthese des Feminismus lautet: Sowohl soziale wie auch biologische Geschlechterdifferenzen sind das Resultat eines Konstruktionsvorgangs. Graduelle Unterschiede (bezüglich biologischer Ausstattung, Hormone, Eigenschaften) existieren zwischen den Individuen, nicht aber zwischen zwei mit Geschlechter zu bezeichnenden Gruppen von Menschen.

Und das wäre doch die letztlich befreiende Einsicht. Ich pisse gern in Lagerfeuer, weil ich gerne in Lagerfeuer pisse und nicht weil »der Mann« das gerne tut. Und eine Frau rasiert sich dann die Beine, wenn sie das Gefühl von glatten Beinen schätzt oder sonst einen guten Grund dafür findet – nicht aber, weil sie mit unrasierten Beinen nicht einem Bild von einer unbehaarten Frau entspricht (so viel zur »Natürlichkeit« von Geschlechtermerkmalen).

Und dann, wenn man Das Magazin schon seufzend zur Seite legen will, schreibt Daniel Binswanger doch noch etwas Kluges. Über französischen Feminismus. Und über die Frage, ob sich eine Frau über ihre Rolle als Mutter definieren muss oder soll. Und zeigt uns auf, wie so etwas scheinbar »Natürliches« wie Mutterschaft und Stillen enormen historischen Schwankungen unterliegt (immer mit so genannt wissenschaftlichen Erkenntnissen verbunden, notabene) – und so deutlich macht, wie willkürlich so viel von dem ist, was wir gar nicht mehr überdenken. Wie viel möglich wäre. Danke, Daniel Binswanger.

Zur Krise der Medien – Ein Beispiel: Das Magazin

Die WoZ dieser Woche ist als »WoZ Spezial« erschienen – und behandelt die Krise der Medien: Eine Krise, die nicht nur durch den Einbruch am Werbemarkt entstanden ist, sondern aus mehreren Gründen zu einer Erosion journalistischer Standards und zu einer Preisgabe der Wertschätzung und des traditionellen Selbstverständnisses von Journalisten, wie Kurt Imhof im Interview mit der NZZ festgehalten hat. In einer Umfrage hat er ermittelt, dass gerade den News-JournalistInnen von Gratiszeitungen und Lokalradios klassische journalistische Werte fehlten, sie sich andererseits aber mit ihrem Beruf identifizierten, und so, wenn sie zu »seriöseren« Medien wechseln, dieser Kultur mitnehmen. Imhof bilanziert:

Das braucht es: Zunächst die Erinnerung an die uralte Einsicht der liberalen Aufklärungsbewegung, dass die Qualität der öffentlichen Kommunikation die Qualität der Demokratie bedingtes braucht auch die ebenso alte Einsicht, dass diese Aufgabe weder ein blosses Geschäft noch eine Aufgabe des Staats sein kann. Daraus folgt auf der strukturellen Seite die Reduktion der Abhängigkeit des Qualitätsjournalismus von Werbeeinnahmen, und zwar durch öffentliche Mittel und Stiftungsmittel sowie durch eine Steigerung der Verkaufspreise, durch den Abbau der Selbstkannibalisierung des Journalismus durch Gratismedien und durch die Lösung der indirekten Bindung der Einnahmen des öffentlichen Rundfunks an Einschaltquoten. Auf der kulturellen Seite ist ein gesteigertes Qualitätsbewusstsein für Journalismus aufseiten der Macher wie des Publikums Voraussetzung wie Produkt der genannten strukturellen Massnahmen.
Zurück zur WoZ. In der Analyse der sich immer mehr verschiebenden Schnittstelle PR – Journalismus bemerkt Susan Boos einleitend:
Der König hält sich Hofberichterstatter, der Diktator verfügt Zensur, und die Demokratie braucht kritischen, unabhängigen Journalismus, würde man meinen. Inzwischen ist aber vieles durcheinandergeraten wie zum Beispiel beim «Magazin» des «Tages-Anzeigers» vom 7. November. Auf dem Titelblatt sind lange Beine in Stilettos abgebildet, nur Beine, kein Kopf. Auf der nächsten Seite zwei dünne Frauen, viel Bein und Stilettos. Auf Seite drei kommt das eigentliche Titelblatt mit einem älteren Herrn in Trenchcoat, darunter das Zitat: «Auschwitz war für mich ein Gewinn.»

Das sitzt: «H&M»-Werbung verschränkt mit Auschwitz. Der ungarische Schriftsteller und Nobelpreisträger Imre Kértesz, der Auschwitz überlebt hat, muss gegen die mageren Models des Modehauses antreten – das lässt sich kaum toppen.

Doch wem fällt es noch auf?
Antwort: Mir ist das heute aufgefallen, und zwar erstens wieder auf der verdammten Titelseite (ich würde gerne eine andere Wortwahl vornehmen, aber es gelingt mir nicht: Wie kann Das Magazin die Titelseite verkaufen?):
Und zweitens beim Text von Daniel Binswanger. Zwar setzt er sich gewohnt kritisch-fundiert mit der Rolle der Schweizer Großbanken auseinander, nennt aber sowohl UBS als auch CS im Titel und siehe da – beim Stichwort »Lobbying-Offensive« platziert die CS doch auch gleich ein Inserat neben diesem Artikel. Die Frage, ob das Huhn (der Text) oder das Ei (die Inserentin) zuerst gewesen seien, drängt sich beängstigenderweise auf.
Es bleibt: Das werbefreie Internet (Kurzanleitung: Firefox installieren, AdBlockPlus installieren, Filterliste abonnieren, fertig) – bei dem zwar Artikel von Inserierenden eingekauft sein mögen – und die WoZ.
Noch ein P.S.: